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10.04.07
Das Phantom der Oper - «Cultural Hacking» mit dem Medienkollektiv Bitnik und Sven König
Verena Kuni
Arien für Alle! Mit diesem Schlachtruf tritt «Opera Calling», das jüngste Projekt der Mediengruppe bitnik, an – und lässt es auch nicht bei Absichtserklärungen bewenden. Das Openhaus Zürich reagiert auf den unverhofften Zuwuchs an Publikum allerdings wenig amüsiert.

Wenn im Parkett das Gemurmel verebbt, aus dem Orchestergraben die ersten Töne und wenig später von der Bühne die ersten Arien erklingen, steht seit Mitte Februar nicht nur für das zahlende Publikum grosse Oper auf dem Programm. Vielmehr sollen auch weitere Teile der Öffentlichkeit in den Genuss musikalischer Hochkultur kommen – schliesslich ist ja auch die Produktion derselben zu guten Teilen mit Steuermitteln finanziert. Dieser Meinung sind jedenfalls die Zürcher Mediengruppe bitnik – Carmen Weisskopf, Doma Smoljo, Silvan Leuthold – und Sven König.



Um La Bohème und andere Aufführungen unters Volk zu bringen, haben sie allerdings einen eher ungewöhnlichen Weg gewählt. Im Keller des Cabaret Voltaire hängen Trauben von Telefonhörern von der Decke herab, aus denen von Zeit zu Zeit ziemlich verrauschte Stücke Musik dringen, die sich bei eindringlicherem Lauschen tatsächlich als Oper identifizieren lassen. Hier hat man es sozusagen erst mit dem «Frontend» der eigentlichen Aktion zu tun. Denn diese wollen die Iniatioren als «Cultural Hack» verstanden wissen: Im Opernhaus versteckte «Wanzen» sollen die Aufführungen ablauschen; per Zufallsgenerator ausgewählte Nummern aus dem Zürcher Telefonbuch werden angerufen und dem oder der Glücklichen am anderen Ende der Leitung eine Arie kredenzt. Diese Übertragung landet dann auch auf den Hörern im Cabaret Voltaire –wenn die Oper Pause macht, gibt es dort die entsprechenden Mitschnitte aus der Konserve zu hören.

Nun mag man einwenden: Um Opernmusik unters Volk zu bringen, gibt es effektivere Wege, die einen höheren Hörgenuss bescheren – vom Tonträger über die Radio- bis zur Fernsehübertragung. Der direkteste Zugang zum Kulturgut wäre wohl am konsequentesten über günstigere oder gar kostenfreie Eintrittsbillets zu gewähren. Hingegen per abendlichen Anruf womöglich gestört zu werden und ergo unfreiwillig, in jedem Fall jedoch unverhofft verrauschte Musik aufs Ohr gedrückt zu bekommen, dürfte nicht eines jeden Sache sein. Nicht zuletzt ist Oper schon ihrer Tradition gemäss eine Aufführung, die idealer Weise vor Ort erlebt werden will, wozu – für die einen: unter anderem, für andere: primär – der gesellschaftliche Anlass als solcher gehört. Ob vor diesem Hintergrund die virtuelle Teilhabe am Geschehen als beglückend empfunden wird oder das Operntelefon die Exklusion nur umso schmerzhafter vor Ohren führt, sei einmal dahingestellt. Ein musikalisches und soziales Gemeinschaftserlebnis im Realraum bietet «Opera Calling», wie allem voran bei der Vernissage, wohl am ehesten im Cabaret Voltaire.



Aber der schöne Stabreim «Arien für alle!» ist auch mehr symbolisch zu verstehen und als Schlachtruf an jene gerichtet, die für eine Limitierung des Zugangs zum Kulturgut sorgen und/oder diese aus unterschiedlichen Gründen unterstützen. Hier wiederum spielen – noch vor Eintrittspreisen und Distinktionsbedürfnissen – Urheber- und Aufführungsrechte eine tragende Rolle.

Weil es ebendiese Rechte durch die Aktion attackiert sieht, zeigt sich das Opernhaus Zürich über den unverhofften Publikumszuwachs alles andere als erfreut. Man reagierte prompt mit einem offiziellen Schreiben, das juristische Schritte ankündigte, sollte «Opera Calling» fortgesetzt werden. Und man nahm die Suche nach den «Wanzen» auf. Zwei davon wurden bereits gefunden und der Presse präsentiert. Allem Anschein nach schlichte Mobiltelefone mit angeschlossenem Ladegerät für die Stromversorgung. Doch handelt es sich wirklich um die corpora delicti? In jedem Fall sollte die Oper wohl schleunigst ihre «innere Sicherheit» überdenken. Schliesslich sitzen, so gesehen, allabendlich reihenweise «Wanzen»-Träger im Parkett und in den Logen.

Leider verschenkt das Opernhaus so die Chance, sich die Aktion als Marketing anzueignen. Längst schon gilt im Kreis der Global Players «Cultural Hackin» als ideale Strategie des Guerilla-Marketing, für das die Agenturen gern bei einschlägig aktiven Kulturschaffenden Anregungen holen – um sie dann dem Kunden teuer zu verkaufen. Tatsächlich erreicht die von bitnik inszenierte Aufführung nicht nur ein wesentlich grösseres Publikum als es manch' anderen Kolleg/innen etwa mit Ausstellungen gelingt. Auch die Zürcher Oper hat einen guten Schub an Medienaufmerksamkeit erfahren – wobei es keineswegs um ein Boulevardthema, sondern um mit eine der wichtigsten Fragen geht, die sich der Gegenwartskultur heute stellen: Nämlich, wer auf sie Besitzanspruch erheben kann.



Das Opernhaus sieht sich hingegen gerade seinen Künstlerinnen und Künstlern gegenüber in der Pflicht. Insbesondere die Musiker, so Otto Grosskopf. der Kaufmännische Direktor des Opernhauses, hätten ihre Rechte reklamiert. Nun wissen wir nicht, wie es Mozart und Puccini in diesem Falle halten würden. In der Neuen Musik berufen sich tatsächlich noch viele auf einen traditionellen Autorschaftsbegriff - selbst dann, wenn sie für ihre eigenen Kompositionen so manche Spolie aus der Musikgeschichte und anderen Klangräumen zusammentragen. Davon abgesehen gilt sicherlich, dass die Kunstfreiheit des einen dort aufhört, wo diejenige des anderen beginnt – oder anders gesagt, man es respektieren muss, wenn sich Kulturschaffende auf ihnen gesetzlich zugestandene Rechte berufen. Fraglich ist allerdings, in wieweit die entsprechenden Paragraphen überhaupt den Interessen von Künstlerinnen und Künstlern dienen. Den grössten ökonomischen Profit streichen in der Regel Dritte ein, indes an anderer Stelle der Zugang zu Kulturgut beschränkt und sogar so manche kreative Mehrung desselben verhindert wird.

Das Medienkollektiv bitnik lässt sich von solchen Anfechtungen bislang nicht schrecken – und sendet nicht nur weiterhin aus dem Opernhaus, sondern neuerdings per Mobiltelephon auch auf offener Strasse. «Opera Calling» wird fürs erste fortgesetzt, der letzte Vorhang des Bühnenspiels «Arien für Alle!» ist noch nicht gefallen.

Projekt:

Mediengruppe bitnik und Sven König: «Opera Calling – Arien für Alle!»

Aktion im medialen Raum (bis auf weiteres)
Ausstellung im Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich (CH)

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 13.00 bis 19.00 Uhr
Ausstellung bis 2. Mai 2007

Samstag, 14. April, ab 14.00 Uhr
A Hack A Day-Workshop mit C6.ORG (London) im Cabaret Voltaire

Links:

»Zum Projekt Opera Calling
»Zum Cabaret Voltaire
»Zur Mediengruppe bitnik
»Zur Webseite von Sven König

Das Projekt ist Teil der von bitnik in Zusammenarbeit mit dem Cabaret Voltaire organisierten Reihe «A Hack A Day. Praktische Anleitungen zu einem kulturellen Hack»
»Programminformationen zur Reihe