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Das Gesicht erhebt sich kaum aus dem sandigen Viereck am
Boden des Basler Medienkunst-Forums [plug.in]. Darüber schwebt eine sehr
starke Glühbirne; ihr grelles Licht macht die Betrachtung erst möglich
und zugleich schmerzhaft. Irritierend und doch anziehend ist auch die
schwer fassbare Bewegung der Gesichtszüge. Das Surren einer kleinen
Maschine macht deutlich: Das Gesicht aus Gummi wird mechanisch in Bewegung
gehalten, es «lebt»! Der Mundwinkel zuckt, später wird es die Nase sein,
dann irgendwann das Kinn.

Lu Yang, «Ghost Bed», 2005
Das Sandstrand-Vergnügen des Sich-Eingraben-Lassens, dieses eigentümlich
lockende Spiel mit dem Tod, wird von der Arbeit «Ghost Bed» der jungen
chinesischen Künstlerin Lu Yang auf atemberaubende Weise mit der Frage
nach dem Verhältnis von Maschine und menschlichem Geist verknüpft. Dieses
Verhältnis könnte für das wirtschaftlich boomende China brennender nicht
sein – und doch stellt die Künstlerin Yang die Frage in einer Form, die
sich einer direkten politischen oder gesellschaftlichen Aufschlüsselung
verweigert.
China hat sich seit dem Trauma der politischen Wende von 1989 innerhalb
zweier Jahrzehnte in einen rasenden Marktplatz und ein Land des wirtschaftlichen
Pragmatismus verwandelt. Genau darauf kommt es dem Gastkurator der Basler
Ausstellung Zhang Ga, an: Die westliche Erwartung, Chinas Kunst müsse
stets in direkt-expliziter Weise auf Konfrontationskurs mit politischer
Autorität gehen, ignoriere diese Entwicklung. Die kleine Ausstellung mit
dem ehrgeizigen Titel wird von Pro Helvetia unterstützt, wo man von einem
«Pilotprojekt» für das erst im Aufbau begriffenen China-Engagement spricht.
Die Ausstellung «New Directions from China» gibt mehr Anlass zu Fragen,
als dass Direktiven und Richtungen deutlich werden könnten. Doch zweifellos
bietet gerade das umstrittene und doch stets aktuelle Genre «Medienkunst»
einen interessanten Einstieg ins Fragen.

Der New Yorker Gastkurator Zhang Ga beim Eröffnungsvortrag
im [plug.in]
Viel konkreter nimmt die interaktive Installation «18 Coppermen» von Jin
Jiangbo auf Politik Bezug: Eine etwa einen Meter hohe Menschenfigur steht
auf einem Sockel und ist mit den Linien und Vermessungen bedeckt, welche
die Akupunktur am Menschen festmacht. Die Nadeln liegen bereit. Etwa zehn
der solchermassen bestimmten neuralgischen Punkte mit den rätselhaften
Kürzeln St14, St17 oder K110 sind verkabelt. Hat man sich dazu überwunden,
eine Nadel hineinzustecken (wobei man manchmal ewas makaber tüchtig stochern
muss), löst man auf dem Screen dahinter eine Projektion, eine kleine Computer-Animation
aus, die von Punkt zu Punkt wechselt. In diesen Mini-Filmen wird die globale
Politik (vertreten durch ihre Exponenten von Eisenhower, Reagan bis zu
Angela Merkel) mit Gedanken über den chinesischen Postkommunismus verknüpft.
Die äusserst schrille Tonspur gibt dieser Verknüpfung eine Dramatik, die
zu ihrer Comic-Bildästhetik gut passt: eine vielleicht durch ihre Krudheit
nicht über alle Zweifel erhabene, aber äusserst fesselnde Arbeit.

«18 Coppermen» von Jin Jiangbo
Zhang Ga ist einer der Organisatoren der 2008 in Peking stattfindenden
grossen Medienkunst-Ausstellung «China International New Media Arts Exhibition»,
wobei die nur aus einer Titelseite bestehende »Homepage verrät, dass es dazu noch ein langer Weg
ist. Zhang Ga, der als Jugendlicher in die USA ausgewandert war, ist 2003
zum ersten Mal wieder nach China zurückgekehrt. Schon ein Jahr später
hat er eine erste Konferenz namens
»Millenium Dialogue gestartet. Die Konferenz sollte, so Ga, «einen
konstruktiven Dialog und eine dynamische Interaktion zwischen chinesischen
Künstlern und globalen Trends in digitaler Kunst-Ausbildung, Produktion
und Theorie ermöglichen.» Verbunden mit einer internationalen Ausstellung
wurde dieser Dialog 2005 und 2006 weiterverfolgt. Chinesische Künstler
waren dabei nur am Rande vertreten, unter rund 40 künstlerischen Positionen
fanden sich gerade einmal fünf chinesische. Ga erklärt sich das unter anderem
damit, dass es die für Amerika und den Westen so typische subkulturelle
«Garage-Kultur» noch nicht gebe. Nur schon Kühlschränke hätten für einen
Grossteil der Bevölkerung bis vor kurzem einen unerschwinglichen Luxus
dargestellt. Trotzdem steht Ga hinter diesem für ihn nur teilweise einseitigen
Dialog, denn durch diesen Dialog kämen chinesische Künstler überhaupt in Kontakt
mit internationaler (Medien-)Kunst und würden mit ihr vertraut.
Ein verwandtes Konzept leitet auch die Basler Ausstellung. Gegen Ende
der Ausstellung, am 15. Juni, werden einige der Künstler anwesend sein und in einer
Panel-Diskussion Auskunft über die Produktionsbedingungen in China geben.
Zugleich ist ihre Anwesenheit während der Internationalen Kunstmesse Art
Basel die Chance für die chinesischen Künstler, die Begegnung mit der
internationalen Kunst zu vertiefen. Hört man sich die Namen und Institutionen
an, auf die sich Ga beruft – das ZKM oder V2 in Rotterdam – dann kann
man den Eindruck nicht abschütteln, dass diese chinesische Initiative,
auf die sich Pro Helvetia momentan stark einlässt, in gewissem Masse abhängig
und ein Abklatsch einer «Medienkunst» ist, die hier lange in aller Munde
war, heute aber eher etwas ins Abseits geraten ist, in Europa wie in den USA.
Und es stellt sich die Frage,
ob die offenbar staatlich von höchster Stelle unterstützte Ausstellung
von 2008 alles zeigen kann und darf, was es an kritischer Kunst in China
gibt. Doch bei allen Fragen: Die Begegnung, die das [plug.in] zusammen
mit Pro Helvetia auf die Beine gestellt hat, mag zu faszinieren
und neugierig zu machen.
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