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10.03.07
Shop-Dada im Roboter-Takt
Villö Huszai

Seit Mitte Januar sind im Zürcherischen Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse zwei Zeichenroboter im Einsatz. Oder am Erschaffen von Kunst? Fest steht, dass die zwei Maschinendinger des Hamburger Künstlers Lars Vaupel im «kuratierten Shop» des Cabaret von morgens bis abends in Fahrt sind. Jeden Abend ergeben ihre Spuren ein opulentes, zwei mal zwei Meter grosses Bild. Und wenn dieses Bild denn Kunst ist – sei es diejenige Vaupels oder seiner Maschinen: Wie verkauft man sie in einem «kuratierten Shop» angemessen? Fest steht, dass sie sich verkauft: Die Ausstellung «Zufalls Spuren, Die Zeichenroboter von Lars Vaupel» wird auf Grund des Publikumsinteresses bis Ende März verlängert.

Medienkunst ist berüchtigt dafür, keine handelbaren Kunstobjekte zu produzieren. Für die einen besteht genau in dieser notorischen Objektlosigkeit das grosse Handycab des Genres, für die anderen gewinnt die Medienkunst gerade daraus wesentliche Impulse. Auch das Zeichenroboter-Paar des Hamburger Künstlers Lars Vaupel schien bis vor kurzem in dieser Tradition zu stehen. Zumindest war die Käuflichkeit der Zeichnungen kein Thema, als die Roboter 2004 mit Unterstützung des Migros durch die Schweiz tourten, so der Kulturprozent-Verantwortliche Dominik Landwehr. Weder im Kornhausforum Bern, im Kunstmuseum Solothurn noch im Basler Medienkunstforum [plug.in], wie sich auch dessen Direktorin Annette Schindler erinnert.


Dada-Mitarbeiter: Adrian Notz und die zwei neuen Kollegen beim Malen

Die Zeichnungen der zwei sich bald ineinander verharkenden, bald wieder voneinander loskommenden Roboter Vaupels weckten keine Kaufgelüste – bis sie nun das Migros Kulturprozent noch einmal in die Schweiz, genauer in den kleinen Shop-Bereich des Cabaret Voltaire vermittelt hat. Das erstaunt umso mehr, als weder das Plakat noch der Laden selbst den Verkauf der Zeichnungen besonders bewerben. Das Odium der Käuflichkeit erzeugt offenkundig ausschliesslich der Kontext, in dem die Zeichnungen entstehen.

Das Cabaret Voltaire, Zürcher Wiege des Dadaismus, liegt an der Niederdorfgasse, einer der hiesigen Shopping-Meilen. Dem trägt die kleine Kunst-Institution erst seit März letzten Jahres richtig Rechnung. Zuvor hatte sie anderthalb Jahre versucht, mittels Austellungen den Passanten junge zeitgenössische Kunst nahe zu bringen. Laut Direktor Philipp Meier habe der Ausstellungsraum aber schlicht wie eine massive Wand gewirkt, niemand sei eingetreten. Das habe sich mit dem «kuratierten Shop» geändert, den sich das Cabaret Voltaire vom ursprünglich aus Persien stammenden Kurator Tirdad Zolghadr im März 2006 hat einrichten lassen.


Dada-Shop: der Ausstellungsraum als Schaufenster


Erklärtes Ziel von Zolghadrs sechsmonatigem Kuratorium war es, den Ausstellungsraum zur Strasse hin zu einer «lukrativen Geldquelle» zu machen, «ohne dass die Institution an Glaubwürdigkeit» verliere. In einem Podiumsgespräch zur Finissage erklärte der theoriefreudige Zolghadr sein Konzept: Kunstobjekte werden immer stärker zu Handelswaren. Kritisch könne sich Kunst dazu nur stellen, indem sie ihren eigenen Status als Handelsware reflektiere. Der Shop des Cabaret Voltaire will dies mit einem Warenmix leisten, in dem Fair Trade und Kunstkritik eine schwer fassbare Kombination eingehen. Mit Slogans bedruckte T-Shirts, afghanische Teppiche aus der Sammlung des Künstlers Christoph Büchel oder iranische Reiskocher, bulgarische Antidepressiva und zentralamerikanischer Kaffee der australischen Künstlerin Kate Rich gehören zum Angebot. Das «Lukrative» des Konzepts besteht vor allem einmal im Einsparen der hohen Ausstellungskosten, gibt Direktor Meier offen zu. Doch kann er belegen, dass die Verkaufszahlen nach oben weisen. Und dazu tragen nun seine zwei willigsten Mitarbeiter aus Hamburg massgeblich bei, indem sie viele Schaulustige in den Laden locken.


Dada-Büro: ein Roboterbild in Funktion, als Kunstbild im Sitzungszimmer

Die Attraktivität ausgerechnet eines medienkünstlerischen Projekts der «Old School», wie Direktor Meier die einfachen Roboter-Modelle zu Recht charakterisiert, überrascht auch die Veranstalter. Dazu Meier: Es brauche «wirklich wahnsinnig wenig», bis man einer so einfachen Maschine Leben zuspricht. Die zweite Überraschung war das Kaufinteresse des Publikums. Da habe man festgesetzt: 20 Franken pro Stunde, zwei Roboter am Werk, das macht in einem Tag rund 400 oder 500 Franken. So viel kostet ein «Ganztages»-Bild. Doch das Cabaret Voltaire nimmt auch kleinere Bestellungen entgegen und lässt die Roboter nur für eine Stunde arbeiten. Den Erlös teilt sich das Cabaret Voltaire – nicht mit den Robotern, sondern mit Lars Vaupel. Die Bilder sind aber von Vaupel nicht signiert, logischerweise, vermutlich.

Ein Bild, das an einen österreichischen Geschäftsmann verkauft wurde, hängt bereits ganz prominent, wie ein ‚richtiges’ Kunstbild, in einem Büro. So glückt dem Cabaret Voltaire mithilfe der Medienkunst zu mehr Umsatz und erst noch zu einem kleinen Coup gegen den etablierten Kunstbetrieb zu kommen. Denn dem Cabaret Voltaire gelingt, was der Firma schon so lange ein Greuel und eine Unmöglichkeit scheint: ein Stück Medienkunst unters Volk zu bringen.

Ausstellung:

«Spuren des Zufalls – Die Zeichenroboter von Lars Vaupel»
Installation im Shop «Le Radical Chic»
Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich (CH)

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 13.00 bis 19.00 Uhr; (Café bereits ab 11.30Uhr)
Verlängert bis Ende März 2007

Links:

»Cabaret Voltaire Zürich
»Zur Hamburger Robotikkunstgruppe f18 (mit Gründungsmitglied Lars Vaupel)