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09.05.07
Konkret und ungefähr
Annette Hoffmann
Mit Sorgfalt und Ortsverbundenheit lanciert ein Kunstprojekt im Basler Ladenlokal eine Reihe von Dialogen via Video.

Das erwartet man hier gar nicht. Soviel Natur. Hinter dem Haus fließt der begradigte Rhein, davor fährt die Strassenbahn. Die St. Johannsvorstadt ist nicht die ruhigste Ecke Basels. Wer aber durch das Tor geht und weit genug fährt, kommt ins Elsass. Von dort hat Sus Zwick auch ihre Videoarbeit «Im Verlauf» mitgebracht, die Lena Eriksson in ihrer Reihe «7/Eleven» zeigt.


Von 7 bis eleven Uhr: Kunst im Ladenfenster

Sieben Monate werden jeweils von sieben bis 23 Uhr täglich Videos im Schaufenster von «Lodypop» zu sehen sein. Es sind sogar zwei, denn jeder der Eingeladenen darf einen Gast mitbringen. Eine Autorin oder ein Autor befasst sich mit den Arbeiten und trägt einen Text dazu bei. Sus Zwick, welche die Reihe eröffnet, hat Annelies Strba angefragt, die prompt zusagte und sogar erlaubte, ihr Video auf die Länge von Sus Zwicks Arbeit zu kürzen. Beide Werke sind im Wechsel zu sehen: während das eine im Galerieraum läuft, kann man das andere auf dem Monitor im Schaufenster sehen. Dann wird getauscht.

Für Sus Zwicks Wahl gaben kuratorische Gründe den Ausschlag. Denn beide Arbeiten befassen sich mit der Natur, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Wer lange genug Richtung Elsass aus dem Tor fährt, hat gute Chancen die beiden Gemüsebauern zu treffen, die Sus Zwick bei ihren Spaziergängen in Village Neuf kennen lernte. Gut anderthalb Jahre hat sie die immer gleichen Ansichten auf diesen Wegen fotografiert: ein Baum vor der dörflichen Kulisse im Wechsel der Jahreszeiten, die drei Spargelbeete des einen, das Gewächshaus des anderen Bauern. Wie in einer Diashow, nur zügiger, werden die Aufnahmen aneinandergereiht, wechseln sich mit dokumentarischen Filmen ab, in denen die beiden Bauern von ihrer Arbeit erzählen. Nach Basel und Birsfelden bringen sie ihr Gemüse, beliefern aber auch Restaurants in St. Louis und Mulhouse und so sind ihre kurzen Erzählungen auch eine kleine Geschichte über die Region. Über Spargelanbau in Village Neuf, der ohne polnische Erntearbeiter auskommt, über die «Revolution» (eine neue Spargelsorte, die selbst nach dem Johannistag noch trägt und eine höhere Ernte bringt) und den Rückgang der Landwirtschaft im Elsass. Zugleich aber können die Erfahrungen der beiden französischen Bauern für die Phänomene der Klimaerwärmung und der Globalisierung stehen. Kleines und Großes verschränkt sich im Blick von Sus Zwick, so wie sie in der Landschaft immer wieder Motive der Romantik, aber auch abstrakte Strukturen erkennt.


Stills aus Sus Zwick «Im Verlauf», 2007

Annelies Strba geht ebenfalls nah an die Dinge, ohne jedoch dass diese Tiefenschärfe gewännen. Ihre Aufnahmen erscheinen wie von einem Auto aus gemacht: gleichmäßig und auch ein wenig distanziert ziehen Blumen im Wind, blaue Blütenköpfe am Betrachter vorbei. Lichtreflexe sind zu erkennen, ein Wasserfall gerät in den Fokus der 1947 geborenen Fotografin und Videokünstlerin, manches erinnert an Klatschbilder. «Myima» wirkt seltsam entrückt, zumal Strba ihr Video mit buddhistischen Gesängen unterlegt hat. Hinzu kommt, dass Strba die Pixelästhetik bewusst einsetzt, um eine künstlich wirkende Vagheit zu erzielen, die so unberührbar schön ist, zugleich den Kitsch nicht meidet. Poesie jedoch ergibt sich sowohl im Konkreten als auch im Ungefähren.


Ausstellung:

«7/Eleven» mit Sus Zwick und Annelies Strba

Projekt für das Schaufenster von «Lodypop» (Leistung Ohne Druck/Projekte Ohne Panik) von Lena Eriksson, St. Johannsvorstadt 72, Basel (CH).

Täglich von 7 bis 23 Uhr
Bis 30. Mai 2007

7/Eleven wird fortgesetzt mit Bruno Steiner/Andreas Hofer (Juni), lodypop/Stefan Wischnefski (Juli), Lena Eriksson/Samuel Herzog (August), Jan Voellmy/Iris Baumann (September), Barbara Nägelin/Nelly Maurel (Oktober), Nicole Boillat/Christina Schäfer (November), Pascale Grau/Esther van der Bie (Dezember).

Links:

»lodypop

Weitere Ausstellungen von Sus Zwick zur Zeit:
»Museum Bruder Klaus Sachseln (bis 1. Juli)
»För Hitz ond Brand, Appenzell (bis 9. September)