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| 20.04.07 |
Lichtautobahn im Sprachareal
Annette Hoffmann |
| Mischa Kuballs Multimediainstallation «ReMix/Broca II (Letters/Numbers)» ist offensichtlich recht verkopft. Bezieht sich Kuball doch mit dem Titel der Arbeit auf jene Hirnregion, die 1861 durch Paul Broca entdeckt wurde. Das nach ihm benannte Broca’sche Areal auf der Großhirnrinde ist das wesentliche Sprachzentrum des Menschen. Es gilt als Sitz der Sprachmotorik, der Lautbildung sowie -analyse, der Artikulation und Bildung abstrakter Wörter. Wird es verletzt, kommt es zu Aphasien. Bereits zum zweiten Mal befasst sich der 1959 geborene Kuball mit diesem Hirnareal. Für seine Ausstellung im Karlsruher ZKM hat er diese frühere Arbeit nun erweitert und zeigt beide Installationen im dortigen Museum für Neue Kunst. |
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Derweil springt die 4 übers Eck, wird schneller, kollidiert
mit dem u und dem a. Verlangsamt sich, nimmt wieder Fahrt auf, das P bläst
sich monströs groß auf, ist wieder weg, ein Lichtgewitter setzt für einen
Moment ein. Und weiter drehen sich Buchstaben und Zahlen wie beschleunigte
Teilchen im Kreis. Zeit, einen Augenblick innezuhalten. Wer die beiden verdunkelten
Räume der Installation von Mischa Kuball betritt, sieht Vorgänge veranschaulicht,
die unsichtbar bleiben. Wie Sprache funktioniert, führt der Künstler im
Modell vor. Jeweils drei rotierende Diaprojektoren sind um zwei Säulen positioniert,
sie werfen die Buchstaben des Alphabets und die Zahlenreihe auf die umliegenden
Wände. Je nachdem ob sie auf Kanten oder Durchgänge treffen, werden sie
verzerrt wiedergegeben oder verschwinden auch für einen Moment. Präsent
sind sie jedoch immer. Werden sie auf eine der geknautschten Alupyramiden
geworfen, die im Raum stehen, zerreißt es die klaren Konturen der Buchstabentypen.
Ein helles Lichtornament ist für einen kurzen Augenblick auf den dunklen
Wänden sichtbar. Dann kommt der nächste Buchstabe. Es geht zu wie auf der
Autobahn.![]()
Mischa Kuball, ReMix Broca II (Letters/Numbers), Detail, 2007. Kuball, der seit 2005 als Professor an der HfG Karlsruhe lehrt, überlässt in «ReMix/Broca II (Letters/Numbers)» nichts dem Zufall. Die Skulpturen, die an ausgedrückte Zahnpastatuben erinnern, sind die plastischen Umsetzungen seiner Hirnströme, die gemessen wurden, als er sich die Buchstaben vorstellte. Die Brechung, die immer dann entsteht, wenn ein Buchstabe aus weißem Licht auf deren Oberfläche fällt, entspricht dem Zusammentreffen von Sprache und Assoziation. Man ist versucht, es Unschärferelation zu nennen, denn eine inhaltliche Ebene stellt sich in der Buchstaben- und Zahlenfolge nicht ein. So bezieht Kuball zwar wissenschaftliche Methoden in seine Arbeit mit ein, er tauscht aber vermeintlich gesicherte Erkenntnisse gegen die Vieldeutigkeit der Ästhetik aus. Denn wer mitten in Mischa Kuballs Installation steht, wird von der schnellen und sich ständig ändernden Zeichenflut überwältigt. Will man, die einzelnen Lettern zu Wörtern zusammenfügen, schießt unweigerlich aus der anderen Richtung ein Buchstabe dazwischen, dann kommt eine Zahl und man gibt entnervt auf. Sprache ist für Mischa Kuball Verschlüsseln und Entschlüsseln Man muss sich das Sprachzentrum im Gehirn wohl in etwa so rege vorstellen wie Walter de Marias „The Lightning Field“ bei Unwetter, nur kleiner und eben nicht in New Mexico gelegen. Was Kuball in „ReMix/Broca II (Letters/Numbers)“ schafft, ist ja auch keinesfalls ein Modell, das die Sprachbildung im menschlichen Gehirn hinreichend erklären könnte, es interpretiert sie lediglich mit den Mitteln der Skulptur, der Licht- und Medienkunst und bildet es in einem Raum ab. Es entspricht ihr nicht - wie auch die Buchstaben- und Zahlenfolge keinen Sinn ergibt - es vervielfältigt jedoch die Reize, die von den Buchstaben ausgehen und regt wahrscheinlich das Broca’sche Areal an. „Die Sprache interessiert mich in der Funktion des Codes – also im Sinne des Verschlüsselns und Entschlüsselns. Es geht nicht um die Bedeutung des einen Begriffs, sondern konstitutiv um Sprache – im Zerlegen entfaltet sie diese Kraft“, kommentiert Kuball sein Anliegen.
Alle Fotos: ONUK, ZKM. Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, das der Künstler Verschriftlichung als Fragmentierung aufgreift. 1998 hatte er in „Space – Speech – Speed“ die Buchstabenfolge „perguntar“ auf drei mit Spiegelsteinen besetzte Diskokugeln projiziert. Das Wort, das auf Portugiesisch fragen bedeutet, zeichnete sich als dynamische Lichtreflexe an der Wand ab. Lesbar war es nicht. Die drei Kugeln jedoch, drehten sich wie kleine Planeten in einem Kosmos sinnentleerter Zeichen. Ein faszinierend schönes Bild für ein Raum und Geschwindigkeit gewordenes Sprechen. Wenn Mischa Kuball Sprache mit dem Licht verbindet, unterläuft er dessen Symbolik. Das Licht, nicht erst seit der Aufklärung Sinnbild von Vernunft und Erkenntnis, entzieht das Wort nun der Lesbarkeit, wäre ohne es aber nicht einmal sichtbar. Eine rationale Antwort gibt „Space – Speech – Speed“ nicht. Das Werk wird selbst zu Antwort, und der durch es ausgelöste Assoziationsreichtum. Wie beziehungsreich dieser sein kann, hat Mischa Kuball 1999 in seiner Arbeit „Greenlight“, die er in Montevideo verwirklicht hat, gezeigt. Als „grihne Leit“ wurden jüdische Flüchtlinge aus Nord-, Mittel- und Osteuropa von den bereits im Barrio Rheus lebenden Immigranten auf Jiddisch genannt, da ihnen die Verhältnisse in Uruguay noch fremd waren. Sie also unerfahren, noch grün hinter den Ohren waren. Man kann „grihne Leit“ natürlich auch als green light missverstehen wollen und mit grün beleuchteten Häuserfassaden in Montevideo an die Menschen und ihr Exil erinnern. Überhaupt setzt Kuball das Licht häufig ein, um etwas Abwesendes zu vergegenwärtigen. So installierte er für seine Arbeit „Urban Context“ in Lüneburg elf Scheinwerfer auf einem Trägergerüst über einer Straße, unter der sich ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg befindet. Das gleißend helle Licht holt den Verlauf des unterirdischen Ganges und die Dimensionen der Anlage an die Oberfläche. Sowohl in der neueren Arbeit als auch in der früheren Variante „Broca’sche Areal“, in der die Aluminiumpyramiden noch durch zwei verspiegelte fünfeckige Kuben ersetzt und die Projektoren statisch installiert waren, bringt Mischa Kuball Licht und Buchstaben zusammen. Erkenntnis, also Sprache, wird es jedoch erst und ganz individuell im Kopf des Betrachters.
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| Ausstellung: | Mischa Kuball: «Remix/Broca II (Letters/Numbers)» |
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| Links: |
»ZKM |