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20.04.07
Die Auratisierung von Jimmy Carters Sonnenenergie-Vision: ernsthafte Intervention oder sentimentale Beschaulichkeit?
Villö Huszai

Jimmy Carter installierte auf dem Dach des Weissen Hauses eine thermische Solaranlage, Ronald Reagan liess sie sieben Jahre später wieder entfernen. «A Curiosity, a Museum Piece and an Example of a Road not taken»» lautet der Titel der Ausstellung im «Fri-Art», dem Fribourger Zentrum für zeitgenössische Kunst. Die Zürcher Künstler Christina Hemauer und Roman Keller haben in Amerika den Verbleib der Solarpanels recherchiert und reinszenieren in Fribourg die feierliche Einweihung der Solaranlage am 20. Juni 1979.

Fast den ganzen Haupt-Ausstellungsraum des Fri-Art nimmt eine erhöhte Plattform ein. Darauf steht ein Rednerpult, an dessen Vorderseite das Siegel des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika prangt, davor Stühle, der Ziegelsteinboden entspricht dem historischen Boden auf dem Dach des Weissen Hauses. Auf die Seitenwände des Ausstellungsraumes werden Fotos der Einweihungszeremonie projiziert, auch eine Tonspur ist zu hören.



Heute und damals: Einweihungsrede als Kunst- und als Politakt (alle Bilder mit freundlicher Genehmigung der Künstler veröffentlicht).


An der Rückwand, über dem Eingang zum zweiten Ausstellungsraum kragen zwei weisse Platten in den Raum. Sie haben die Masse der 1979 installierten Solarpanels. Wer den hinteren Raum erreichen will, muss den Stuhlreihen entlang, am Rednerpult und unter den solarpanelförmigen Platten, also mitten durch die Reinszenierung der Einweihungs-Szenerie, hindurchgehen. Denn: Christina Hemauer und Roman Keller haben sich im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit den Solarpanels dafür entschieden, den historischen Moment ihrer Einweihung zu auratisieren.

«Was ist eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heisst, die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.» Walter Benjamins Definition aus seinem Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» mag heute im Grunde noch so rätselhaft sein wie am ersten Tag der Niederschrift – und ist trotzdem ein Bild, welches das künstlerisch-interventionistische Verfahren von Hemauer und Keller plastischer machen kann.



An beiden Seitenwänden des Ausstellungsraumes ist eine Foto-Serie projiziert, die anlässlich der historischen Einweihungsfeier entstand.

Denn bei Benjamins Definition wie in der Fribourger Ausstellung ist entscheidend, dass zur (zeitlichen) Ferne ein lebendiger Kontakt hergestellt wird. In Fribourg geht es um die Verbindung zu jenem Carterschen Momentum der grossen, der nicht erfüllten energiepolitischen Hoffnungen. Auf das gegenwärtige Publikum der Fribourger Ausstellung soll der Schatten der Vergangenheit fallen und dieser Schatten soll in die Zukunft wirken.

Stichtag 2000, Stichtag 2027
In seiner, gerade im Rückblick erschütternden Einweihungs-Rede von 1979 gibt Carter der Überzeugung Ausdruck, Amerika stehe am Anfang einer grossartigen Zukunft der Solarenergie. An der Vernissage am 30. März hielt der aus Amerika stammende Fernsehsprecher Arthur Bowler Carters Rede fast wortwörtlich. Für die Verschränkung der Zeiten galt es nur wenig zu ändern: Statt dass Bowler von «diesem Nachmittag» sprach, wie das Carter an der nachmittäglichen Einweihung 1979 getan hatte, sprach Bowler am Vernissagen-Abend von «diesem Abend»; anstatt dass er vom «Jahr 2000» sprach, sagte er «heute in 20 Jahren». So musste sich das Publikum nicht darauf beschränken, nur trauernd zu bedenken, dass das Jahr 2000, Carters Stichtag, schon sieben Jahre verstrichen ist und die Solar-Energie noch immer nur einen lächerlichen Prozentsatz des weltweiten Energie-Volumens stellt.



Die thermischen Solarpanel heizen das Duschwasser ihrer Schweizer Rechercheure und Liebhaber auf. Diese transportieren sie vom US-Bundesstaat Maine nach Atlanta ins Carter-Zentrum.

Stattdessen von «heute in 20 Jahren» zu sprechen, ist eine Form des magischen Realismus: Damit geben Hemauer und Keller der Hoffnung auf eine bessere Nutzung der erneuerbaren Energien einen neuen Stichtag. Wir werden also, geht es nach den zwei Künstlern, den Stand der Dinge «heute in 20 Jahren», das heisst 2027, neu überprüfen können.

Medienkünstlerische Fusion von Umweltengagement und Kunstausübung
Die Ausstellung hat durch die aktuelle klimapolitische Debatte zweifellos an Brisanz gewonnen. Doch sie ist keineswegs das Produkt einer kurzfristigen Orientierung am Mainstream. Roman Keller, der an der ETH Umweltwissenschaften studiert und abgeschlossen hat, trägt schon länger zu der unkonventionellen Schnittmenge von Umweltschutz und Kunstausübung bei. Sein bisher grösstes Projekt setzt sich mit dem Problem des Standby-Energieverbrauchs auseinander, worüber wir schon berichtet haben (14. März 2006). Doch auch die mit seiner Partnerin Hemauer entwickelte letztjährige Intervention «Manifest des Postpetrolismus», eine Art Vorbereitung für die Auseinandersetzung mit Carters Solaranlage, erfolgte lange vor den aktuellsten Klima-Debatten. Keller dazu: «Für unser Projekt ist es fast schon unangenehm, dass das Thema so an Präsenz gewonnen hat.» In Bezug auf Carter habe sich gerade in letzter Zeit sehr viel getan: «Die Figur Carter ist rehabilitiert. Für ihn war die Energiefrage ein zentrales Thema.»

Zwischen Dokumentation und Roadmovie-Performance
Hemauer und Keller sind dem Verbleib der Solarpanels nachgegangen. Zwei der im Bundesstaat Maine gelagerten Solarpanels haben Hemauer und Keller in den Bundesstaat Georgia, ins Carter-Zentrum in Atlanta transportiert. In einer Art dokumentarischen Roadmovie-Video haben sie diese Reise festgehalten und zeigen sie in Fribourg im zweiten Ausstellungsraum. Im realen Leben war diese Reise sehr wirkungsvoll: Durch Mit ihrer Recherche machten die zwei Künstler das Carter-Zentrum neu aufmerksam auf die Bedeutung dieser Solarpanels. Das Zentrum hat sich auf die Anregung der Schweizer Rechercheure hin dafür entschieden, eines der Panels in die permanente Sammlung zu übernehmen. Es ist ein schöner Zufall, dass die Einweihung des neuen Sammlungs-Objektes in Atlanta am selben 30.März, also genau am Tag der Fribourger Vernissage, stattfand.

Überzeugt das aufgezeichnete Video als Kunstwerk und als zweiter Teil der Ausstellung? Oder ist es doch eher die Aufzeichnung eines sentimentalen Wiederbelebungsversuches, einer Spielerei mit den traurigen Überresten der grossartigen Vision Carters? Das Video enthält Interviews mit einstigen Beteiligten, die eindrücklich und informativ sind. Man wünschte sich aber fast eine klarere Trennung zwischen diesen informativen und den Roadmovie-Teilen. Dieser szenische und der dokumentarische Teil des Videos konkurrenzieren sich und lassen keinen richtig ausreifen.

Das Video leistet zwar gute Dienste als Hintergrundinformation zu Carters Energiepolitik und zum künstlerischen Prozess des Recherchierens und Erlebens. Die künstlerische Kühnheit der Ausstellung liegt jedoch in der Entscheidung, kompromisslos den Moment der Einweihung zu fokussieren und dem «Time-Bandits»-ähnlichen Versuch, dem Publikum den zeitlichen Boden unter den Füssen zu entziehen. Von sentimentaler Beschaulichkeit kann hier nicht die Rede sein. Dass dieser Versuch einer Auratisierung in Richtung Vergangenheit wie Zukunft eigentlich nur in der Vernissagen-Nacht in Gänze zu erleben war, eine «einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag», wie es bei Benjamin heisst, das gehört zu dieser Kühnheit.

Die Ausstellung:

«A Curiosity, A Museum Piece and an Example of a Road not taken» von Christina Hemauer und Roman Keller vom 31. März bis 3. Juni 2007.

Ort: Fri-art, Centre d'art contemporain, Petites-Rames 22, 1700 Fribourg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr, Samstag bis Sonntag 18-20 Uhr

Führungen: Kommentierter Besuche der Ausstellung nach Vereinbarung.
Nähere Auskunft unter der Telefonnummer 0041 26 323 23 51 oder info@fri-art.ch.

Links:

»Website der Kunsthalle Fri-art
»Website zum Projekt «A Moral Equivalent of War»
»Unser Artikel zu Roman Keller vom 14. März 2006
»Blog auf Hemauer und Kellers «Manifest des Postpetrolismus»: