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24.05.07
Der Blog als mediale Begleiterscheinung des Unterrichts – ein Erfahrungsbericht von
Monika Schmidt

Seit letztem Jahr wird an der HGKZ mit einer neuen Unterrichtsform experimentiert. Dr. Nils Röller, Autor und Dozent für Medien- und Kulturtheorie am Studienbereich Neue Medien der HGKZ, lässt seine Vorlesungen in einem Blog begleiten. Zwei bis vier Studierende haben jeweils die Aufgabe, sich hier mit der Thematik des aktuellen Vorlesungsabends vertieft auseinanderzusetzen. Dies kann und soll mittels Texten, Bildern, Filmen, Tonmaterialen, Links oder auch in Form eigener Arbeiten geschehen. Monika Schmidt, eine der Mitwirkenden, erzählt in einem ersten Erfahrungsbericht.

Vorlesung. Daneben – oder vor allem – Menschen, Maschinen, Mischwesen, Kippfiguren. Viel virtuos Erzähltes, auch Verwirrendes: Was ist damit zu tun, mit all dem Gesammelten, nach 90 Minuten? Sich mit einem Vis-à-vis besprechen, um sich darin zurechtzufinden – oder es einfach vorüberziehen lassen?

Der Blog der Vorlesung «Magie, Mythos, Mischwesen» des letzten Semesters wird nahtlos weitergeführt für die neue Reihe unter dem Titel «Chaos, Korsaren, Kommandeure». Beteiligt sind (wie überhaupt in den Theorie-Modulen der Hochschule) Studierende aller Fachrichtungen in einer interessanten Durchmischung. So haben sie – und der Dozent – die Möglichkeit, im Laufe der Woche nachzulesen, was andere interessiert und was sich bei ihnen festgesetzt hat. Um manchmal auch festzustellen, dass es vielleicht gar nichts mit dem zu tun hat, was am Abend selbst erzählt worden war.

Der Blog ist in diesem Fall ein diskursives Dialog- und Speichermedium von selektivem Wissen. Ein Sammelsurium mit Rückblick auf Aufgenommenes und Gelerntes, das sich auf der virtuellen Plattform nicht einfach reproduzieren soll, sondern im Versuch darstellt, die neben den «vermittelten Tatsachen» entstandenen Zwischenräume mit Weiterdenken zu füllen. Mit dem Vorgetragenen wird – mal mehr mal weniger – subjektiv umgegangen. Das spiegelt sich auch in der formalen Vielfalt der Blogeinträge, so dass Wissen nicht als verdichtete Wiedergabe von Tatsachen erscheint, sondern als abhängig von der sich damit auseinandersetzenden Person. Immer wieder referiert man in Copy/Paste auf die Quelle «Wikipedia»: Es scheint nicht ohne Stütze auf Ungestütztes zu gehen – würde doch zumindest der Schrifttyp angepasst...

Eine Alphabetisierung des Subjektiven
Lesend findet man sich in Gedanken zu Schnittstellen und Verhältnissen von Mensch und Maschine. Der Blog ist nicht eine Schilderung von Wahrheiten, sondern Einladung, über das Geschriebene nachzudenken, «eine Alphabetisierung des jeweiligen Blickes». Problem und Chance eines Blogs als Werkzeug im Unterricht liegen vor allem in der Verpflichtung der Einzelnen sich mit dem Gehörten und Gesehenen auseinanderzusetzen, Dinge herauszuklauben, die einem zum Weiterdenken anregen, sich aufdrängen, einen Beitrag zu leisten. Der Blog lässt nicht zu, in der passiv-rezeptiven Rolle zu verharren. Das ist im besten Fall auch der Anspruch an jede andere Lern- und Kommunikationsform im Unterricht. Doch die zeitliche und örtliche Unbegrenztheit der Neuen Medien und ihr Spielraum für kooperativen, interaktiven Austausch innerhalb einer «Blogger-Gemeinschaft» können reizvoll und motivierend sein und bieten eine zusätzliche, jederzeit veränderbare Ebene.

So entsteht im Internet eine Art visuelles Hörspiel, das mit jedem Satz mitten heraus und fragmenthaft möglicherweise die individuelle Gültigkeit des vorhergehenden Beitrags relativiert. Ist es nicht unumgänglich, dass ich als Produzentin oder Produzent von Beiträgen laufend Unsicherheiten hervorbringe, weil ich selbst in einem (Schreib-) Prozess stecke, in dem Gedanken erst während und in der Formulierung Gestalt annehmen, sich auf dem Weg verformen, zersplittern, in Sackgassen münden oder sich in Unbestimmtheit verlieren? Die Lesenden finden sich in einem Gehege der Unsicherheit.

Diese jederzeit einsehbare Auseinandersetzung mit dem Referierten und Präsentierten erinnert vielleicht an das Nachbild eines erleuchteten Gegenstandes, nachdem man die Augen abwendet. Das vermeintlich Gesehene hat immer etwas mit dem «ursprünglich Blendenden» zu tun, zu einem beträchtlichen Teil jedoch gestaltet sich das Nachbild durch den interpretativen Umgang der nacherzählenden Bloggerin oder Bloggers. Die schreibende Wiedergabe und Weiterführung des eigenen Blicks darauf ist eine eine Art Erkenntnismaschine, die je nach Motivation und Interesse mit unterschiedlicher Intensität rattert oder für manche auch summt.

Betriebsames Archiv
Von aussen sind die Beiträge nicht immer nachvollziehbar. In der Navigation kann in chronologischer Reihenfolge unter der Rubrik «Archives» eine Auswahl getroffen werden. Oder man sucht unter den «Categories» nach Überbegriffen wie etwa «Baustelle», «Maschinen», «Mythos», «Philosophie» und «Uncategorized». Doch wird man auch hier jeweils vordergründig losgelöste Beiträge vorfinden, die in sich eine Geschichte erzählen, ohne sich mit ihren Vor- oder Nachläufern zu einem narrativen Ganzen zu verbinden. Die direkte Anbindung an die wöchentlichen Vorlesungen den Blog zu einem nahezu geschlossenen System, was vermuten lässt, dass meist nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Vorlesung in der Lage sind, die Verknüpfungen zwischen den vorgestellten Gedanken und Erläuterungen herzustellen.

So dient das Medium Blog nicht alleinig als Produktionsmaschine und Möglichkeit zur Reflexion, man sieht sich zugleich konfrontiert mit den Problemen in der Umsetzung dieser Vision einer breiten Teilnahme am Diskurs.
Blog:

Zur Vorlesung «Chaos, Korsaren, Kommandeure»
Studierende der HGKZ und Dozent Dr. Nils Röller

Hochschule der Kunst Zürich

Links:

»www.mediendenken-maschinendenken.ch
Nils Röller ist auch einer der Autoren des «Journal für Kunst, Sex und Mathematik», vgl. Verena Kunis »Artikel vom 4. Januar 2007