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10.04.07
Ikone der Wegwerfgesellschaft und Lebensabschnittspartner
Villö Huszai
Wie viele Computer haben Sie während Ihres informationsgesellschaftlichen Lebens schon durchgebracht? Vier, sieben, zehn? Die Teilausstellung «Passé Immédiat» gehört zum grossen Bogen, den der Schweizer Künstler Christian Philipp Müller unter dem Titel «Basics» im Basler St. Alban Tal schlägt. Der Titel «Passé Immédiat» ist Programm: Nirgends in Müllers Ausstellungsparcours zwischen Basler Papiermühle und Museum für Gegenwartskunst ist die Gegenwart und ihre Vergänglichkeit so präsent wie im [plug.in]. Zu sehen noch bis Ende Woche.

Während in Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften» (1931) noch die aufgestickten Initialen auf der Unterwäsche das Intimste des Menschen darstellen, sind es heute die Festplatten und Desktops unserer Computer. In ihrem Innern sammeln sich die Spuren unseres Lebens – Bewerbungsschreiben, Liebesbriefe, Steuererklärungen – und hausen darin oft noch, wenn wir längst zu einem neuen Gerät gewechselt haben. Christian Philipp Müller hat für die Austellung «Passé Immédiat» das [plug.in] in eine informationsgesellschaftliche Rumpelkammer verwandelt: Der Eingangsbereich ist bis unter die Decke mit Regalen voller ausrangierter Computern angefüllt, Computer-Müll, den das [plug.in] auf einen Aufruf in der Künstlerszene Basels hin bekommen hat.



Links: Das Gerät, auf dem der erste www-Server lief. Rechts: Annette Schindlers privater Neunstrahl-Drucker, an einem der historischen Geräte wieder zum Laufen gebracht.

Im hinteren Raumteil befinden sich Museums-Stücke aus dem Riehener Computermuseum Bäumlihof, eine uralte Commodore oder eine «NextStation», die Steve Jobs 1990 entwickelt hatte und auf der Tim Barner-Lee den ersten www-Server in den Gründerzeiten des Netzes hatte laufen lassen. Doch das Herz der [plug.in]-Ausstellung bilden nicht diese musealen Geräte, sondern der Geräte-Müll, all die «Compis», «Kisten», «Maschinen», «Mühlen» oder «...», wie immer man sie zu nennen pflegt, die von uns allen stammen könnten. Sie sind es, die sowohl Schrecken wie Rührung auszulösen vermögen.

Die Ausstellung gibt angesichts der ökologischen Diskussionen Ungemütliches zu denken. Sie führt vor Augen, dass das Computergerät zur eigentlichen Ikone unserer Wegwerfgesellschaft geworden ist. Annette Schindler nennt die Maschinen «Untote» und meint: «Diese Computer bilden unsere unmittelbare Vergangenheit, aber sie sind auch eine Zukunftshypothek. Die Mengen an technologischem Abfall sind ja kaum mehr zu bewältigen. Eine Zeitbombe, die in die Zukunft hinaus tickt.» So umgeben von Geräten, wird es augenfällig, dass sie einem über den Kopf wachsen: «Ich merke es auch an mir selber: Wenn der Computer nicht mehr blütenfrisch ist, die Programme nicht mehr richtig kompatibel, da merkt man dann schon den Pear Pressure.»

Doch ebenso wie Furcht kann die Ausstellung Nostalgie und Gefühlseligkeit vermitteln. So aus dem Alltag herausgerissen, zu einer Herde versammelt, wirken die Computer paradoxerweise rührend verlassen: Plötzlich werden die vielen persönlichen Bande sichtbar, die uns mit unseren klügsten Haushaltgeräten verbinden, solange sie Teil unseres Alltags sind. Überraschend ist für Schindler, wie viel Emotionalität die Computer bei den Besuchern auslösen können: «Das beginnt nur schon bei den Tönen beim Aufstarten.» Das weckt Erinnerungen und das «bewirkt bei ganz vielen Besuchern eine extrem emotionale Reaktion. Zuerst denkt man, man stehe nur entpersonalisierter Technologie, Abfall gegenüber. Doch die Leute erkennen Geräte wieder, auf denen sie schon einmal gearbeitet haben. Dann läuft ein ganzer Film ab. Das Gerät hat Dich ja auch begleitet. Abstürze, Krisen, wie ein privater Begleiter. Darauf reagieren die Leute extrem stark. Sie kommen extrem gerne ins Erzählen.»


Forward to the Past: Annette Schindler zeigt ein altes Sprach-Lernprogramm.

Das [plug.in]-Team hat systematisch Geschichten gesammelt zu den Compis, die ihm überlassen wurden. Eine hübsche Geschichte hat sich aber nicht bei der Übergabe, sondern erst im Laufe der Ausstellung ergeben. Der Basler Künstler Markus Schwander hat gleich mehrere Computer gebracht, darunter einen ersten tragbaren Computer, einen «Mac Classic». Als Teresa Hubbard sich die Aussellung anschaute, habe sie glänzende Augen bekommen: Genau einen solchen Computer habe sie einst besessen. Dann stellte sich heraus, dass es sich wirklich um ihren einstigen Computer handelte, den sie Schwander weiterverkauft hatte. Schwander wiederum erzählt davon, dass er nie den Eindruck los geworden sei, Hubbard-Birchler hätten für den Computer zu viel Geld verlangt (200 Franken). Insbesondere, weil sie damals das Rucksack-Täschlein, das heute Kultstatus hat, nicht mitlieferten. Dieses wiederum ist bei Hubbard-Birchler bis heute in Verwendung als Transportmittel für Beleuchtungsgeräte.

Die Installation hat für Schindler überdies eine «überraschende Dimension» entfaltet, die mit der phyischen Präsenz der vielen Geräte, etwa 50 eigentliche Rechner, insgesamt aber etwa 600 Geräte in der Installation, zusammenhängt. «Die Wärme, der Elektrosmog, der alte Plastik, verbrutzelter Staub» entfalten einen extrem charakteristischen Geruch. «Es riecht und tönt bei uns einfach unverkennbar nach alten Compis», so Schindler. Im Vergleich zu Künstlern wie dem Russen Alexej Shulgin ist Christian Philipp Müller kein Künstler, der sich besonders auf Computer konzentriert. Während Shulgin mit seinem Sängercomputer dem Computer systematisch etwas Belebtes gebe, so Schindler, ästhetisiert Müller den Computer nicht, er sammelt die Geräte einfach einmal an. Müller überlässt die Wirkung der Ausstellungs-Konstellation, dem Umstand, dass die Computer hier alle «vor sich hin stinken und heizen», so Schindler. Am Schluss habe er aber doch einen ähnlichen Effekt: Der einzelne Computer werde fast zu einem Lebewesen wie Shulgins elektronischer Barde. Ein überraschendes Moment, das aber nicht der Fokus der Ausstellung von Müller sei.

Die Ausstellung «Passé Immédiat» im Kontext des Medienforums [plug.in] schafft einen Raum, in dem sich über die informationsgesellschaftliche Ikone Computer nachdenken lässt. Und zwar frei von Werbeslogans und frei von den im Hintergrund alles bestimmenden Betriebsrechnungen und Wachstumsvorgaben der Computerindustrie. Doch gerade in der Intimität, mit der diese Computer sich als mit unserem Leben verwachsen erweisen, zeigt sich auch, wie intim wir mit den eisernen Gesetzen unserer Wegwerfgesellschaft verbunden sind. Kein Grund zur Beruhigung.

Ausstellung:

Christian Philipp Müller: «Passé Immédiat»
[plug.in], St. Alban-Strasse 64, Basel (CH)
in Zusammenarbeit mit dem »Museum für Gegenwartskunst Basel und der Basler Papiermühle.

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonntag, 14.00 bis 18.00 Uhr
Bis 15. April 2007

Donnerstag, 12. April, 20.00 Uhr:
Paneldiskussion «Müll oder Museumsstück» mit Villö Huszai, Christian Philipp Müller, Beatrice Tobler (Kuratorin für Computer und neue Medien am Museum für Kommunikation Bern) und Annette Schindler

Links:

»Zur Ausstellung im [plug.in]
»Zur Webseite von Christian Philipp Müller