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Die Ausstellung im Pfäffikoner Seedamm-Kulturzentrum eröffnen
im Grossformat zwei epische Fotografien von Afghanistan. Warum zeigt Luc
Delahaye, ein langjähriger Kriegsreporter, seine Bilder im Kunstkontext?
Delahaye störe sich daran, wie schnell aktuelle Kriegsbilder von der Tagespresse
verbraucht würden angesichts des dazu notwendigen Einsatzes, nicht zuletzt
des Lebens. Darum, so Kurator Bianchi in einer Führung, sei Delahaye dazu
übergegangen, Kunstbilder wie die ausgestellten zu machen. Dieselbe Spannung
von bedrängenden Kriegs-Sujets und distanzierender Kunstbetrachtung führt
auch die Position James Nachtweys vor: Unkommentierte Ausschnitte aus
Christian Freis Dokumentarfilm «War Fotographer» zeigen Nachtwey bei der
profanen Knochenarbeit des permanenten Bilderschiessens. Zum andern führen
grossformatige Fotografien an den Ausstellungswänden vor Augen, wie Nachtwey
aus dieser bedrängenden Situation heraus nach dem einen Moment sucht und
ihn offensichtlich auch erhascht.
Den Moment erwischt: James Nachtwey zeigt Bilder aus der Serie «Israel-Palästina
2000-2002».
Bild: VII Photo Agency, Paris.
Das Spannungsfeld zwischen der Hektik und Unmittelbarkeit vor Ort und
dem ausgestellten Kunstbild wird weiter ergänzt durch den im Auditorium
des Museums gezeigten Dokumentarfilm über Kriegsfotografie. Doch statt
diese Thematik weiter zu vertiefen, folgen den Exponaten Nachtweys die
Fotografien von Jules Spinatsch. Während Nachtwey stets inmitten des Geschehens
ist, fotografierte Spinatsch das World Economic Forum in Davos genau zu
jenen Zeiten, als es noch nicht begonnen hatte oder alles schon vorbei
war. So entstehen grossartig abseitige Panoramen.

Ruhe zwischen dem Sturm: eines von Jules Spinatschs
Panoramen von Davos
Nebenan ist Johannes Gees’ Projekt «Helloworld» aus dem Jahre 2003 dokumentiert,
wo Gees aus Anlass des «UN Weltgipfels zur Informationsgesellschaft» auf
vier Kontinenten dazu einlud, in monumentaler Laserschrift den Mächtigen
der Welt Grussbotschaften zu schicken. Das erinnert an Johannes Gees’
ähnliches Projekt «Hello Mister President» während des Davoser Forums,
mit dem er 2001 bekannt geworden ist. Ist das der Link, der Gees mit Spinatsch
verbindet? Die Ausstellung verliert hier den anfangs überzeugenden Fokus
auf Krieg und Zeugenschaft und folgt nun eher der Logik des Surfen via
Hyperlink. Die Arbeit von Gees verdankt sich dem Phänomen «Globalität»
und reflektiert es - wie Nachtwey und Spinatsch. Doch kann der Allerweltsbefund
der Globalisierung noch irgendetwas zusammen halten?
Auch die Videoinstallation «Flickering Subjects» von SIS.TM, die zweite
nennenswerte medienkünstlerische Position der Ausstellung, trägt nicht
zur gedanklichen Verdichtung der Ausstellungsthese bei. Dazu geschieht
der Sprung von den massenmedial tausendfach abgedeckten, nur allzu bekannten
Kriegsschauplätzen zur intimen und skurilen Welt der «Blogosphäre» zu
unvermittelt.
 Farbfilter,
Überblendungen, bearbeitete Tonspuren: SIS.TM (hier Stills aus «Flickerings
Subjects von 2007) observiert Rollenspiel und Selbstbekenntnis im Blog
als unauflösliche Einheit.
So begibt man sich, Ungutes ahnend, in das schwarze und gänzlich verdunkelte
Häuschen, das in einen der Ausstellungsräume des Kulturzentrums gestellt
ist. Was man zu sehen bekommt, ist eine Perle humorvoller Provokation.
Ein Mann setzt sich vor die Kamera und bekennt, ein «Battery-Fucker» zu
sein, beschwört immer wieder sein Tun. Bis er sich dazu bekennt, in Wahrheit
Tiere nicht anzurühren, er halte es vielmehr mit Obstbäumen. Immer wieder
unterbricht er sein verwirrliches Geständnis mit den Worten, er halte
es nicht aus, er könne nicht weiterreden. Nur gibt es «Batteries» oder
«Betteries» oder was auch immer, gar nicht: ein Kunstwort; der Mann ein
Komödiant. So nahe, meint der Künstler SYS.TM im Gespräch, ist im Netz
ungeschminktes Bekenntnis und gekonnte Fiktion. Der Zürcher Künstler setzt
sich schon lange mit der «Blogosphäre» auseinander, die mittlerweile täglich
für rund 1.3 bis 1.6 Millionen Blog-Einträge sorgt. Das zur Eröffnung
der Ausstellung erschienene gleichnamige Buch «Flickerung Subjects» dokumentiert
SIS.TMs nicht-voyeuristischen, kritischen und zugleich liebevollen Blick
auf die absurde Welt der Blogger, dieser ganz neuen, vom Medium Netz hervorgerufenen
Existenzform.
So ungeschützt den etablierten Themen und vertrauten Ästhetik eines James
Nachtwey ausgesetzt, kann sich eine neue Position wie diejenige von SIS.TM
jedoch schwer behaupten. Und doch ist Bianchi für den Versuch hoch zu
schätzen, Medienkunst und bildende Kunst, insbesondere Fotografie, zusammen
auszustellen. In diesem Fall erlaubt das zwar keine Verdichtung der Argumentation,
wohl aber ein Jonglieren mit Elementen, ein gedankliches Testen möglicher
Kombinationen. So fragt man sich zwar angesichts der vielen Fotografien
Nachtweys, warum Bianchi nicht eine vertiefte Auseinandersetzung über
Kriegsfotografie führt. Andererseits ermöglicht Bianchi einem nicht-medienkunstspezifischen
Publikum die Begegnung mit zwei beachtenswerten Positionen. Ihrer interaktiven
Anlage entsprechend, ist Gees’ Arbeit zwar nur als Dokumentation erlebbar
– doch das trifft bekanntlich auf viele zeitgenössische Positionen zu
(siehe dazu unseren
»Artikel vom 16. Januar 07 über Johannes Gees: Kunst oder Dokumentation?).
SIS.TM wiederum hat ein Video geschaffen, das mehrmaliges Anschauen lohnt.
Beim zweiten oder dritten Blick weicht der Schock, den der so intim wirkende
Einblick in bekennende und sich selbst entäussernde Blog-Beiträge bietet.
Dann zeigt sich immer mehr das Artifizielle und Medienspezifische, der
Battery-Fucker ist dafür nur ein deutliches und witziges Beispiel.
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