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19.05.07
Chinesische Medienkunst - Schlüsselkunst für unser Verständnis Chinas?
Villö Huszai
Zhang Ga, ein in New York lebender Medienkunst-Experte, kuratierte im Basler [plug.in] die Ausstellung «New Directions from China». Unter grossmundigem Titel verhilft das von Pro Helvetia unterstützte Projekt zu einigen geglückten Begegnungen.

Das Gesicht erhebt sich kaum aus dem sandigen Viereck am Boden des Basler Medienkunst-Forums [plug.in]. Darüber schwebt eine sehr starke Glühbirne; ihr grelles Licht macht die Betrachtung erst möglich und zugleich schmerzhaft. Irritierend und doch anziehend ist auch die schwer fassbare Bewegung der Gesichtszüge. Das Surren einer kleinen Maschine macht deutlich: Das Gesicht aus Gummi wird mechanisch in Bewegung gehalten, es «lebt»! Der Mundwinkel zuckt, später wird es die Nase sein, dann irgendwann das Kinn.


Lu Yang, «Ghost Bed», 2005

Das Sandstrand-Vergnügen des Sich-Eingraben-Lassens, dieses eigentümlich lockende Spiel mit dem Tod, wird von der Arbeit «Ghost Bed» der jungen chinesischen Künstlerin Lu Yang auf atemberaubende Weise mit der Frage nach dem Verhältnis von Maschine und menschlichem Geist verknüpft. Dieses Verhältnis könnte für das wirtschaftlich boomende China brennender nicht sein – und doch stellt die Künstlerin Yang die Frage in einer Form, die sich einer direkten politischen oder gesellschaftlichen Aufschlüsselung verweigert.

China hat sich seit dem Trauma der politischen Wende von 1989 innerhalb zweier Jahrzehnte in einen rasenden Marktplatz und ein Land des wirtschaftlichen Pragmatismus verwandelt. Genau darauf kommt es dem Gastkurator der Basler Ausstellung Zhang Ga, an: Die westliche Erwartung, Chinas Kunst müsse stets in direkt-expliziter Weise auf Konfrontationskurs mit politischer Autorität gehen, ignoriere diese Entwicklung. Die kleine Ausstellung mit dem ehrgeizigen Titel wird von Pro Helvetia unterstützt, wo man von einem «Pilotprojekt» für das erst im Aufbau begriffenen China-Engagement spricht. Die Ausstellung «New Directions from China» gibt mehr Anlass zu Fragen, als dass Direktiven und Richtungen deutlich werden könnten. Doch zweifellos bietet gerade das umstrittene und doch stets aktuelle Genre «Medienkunst» einen interessanten Einstieg ins Fragen.


Der New Yorker Gastkurator Zhang Ga beim Eröffnungsvortrag im [plug.in]

Viel konkreter nimmt die interaktive Installation «18 Coppermen» von Jin Jiangbo auf Politik Bezug: Eine etwa einen Meter hohe Menschenfigur steht auf einem Sockel und ist mit den Linien und Vermessungen bedeckt, welche die Akupunktur am Menschen festmacht. Die Nadeln liegen bereit. Etwa zehn der solchermassen bestimmten neuralgischen Punkte mit den rätselhaften Kürzeln St14, St17 oder K110 sind verkabelt. Hat man sich dazu überwunden, eine Nadel hineinzustecken (wobei man manchmal ewas makaber tüchtig stochern muss), löst man auf dem Screen dahinter eine Projektion, eine kleine Computer-Animation aus, die von Punkt zu Punkt wechselt. In diesen Mini-Filmen wird die globale Politik (vertreten durch ihre Exponenten von Eisenhower, Reagan bis zu Angela Merkel) mit Gedanken über den chinesischen Postkommunismus verknüpft. Die äusserst schrille Tonspur gibt dieser Verknüpfung eine Dramatik, die zu ihrer Comic-Bildästhetik gut passt: eine vielleicht durch ihre Krudheit nicht über alle Zweifel erhabene, aber äusserst fesselnde Arbeit.


«18 Coppermen» von Jin Jiangbo

Zhang Ga ist einer der Organisatoren der 2008 in Peking stattfindenden grossen Medienkunst-Ausstellung «China International New Media Arts Exhibition», wobei die nur aus einer Titelseite bestehende »Homepage verrät, dass es dazu noch ein langer Weg ist. Zhang Ga, der als Jugendlicher in die USA ausgewandert war, ist 2003 zum ersten Mal wieder nach China zurückgekehrt. Schon ein Jahr später hat er eine erste Konferenz namens »Millenium Dialogue gestartet. Die Konferenz sollte, so Ga, «einen konstruktiven Dialog und eine dynamische Interaktion zwischen chinesischen Künstlern und globalen Trends in digitaler Kunst-Ausbildung, Produktion und Theorie ermöglichen.» Verbunden mit einer internationalen Ausstellung wurde dieser Dialog 2005 und 2006 weiterverfolgt. Chinesische Künstler waren dabei nur am Rande vertreten, unter rund 40 künstlerischen Positionen fanden sich gerade einmal fünf chinesische. Ga erklärt sich das unter anderem damit, dass es die für Amerika und den Westen so typische subkulturelle «Garage-Kultur» noch nicht gebe. Nur schon Kühlschränke hätten für einen Grossteil der Bevölkerung bis vor kurzem einen unerschwinglichen Luxus dargestellt. Trotzdem steht Ga hinter diesem für ihn nur teilweise einseitigen Dialog, denn durch diesen Dialog kämen chinesische Künstler überhaupt in Kontakt mit internationaler (Medien-)Kunst und würden mit ihr vertraut.

Ein verwandtes Konzept leitet auch die Basler Ausstellung. Gegen Ende der Ausstellung, am 15. Juni, werden einige der Künstler anwesend sein und in einer Panel-Diskussion Auskunft über die Produktionsbedingungen in China geben. Zugleich ist ihre Anwesenheit während der Internationalen Kunstmesse Art Basel die Chance für die chinesischen Künstler, die Begegnung mit der internationalen Kunst zu vertiefen. Hört man sich die Namen und Institutionen an, auf die sich Ga beruft – das ZKM oder V2 in Rotterdam – dann kann man den Eindruck nicht abschütteln, dass diese chinesische Initiative, auf die sich Pro Helvetia momentan stark einlässt, in gewissem Masse abhängig und ein Abklatsch einer «Medienkunst» ist, die hier lange in aller Munde war, heute aber eher etwas ins Abseits geraten ist, in Europa wie in den USA. Und es stellt sich die Frage, ob die offenbar staatlich von höchster Stelle unterstützte Ausstellung von 2008 alles zeigen kann und darf, was es an kritischer Kunst in China gibt. Doch bei allen Fragen: Die Begegnung, die das [plug.in] zusammen mit Pro Helvetia auf die Beine gestellt hat, mag zu faszinieren und neugierig zu machen.

Ausstellung:

«New Directions from China»
[plug.in], St. Alban-Strasse 64, Basel (CH)

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonntag, 14.00 bis 18.00 Uhr
Bis 17. Juni 2007

Donnerstag, 15. Juni, 14.00 Uhr:
Künstlergespräch mit Jin Jiangbo, Lu Yang, Wu Juehui, Zhang Peili und Zhang Ga

Mit «New Directions from China» ist [plug.in] auch erneut als Gast an der Liste - The Young Art Fair eingeladen.

Links:

»Zur Ausstellung im [plug.in]