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So steht es auch auf den Flausen-Heimseiten zu lesen: «Flau/sen
Pl.: 1. unkonventionelle Ideen, 2. eigensinnige Projekte, 3. inspirierende
Ausflüchte, 4. konsequente Träumereien» bilden die Basis des Formats,
das – von der üblichen Sommerpause abgesehen – in annähernd alle zwei
Monate stattfindenden Abenden an wechselnden Orten realisiert wird. Vom
Ablauf her gibt es ein festes Schema: Geladene Gäste aus den unterschiedlichsten
Disziplinen – sei es Kunst, Design, Architektur, Wissenschaft, Musik –
werden mit der jeweils gewünschten Präsentationstechnik versorgt und haben
rund sieben Minuten Zeit, dem Publikum ihre Flausen vorzustellen. Vorzugsweise
natürlich solche, die bereits Gestalt angenommen haben.

Flausen am Tweakfest Ende Mai
Wie spannend Flausen-Abende ausfallen, liess sich gerade jüngst wieder
im Rahmen der zweiten Ausgabe des Tweakfests in Zürich erleben. Breit
gespannt war das Spektrum der Beiträge, das diesmal von individuellen
und kollektiven Kunstprojekten über technologische Tüftelei und angewandtes
Design bis hin zu originellen Anwendungen journalistischer Medienformate
reichte. Während etwa Raphael Hefti vorführte, wie es ihm mit Hilfe einer
klug modifizierten Heissluftballon-Konstruktion gelang, seinen alpinen
Landschaftsfotografien zu poetischen Beleuchtungseffekten zu verhelfen,
erhielt Curdin Schneider frenetischen Beifall für einen echten Splatter-Movie,
bei dem er selbst den Serien- bzw. «Camkiller» gab: Ganz ähnlich wie weiland
Kain Karawahn in seinen Arbeiten der 1980er Jahre seine Videokameras mit
Benzin übergoss, unter eine Strassenwalze legte oder mit der Stichsäge
bearbeitete, um aus diesem Prozess jeweils ein «Band bis zum letzen Bild»
zu extrahieren, so hatte auch Schneider den Aufnahmegeräten auf die unterschiedlichste
Art und Weise zugesetzt und das entsprechende Ergebnis dann zu einer Symphonie
des apparativen Serienmordes komponiert.
Selbst die Taufe eines Kindes taugt zum Kunstskandal. Philipp Maier vom
Cabaret Voltaire zeigte ein Video, welches die umstrittene Aktion bewarb,
die sich das Künstler-Duo Com & Com als Geburtstagsgeschenk an sein
Haus ausgedacht hatte: Ein Baby, das man – gegen eine monetäre Gabe –
Dada nennt? Ob man die Umkehrung des Prinzips, nach dem die Avantgardebewegung
Anfang des vergangenen Jahrhunderts zu ihrem Namen fand, nun moralisch
verwerflich findet oder nicht – das Prädikat Flause verdient sie sicherlich.
Unbestreitbar konstruktiv sind die Flausen, denen man in der «Schweizerischen
Gesellschaft für Mechatronik» (SGMK) an den diversen Schnittstellen von
Mechanik, Elektronik und Informatik zur Umsetzung verhilft: In den angebotenen
Kursen können Interessierte den kreativen Umgang mit Lötkolben und Schaltungen
lernen, um elektronisches Spielzeug in skurrile Musikinstrumente zu verwandeln,
selbst ein kleines Theremin oder einen Mini-Roboter zu bauen. Wie einfach
das gehen kann, führte Marc Dusseiller höchst anschaulich in einem Aminations-Clip
vor, bei dem sich Drähte und Module wie von Zauberhand zu einem kleinen
Sequencer zusammenfügten.
Basteln mit Hirn, vorgeführt von der «Schweizerischen
Gesellschaft für Mechatronik» (SGMK)
Eine ganz andere Symbiose von Mediengebrauch und handwerklicher Praxis
stellte Till Bay mit seinem Projekt «Windowzoo» vor. Hier dient das World
Wide Web zur weltweiten Vernetzung und Präsentation einer ganz speziellen
Street Art-Aktivität, die ihrerseits als imaginäre und zugleich reale
Aneignung von Raum funktioniert: An Fenstern, Plakaten und Wänden werden
nach Art der «Vogelschutz»-Aufkleber Silhouetten angebracht, dass je nach
Blickrichtung sinnstiftende Bilder entstehen – ein «Zoo» also, der zur
Freisetzung neuer Perspektiven auf bis dahin (blick-)politisch fest besetzt
erscheinende Räume führt.
Mit von der Partie war schliesslich auch der Basler «Web-Kunstfernsehsender»
VernissageTV, dessen Begründer Heinrich Schmidt für seine Präsentation
hinter der Kamera hervorspringen musste, mit der die Flausen-Veranstaltung
zugleich aufgezeichnet wurde. Auch VernissageTV ist ein typisches Flausen-Projekt:
Was zunächst als Flause durch die Köpfe geisterte, hat sich dank unermüdlicher
Kreativität im kleinen Team jenseits aller ökonomischen Vernunft auf professionellen
Niveau etabliert. VernissageTV mauserte sich innert kurzer Zeit zu einer
gefragten Adresse für alle jene, die über das internationale Kunstgeschehen
auf dem Laufenden bleiben wollen. Eine gesunde Mischung aus Intelligenz
und Humor hinter der Kamera sowie beim Schnitt sorgen dafür, dass bei
aller Nähe, die solche Einblicke zwingend verlangen, das notwendige Quentchen
kritischer Distanz zum Kunstbetrieb und seinen allfälligen Verwerfungen
keineswegs auf der Strecke bleiben.

«Windowzoo» - zur Freisetzung neuer Perspektiven
im öffentlichen Raum
Nicht jeder Mensch, der Flausen hat, macht auch etwas aus ihnen. Natürlich
kann es gleichwohl interessant sein, von guten Ideen zu hören, die noch
im Zustand des Reifens sind – und möglicherweise dann auch noch verworfen
werden. Bei den Zürcher Flausen dominiert bis dato ein «konsequentes Träumen»
in Richtung Realisierung: Also «unkonventionelle Ideen» und «eigensinnige
Projekte», die bereits Wirklichkeit geworden sind – die beeindrucken,
faszinieren, amüsieren und vor allem auch inspirieren.
Was für die Gäste gilt, lässt sich ohne Abstriche auch auf die Gastgeber
übertragen. Die leichthändige Souveränität der ebenso herzlichen wie professionellen
Moderation, mit der die Mitglieder des Flausen-Teams abwechselnd durch
ihr Programm führen, wird nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst die
schönste Veranstaltung Arbeit macht. Gemeinsam gestemmt und mit unverkennbarer
Freude an der Sache gelingt sie auch – wie eben das Gastspiel beim Tweakfest
bestens bewies. Zudem zeigte die Crew, dass sie selbst keineswegs nur
theoretisch Flausen pflegt: Flink hatte man den Nachmittag über die Tweakfest-BesucherInnen
fotografiert und konnte nun als Extra-Bonbon zum Abschluss eine vor Ort
gebastelte Animation präsentieren, in der nach Art eines Klapp-Buchs die
Figuren Köpfe, Körper und Beine tauschen. Mit einer guten Idee und einfachen
Mitteln spielerisch einiges durcheinander und damit in Bewegung bringen?
Auf den Punkt ein wunderbares Bild für die Produktivität von Flausen.
Besonderer Dank für Standbilder aus seinem Video
geht an Heinrich Schmidt von VernissageTV!
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