Die Kunst des Trauerns, halbvoll, halbleer das Glas
Villö Huszai
Das mittlere der drei zu Bildschirmen umfunktionierten Zürcher
Forellen-Aquarien unter der Dreikönigsbrücke fällt einem zuerst ins Auge.
Darauf weint ein Mann bitterlich, die forcierte Innerlichkeit
und Emotionalität der Szene bannt den Blick. Man will wissen, warum der
Mann weint. Erst mit der Zeit kommen die zwei flankierenden Bildschirme
in den Blick. Dann aber erweist sich das videofilmische Tryptichon
«Das tut mir leid...» des New Yorker Künstlers
Jesse Finley Reed als bitterkluges Kammerspiel über die tränen- und
fallenreiche Kunst des sich Entschuldigens.
Die Tränen des Mannes fallen in ein Abflussloch zu Füssen des Mannes.
Auf dem zweiten Screen fallen Tropfen in ein Glas, das sich langsam bis
zur Hälfte füllt. Ist ein Glas halbvoll, wird es weggenommen. Auf dem
dritten Screen wird das Glas in ein Regal gestellt. Langsam füllt sich
so das Regal mit Gläsern. 225 Minuten dauert der Loop des dritten Screen,
die anderen zwei einige Minuten.
Drei Stills aus dem Video «Das tut mir leid...» von Jesse Finley Reed.
Das halbvolle Glas auf dem Screen links des weinenden Mannes
legt die Assoziation mit der Volksweisheit nahe, dass
ein halbleeres Glas zugleich ein halbvolles sei. Diese wird hier aber verkehrt:
Vielleicht schwingt die frohe Botschaft an den weinenden Mann, er könnte sich genauso gut
freuen, mit. Doch eher geht es
darum, dass die volle Trauer, die der Mann so
nachdrücklich und als regelrechte Knochenarbeit zeigt, sich auch in eine
halbherzige, eine peinlich genau
abgemessene verkehren kann. Auf dem Video auf der Rechten
sammeln sich die Gläser an und
verstärken den Eindruck des buchhalterischen Sammelns und Hortens dieser
Trauer.
Der deutsche Titel des Videos angesichts der amerikanischen Herkunft des
Künstlers ist eine deutliche Anspielung auf die deutsche Kultur und
Geschichte. Das Video ist denn auch während eines vom DAAD finanzierten
Berlin-Aufenthaltes entstanden. Ihn habe die deutsche Kultur des sich Entschuldigens,
in Zusammenhang mit der Shoa, fasziniert, erklärt Reed am Rande der gutbesuchten
Vernissage.
Insbesondere interessiere ihn die Frage, an welchem Punkt eine solche Praxis
der Entschuldigung umkippe ins Unechte. Wie könne man überhaupt wirklich
aufrichtig sein, wenn man um Entschuldigung bittet? Wie sei das
Mischverhältnis zwischen echter Trauer und Unaufrichtigkeit beschaffen?
Reeds Video besticht vielleicht nicht durch einen unausschöpflichen Sinnreichtum,
der gedankliche Bogen des Tryptichons wird einem aufmerksamen Passanten
in seinen Grundzügen einigermassen bald klar – das aber doch nur unter der Voraussetzung,
dass er sich auf das hermeneutische Spiel, das Kombinieren der drei
Video-Stränge, für ein paar Minuten auch ernsthaft einlässt. Dafür muss der Passant
zwischen den Bildschirmen mehrmals hin- und her wechseln und einige
Momente abpassen, in denen sich die Verbindungen zwischen den drei Strängen
zeigen. Er ist also eingeladen, seine ursprüngliche Fortbewegung, das
zielstrebige Passieren der Unterführung, nicht nur zu unterbrechen, sondern sich
auch denkerisch einen Moment nicht linear, sondern in einem vernetzenden Hin
und Her zu bewegen. Wer sich auf diesen Test
der eigenen Kombinationsgabe einlässt, dem ist auf seinem weiteren Spaziergang
ein schönes Sinnbild für die Fallstricke des Trauerns und des sich
Entschuldigens mitgegeben.
Zum Ausstellungsort «Videotank» passt die Arbeit durch das Mass an
Aufmerksamkeit, welche sie verlangt: Dieses dürfte für nicht allzu
pressierte Passantinnen und Passanten geeignet sein. Für den
Ausstellungsraum ist die Arbeit von Reed insofern eine Neuheit, als es
sich um eine reine Videoarbeit handelt. Johannes Gees hatte in seiner, den
diesjährigen Zyklus eröffnenden
Laserprojektion «Drown» den Raum, den die Dreikönigsbrücke unter sich
bildet, einbezogen: Die projizierten Schriftzeichen befanden sich auf
der gegenüberliegenden Kanalwand und vermittelten den Unterführungs-Passanten
ein Gefühl für den sie um umgebenden Raum. Und die erste Arbeit, die
publiclab unter der Dreikönigsbrücke zeigte, die letztjährige interaktive
Videoinstallation «To spout a trout» hatte auf technisch sehr ehrgeizige
Weise die Präsenz der Besucher in die künstlerische Bildwelt hinter den
Bildschirmen integriert. Sowohl die Arbeit von Gees wie auch «To spout
a trout» kann man als medienkünstlerische Arbeit verstehen: Mit technischen
Medien wird eine reine Objektkunst überschritten, eine Öffnung des Kunstwerks
in Richtung des Raumes und/oder des Publikums vollzogen. Diejenige von Reed könnte
man nur dann als «Medienkunst» bezeichnen, wenn man das ganze Genre «Videokunst»
dem Genre «Medienkunst» zuschlagen will. Ansonsten ist es
Videokunst, das Publiclab hier zeigt, wie es der Name des Ausstellungsortes,
«Videotank», ja auch ankündigt.
Die Ausstellung:
«Das tut mir leid...» Jesse Finley Reed vom 13. April bis 25. Mai.
Ort: Unterführung unter der Zürcher Dreikönigsbrücke. Wegbeschreibung siehe
www.publiclab.ch.