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Bereits zum zweiten Mal fand das «Festivals für Kunst und
digitale Kultur» in der Berliner Akademie der Künste statt. Das Gebäude
ist ein modernistisches Schmuckstück, aber für die Transmediale nicht
geeignet. Ausser dem grössten Saal waren die Räume insbesondere am Wochenende
konstant überfüllt. Vor allem aber ist den beengten Platzverhältnissen
der «Workspace» zum Opfer gefallen, früher pulsierender Kern des Festivals.
Dort hatten Künstler und Medieninitiativen während der gesamten Festivaldauer
an ihren Projekten gearbeitet und sich mit dem Publikum im direkten Gespräch
und in Workshops ausgetauscht. In diesem Jahr erhielt er noch nicht mal
mehr (wie 2006) ein Plätzchen unter der Treppe, sondern war an Aussenstationen
wie das Tesla verbannt.

Eigentlich ja erfreulich: Schlange stehen vor dem
Eingang einer Ausstellung aktueller Medienkunst
Wenn von beengten Platzverhältnissen die Rede ist, muss natürlich auch
die erfreuliche Tatsache erwähnt werden, dass das Publikum sehr zahlreich
war. Ausserdem war es auffallend jung. Dafür wurden die drei «Keynotes»
allesamt von älteren Herren bestritten: dem australischen Extremkünstler
Stelarc, dem kanadischen Politikwissenschaftler Arthur Kroker und dem
deutschen Medientheoretiker Friedrich Kittler. Mehr Eindruck als diese
hinterliess beim Schreibenden ein weiterer älterer Herr, Joseph Weizenbaum.
Anlässlich des Screenings des Filmportraits «Weizenbaum – rebel at work»
von Silvia Holzinger und Peter Haas (im kleinsten Saal) war er unerwartet
und unangekündigt anwesend. Weizenbaum gehört zu den wichtigsten Pionieren
der Computerprogrammierung, berühmt ist etwa sein menschliche Antworten
simulierendes Programm ELIZA von 1966. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen
hat er sich aber schon sehr früh kritisch gegen zu viel Technik- und Fortschrittsglauben
geäussert. Die technische Entwicklung, so Weizenbaum an der Transmediale,
erinnere an ein Flugzeug, in dem wir uns alle befänden, und das superschnell
und mit Rückenwind unterwegs sei, aber ohne Navigation.

Ausser Programm: Begegnung mit Joseph Weizenbaum
Im letzten Jahr hatte die Transmediale den Begriff «Medienkunst» aus
ihrem Untertitel entfernt. Einmal mehr war der Begriff Anlass für ein
Panel. Timothy Druckreys klagte, hart an der Grenze zur Weinerlichkeit,
«wir», d.h. die Medienkunst, seien in den grossen Werken der Kunstkanonisierung
des 20 Jh. ungenügend vertreten. Die ausgebliebene Kanonisierung könne
doch nicht das Problem sein, schmetterte Diedrich Diederichsen: Schliesslich
seien kanonisierte Werke stillgestellte Werke. Olia Lialina findet den
Medienkunstbegriff zu breit und plädiert stattdessen für Unterbegriffe
wie netart, webart, satellite art oder blog art. Den konstruktivsten Beitrag
zur Diskussion leistete Inke Arns, künstlerische Leiterin des Hartware
Medien Kunst Verein Dortmund. Die Medienkunst emanzipiere sich seit den
90ern vom Gebrauch von «Neuen Medien». Gleichzeitig würden diese Medien
immer alltäglicher. Die Kunst, die sie beschäftigt, leiste eine inhaltsbezogene
Untersuchung des zeitgenössischen Lebens, das ja von Medien und Technologie
durchdrungen sei. So würden sich die Grenzen des Medienkunstbegriffs aufweichen:
Es gehe in der künstlerischen Praxis nicht mehr um den Gebrauch eines
bestimmten Mediums, sondern um eine spezifische Art von «Zeitgenossenschaft».
Die Abgrenzung zum restlichen Kunstbetrieb bestehe jedoch nach wie vor,
sei aber auch selbstverschuldet durch eine Selbstghettoisierung und zuviel
Gadgeterie.
 
Aram Bartholl, «Random Screen» 2006, von vorne... und von hinten.
Und wie war sie denn nun, die «art formerly known as new media» (so der
von Arns zitierte Titel einer Ausstellung in Banff 2005) an der zwanzigsten
Transmediale? Nach der letztjährigen grossen, von einer Kuratorin zusammengestellten,
eher retrospektiv orientierten Ausstellung gab es dieses Jahr wieder eine
kleinere Auswahl aus den aktuellen Wettbewerbseinreichungen. Eine einzige
Frau (Moon Na) war aus über tausend Einreichungen in der Ausstellung vertreten
war, keine für den Gesamtwettbewerb nominiert - besonders irritierend
bei der gleichzeitigen Dominanz der älteren Herren im Konferenzprogramm.
Blickfang der insgesamt eher enttäuschenden Ausstellung war Aram Bartholls
«Random Screen», eine Art Bildschirm mit Pixelmatrix. Dessen Zufallsmuster
wird nicht elektronisch erzeugt, sondern mit Kerzen und Blenden aus Bierbüchsen,
die sich durch die Wärme der Flammen drehen und so für ein Blinken sorgen.
Die freundlich-verblüffende Arbeit sorgte für andächtiges Staunen.
Die einzige interaktive Arbeit der Ausstellung (!), glücklicherweise mit
gelungener und sinnvoll eingesetzter Publikumsbeteiligung, war David Rokebys
«Taken». Auf zwei grossen Projektionen war das Ausstellungspublikum zu
sehen. Einzelne Besucher wurden mittels Bilderkennungs-Algorithmus ausgewählt
und ihre Bewegung verfolgt. Schliesslich wurden sie isoliert eingezoomt
und mit einem Adjektiv versehen (zufällig, aber eben doch immer passend).
Die Installation vermag der doch etwas abgegriffenen Thematik der Überwachung
etwas Neues abzugewinnen. Die Besucher konnten die Brisanz der Frage,
ob eine Maschine etwas Menschliches erkennen und auswerten kann, am eigenen
Körper erfahren – ein beklemmendes Erlebnis. Nicht nur durch die Installation,
sondern auch in einem Künstlergespräch erwies sich Rokeby als ausgeprochen
präziser Denker.

David Rokeby, «Taken» 2002. Gesichter von Besuchern
werden gesammelt, ab und zu wird auf eines gezoomt und ein Adjektiv eingeblendet.
Etwas versteckt in der Eingangshalle war ein Highlight unter den Videobeiträgen,
die Arbeit «A day to remember» des Chinesen Liu Wei zu sehen. Wei hat
am 4. Juni 2005, dem Jahrestag des Massakers am Tian’anmen Platz, Passanten
gefragt, welcher Tag gerade sei. Wenn diese das Datum nannten, stellte
er die gleiche Frage nochmals. Einige wussten, worauf er anspielte und
antworteten, sie wollten nichts sagen. Viele sagten, sie wüssten es nicht
oder liefen einfach davon. Nur zwei kamen auf das Massaker überhaupt zu
sprechen. Die Arbeit macht mit einfachsten Mitteln nachvollziehbar, wie
ein totalitäres System die Kommunikation einschränkt – und zwar bis ins
direkte face-to-face-Gespräch. Den pointiertesten Beitrag zum Festivalmotto
«Unfinish» bot schliesslich das knapp einminütige Video «Choose» von Ciprian
Muresan. Ein kleiner Junge macht darin mit einer Dose Pepsi und einer
Dose Coke nicht etwa den «Pepsi-Test», sondern neutralisiert die millionenschweren
Markenkonstrukte mit einer simplen Handlung: er schüttet aus beiden Dosen
ins gleiche Glas und trinkt die Mischung genüsslich. Das vermeintlich
Unvermeidliche nicht tun: Manchmal kann Kunst so einfach sein.
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