Das Phantom der Oper - «Cultural
Hacking» mit dem Medienkollektiv Bitnik und Sven König
Verena Kuni
Arien für Alle! Mit diesem Schlachtruf
tritt «Opera Calling», das jüngste Projekt der Mediengruppe bitnik, an –
und lässt es auch nicht bei Absichtserklärungen bewenden. Das Openhaus Zürich
reagiert auf den unverhofften Zuwuchs an Publikum allerdings wenig amüsiert.
Wenn im Parkett das Gemurmel verebbt, aus dem Orchestergraben
die ersten Töne und wenig später von der Bühne die ersten Arien erklingen,
steht seit Mitte Februar nicht nur für das zahlende Publikum grosse Oper
auf dem Programm. Vielmehr sollen auch weitere Teile der Öffentlichkeit
in den Genuss musikalischer Hochkultur kommen – schliesslich ist ja auch
die Produktion derselben zu guten Teilen mit Steuermitteln finanziert.
Dieser Meinung sind jedenfalls die Zürcher Mediengruppe bitnik – Carmen
Weisskopf, Doma Smoljo, Silvan Leuthold – und Sven König.
Um La Bohème und andere Aufführungen unters Volk zu bringen, haben sie
allerdings einen eher ungewöhnlichen Weg gewählt. Im Keller des Cabaret
Voltaire hängen Trauben von Telefonhörern von der Decke herab, aus denen
von Zeit zu Zeit ziemlich verrauschte Stücke Musik dringen, die sich bei
eindringlicherem Lauschen tatsächlich als Oper identifizieren lassen.
Hier hat man es sozusagen erst mit dem «Frontend» der eigentlichen Aktion
zu tun. Denn diese wollen die Iniatioren als «Cultural Hack» verstanden
wissen: Im Opernhaus versteckte «Wanzen» sollen die Aufführungen ablauschen;
per Zufallsgenerator ausgewählte Nummern aus dem Zürcher Telefonbuch werden
angerufen und dem oder der Glücklichen am anderen Ende der Leitung eine
Arie kredenzt. Diese Übertragung landet dann auch auf den Hörern im Cabaret
Voltaire –wenn die Oper Pause macht, gibt es dort die entsprechenden Mitschnitte
aus der Konserve zu hören.
Nun mag man einwenden: Um Opernmusik unters Volk zu bringen, gibt es effektivere
Wege, die einen höheren Hörgenuss bescheren – vom Tonträger über die Radio-
bis zur Fernsehübertragung. Der direkteste Zugang zum Kulturgut wäre wohl
am konsequentesten über günstigere oder gar kostenfreie Eintrittsbillets
zu gewähren. Hingegen per abendlichen Anruf womöglich gestört zu werden
und ergo unfreiwillig, in jedem Fall jedoch unverhofft verrauschte Musik
aufs Ohr gedrückt zu bekommen, dürfte nicht eines jeden Sache sein. Nicht
zuletzt ist Oper schon ihrer Tradition gemäss eine Aufführung, die idealer
Weise vor Ort erlebt werden will, wozu – für die einen: unter anderem,
für andere: primär – der gesellschaftliche Anlass als solcher gehört.
Ob vor diesem Hintergrund die virtuelle Teilhabe am Geschehen als beglückend
empfunden wird oder das Operntelefon die Exklusion nur umso schmerzhafter
vor Ohren führt, sei einmal dahingestellt. Ein musikalisches und soziales
Gemeinschaftserlebnis im Realraum bietet «Opera Calling», wie allem voran
bei der Vernissage, wohl am ehesten im Cabaret Voltaire.
Aber der schöne Stabreim «Arien für alle!» ist auch mehr symbolisch zu
verstehen und als Schlachtruf an jene gerichtet, die für eine Limitierung
des Zugangs zum Kulturgut sorgen und/oder diese aus unterschiedlichen
Gründen unterstützen. Hier wiederum spielen – noch vor Eintrittspreisen
und Distinktionsbedürfnissen – Urheber- und Aufführungsrechte eine tragende
Rolle.
Weil es ebendiese Rechte durch die Aktion attackiert sieht, zeigt sich
das Opernhaus Zürich über den unverhofften Publikumszuwachs alles andere
als erfreut. Man reagierte prompt mit einem offiziellen Schreiben, das
juristische Schritte ankündigte, sollte «Opera Calling» fortgesetzt werden.
Und man nahm die Suche nach den «Wanzen» auf. Zwei davon wurden bereits
gefunden und der Presse präsentiert. Allem Anschein nach schlichte Mobiltelefone
mit angeschlossenem Ladegerät für die Stromversorgung. Doch handelt es
sich wirklich um die corpora delicti? In jedem Fall sollte die Oper wohl
schleunigst ihre «innere Sicherheit» überdenken. Schliesslich sitzen,
so gesehen, allabendlich reihenweise «Wanzen»-Träger im Parkett und in
den Logen.
Leider verschenkt das Opernhaus so die Chance, sich die Aktion als Marketing
anzueignen. Längst schon gilt im Kreis der Global Players «Cultural Hackin»
als ideale Strategie des Guerilla-Marketing, für das die Agenturen gern
bei einschlägig aktiven Kulturschaffenden Anregungen holen – um sie dann
dem Kunden teuer zu verkaufen. Tatsächlich erreicht die von bitnik inszenierte
Aufführung nicht nur ein wesentlich grösseres Publikum als es manch' anderen
Kolleg/innen etwa mit Ausstellungen gelingt. Auch die Zürcher Oper hat
einen guten Schub an Medienaufmerksamkeit erfahren – wobei es keineswegs
um ein Boulevardthema, sondern um mit eine der wichtigsten Fragen geht,
die sich der Gegenwartskultur heute stellen: Nämlich, wer auf sie Besitzanspruch
erheben kann.
Das Opernhaus sieht sich hingegen gerade seinen Künstlerinnen und Künstlern
gegenüber in der Pflicht. Insbesondere die Musiker, so Otto Grosskopf.
der Kaufmännische Direktor des Opernhauses, hätten ihre Rechte reklamiert.
Nun wissen wir nicht, wie es Mozart und Puccini in diesem Falle halten
würden. In der Neuen Musik berufen sich tatsächlich noch viele auf einen
traditionellen Autorschaftsbegriff - selbst dann, wenn sie für ihre eigenen
Kompositionen so manche Spolie aus der Musikgeschichte und anderen Klangräumen
zusammentragen. Davon abgesehen gilt sicherlich, dass die Kunstfreiheit
des einen dort aufhört, wo diejenige des anderen beginnt – oder anders
gesagt, man es respektieren muss, wenn sich Kulturschaffende auf ihnen
gesetzlich zugestandene Rechte berufen. Fraglich ist allerdings, in wieweit
die entsprechenden Paragraphen überhaupt den Interessen von Künstlerinnen
und Künstlern dienen. Den grössten ökonomischen Profit streichen in der
Regel Dritte ein, indes an anderer Stelle der Zugang zu Kulturgut beschränkt
und sogar so manche kreative Mehrung desselben verhindert wird.
Das Medienkollektiv bitnik lässt sich von solchen Anfechtungen bislang
nicht schrecken – und sendet nicht nur weiterhin aus dem Opernhaus, sondern
neuerdings per Mobiltelephon auch auf offener Strasse. «Opera Calling»
wird fürs erste fortgesetzt, der letzte Vorhang des Bühnenspiels «Arien
für Alle!» ist noch nicht gefallen.
Projekt:
Mediengruppe bitnik und Sven König: «Opera
Calling – Arien für Alle!»
Aktion im medialen Raum (bis auf weiteres)
Ausstellung im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich (CH)
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 13.00 bis 19.00 Uhr
Ausstellung bis 2. Mai 2007
Samstag, 14. April, ab 14.00 Uhr
A Hack A Day-Workshop mit C6.ORG (London) im Cabaret Voltaire
Das Projekt ist Teil der von bitnik in Zusammenarbeit mit dem Cabaret
Voltaire organisierten Reihe «A Hack A Day. Praktische Anleitungen zu
einem kulturellen Hack»
»Programminformationen zur Reihe