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21.03.07
Trau keinem über sechs Minuten?
art_clips.ch.at.de: Kunstvideos aus der Schweiz, Österreich und Deutschland
Verena Kuni

Heimkino einmal anders: Nicht Spiel- oder Kurzfilme, sondern neunzig Kunstvideos aus den vergangenen sechs Jahren versammelt die dreiteilige DVD-Edition "art_clips.ch.at.de", die noch bis zum Wochenende auch in einer Ausstellung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe präsentiert wird. Eine kompakte Portion zeitgenössischer Kunst – und obendrein mundgerecht serviert.

In der Tat: Eine bequemere Möglichkeit, Einblick in die aktuelle Szene künstlerischer Kurzvideoproduktion aus den drei beteiligten Ländern zu gewinnen, lässt sich kaum denken. Zumal es ausserhalb der Festivals noch zu wenig Alternativen gibt, diese Kunstform näher kennen zu lernen. Umso mehr kann man sich über eine derart reich bestückte Kompilation freuen, wie sie Gerhard Johann Lischka mit «art_clips.ch.at.de» zusammengestellt hat. Drei DVDs von insgesamt über fünf Stunden Laufzeit versammeln jeweils eine Auswahl von dreissig Arbeiten pro beteiligter Nation.


Victorine Müller, «Aquacom», 2005

Denkbar breit ist das ästhetische Spektrum, in dem sich die Beiträge bewegen: Deutlich Inszeniertes wie Victorine Müllers «Aquacom» (2005), in dem sich drei Grazien im Wassertank tummeln, steht neben spröden Handkameraaufnahmen, die auf ganz andere Weise aus sich selbst heraus wirken – wie etwa im Fall von Gianni Mottis «Police in Concerto» (2005). Narrationen können sich nicht nur aus Handlungsformen heraus entwickeln, sondern – wie etwa in Eva Brunner-Szabos «Fragmenten zur Magie» – allein aus der Verkettung dokumentarischer Perspektiven. Im Bereich der Animationen treffen Susanne Hofers launige Fotoromane («Le Jeu d'Amour», 2001) auf die digitalen Metamorphose-Schlaufen von Yves Netzhammer («Bewegungslos den Raum verlieren», 2005). Es gibt Clips, die auf Found Footage-Collagen von Filmen basieren (Thomas Draschan & Stella Friedrichs, «To The Happy Few», 2003). Andere referieren direkt die Schmalfilmästhetik, einstmals so eng mit amateurhaften Produktionen im Familienkreis verknüpft.


Thomas Draschan & Stella Friedrichs, «To The Happy Few», 2003

Meta-Reflexionen des Mediums im Medium finden sich bei Michel Brynntrup, dessen «TV-X-PERM (Mein Schwulsein als Auftragsarbeit)» einen kompletten Beitrag aus der arte-Spezialsendung «Kurzschluss» importiert. In einem Streich thematisiert Brynntrup in dieser Rahmung das Verhältnis von Distributionsformaten und Rezeptionsbedingungen nicht nur der Arbeit, sondern auch seiner eigenen Kategorisierung als «schwuler Filmemacher».

Vor allem aber sind – aus allen drei Ländern – auffällig viele Arbeiten von Künstlerinnen und Künstler vertreten, die aus dem Bereich Perfomance kommen beziehungsweise dezidiert im Bereich der Video-Performance arbeiten. Das dürfte weniger einer allgemeinen Tendenz des Genres als dem kuratorischen Blick von Lischka geschuldet sein, der sich auch als Theoretiker immer wieder mit dem Verhältnis von Körper und Medium befasst hat. Ein «Leben im Performativ», wie es Lischka im Beiheft als prägsame Zeittendenz ausmachen will, lässt sich schliesslich per se nicht vermeiden.


Elke Krystufek, «The Blue Moods of Spain (Kurzfassung), 2000/2005

Eben deshalb muss es umso weniger zwangsläufig zur Richtschnur künstlerischer Arbeit werden – ob nun im Videoclip oder einem anderen Format. Sehr anschaulich belegen das nicht zuletzt jene der «art_clips», in denen sich bewegte Bilder in reine Abstraktion verschleifen wie «Abfahrt G.P.1 Cap Bon – Tunis» (2001) von Jörg Wolf und John Armleders «Voltes III» (2003). Oder in denen rein aus dem digitalen Datensatz heraus rhythmisiert wird, wie bei der Österreicherin Lia in «Radio_Int. 14/37» (2005), bei Gerwald Rockenschaub («Flash Animation», 2001) und im «Akuvideo» (2002) des Künstlerpaares Stir Mesh (Hanna Kuts, Viktor Dovhalyuk aus der Ukraine, auf der .de-DVD).

Selbst Kenner/innen der Szene dürften in diesem Reigen noch die eine oder andere Entdeckung machen – während man natürlich auch auf zahlreiche prominente Namen stösst: Neben den bereits genannten sind aus der Schweiz etwa Stefan Banz, Olaf Breuning, Heinrich Lüber oder das Duo Relax vertreten, aus Österreich Muntean & Rosenblum ebenso wie Elke Krystufek und Erwin Wurm, aus Deutschland Bjørn Melhus, Jürgen Klauke und Corinna Schnitt mit einem ihrer grossartigen humorvollen Kurzfilme. Insgesamt dominiert zwar auch hier die jüngere Generation, aber es sind durchaus auch Künstler und Künstlerinnen mit aktuelleren Arbeiten dabei, die zu den Pionieren insbesondere im Bereich der Medien-Performance zählen.


Lia, «Radio_Int. 14/37», 2005

Gerade jene, die schon seit einigen Jahren oder sogar Jahrzehnten Videos, und darunter eben auch Kurzvideos im «art_clip»-Format produzieren, legen es nahe, der programmatischen Selbstdarstellung der Edition mit dem einen oder anderen Fragezeichen zu begegnen. Um eine «neue Kunstform», wie hier behauptet wird, handelt es sich nun wirklich nicht – und auch der von Lischka stark gemachte Verweis darauf, dass «art_clips» die «subjektzentrierte Antwort der Kunst auf das Ende der industriell für das Fernsehen produzierten Musikvideos» seien, ist schwerlich nachzuvollziehen. Schliesslich haben Kurzfilme und -videos eine Tradition, die man unschwer bis in die Pionierzeiten des Mediums zurückverfolgen kann. Von dieser Überlieferung hat auch der Musikclip gelernt – zumal in seinen ästhetisch anspruchsvolleren Produktionen, die es allerdings auch eher selten ins Fernsehen schafften und zunehmend im Netz weiterleben. So gesehen war die Kunst also nie in der Not, auf irgendetwas antworten zu müssen. Eher schon liesse sich darüber spekulieren, inwieweit Musikvideos dazu beigetragen haben, das Interesse insbesondere jüngerer Generationen an Kunstclips zu wecken. Ganz sicher hat der ästhetische Austausch zwischen beiden Parallelwelten seine Spuren hinterlassen. Generalisieren lässt sich diese Feststellung angesichts der ästhetischen Bandbreite künstlerischer Kurzvideos jedoch kaum – wohl am wenigsten allein aufgrund einer Länge, die sich zwischen drei und sechs Minuten bewegt.


Thomas Köner, «Nuuk», 2005

A propos: Trau keinem über sechs Minuten? Ein der «art_clips» überschreitet dieses Budget um ein paar Sekunden: «Nuuk» von Thomas Köner. Gerade diese Arbeit zeigt die Grenzen des Projekts auf. Wer Gelegenheit hatte, der sublimen Komposition, in der die Ansicht einer arktischen Landschaft mit einer gleichermassen eisigen Soundsphäre verschmitzt, als Installation im Raum zu begegnen, wird um die Verluste wissen, die in diesem Fall der Transfer auf den Fernseh- oder Computerbildschirm bedeuten. Anders gesagt: Die Laufzeit allein kann kein Kriterium sein, das über die ideale Präsentationsform von Videokunst entscheidet. Insofern werden selbst bei einem Spezialformat wie den kurzen Kunstclips weder das Web noch DVDs in allen Fällen die Aufführung auf Leinwand oder eine installative Präsentationen adäquat ersetzen – auch das unterscheidet sie wesentlich und wesenhaft vom Musikvideo. Nach wie vor.

Publikation:

«art_clips.ch.at.de»
90 Kurzvideos aus der Schweiz, Österreich und Deutschland
Hrsg. Gerhard Johann Lischka/ZKM Karlsruhe, 3 DVDs mit Booklet, zkm digital arts edition, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2006. ISBN: 978-3-7757-1899-8. € 39,90

Ausstellung:

«art_clips.ch.at.de»
ZKM, Lorenzstrasse 19, Karlsruhe (D)

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Freitag, 10.00 bis 18.00 Uhr; Samstag/Sonntag, 11.00 bis 18.00 Uhr
noch bis 25. März 2007

Links:

»Kurzinfo zur Ausstellung
»KünstlerInnen- und Werkliste