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«Gott macht die Welt und
denkt dabei, es könnte ebensogut anders sein» lautet ein vielzitierter
Satz von Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften». Die bildende Künstlerin
Anna Kanai wendet diesen rebellischen Satz auf den Kunstbetrieb und den
klassischen Ausstellungsort des White Cube an: Denn wer in diesem Jahr
die Unterführung unter der Dreikönigsbrücke benützt, ist zwar in einem Kunstraum,
aber alles ist anders. Was die so ganz anderen Parameter
des Ausstellungsraumes «videotank» für die Kunst bedeuten, soll hier, wo das
Projekt noch ganz am Anfang steht, nicht gedanklich vorweg genommen werden, sie sollen sich
im Laufe des Jahres gerade zeigen.
Fotos: mit freundlicher Genehmigung von www.publiclab.ch.
Doch grundsätzlich sei bemerkt: Wenn eine
solche Verkehrung des Gewohnten gelingt, dass heisst, wenn
Passanten trotz des so untypischen Ortes, trotz der Feuchte und Enge unter der
Dreikönigsbrücke, zu einem Kunsterlebnis kommen, dann ist der Routine des
White Cube etwas entgegengesetzt, ein externer Standpunkt gewonnen, der
dem gewohnten Kunstverständnis Neues hinzufügt.
Der Traum des Architekten und «Interaktionsleiters» Tian Lutz zielt
hingegen in erster Linie auf eine Veränderung des
Passanten und des Stadtraumes. Als Absolvent des Basler Hyperwerks hat
Lutz sich damit auseinandergesetzt, wie digitale Medien eingesetzt werden
können, was ihre Anwendungsmöglichkeiten, oder theoretischer: was ihr
Einfluss auf den Raum und unsere Raumwahrnehmung ist. Mit dem Ausstellungsraum
«videotank» haben Kanai und Lutz dem rebellischen Prinzip des
«es könnte ebensogut anders sein» in künstlerischer und architektonischer
Hinsicht oder genauer: in der Verschmelzung dieser zwei Hinsichten, für ein Jahr
eine reale Heimstatt gegeben.
Johannes Gees macht mit seinem Projekt «drown» den Anfang der
einjährigen Ausstellungsreihe. Ein Bewegungsmelder oberhalb der Treppen,
die zur Passage hinunterführen, signalisiert einem Projektionsgerät,
dass ein Passant die Unterführung betritt.
Erst durch das Erscheinen des Passanten wird die Laserprojektion,
die kleine Ausdrücke und Sätze
auf der Wand am anderen Ufer vorbeiziehen lässt, ausgelöst. Die vielleicht
einen Meter grossen, grellgrünen Lettern
spiegeln sich im Wasser, tauchen aus dem Wasser auf oder versinken darin.
Je länger man dieses ganz eigene «Gleiten der Signifikanten» an
der Wasserlinie verfolgt, desto mehr gewinnt das titelgebende
Wort «drown» magische Qualität, fast etwas
undinenhaft-Gefährliches. Darüber könnte die relative Harmlosigkeit
des konkreten Gewässers fast vergessen gehen.
Als Fortsetzung der Avantgarde mit neuen (technologischen) Mitteln ist die
Medienkunst dem «es könnte genausogut
anders sein» wesensmässig verpflichtet. Seit Gees sich Ende der 90er Jahre
auf das Medium Laser
eingelassen hat, ergeben sich von selbst andere Bedingungen der
Kunstproduktion und ebenso der Kunstbetrachtung.
Laser ist ein "kühles Medium". Als «kühl», in Anlehnung an die einstige
Unterscheidung von «Cool» und «Hot» Jazz, bezeichnete Marshall McLuhan Medien, die
sich durch eine geringe Informationsdichte auszeichnen. Wegen dieser geringen
Informationsdichte des Lasers kommen Bilder nicht in Frage.
Gees projiziert Lettern, Sprache. Und er projiziert sie draussen,
in die Landschaft, denn das kann ein Laserstrahl besonders gut.
Gees’ Publikum soll nicht vergessen, wo es sich befindet, wie das beim
Lesen eines heissen Mediums wie dem Buch der Fall wäre; wie das auch beim
Betrachten eines Kunstbildes geschehen
kann. Der Betrachter von Gees' Arbeit
soll sich als Teil des Raumes erleben, in dem die Projektion stattfindet.
«Drown» ist Gees’ jüngste Arbeit in seiner Reihe «Interfacing Landscapes»
(siehe dazu unseren Bericht vom
12.10.05). Zuvor hat Gees Laserprojektionen an der Sihl, am Bodensee
und am spektakulärsten im November 2005 hoch oben in den Bergen am Albigna-Stausee
projiziert. Dort hat Gees’ Kunst einen Höhepunkt erreicht, der nicht eingeplant
war: Eine gewaltige Nebelwand hüllte plötzlich alles ein. Anstatt dass
die Lettern vom Stauwehr auf den See hinunter projiziert wurden, verwandelte
sich plötzlich der Raum um das Lasergerät in eine wabernde Leinwand, welche
auch die Betrachter gänzlich einhüllte. Die Kunst rückte den Betrachtern
buchstäblich auf den Leib. So wenig «dicht» war dabei die Information,
dass die Körper neben und zwischen den mannshohen, räumlichen Lettern
Platz fanden - eine Art Freilicht-Inszenierung von McLuhans Vorstellung
eines «kühlen Mediums». Auch die Passantin, die unwissentlich Gees’ Laserprojektion
unter der Dreikönigsbrücke auslöst, wird sich und den Raum nicht vergessen,
sondern in das Kunsterlebnis einbeziehen. Beides gehört zumindest zum
Konzept von «drown».
Grosse Träume, die sich realisieren, können auch eine gewisse Nähe zum
Alptraum an den Tag legen. Denn es ist nicht einfach, einen öffentlichen
Raum zu bespielen. Es braucht den Goodwill der Behörden, die sich
plötzlich in eine Unzahl von einzelnen Ämtern und Instanzen auflösen,
es braucht Mut und Energie, sich durch alle Wenn und Abers zu einer
aussergewöhnlichen Inanspruchnahme von öffentlichem Raum durchzuringen.
Anna Kanai und Tian Lutz haben beides aufgebracht und sich mit den zahlreichen
amtlichen Hütern des öffentlichen Raumes arrangiert. Nun haben wir ein
Jahr lang Gelegenheit, dieses «es könnte genausogut anders sein» im
Rahmen der vier oder fünf geplanten Mini-Ausstellungen zu erproben.
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