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21.03.07
Flickerndes Ausstellungssujet - Paolo Bianchi über Bilder von Krieg, Globalität und Blogs.
Villö Huszai
Es ist eine alte Klage: Medienkunst werde vom Kunstbetrieb nicht ernst genommen, Bildende Kunst und Medienkunst stünden noch immer auf Kriegsfuss. Umso verdienstvoller, dass der freie Kurator Paolo Bianchi in der Ausstellung «Augenzeugen, Bilder von Krieg, Globalität und Blogs» in Pfäffikon neben viel Fotografien auch medienkünstlerische Arbeiten der Zürcher Künstler Gees und SIS.TM zeigt. Aber gelingt das auch? Clickhere.ch über Bianchis Versuch, einen kunstimmanenten Kriegsschauplatz zu befrieden.

Die Ausstellung im Pfäffikoner Seedamm-Kulturzentrum eröffnen im Grossformat zwei epische Fotografien von Afghanistan. Warum zeigt Luc Delahaye, ein langjähriger Kriegsreporter, seine Bilder im Kunstkontext? Delahaye störe sich daran, wie schnell aktuelle Kriegsbilder von der Tagespresse verbraucht würden angesichts des dazu notwendigen Einsatzes, nicht zuletzt des Lebens. Darum, so Kurator Bianchi in einer Führung, sei Delahaye dazu übergegangen, Kunstbilder wie die ausgestellten zu machen. Dieselbe Spannung von bedrängenden Kriegs-Sujets und distanzierender Kunstbetrachtung führt auch die Position James Nachtweys vor: Unkommentierte Ausschnitte aus Christian Freis Dokumentarfilm «War Fotographer» zeigen Nachtwey bei der profanen Knochenarbeit des permanenten Bilderschiessens. Zum andern führen grossformatige Fotografien an den Ausstellungswänden vor Augen, wie Nachtwey aus dieser bedrängenden Situation heraus nach dem einen Moment sucht und ihn offensichtlich auch erhascht.


Den Moment erwischt: James Nachtwey zeigt Bilder aus der Serie «Israel-Palästina 2000-2002».
Bild: VII Photo Agency, Paris.


Das Spannungsfeld zwischen der Hektik und Unmittelbarkeit vor Ort und dem ausgestellten Kunstbild wird weiter ergänzt durch den im Auditorium des Museums gezeigten Dokumentarfilm über Kriegsfotografie. Doch statt diese Thematik weiter zu vertiefen, folgen den Exponaten Nachtweys die Fotografien von Jules Spinatsch. Während Nachtwey stets inmitten des Geschehens ist, fotografierte Spinatsch das World Economic Forum in Davos genau zu jenen Zeiten, als es noch nicht begonnen hatte oder alles schon vorbei war. So entstehen grossartig abseitige Panoramen.


Ruhe zwischen dem Sturm: eines von Jules Spinatschs Panoramen von Davos

Nebenan ist Johannes Gees’ Projekt «Helloworld» aus dem Jahre 2003 dokumentiert, wo Gees aus Anlass des «UN Weltgipfels zur Informationsgesellschaft» auf vier Kontinenten dazu einlud, in monumentaler Laserschrift den Mächtigen der Welt Grussbotschaften zu schicken. Das erinnert an Johannes Gees’ ähnliches Projekt «Hello Mister President» während des Davoser Forums, mit dem er 2001 bekannt geworden ist. Ist das der Link, der Gees mit Spinatsch verbindet? Die Ausstellung verliert hier den anfangs überzeugenden Fokus auf Krieg und Zeugenschaft und folgt nun eher der Logik des Surfen via Hyperlink. Die Arbeit von Gees verdankt sich dem Phänomen «Globalität» und reflektiert es - wie Nachtwey und Spinatsch. Doch kann der Allerweltsbefund der Globalisierung noch irgendetwas zusammen halten?

Auch die Videoinstallation «Flickering Subjects» von SIS.TM, die zweite nennenswerte medienkünstlerische Position der Ausstellung, trägt nicht zur gedanklichen Verdichtung der Ausstellungsthese bei. Dazu geschieht der Sprung von den massenmedial tausendfach abgedeckten, nur allzu bekannten Kriegsschauplätzen zur intimen und skurilen Welt der «Blogosphäre» zu unvermittelt.

Farbfilter, Überblendungen, bearbeitete Tonspuren: SIS.TM (hier Stills aus «Flickerings Subjects von 2007) observiert Rollenspiel und Selbstbekenntnis im Blog als unauflösliche Einheit.

So begibt man sich, Ungutes ahnend, in das schwarze und gänzlich verdunkelte Häuschen, das in einen der Ausstellungsräume des Kulturzentrums gestellt ist. Was man zu sehen bekommt, ist eine Perle humorvoller Provokation. Ein Mann setzt sich vor die Kamera und bekennt, ein «Battery-Fucker» zu sein, beschwört immer wieder sein Tun. Bis er sich dazu bekennt, in Wahrheit Tiere nicht anzurühren, er halte es vielmehr mit Obstbäumen. Immer wieder unterbricht er sein verwirrliches Geständnis mit den Worten, er halte es nicht aus, er könne nicht weiterreden. Nur gibt es «Batteries» oder «Betteries» oder was auch immer, gar nicht: ein Kunstwort; der Mann ein Komödiant. So nahe, meint der Künstler SYS.TM im Gespräch, ist im Netz ungeschminktes Bekenntnis und gekonnte Fiktion. Der Zürcher Künstler setzt sich schon lange mit der «Blogosphäre» auseinander, die mittlerweile täglich für rund 1.3 bis 1.6 Millionen Blog-Einträge sorgt. Das zur Eröffnung der Ausstellung erschienene gleichnamige Buch «Flickerung Subjects» dokumentiert SIS.TMs nicht-voyeuristischen, kritischen und zugleich liebevollen Blick auf die absurde Welt der Blogger, dieser ganz neuen, vom Medium Netz hervorgerufenen Existenzform.

So ungeschützt den etablierten Themen und vertrauten Ästhetik eines James Nachtwey ausgesetzt, kann sich eine neue Position wie diejenige von SIS.TM jedoch schwer behaupten. Und doch ist Bianchi für den Versuch hoch zu schätzen, Medienkunst und bildende Kunst, insbesondere Fotografie, zusammen auszustellen. In diesem Fall erlaubt das zwar keine Verdichtung der Argumentation, wohl aber ein Jonglieren mit Elementen, ein gedankliches Testen möglicher Kombinationen. So fragt man sich zwar angesichts der vielen Fotografien Nachtweys, warum Bianchi nicht eine vertiefte Auseinandersetzung über Kriegsfotografie führt. Andererseits ermöglicht Bianchi einem nicht-medienkunstspezifischen Publikum die Begegnung mit zwei beachtenswerten Positionen. Ihrer interaktiven Anlage entsprechend, ist Gees’ Arbeit zwar nur als Dokumentation erlebbar – doch das trifft bekanntlich auf viele zeitgenössische Positionen zu (siehe dazu unseren »Artikel vom 16. Januar 07 über Johannes Gees: Kunst oder Dokumentation?). SIS.TM wiederum hat ein Video geschaffen, das mehrmaliges Anschauen lohnt. Beim zweiten oder dritten Blick weicht der Schock, den der so intim wirkende Einblick in bekennende und sich selbst entäussernde Blog-Beiträge bietet. Dann zeigt sich immer mehr das Artifizielle und Medienspezifische, der Battery-Fucker ist dafür nur ein deutliches und witziges Beispiel.

Ausstellung:

«Augenzeugen. Bilder von Krieg, Globalität & Blogs»
Kuratiert von Paolo Bianchi
Seedamm Kulturzentrum, Gwattstrasse, Pfäffikon SZ (CH)

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00 Uhr
Bis 22. April 2007

Führungen jeweils sonntags, 11.00 Uhr
mit Jules Spinatsch (25. März), mit SIS.TM (1. April), mit Christoph Doswald (22. April)

Links:

»Seedamm Kulturzentrum Pfäffikon
»Zur Webseite von SIS.TM