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17.02.07
Transmediale 2007: Pflichttermin - und einige Glücksmomente
Raffael Dörig

Die meisten Rezensenten der diesjährigen 20. Ausgabe der Transmediale, die unter dem Motto «Unfinish» stand, sind sich einig: So richtig gut war’s nicht. In einem Blog wird das schöne Wort «underwhelming» benutzt, in etwa «unterwältigend». Das deckt sich mit dem Fazit des Schreibenden: Prickelnd war sie nicht, doch die Transmediale bleibt ein Pflichttermin.

Bereits zum zweiten Mal fand das «Festivals für Kunst und digitale Kultur» in der Berliner Akademie der Künste statt. Das Gebäude ist ein modernistisches Schmuckstück, aber für die Transmediale nicht geeignet. Ausser dem grössten Saal waren die Räume insbesondere am Wochenende konstant überfüllt. Vor allem aber ist den beengten Platzverhältnissen der «Workspace» zum Opfer gefallen, früher pulsierender Kern des Festivals. Dort hatten Künstler und Medieninitiativen während der gesamten Festivaldauer an ihren Projekten gearbeitet und sich mit dem Publikum im direkten Gespräch und in Workshops ausgetauscht. In diesem Jahr erhielt er noch nicht mal mehr (wie 2006) ein Plätzchen unter der Treppe, sondern war an Aussenstationen wie das Tesla verbannt.


Eigentlich ja erfreulich: Schlange stehen vor dem Eingang einer Ausstellung aktueller Medienkunst

Wenn von beengten Platzverhältnissen die Rede ist, muss natürlich auch die erfreuliche Tatsache erwähnt werden, dass das Publikum sehr zahlreich war. Ausserdem war es auffallend jung. Dafür wurden die drei «Keynotes» allesamt von älteren Herren bestritten: dem australischen Extremkünstler Stelarc, dem kanadischen Politikwissenschaftler Arthur Kroker und dem deutschen Medientheoretiker Friedrich Kittler. Mehr Eindruck als diese hinterliess beim Schreibenden ein weiterer älterer Herr, Joseph Weizenbaum. Anlässlich des Screenings des Filmportraits «Weizenbaum – rebel at work» von Silvia Holzinger und Peter Haas (im kleinsten Saal) war er unerwartet und unangekündigt anwesend. Weizenbaum gehört zu den wichtigsten Pionieren der Computerprogrammierung, berühmt ist etwa sein menschliche Antworten simulierendes Programm ELIZA von 1966. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hat er sich aber schon sehr früh kritisch gegen zu viel Technik- und Fortschrittsglauben geäussert. Die technische Entwicklung, so Weizenbaum an der Transmediale, erinnere an ein Flugzeug, in dem wir uns alle befänden, und das superschnell und mit Rückenwind unterwegs sei, aber ohne Navigation.


Ausser Programm: Begegnung mit Joseph Weizenbaum

Im letzten Jahr hatte die Transmediale den Begriff «Medienkunst» aus ihrem Untertitel entfernt. Einmal mehr war der Begriff Anlass für ein Panel. Timothy Druckreys klagte, hart an der Grenze zur Weinerlichkeit, «wir», d.h. die Medienkunst, seien in den grossen Werken der Kunstkanonisierung des 20 Jh. ungenügend vertreten. Die ausgebliebene Kanonisierung könne doch nicht das Problem sein, schmetterte Diedrich Diederichsen: Schliesslich seien kanonisierte Werke stillgestellte Werke. Olia Lialina findet den Medienkunstbegriff zu breit und plädiert stattdessen für Unterbegriffe wie netart, webart, satellite art oder blog art. Den konstruktivsten Beitrag zur Diskussion leistete Inke Arns, künstlerische Leiterin des Hartware Medien Kunst Verein Dortmund. Die Medienkunst emanzipiere sich seit den 90ern vom Gebrauch von «Neuen Medien». Gleichzeitig würden diese Medien immer alltäglicher. Die Kunst, die sie beschäftigt, leiste eine inhaltsbezogene Untersuchung des zeitgenössischen Lebens, das ja von Medien und Technologie durchdrungen sei. So würden sich die Grenzen des Medienkunstbegriffs aufweichen: Es gehe in der künstlerischen Praxis nicht mehr um den Gebrauch eines bestimmten Mediums, sondern um eine spezifische Art von «Zeitgenossenschaft». Die Abgrenzung zum restlichen Kunstbetrieb bestehe jedoch nach wie vor, sei aber auch selbstverschuldet durch eine Selbstghettoisierung und zuviel Gadgeterie.


Aram Bartholl, «Random Screen» 2006, von vorne... und von hinten.


Und wie war sie denn nun, die «art formerly known as new media» (so der von Arns zitierte Titel einer Ausstellung in Banff 2005) an der zwanzigsten Transmediale? Nach der letztjährigen grossen, von einer Kuratorin zusammengestellten, eher retrospektiv orientierten Ausstellung gab es dieses Jahr wieder eine kleinere Auswahl aus den aktuellen Wettbewerbseinreichungen. Eine einzige Frau (Moon Na) war aus über tausend Einreichungen in der Ausstellung vertreten war, keine für den Gesamtwettbewerb nominiert - besonders irritierend bei der gleichzeitigen Dominanz der älteren Herren im Konferenzprogramm. Blickfang der insgesamt eher enttäuschenden Ausstellung war Aram Bartholls «Random Screen», eine Art Bildschirm mit Pixelmatrix. Dessen Zufallsmuster wird nicht elektronisch erzeugt, sondern mit Kerzen und Blenden aus Bierbüchsen, die sich durch die Wärme der Flammen drehen und so für ein Blinken sorgen. Die freundlich-verblüffende Arbeit sorgte für andächtiges Staunen.

Die einzige interaktive Arbeit der Ausstellung (!), glücklicherweise mit gelungener und sinnvoll eingesetzter Publikumsbeteiligung, war David Rokebys «Taken». Auf zwei grossen Projektionen war das Ausstellungspublikum zu sehen. Einzelne Besucher wurden mittels Bilderkennungs-Algorithmus ausgewählt und ihre Bewegung verfolgt. Schliesslich wurden sie isoliert eingezoomt und mit einem Adjektiv versehen (zufällig, aber eben doch immer passend). Die Installation vermag der doch etwas abgegriffenen Thematik der Überwachung etwas Neues abzugewinnen. Die Besucher konnten die Brisanz der Frage, ob eine Maschine etwas Menschliches erkennen und auswerten kann, am eigenen Körper erfahren – ein beklemmendes Erlebnis. Nicht nur durch die Installation, sondern auch in einem Künstlergespräch erwies sich Rokeby als ausgeprochen präziser Denker.


David Rokeby, «Taken» 2002. Gesichter von Besuchern werden gesammelt, ab und zu wird auf eines gezoomt und ein Adjektiv eingeblendet.

Etwas versteckt in der Eingangshalle war ein Highlight unter den Videobeiträgen, die Arbeit «A day to remember» des Chinesen Liu Wei zu sehen. Wei hat am 4. Juni 2005, dem Jahrestag des Massakers am Tian’anmen Platz, Passanten gefragt, welcher Tag gerade sei. Wenn diese das Datum nannten, stellte er die gleiche Frage nochmals. Einige wussten, worauf er anspielte und antworteten, sie wollten nichts sagen. Viele sagten, sie wüssten es nicht oder liefen einfach davon. Nur zwei kamen auf das Massaker überhaupt zu sprechen. Die Arbeit macht mit einfachsten Mitteln nachvollziehbar, wie ein totalitäres System die Kommunikation einschränkt – und zwar bis ins direkte face-to-face-Gespräch. Den pointiertesten Beitrag zum Festivalmotto «Unfinish» bot schliesslich das knapp einminütige Video «Choose» von Ciprian Muresan. Ein kleiner Junge macht darin mit einer Dose Pepsi und einer Dose Coke nicht etwa den «Pepsi-Test», sondern neutralisiert die millionenschweren Markenkonstrukte mit einer simplen Handlung: er schüttet aus beiden Dosen ins gleiche Glas und trinkt die Mischung genüsslich. Das vermeintlich Unvermeidliche nicht tun: Manchmal kann Kunst so einfach sein.

Festival:

Transmediale 07.
Festival für Kunst und digitale Kultur, Berlin.
31. Januar bis 4. Februar 2007

Links:

»Transmediale