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02.10.07
Der Zürcher Ausstellungsraum «videotank» oder das medienkünstlerische Prinzip «es könnte ebensogut anders sein»
Villö Huszai

Die Zürcher Dreikönigsbrücke scheint Träume anzuziehen, die Wirklichkeit werden. Der erste Traum war derjenige des Architekten Benedikt Huber, der die Fussgängerpromenade am Schanzengraben 1973 baute und der sich hier drei mit heimischer Fauna prächtig bestückte Fisch-Aquarien erträumte und sie auch realisierte. Das Kunst-Team publiclab (Anna Kanai, Tian Lutz, Jan Schacher) hat die Unterführung mit der interaktiven Videoinstallation «videotank – to sprout a trout» letztes Jahr in einen Kunstraum verwandelt (dazu clickhere.ch vom 05.09.06). Schon im Sommer sprach Anna Kanai davon, diesen Raum gerne als permanenten Kunstraum weiter führen zu wollen. Dieser Traum ist nun in Erfüllung gegangen: publiclab wird den Raum für ein ganzes Jahr als Kunstraum kuratieren. Darum fand an diesem Freitag gleich eine doppelte Vernissage statt: die Vernissage des Ortes als Kunstraum und die Vernissage der Arbeit «drown» des Zürcher Künstlers Johannes Gees.

«Gott macht die Welt und denkt dabei, es könnte ebensogut anders sein» lautet ein vielzitierter Satz von Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften». Die bildende Künstlerin Anna Kanai wendet diesen rebellischen Satz auf den Kunstbetrieb und den klassischen Ausstellungsort des White Cube an: Denn wer in diesem Jahr die Unterführung unter der Dreikönigsbrücke benützt, ist zwar in einem Kunstraum, aber alles ist anders. Was die so ganz anderen Parameter des Ausstellungsraumes «videotank» für die Kunst bedeuten, soll hier, wo das Projekt noch ganz am Anfang steht, nicht gedanklich vorweg genommen werden, sie sollen sich im Laufe des Jahres gerade zeigen.


Fotos: mit freundlicher Genehmigung von www.publiclab.ch.


Doch grundsätzlich sei bemerkt: Wenn eine solche Verkehrung des Gewohnten gelingt, dass heisst, wenn Passanten trotz des so untypischen Ortes, trotz der Feuchte und Enge unter der Dreikönigsbrücke, zu einem Kunsterlebnis kommen, dann ist der Routine des White Cube etwas entgegengesetzt, ein externer Standpunkt gewonnen, der dem gewohnten Kunstverständnis Neues hinzufügt.

Der Traum des Architekten und «Interaktionsleiters» Tian Lutz zielt hingegen in erster Linie auf eine Veränderung des Passanten und des Stadtraumes. Als Absolvent des Basler Hyperwerks hat Lutz sich damit auseinandergesetzt, wie digitale Medien eingesetzt werden können, was ihre Anwendungsmöglichkeiten, oder theoretischer: was ihr Einfluss auf den Raum und unsere Raumwahrnehmung ist. Mit dem Ausstellungsraum «videotank» haben Kanai und Lutz dem rebellischen Prinzip des «es könnte ebensogut anders sein» in künstlerischer und architektonischer Hinsicht oder genauer: in der Verschmelzung dieser zwei Hinsichten, für ein Jahr eine reale Heimstatt gegeben.

Johannes Gees macht mit seinem Projekt «drown» den Anfang der einjährigen Ausstellungsreihe. Ein Bewegungsmelder oberhalb der Treppen, die zur Passage hinunterführen, signalisiert einem Projektionsgerät, dass ein Passant die Unterführung betritt. Erst durch das Erscheinen des Passanten wird die Laserprojektion, die kleine Ausdrücke und Sätze auf der Wand am anderen Ufer vorbeiziehen lässt, ausgelöst. Die vielleicht einen Meter grossen, grellgrünen Lettern spiegeln sich im Wasser, tauchen aus dem Wasser auf oder versinken darin. Je länger man dieses ganz eigene «Gleiten der Signifikanten» an der Wasserlinie verfolgt, desto mehr gewinnt das titelgebende Wort «drown» magische Qualität, fast etwas undinenhaft-Gefährliches. Darüber könnte die relative Harmlosigkeit des konkreten Gewässers fast vergessen gehen.



Als Fortsetzung der Avantgarde mit neuen (technologischen) Mitteln ist die Medienkunst dem «es könnte genausogut anders sein» wesensmässig verpflichtet. Seit Gees sich Ende der 90er Jahre auf das Medium Laser eingelassen hat, ergeben sich von selbst andere Bedingungen der Kunstproduktion und ebenso der Kunstbetrachtung. Laser ist ein "kühles Medium". Als «kühl», in Anlehnung an die einstige Unterscheidung von «Cool» und «Hot» Jazz, bezeichnete Marshall McLuhan Medien, die sich durch eine geringe Informationsdichte auszeichnen. Wegen dieser geringen Informationsdichte des Lasers kommen Bilder nicht in Frage. Gees projiziert Lettern, Sprache. Und er projiziert sie draussen, in die Landschaft, denn das kann ein Laserstrahl besonders gut. Gees’ Publikum soll nicht vergessen, wo es sich befindet, wie das beim Lesen eines heissen Mediums wie dem Buch der Fall wäre; wie das auch beim Betrachten eines Kunstbildes geschehen kann. Der Betrachter von Gees' Arbeit soll sich als Teil des Raumes erleben, in dem die Projektion stattfindet.

«Drown» ist Gees’ jüngste Arbeit in seiner Reihe «Interfacing Landscapes» (siehe dazu unseren Bericht vom 12.10.05). Zuvor hat Gees Laserprojektionen an der Sihl, am Bodensee und am spektakulärsten im November 2005 hoch oben in den Bergen am Albigna-Stausee projiziert. Dort hat Gees’ Kunst einen Höhepunkt erreicht, der nicht eingeplant war: Eine gewaltige Nebelwand hüllte plötzlich alles ein. Anstatt dass die Lettern vom Stauwehr auf den See hinunter projiziert wurden, verwandelte sich plötzlich der Raum um das Lasergerät in eine wabernde Leinwand, welche auch die Betrachter gänzlich einhüllte. Die Kunst rückte den Betrachtern buchstäblich auf den Leib. So wenig «dicht» war dabei die Information, dass die Körper neben und zwischen den mannshohen, räumlichen Lettern Platz fanden - eine Art Freilicht-Inszenierung von McLuhans Vorstellung eines «kühlen Mediums». Auch die Passantin, die unwissentlich Gees’ Laserprojektion unter der Dreikönigsbrücke auslöst, wird sich und den Raum nicht vergessen, sondern in das Kunsterlebnis einbeziehen. Beides gehört zumindest zum Konzept von «drown».

Grosse Träume, die sich realisieren, können auch eine gewisse Nähe zum Alptraum an den Tag legen. Denn es ist nicht einfach, einen öffentlichen Raum zu bespielen. Es braucht den Goodwill der Behörden, die sich plötzlich in eine Unzahl von einzelnen Ämtern und Instanzen auflösen, es braucht Mut und Energie, sich durch alle Wenn und Abers zu einer aussergewöhnlichen Inanspruchnahme von öffentlichem Raum durchzuringen. Anna Kanai und Tian Lutz haben beides aufgebracht und sich mit den zahlreichen amtlichen Hütern des öffentlichen Raumes arrangiert. Nun haben wir ein Jahr lang Gelegenheit, dieses «es könnte genausogut anders sein» im Rahmen der vier oder fünf geplanten Mini-Ausstellungen zu erproben.

Ausstellung:

Die Video- und Laserinstallation «drown» von Johannes Gees läuft bis zum 30. März. Die Laser-Projektion ist nach Einbruch der Dunkelheit bis Mitternacht in Betrieb. Am Tag werden hinter den zu Bildschirmen umfunktionierten Panzerglas-Schaufenstern der stillgelegten Aquarien Videosequenzen der nächtlichen Projektionen zu sehen sein. Die Dreikönigsbrücke befindet sich in der Nähe des Paradeplatzes. Für eine genauere Ortsangabe sowie für das weitere Programm nach «drown» siehe www.publiclab.ch

Links:

»Website von Johannes Gees
»Die Alumni-Site des Basler Hyperwerks
»Clickhere.ch vom 16.01.07 über die erste Einzelausstellung von Johannes Gees