Impressum

redaktion@clickhere.ch
&
21.06.07
Heute aber leben wir noch
Verena Kuni

Unter dem Titel «De nos jours» zeigt Marie José Burki noch bis Ende Woche im Zürcher Helmhaus ihre leise bewegten Gesellschaftstableaus.

Die Hundstage sind vorbei. Mindestes scheint es so auf den ersten Blick: Bekannt geworden ist Marie José Burki Anfang der 1990er Jahre mit eindringlichen Videoarbeiten, deren Protagonisten Tiere waren. «Les chiens» beispielsweise: Eine Monitor-Installation, die nichts anderes zeigte als einen Hund, dessen auf die Kamera gerichteter Blick den der Betrachtenden spiegelt, während eine Stimme im Hintergrund jene Namen rezitiert, mit denen Menschen Hunde nach Rassen zu klassifizieren pflegen. Ein poetisches Bild für die Zurichtung, die im Kopf beginnt – und das, was sie erfassen will, verfehlt.


Still aus Marie José Burkis «De nos jours (tôt ou tard)» von 2006

In nur scheinbar schlichten, ebenso präzisen wie komplexen Tableaus etwas zu sehen zu geben, was sich der Sichtbarkeit entzieht, ist die Spezialität der 1961 in Biel geborenen und heute in Brüssel lebenden Künstlerin. Schon wenn man ihren Tieren ins Auge schaute, konnte man in den dunklen Pupillen Welten erkennen; sie waren eigentlich stets «Animaux» und «A.ni.maux», wie in der gleichnamigen documenta-Arbeit von 1992: Gegenüber, Projektionsfläche und zugleich Spiegel des Menschen, der ein Anderes braucht, weil er sich selbst nicht begreift.

Mittlerweile sind die Menschen selbst in den Fokus ihrer Kamera gerückt. «Des nos jours» – von unseren Tagen – erzählt die Werkgruppe aus Burkis jüngstem Projekt, die derzeit im Zürcher Helmhaus zu sehen ist. Eine grosse Erzählung, die Kapitel um Kapitel einen Roman des Lebens schreibt und dabei nur weniger Worte bedarf, weil sie mit ihren stillen Bildern unmittelbar in Bann zu schlagen versteht.

Als erstes zeigt sich in einer einzigen Einstellung eine Frau, die ihren leicht fülligen Körper immer wieder aufs Neue auf einem Sessel positioniert. Obwohl sie nicht mehr ganz jung ist und nur mässig attraktiv, verrät der schäbige Glamour ihrer spärlichen Kleidung unmittelbar, dass es sich nur um eine jener Prostituierten handeln kann, die in Schaufenstern auf ihre Kunden warten. Es bedarf keines Kunstgriffs, keiner Handlung; der unbewegte Blick der Kamera, dem der seinerseits direkt auf diese gerichtete, halb auffordernde, halb gelangweite Blick der Prostituierten antwortet, genügt vollauf. Man schaut – und wird angeschaut. Hier ist kein Platz für Voyeurismus oder Überheblichkeit: Was man sieht, ist das bare Leben.


Still aus Marie José Burkis «De nos jours (un matin II)» von 2005


Nur einen Schritt weiter öffnet sich mit vier riesigen, aus an die Wand gelehnten Paneelen bestehenden Projektionsflächen ein raumfüllendes Polyptychon. Bespielt wird es mit Szenen, die eine Gruppe gut situierter junger Frauen und Männer vor, während und nach einer gemeinsam gefeierten Party zeigen. Vom Ankleiden und Schminken, über die gespannte Erwartung bis zur Erschöpfung nach der durchzechten Nacht, geraten die Einblicke in die Interieurs allein durch Blicke und Gesten zur Innenansicht der Protagonisten. Erst nachdem man einige Zeit mit ihnen und dem Spiel der alternierenden Ansichten verbracht hat, stellt man fest, dass im Ablauf der Stunden offenkundig ein Zeitfenster fehlt: Dasjenige nämlich, in dem die Feier ihre glücklichen Höhepunkte gehabt haben mag.

Die leichte Melancholie, die «Là» auf diese Weise mit auf den weiteren Weg durch die Ausstellung gibt, wird durch die weiteren Stationen von «De nos jours» bestärkt. Das gilt nicht allein für «Dedans» – nebenbei die einzige Arbeit, die mit einem temperierten Einsatz von Ton operiert. Klänge einer unendlich langsam angespielten Bach-Partita schweben durch ein Bild, das wie ein in die Gegenwart entwendetes Memento Mori erscheint. Auf dem Tisch türmen sich die Reste eines überreichen Mahls, zwischen den Tellern mit toten Tieren geleerte Gläser, auf denen Lippenstift blutrote Spuren hinterlassen hat, überquellende Aschenbecher. In sich versunken sitzen die festlich gekleideten Frauen und Männer da, man scheint nicht nur einander überdrüssig geworden, sondern möglicherweise des Lebens überhaupt. Und so wundert es nicht, dass die Kamera, die über die Szene gleitet, schliesslich an einem der Männer hängen bleibt, dem Ältesten der Runde. Allein ist er aufgestanden, um als Eintänzer den Abend zu beschliessen; mit emporgereckten Armen wirft er sich in seine Musik, deren Refrain noch kurz aufflackert, bevor das Bild im Dunkel versinkt: «I feel like I'm knocking on heaven’s door...»


Still aus Marie José Burkis «De nos jours (ici même)» von 2006

Auch die zweite raumfüllende Mehrkanalprojektion, die 2003 entstandene Arbeit, mit der die Serie «De nos jours» ihren Auftakt nahm, vermittelt eine ähnliche Stimmung. Zunächst vielleicht noch nicht, da sie auf eine in sattem Grün strahlende Wiese entführt, auf der man Menschen in der Sonne lagern sieht. Sie räkeln sich auf Decken, lesen, rauchen, hören Musik, träumen in den Tag – eine alltägliche, eigentlich eher heitere Szenerie. Wären da nicht, wenn man nur lange genug in ihr versinkt, jene Bilder, in denen mit einem Mal ein wenig Wind über das Gras streift, an liegen gelassenen Zeitungsseiten zerrt und mit den Resten jenes Picknicks spielt, dessen sich einige der Sonnenbadenden kurz zuvor noch erfreuten. Es ist, als würde man für Sekunden einem Echo des Tages, des Lebens lauschen – obwohl doch weder zuvor die Geräusche des Tages noch jetzt das Wehen des Windes zu vernehmen ist.

Stille Bilder: Das meint bei Burki nicht nur den weitgehenden Verzicht auf Ton, sondern auch die Ruhe, mit der ihre Kamera dem begegnet, was sie fokussiert. Es ist eine Kamera, die fast oder sogar gänzlich unbewegt bleibt, die genau hinsieht, ohne abzutasten. Sie lässt sein: Menschen, Tiere, Gegenstände, selbst Räume begegnen einem hier als Subjekte. Das trifft auf alle Arbeiten Burkis gleichermassen zu. Was an dieser Ausstellung, an «De nos jours» besonders berührt, ist jedoch noch etwas anderes. Man spürt es bereits, wenn man langsam von Raum zu Raum geht, Kapitel um Kapitel den Roman des Lebens durchstreift; doch wirklich ins Bewusstsein tritt es erst, nachdem man die Ausstellung wieder verlassen hat, doch die Bilder bleiben. Was man gesehen hat, ist nicht nur das bare Leben, sondern auch dessen unaufhaltsame Vergänglichkeit. Wie eingebrannt steht es auf dem Rückendeckel des Katalogbuches zu lesen, in weissen Lettern auf schwarzem Grund:

«- Julia - Ja? - Was macht uns Angst? - Dass es vorbeigeht.»

Heute aber leben wir noch.
Ausstellung:

Marie José Burki. «De nos jours»
Helmhaus Zürich, Limmatquai 31, Zürich (CH)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr
Noch bis 24. Juni 2007

Ab 09. November 2007 im Centre Régional d'Art Contemporain Languedoc-Roussillon, Sète.

Zur Ausstellung ist ein Katalogbuch erschienen:
Marie José Burki: «Heute», mit Texten von Simon Maurer und Alain Cueff, Göttingen: Steidl, 2007. ISBN 978-3-86521-548-2

Links:

»Zur bescheidenen Website des Zürcher Helmhaus