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Fast den ganzen Haupt-Ausstellungsraum des Fri-Art nimmt eine erhöhte
Plattform ein. Darauf steht ein Rednerpult, an dessen Vorderseite das
Siegel des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika prangt, davor
Stühle, der Ziegelsteinboden entspricht dem historischen Boden auf dem
Dach des Weissen Hauses. Auf die Seitenwände des Ausstellungsraumes werden
Fotos der Einweihungszeremonie projiziert, auch eine Tonspur ist zu hören.

Heute und damals: Einweihungsrede als Kunst- und als Politakt (alle Bilder
mit freundlicher Genehmigung der Künstler veröffentlicht).
An der Rückwand, über dem Eingang zum zweiten Ausstellungsraum kragen zwei
weisse Platten in den Raum. Sie haben die Masse der 1979 installierten
Solarpanels. Wer den hinteren Raum erreichen will, muss den Stuhlreihen
entlang, am Rednerpult und unter den solarpanelförmigen Platten, also mitten durch
die Reinszenierung der Einweihungs-Szenerie, hindurchgehen.
Denn: Christina Hemauer und Roman Keller haben sich im Rahmen
ihrer Auseinandersetzung mit den Solarpanels dafür entschieden, den
historischen Moment ihrer Einweihung zu auratisieren.
«Was ist eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit:
einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem
Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig
folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heisst, die
Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.» Walter Benjamins Definition
aus seinem Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit» mag heute im Grunde noch so rätselhaft sein wie am
ersten Tag der Niederschrift – und ist trotzdem ein Bild, welches das
künstlerisch-interventionistische Verfahren von Hemauer und Keller
plastischer machen kann.

An beiden Seitenwänden des Ausstellungsraumes ist eine Foto-Serie projiziert,
die anlässlich der
historischen Einweihungsfeier entstand.
Denn bei Benjamins Definition wie in der
Fribourger Ausstellung ist entscheidend, dass zur (zeitlichen) Ferne ein
lebendiger Kontakt hergestellt wird. In Fribourg geht es um die Verbindung
zu jenem Carterschen Momentum der grossen, der nicht erfüllten energiepolitischen
Hoffnungen. Auf das gegenwärtige Publikum
der Fribourger Ausstellung soll der Schatten der Vergangenheit fallen
und dieser Schatten soll in die Zukunft wirken.
Stichtag 2000, Stichtag 2027
In seiner, gerade im Rückblick erschütternden Einweihungs-Rede von 1979 gibt Carter
der Überzeugung
Ausdruck, Amerika stehe am Anfang einer grossartigen Zukunft der Solarenergie.
An der Vernissage am 30. März hielt der aus Amerika stammende Fernsehsprecher
Arthur Bowler Carters Rede fast wortwörtlich. Für die
Verschränkung der Zeiten galt es nur wenig zu ändern: Statt dass
Bowler von «diesem Nachmittag» sprach, wie das Carter an der
nachmittäglichen Einweihung 1979 getan hatte, sprach Bowler am
Vernissagen-Abend von «diesem Abend»; anstatt dass er vom «Jahr 2000»
sprach, sagte er «heute in 20 Jahren». So musste sich das Publikum
nicht darauf beschränken, nur trauernd zu
bedenken, dass das Jahr 2000, Carters Stichtag, schon sieben Jahre verstrichen
ist und die Solar-Energie noch immer nur einen lächerlichen Prozentsatz des weltweiten
Energie-Volumens stellt.

Die thermischen Solarpanel heizen das Duschwasser ihrer Schweizer Rechercheure
und Liebhaber auf. Diese transportieren sie vom US-Bundesstaat Maine
nach Atlanta ins Carter-Zentrum.
Stattdessen von «heute in 20 Jahren» zu
sprechen, ist eine Form des magischen Realismus: Damit geben Hemauer
und Keller der Hoffnung auf eine bessere Nutzung der erneuerbaren Energien
einen neuen Stichtag. Wir werden also, geht es nach den zwei Künstlern,
den Stand der Dinge «heute in 20 Jahren», das heisst 2027, neu überprüfen können.
Medienkünstlerische Fusion von Umweltengagement und Kunstausübung
Die Ausstellung hat durch die aktuelle klimapolitische Debatte
zweifellos an Brisanz gewonnen. Doch sie ist keineswegs das Produkt
einer kurzfristigen Orientierung am Mainstream. Roman Keller, der an
der ETH Umweltwissenschaften studiert und abgeschlossen hat, trägt
schon länger zu der unkonventionellen Schnittmenge von Umweltschutz und
Kunstausübung bei. Sein bisher grösstes Projekt setzt sich mit dem
Problem des
Standby-Energieverbrauchs
auseinander, worüber wir schon
berichtet haben (14. März 2006). Doch auch die mit seiner Partnerin Hemauer entwickelte
letztjährige Intervention «Manifest des Postpetrolismus», eine Art
Vorbereitung für die Auseinandersetzung mit Carters Solaranlage, erfolgte
lange vor den aktuellsten Klima-Debatten. Keller dazu: «Für unser Projekt
ist es fast schon unangenehm, dass das Thema so an Präsenz gewonnen hat.»
In Bezug auf Carter habe sich gerade in letzter Zeit sehr viel getan:
«Die Figur Carter ist rehabilitiert. Für ihn war die Energiefrage ein
zentrales Thema.»
Zwischen Dokumentation und Roadmovie-Performance
Hemauer und Keller sind dem Verbleib der Solarpanels nachgegangen.
Zwei der im Bundesstaat Maine gelagerten Solarpanels haben Hemauer
und Keller in den Bundesstaat Georgia, ins Carter-Zentrum in Atlanta
transportiert. In einer Art dokumentarischen Roadmovie-Video haben sie
diese Reise festgehalten und zeigen sie in Fribourg im zweiten Ausstellungsraum. Im realen Leben war diese Reise sehr wirkungsvoll: Durch
Mit ihrer Recherche machten die zwei Künstler das Carter-Zentrum neu
aufmerksam auf die Bedeutung dieser Solarpanels. Das Zentrum hat sich
auf die Anregung der Schweizer Rechercheure hin dafür entschieden,
eines der Panels in die permanente Sammlung zu übernehmen. Es ist ein
schöner Zufall, dass die Einweihung des neuen Sammlungs-Objektes in Atlanta am
selben 30.März, also genau am Tag der Fribourger Vernissage, stattfand.
Überzeugt das aufgezeichnete Video als Kunstwerk und als zweiter
Teil der Ausstellung? Oder ist es doch eher die Aufzeichnung
eines sentimentalen Wiederbelebungsversuches, einer Spielerei mit den
traurigen Überresten der grossartigen Vision Carters? Das Video enthält
Interviews mit einstigen Beteiligten, die eindrücklich und informativ
sind. Man wünschte sich aber fast eine klarere Trennung zwischen diesen
informativen und den Roadmovie-Teilen. Dieser szenische und
der dokumentarische Teil des Videos konkurrenzieren sich und lassen
keinen richtig ausreifen.
Das Video leistet zwar gute Dienste als Hintergrundinformation zu Carters
Energiepolitik und zum
künstlerischen Prozess des Recherchierens und Erlebens. Die künstlerische Kühnheit der Ausstellung
liegt jedoch in der Entscheidung, kompromisslos den Moment der
Einweihung zu fokussieren und dem «Time-Bandits»-ähnlichen Versuch,
dem Publikum den zeitlichen Boden unter den Füssen zu entziehen. Von
sentimentaler Beschaulichkeit kann hier nicht die Rede sein. Dass
dieser Versuch einer Auratisierung in Richtung Vergangenheit wie
Zukunft eigentlich nur in der Vernissagen-Nacht in Gänze zu erleben
war, eine «einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag»,
wie es bei Benjamin heisst, das gehört zu dieser Kühnheit.
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