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23.04.07
Die Kunst des Trauerns, halbvoll, halbleer das Glas
Villö Huszai

Das mittlere der drei zu Bildschirmen umfunktionierten Zürcher Forellen-Aquarien unter der Dreikönigsbrücke fällt einem zuerst ins Auge. Darauf weint ein Mann bitterlich, die forcierte Innerlichkeit und Emotionalität der Szene bannt den Blick. Man will wissen, warum der Mann weint. Erst mit der Zeit kommen die zwei flankierenden Bildschirme in den Blick. Dann aber erweist sich das videofilmische Tryptichon «Das tut mir leid...» des New Yorker Künstlers Jesse Finley Reed als bitterkluges Kammerspiel über die tränen- und fallenreiche Kunst des sich Entschuldigens.

Die Tränen des Mannes fallen in ein Abflussloch zu Füssen des Mannes. Auf dem zweiten Screen fallen Tropfen in ein Glas, das sich langsam bis zur Hälfte füllt. Ist ein Glas halbvoll, wird es weggenommen. Auf dem dritten Screen wird das Glas in ein Regal gestellt. Langsam füllt sich so das Regal mit Gläsern. 225 Minuten dauert der Loop des dritten Screen, die anderen zwei einige Minuten.



Drei Stills aus dem Video «Das tut mir leid...» von Jesse Finley Reed.


Das halbvolle Glas auf dem Screen links des weinenden Mannes legt die Assoziation mit der Volksweisheit nahe, dass ein halbleeres Glas zugleich ein halbvolles sei. Diese wird hier aber verkehrt: Vielleicht schwingt die frohe Botschaft an den weinenden Mann, er könnte sich genauso gut freuen, mit. Doch eher geht es darum, dass die volle Trauer, die der Mann so nachdrücklich und als regelrechte Knochenarbeit zeigt, sich auch in eine halbherzige, eine peinlich genau abgemessene verkehren kann. Auf dem Video auf der Rechten sammeln sich die Gläser an und verstärken den Eindruck des buchhalterischen Sammelns und Hortens dieser Trauer.





Der deutsche Titel des Videos angesichts der amerikanischen Herkunft des Künstlers ist eine deutliche Anspielung auf die deutsche Kultur und Geschichte. Das Video ist denn auch während eines vom DAAD finanzierten Berlin-Aufenthaltes entstanden. Ihn habe die deutsche Kultur des sich Entschuldigens, in Zusammenhang mit der Shoa, fasziniert, erklärt Reed am Rande der gutbesuchten Vernissage. Insbesondere interessiere ihn die Frage, an welchem Punkt eine solche Praxis der Entschuldigung umkippe ins Unechte. Wie könne man überhaupt wirklich aufrichtig sein, wenn man um Entschuldigung bittet? Wie sei das Mischverhältnis zwischen echter Trauer und Unaufrichtigkeit beschaffen?





Reeds Video besticht vielleicht nicht durch einen unausschöpflichen Sinnreichtum, der gedankliche Bogen des Tryptichons wird einem aufmerksamen Passanten in seinen Grundzügen einigermassen bald klar – das aber doch nur unter der Voraussetzung, dass er sich auf das hermeneutische Spiel, das Kombinieren der drei Video-Stränge, für ein paar Minuten auch ernsthaft einlässt. Dafür muss der Passant zwischen den Bildschirmen mehrmals hin- und her wechseln und einige Momente abpassen, in denen sich die Verbindungen zwischen den drei Strängen zeigen. Er ist also eingeladen, seine ursprüngliche Fortbewegung, das zielstrebige Passieren der Unterführung, nicht nur zu unterbrechen, sondern sich auch denkerisch einen Moment nicht linear, sondern in einem vernetzenden Hin und Her zu bewegen. Wer sich auf diesen Test der eigenen Kombinationsgabe einlässt, dem ist auf seinem weiteren Spaziergang ein schönes Sinnbild für die Fallstricke des Trauerns und des sich Entschuldigens mitgegeben.

Zum Ausstellungsort «Videotank» passt die Arbeit durch das Mass an Aufmerksamkeit, welche sie verlangt: Dieses dürfte für nicht allzu pressierte Passantinnen und Passanten geeignet sein. Für den Ausstellungsraum ist die Arbeit von Reed insofern eine Neuheit, als es sich um eine reine Videoarbeit handelt. Johannes Gees hatte in seiner, den diesjährigen Zyklus eröffnenden Laserprojektion «Drown» den Raum, den die Dreikönigsbrücke unter sich bildet, einbezogen: Die projizierten Schriftzeichen befanden sich auf der gegenüberliegenden Kanalwand und vermittelten den Unterführungs-Passanten ein Gefühl für den sie um umgebenden Raum. Und die erste Arbeit, die publiclab unter der Dreikönigsbrücke zeigte, die letztjährige interaktive Videoinstallation «To spout a trout» hatte auf technisch sehr ehrgeizige Weise die Präsenz der Besucher in die künstlerische Bildwelt hinter den Bildschirmen integriert. Sowohl die Arbeit von Gees wie auch «To spout a trout» kann man als medienkünstlerische Arbeit verstehen: Mit technischen Medien wird eine reine Objektkunst überschritten, eine Öffnung des Kunstwerks in Richtung des Raumes und/oder des Publikums vollzogen. Diejenige von Reed könnte man nur dann als «Medienkunst» bezeichnen, wenn man das ganze Genre «Videokunst» dem Genre «Medienkunst» zuschlagen will. Ansonsten ist es Videokunst, das Publiclab hier zeigt, wie es der Name des Ausstellungsortes, «Videotank», ja auch ankündigt.

Die Ausstellung:

«Das tut mir leid...» Jesse Finley Reed vom 13. April bis 25. Mai.

Ort: Unterführung unter der Zürcher Dreikönigsbrücke. Wegbeschreibung siehe www.publiclab.ch.

Links:

»Website des Künstlers