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Während in Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften» (1931)
noch die aufgestickten Initialen auf der Unterwäsche das Intimste des
Menschen darstellen, sind es heute die Festplatten und Desktops unserer
Computer. In ihrem Innern sammeln sich die Spuren unseres Lebens – Bewerbungsschreiben,
Liebesbriefe, Steuererklärungen – und hausen darin oft noch, wenn wir
längst zu einem neuen Gerät gewechselt haben. Christian Philipp Müller
hat für die Austellung «Passé Immédiat» das [plug.in] in eine informationsgesellschaftliche
Rumpelkammer verwandelt: Der Eingangsbereich ist bis unter die Decke mit
Regalen voller ausrangierter Computern angefüllt, Computer-Müll, den das
[plug.in] auf einen Aufruf in der Künstlerszene Basels hin bekommen hat.

Links: Das Gerät, auf dem der erste www-Server lief.
Rechts: Annette Schindlers privater Neunstrahl-Drucker, an einem der historischen
Geräte wieder zum Laufen gebracht.
Im hinteren Raumteil befinden sich Museums-Stücke aus dem Riehener Computermuseum
Bäumlihof, eine uralte Commodore oder eine «NextStation», die Steve Jobs
1990 entwickelt hatte und auf der Tim Barner-Lee den ersten www-Server
in den Gründerzeiten des Netzes hatte laufen lassen. Doch das Herz der
[plug.in]-Ausstellung bilden nicht diese musealen Geräte, sondern der
Geräte-Müll, all die «Compis», «Kisten», «Maschinen», «Mühlen» oder «...»,
wie immer man sie zu nennen pflegt, die von uns allen stammen könnten.
Sie sind es, die sowohl Schrecken wie Rührung auszulösen vermögen.
Die Ausstellung gibt angesichts der ökologischen Diskussionen Ungemütliches
zu denken. Sie führt vor Augen, dass das Computergerät zur eigentlichen
Ikone unserer Wegwerfgesellschaft geworden ist. Annette Schindler nennt
die Maschinen «Untote» und meint: «Diese Computer bilden unsere unmittelbare
Vergangenheit, aber sie sind auch eine Zukunftshypothek. Die Mengen an
technologischem Abfall sind ja kaum mehr zu bewältigen. Eine Zeitbombe,
die in die Zukunft hinaus tickt.» So umgeben von Geräten, wird es augenfällig,
dass sie einem über den Kopf wachsen: «Ich merke es auch an mir selber:
Wenn der Computer nicht mehr blütenfrisch ist, die Programme nicht mehr
richtig kompatibel, da merkt man dann schon den Pear Pressure.»
Doch ebenso wie Furcht kann die Ausstellung Nostalgie und Gefühlseligkeit
vermitteln. So aus dem Alltag herausgerissen, zu einer Herde versammelt,
wirken die Computer paradoxerweise rührend verlassen: Plötzlich werden
die vielen persönlichen Bande sichtbar, die uns mit unseren klügsten Haushaltgeräten
verbinden, solange sie Teil unseres Alltags sind. Überraschend ist für
Schindler, wie viel Emotionalität die Computer bei den Besuchern auslösen
können: «Das beginnt nur schon bei den Tönen beim Aufstarten.» Das weckt
Erinnerungen und das «bewirkt bei ganz vielen Besuchern eine extrem emotionale
Reaktion. Zuerst denkt man, man stehe nur entpersonalisierter Technologie,
Abfall gegenüber. Doch die Leute erkennen Geräte wieder, auf denen sie
schon einmal gearbeitet haben. Dann läuft ein ganzer Film ab. Das Gerät
hat Dich ja auch begleitet. Abstürze, Krisen, wie ein privater Begleiter.
Darauf reagieren die Leute extrem stark. Sie kommen extrem gerne ins Erzählen.»

Forward to the Past: Annette Schindler zeigt ein
altes Sprach-Lernprogramm.
Das [plug.in]-Team hat systematisch Geschichten gesammelt zu den Compis,
die ihm überlassen wurden. Eine hübsche Geschichte hat sich aber nicht
bei der Übergabe, sondern erst im Laufe der Ausstellung ergeben. Der Basler
Künstler Markus Schwander hat gleich mehrere Computer gebracht, darunter
einen ersten tragbaren Computer, einen «Mac Classic». Als Teresa Hubbard
sich die Aussellung anschaute, habe sie glänzende Augen bekommen: Genau
einen solchen Computer habe sie einst besessen. Dann stellte sich heraus,
dass es sich wirklich um ihren einstigen Computer handelte, den sie Schwander
weiterverkauft hatte. Schwander wiederum erzählt davon, dass er nie den
Eindruck los geworden sei, Hubbard-Birchler hätten für den Computer zu
viel Geld verlangt (200 Franken). Insbesondere, weil sie damals das Rucksack-Täschlein,
das heute Kultstatus hat, nicht mitlieferten. Dieses wiederum ist bei
Hubbard-Birchler bis heute in Verwendung als Transportmittel für Beleuchtungsgeräte.
Die Installation hat für Schindler überdies eine «überraschende Dimension»
entfaltet, die mit der phyischen Präsenz der vielen Geräte, etwa 50 eigentliche
Rechner, insgesamt aber etwa 600 Geräte in der Installation, zusammenhängt.
«Die Wärme, der Elektrosmog, der alte Plastik, verbrutzelter Staub» entfalten
einen extrem charakteristischen Geruch. «Es riecht und tönt bei uns einfach
unverkennbar nach alten Compis», so Schindler. Im Vergleich zu Künstlern
wie dem Russen Alexej Shulgin ist Christian Philipp Müller kein Künstler,
der sich besonders auf Computer konzentriert. Während Shulgin mit seinem
Sängercomputer dem Computer systematisch etwas Belebtes gebe, so Schindler,
ästhetisiert Müller den Computer nicht, er sammelt die Geräte einfach
einmal an. Müller überlässt die Wirkung der Ausstellungs-Konstellation,
dem Umstand, dass die Computer hier alle «vor sich hin stinken und heizen»,
so Schindler. Am Schluss habe er aber doch einen ähnlichen Effekt: Der
einzelne Computer werde fast zu einem Lebewesen wie Shulgins elektronischer
Barde. Ein überraschendes Moment, das aber nicht der Fokus der Ausstellung
von Müller sei.
Die Ausstellung «Passé Immédiat» im Kontext des Medienforums [plug.in]
schafft einen Raum, in dem sich über die informationsgesellschaftliche
Ikone Computer nachdenken lässt. Und zwar frei von Werbeslogans und frei
von den im Hintergrund alles bestimmenden Betriebsrechnungen und Wachstumsvorgaben
der Computerindustrie. Doch gerade in der Intimität, mit der diese Computer
sich als mit unserem Leben verwachsen erweisen, zeigt sich auch, wie intim
wir mit den eisernen Gesetzen unserer Wegwerfgesellschaft verbunden sind.
Kein Grund zur Beruhigung.
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