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In der Tat: Eine bequemere Möglichkeit, Einblick in die
aktuelle Szene künstlerischer Kurzvideoproduktion aus den drei beteiligten
Ländern zu gewinnen, lässt sich kaum denken. Zumal es ausserhalb der Festivals
noch zu wenig Alternativen gibt, diese Kunstform näher kennen zu lernen.
Umso mehr kann man sich über eine derart reich bestückte Kompilation freuen,
wie sie Gerhard Johann Lischka mit «art_clips.ch.at.de» zusammengestellt
hat. Drei DVDs von insgesamt über fünf Stunden Laufzeit versammeln jeweils
eine Auswahl von dreissig Arbeiten pro beteiligter Nation.
 
Victorine Müller, «Aquacom», 2005
Denkbar breit ist das ästhetische Spektrum, in dem sich die Beiträge bewegen:
Deutlich Inszeniertes wie Victorine Müllers «Aquacom» (2005), in dem sich
drei Grazien im Wassertank tummeln, steht neben spröden Handkameraaufnahmen,
die auf ganz andere Weise aus sich selbst heraus wirken – wie etwa im
Fall von Gianni Mottis «Police in Concerto» (2005). Narrationen können
sich nicht nur aus Handlungsformen heraus entwickeln, sondern – wie etwa
in Eva Brunner-Szabos «Fragmenten zur Magie» – allein aus der Verkettung
dokumentarischer Perspektiven. Im Bereich der Animationen treffen Susanne
Hofers launige Fotoromane («Le Jeu d'Amour», 2001) auf die digitalen Metamorphose-Schlaufen
von Yves Netzhammer («Bewegungslos den Raum verlieren», 2005). Es gibt
Clips, die auf Found Footage-Collagen von Filmen basieren (Thomas Draschan
& Stella Friedrichs, «To The Happy Few», 2003). Andere referieren
direkt die Schmalfilmästhetik, einstmals so eng mit amateurhaften Produktionen
im Familienkreis verknüpft.
 
Thomas Draschan & Stella Friedrichs, «To The
Happy Few», 2003
Meta-Reflexionen des Mediums im Medium finden sich bei Michel Brynntrup,
dessen «TV-X-PERM (Mein Schwulsein als Auftragsarbeit)» einen kompletten
Beitrag aus der arte-Spezialsendung «Kurzschluss» importiert. In einem
Streich thematisiert Brynntrup in dieser Rahmung das Verhältnis von Distributionsformaten
und Rezeptionsbedingungen nicht nur der Arbeit, sondern auch seiner eigenen
Kategorisierung als «schwuler Filmemacher».
Vor allem aber sind – aus allen drei Ländern – auffällig viele Arbeiten
von Künstlerinnen und Künstler vertreten, die aus dem Bereich Perfomance
kommen beziehungsweise dezidiert im Bereich der Video-Performance arbeiten.
Das dürfte weniger einer allgemeinen Tendenz des Genres als dem kuratorischen
Blick von Lischka geschuldet sein, der sich auch als Theoretiker immer
wieder mit dem Verhältnis von Körper und Medium befasst hat. Ein «Leben
im Performativ», wie es Lischka im Beiheft als prägsame Zeittendenz ausmachen
will, lässt sich schliesslich per se nicht vermeiden.
 
Elke Krystufek, «The Blue Moods of Spain (Kurzfassung),
2000/2005
Eben deshalb muss es umso weniger zwangsläufig zur Richtschnur künstlerischer
Arbeit werden – ob nun im Videoclip oder einem anderen Format. Sehr anschaulich
belegen das nicht zuletzt jene der «art_clips», in denen sich bewegte
Bilder in reine Abstraktion verschleifen wie «Abfahrt G.P.1 Cap Bon –
Tunis» (2001) von Jörg Wolf und John Armleders «Voltes III» (2003). Oder
in denen rein aus dem digitalen Datensatz heraus rhythmisiert wird, wie
bei der Österreicherin Lia in «Radio_Int. 14/37» (2005), bei Gerwald Rockenschaub
(«Flash Animation», 2001) und im «Akuvideo» (2002) des Künstlerpaares
Stir Mesh (Hanna Kuts, Viktor Dovhalyuk aus der Ukraine, auf der .de-DVD).
Selbst Kenner/innen der Szene dürften in diesem Reigen noch die eine oder
andere Entdeckung machen – während man natürlich auch auf zahlreiche prominente
Namen stösst: Neben den bereits genannten sind aus der Schweiz etwa Stefan
Banz, Olaf Breuning, Heinrich Lüber oder das Duo Relax vertreten, aus
Österreich Muntean & Rosenblum ebenso wie Elke Krystufek und Erwin
Wurm, aus Deutschland Bjørn Melhus, Jürgen Klauke und Corinna Schnitt
mit einem ihrer grossartigen humorvollen Kurzfilme. Insgesamt dominiert
zwar auch hier die jüngere Generation, aber es sind durchaus auch Künstler
und Künstlerinnen mit aktuelleren Arbeiten dabei, die zu den Pionieren
insbesondere im Bereich der Medien-Performance zählen.

Lia, «Radio_Int. 14/37», 2005
Gerade jene, die schon seit einigen Jahren oder sogar Jahrzehnten Videos,
und darunter eben auch Kurzvideos im «art_clip»-Format produzieren, legen
es nahe, der programmatischen Selbstdarstellung der Edition mit dem einen
oder anderen Fragezeichen zu begegnen. Um eine «neue Kunstform», wie hier
behauptet wird, handelt es sich nun wirklich nicht – und auch der von
Lischka stark gemachte Verweis darauf, dass «art_clips» die «subjektzentrierte
Antwort der Kunst auf das Ende der industriell für das Fernsehen produzierten
Musikvideos» seien, ist schwerlich nachzuvollziehen. Schliesslich haben
Kurzfilme und -videos eine Tradition, die man unschwer bis in die Pionierzeiten
des Mediums zurückverfolgen kann. Von dieser Überlieferung hat auch der
Musikclip gelernt – zumal in seinen ästhetisch anspruchsvolleren Produktionen,
die es allerdings auch eher selten ins Fernsehen schafften und zunehmend
im Netz weiterleben. So gesehen war die Kunst also nie in der Not, auf
irgendetwas antworten zu müssen. Eher schon liesse sich darüber spekulieren,
inwieweit Musikvideos dazu beigetragen haben, das Interesse insbesondere
jüngerer Generationen an Kunstclips zu wecken. Ganz sicher hat der ästhetische
Austausch zwischen beiden Parallelwelten seine Spuren hinterlassen. Generalisieren
lässt sich diese Feststellung angesichts der ästhetischen Bandbreite künstlerischer
Kurzvideos jedoch kaum – wohl am wenigsten allein aufgrund einer Länge,
die sich zwischen drei und sechs Minuten bewegt.
 
Thomas Köner, «Nuuk», 2005
A propos: Trau keinem über sechs Minuten? Ein der «art_clips» überschreitet
dieses Budget um ein paar Sekunden: «Nuuk» von Thomas Köner. Gerade diese
Arbeit zeigt die Grenzen des Projekts auf. Wer Gelegenheit hatte, der
sublimen Komposition, in der die Ansicht einer arktischen Landschaft mit
einer gleichermassen eisigen Soundsphäre verschmitzt, als Installation
im Raum zu begegnen, wird um die Verluste wissen, die in diesem Fall der
Transfer auf den Fernseh- oder Computerbildschirm bedeuten. Anders gesagt:
Die Laufzeit allein kann kein Kriterium sein, das über die ideale Präsentationsform
von Videokunst entscheidet. Insofern werden selbst bei einem Spezialformat
wie den kurzen Kunstclips weder das Web noch DVDs in allen Fällen die
Aufführung auf Leinwand oder eine installative Präsentationen adäquat
ersetzen – auch das unterscheidet sie wesentlich und wesenhaft vom Musikvideo.
Nach wie vor.
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