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12.06.07
Flausen mit Potenzial: ein Zürcher Projekt zur Kultivierung unkonventioneller Ideen
Verena Kuni

Flausen sind, was einem manche Mitmenschen am liebsten ausreden wollen. Sie sprechen von Flausen und haben vor allem den lateinischen Wortstamm im Sinn, der Luftschlösser und Gedankenflüge leicht mit Flatulenz, also dem Körper entweichenden Gasen assoziieren lässt. Das Team des Flausen-Vereins dagegen, das seit etwas mehr als zwei Jahren die gleichnamigen Veranstaltungen organisiert, setzt klar auf eine positive Auslegung des Begriffs: Flausen als Potenzial!

So steht es auch auf den Flausen-Heimseiten zu lesen: «Flau/sen Pl.: 1. unkonventionelle Ideen, 2. eigensinnige Projekte, 3. inspirierende Ausflüchte, 4. konsequente Träumereien» bilden die Basis des Formats, das – von der üblichen Sommerpause abgesehen – in annähernd alle zwei Monate stattfindenden Abenden an wechselnden Orten realisiert wird. Vom Ablauf her gibt es ein festes Schema: Geladene Gäste aus den unterschiedlichsten Disziplinen – sei es Kunst, Design, Architektur, Wissenschaft, Musik – werden mit der jeweils gewünschten Präsentationstechnik versorgt und haben rund sieben Minuten Zeit, dem Publikum ihre Flausen vorzustellen. Vorzugsweise natürlich solche, die bereits Gestalt angenommen haben.


Flausen am Tweakfest Ende Mai

Wie spannend Flausen-Abende ausfallen, liess sich gerade jüngst wieder im Rahmen der zweiten Ausgabe des Tweakfests in Zürich erleben. Breit gespannt war das Spektrum der Beiträge, das diesmal von individuellen und kollektiven Kunstprojekten über technologische Tüftelei und angewandtes Design bis hin zu originellen Anwendungen journalistischer Medienformate reichte. Während etwa Raphael Hefti vorführte, wie es ihm mit Hilfe einer klug modifizierten Heissluftballon-Konstruktion gelang, seinen alpinen Landschaftsfotografien zu poetischen Beleuchtungseffekten zu verhelfen, erhielt Curdin Schneider frenetischen Beifall für einen echten Splatter-Movie, bei dem er selbst den Serien- bzw. «Camkiller» gab: Ganz ähnlich wie weiland Kain Karawahn in seinen Arbeiten der 1980er Jahre seine Videokameras mit Benzin übergoss, unter eine Strassenwalze legte oder mit der Stichsäge bearbeitete, um aus diesem Prozess jeweils ein «Band bis zum letzen Bild» zu extrahieren, so hatte auch Schneider den Aufnahmegeräten auf die unterschiedlichste Art und Weise zugesetzt und das entsprechende Ergebnis dann zu einer Symphonie des apparativen Serienmordes komponiert.

Selbst die Taufe eines Kindes taugt zum Kunstskandal. Philipp Maier vom Cabaret Voltaire zeigte ein Video, welches die umstrittene Aktion bewarb, die sich das Künstler-Duo Com & Com als Geburtstagsgeschenk an sein Haus ausgedacht hatte: Ein Baby, das man – gegen eine monetäre Gabe – Dada nennt? Ob man die Umkehrung des Prinzips, nach dem die Avantgardebewegung Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu ihrem Namen fand, nun moralisch verwerflich findet oder nicht – das Prädikat Flause verdient sie sicherlich.
Unbestreitbar konstruktiv sind die Flausen, denen man in der «Schweizerischen Gesellschaft für Mechatronik» (SGMK) an den diversen Schnittstellen von Mechanik, Elektronik und Informatik zur Umsetzung verhilft: In den angebotenen Kursen können Interessierte den kreativen Umgang mit Lötkolben und Schaltungen lernen, um elektronisches Spielzeug in skurrile Musikinstrumente zu verwandeln, selbst ein kleines Theremin oder einen Mini-Roboter zu bauen. Wie einfach das gehen kann, führte Marc Dusseiller höchst anschaulich in einem Aminations-Clip vor, bei dem sich Drähte und Module wie von Zauberhand zu einem kleinen Sequencer zusammenfügten.


Basteln mit Hirn, vorgeführt von der «Schweizerischen Gesellschaft für Mechatronik» (SGMK)

Eine ganz andere Symbiose von Mediengebrauch und handwerklicher Praxis stellte Till Bay mit seinem Projekt «Windowzoo» vor. Hier dient das World Wide Web zur weltweiten Vernetzung und Präsentation einer ganz speziellen Street Art-Aktivität, die ihrerseits als imaginäre und zugleich reale Aneignung von Raum funktioniert: An Fenstern, Plakaten und Wänden werden nach Art der «Vogelschutz»-Aufkleber Silhouetten angebracht, dass je nach Blickrichtung sinnstiftende Bilder entstehen – ein «Zoo» also, der zur Freisetzung neuer Perspektiven auf bis dahin (blick-)politisch fest besetzt erscheinende Räume führt.

Mit von der Partie war schliesslich auch der Basler «Web-Kunstfernsehsender» VernissageTV, dessen Begründer Heinrich Schmidt für seine Präsentation hinter der Kamera hervorspringen musste, mit der die Flausen-Veranstaltung zugleich aufgezeichnet wurde. Auch VernissageTV ist ein typisches Flausen-Projekt: Was zunächst als Flause durch die Köpfe geisterte, hat sich dank unermüdlicher Kreativität im kleinen Team jenseits aller ökonomischen Vernunft auf professionellen Niveau etabliert. VernissageTV mauserte sich innert kurzer Zeit zu einer gefragten Adresse für alle jene, die über das internationale Kunstgeschehen auf dem Laufenden bleiben wollen. Eine gesunde Mischung aus Intelligenz und Humor hinter der Kamera sowie beim Schnitt sorgen dafür, dass bei aller Nähe, die solche Einblicke zwingend verlangen, das notwendige Quentchen kritischer Distanz zum Kunstbetrieb und seinen allfälligen Verwerfungen keineswegs auf der Strecke bleiben.


«Windowzoo» - zur Freisetzung neuer Perspektiven im öffentlichen Raum

Nicht jeder Mensch, der Flausen hat, macht auch etwas aus ihnen. Natürlich kann es gleichwohl interessant sein, von guten Ideen zu hören, die noch im Zustand des Reifens sind – und möglicherweise dann auch noch verworfen werden. Bei den Zürcher Flausen dominiert bis dato ein «konsequentes Träumen» in Richtung Realisierung: Also «unkonventionelle Ideen» und «eigensinnige Projekte», die bereits Wirklichkeit geworden sind – die beeindrucken, faszinieren, amüsieren und vor allem auch inspirieren.

Was für die Gäste gilt, lässt sich ohne Abstriche auch auf die Gastgeber übertragen. Die leichthändige Souveränität der ebenso herzlichen wie professionellen Moderation, mit der die Mitglieder des Flausen-Teams abwechselnd durch ihr Programm führen, wird nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst die schönste Veranstaltung Arbeit macht. Gemeinsam gestemmt und mit unverkennbarer Freude an der Sache gelingt sie auch – wie eben das Gastspiel beim Tweakfest bestens bewies. Zudem zeigte die Crew, dass sie selbst keineswegs nur theoretisch Flausen pflegt: Flink hatte man den Nachmittag über die Tweakfest-BesucherInnen fotografiert und konnte nun als Extra-Bonbon zum Abschluss eine vor Ort gebastelte Animation präsentieren, in der nach Art eines Klapp-Buchs die Figuren Köpfe, Körper und Beine tauschen. Mit einer guten Idee und einfachen Mitteln spielerisch einiges durcheinander und damit in Bewegung bringen? Auf den Punkt ein wunderbares Bild für die Produktivität von Flausen.

Besonderer Dank für Standbilder aus seinem Video geht an Heinrich Schmidt von VernissageTV!

Projekt:

Flausen - Zürich: »www.flausen.ch

Zum »Bilderbuch der Flausen am Tweakfest. Bewegten Einblick in den Flausen-Abend vom 25. Mai gibt auch der »Clip bei VernissageTV.

Links:

Zu den Gästen mit «Flausen» vom 25. Mai 2007 (am Tweakfest):

Raphael Hefti (Zürich) – Disco – »www.raphaelhefti.ch
Curdin Schneider (Chur) – Camkiller
Philipp Meier (Zürich) – DADA Das zweite Leben (Com & Com) – »www.gugusdada.ch
Marc Dusseiller (Zürich) – SGMK – »www.sgmk-ssam.ch
Till Bay (Zürich) – Windowzoo – »http://windowzoo.com
Heinrich Schmidt (Basel) – VernissageTV – »www.vernissage.tv

Ausserdem an diesem Abend präsent:
Andres Wanner (Zürich) – Pixelstorm Awards – »www.pixelstorm.ch
Stefan Seidel (Zürich) – Rebell TV – »http://rebell.tv
Alex Postelnicu (New York) – SNOWLABS – »www.snowlabs.ch/alex/
Peter Uertz (Düsseldorf) – »www.audiotie.de (Musik)