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19.07.07
«Digital Art Weeks 2007» - an der Schnittstelle zur Wissenschaft
Villö Huszai

Während das Zürcher «Tweakfest» diesen Frühling die Medienkunst mit der (Kreativ-)Wirtschaft engführte, sind die vom Lehrstuhl Computersysteme der ETH Zürich organisierten «Digital Art Weeks» an der Schnittstelle der Medienkunst mit Natur- und Computerwissenschaften angesiedelt. Das Festival überzeugte in seiner vierten Ausgabe durch die Vielfalt der medienkünstlerischen Positionen und die Konsequenz, mit der Symposium, Ausstellungsorte und Abendveranstaltungen aufeinander bezogen waren.

Solche Mengen Medienkunst aufs Mal ist man sich in der Schweiz nicht gewohnt. Die diesjährigen «Wochen der digitalen Kunst» überforderten durch ihren Umfang – ein dreitägiges Symposium, vier Abendveranstaltungen und Ausstellungen im Kunstraum Walcheturm, im Cabaret Voltaire und im Unterwerk Selnau – doch die Vielfalt und die Qualität einzelner künstlerischer Positionen ergab (auch wenn man nicht alles mitbekam) ein faszinierendes Kaleidoskop. Die Digital Art Weeks könnten ruhig wieder etwas kleiner werden - oder dann richtig gross, nun auch bezüglich des Leitungsteams: Bis jetzt ist der Inhalt stark geprägt
von der Persönlichkeit des künstlerischen Direktors Art Clay, der seine US-amerikanische Herkunft geschickt dazu nutzt, viele teils bekannte, teils (noch) unbekannte New Yorker Künstler nach Zürich einzuladen. Diese Konzentration ermöglicht eine konzeptuelle Dichte des
Programms. Doch sollte das Festival noch mehr wachsen, wäre vermutlich neben der wissenschaftlichen Betreuung durch den Computerwissenschaftler Stefan Müller Arisona eine Öffnung auch des künstlerischen Horizontes wichtig.



Der Avatar des Schöpfers John Craig Freeman aus seinem Projekt «Imaging Place»

Im Kunstraum Walcheturm waren ein paar schon fast klassische Internet-Arbeiten zu sehen: Der aus Boston stammende John Craig Freeman zeigte seine 3D-Welt-Installation »Imaging Places: Mittels eines Avatars bewegt sich der Zuschauer in einer virtuellen Welt, die mit Videos und Interviews aus global verteilten Schauplätzen aufwartet. Will Pappenheimers Arbeit »Public Mood Ring schliesst die Welt der Internet-News mit der Farbenlehre der 60er-Jahre kurz. Damals waren Fingerringe letzte Mode, die sich je nach Stimmung (d.h. eigentlich: nach Temperatur) unterschiedlich färbten. Die Raum- und Internet-Installation von Pappenheimer, der in New York lehrt, koppelt auf einen Mausklick des Betrachters hin in Jetztzeit aus dem Netz gefischte Nachrichten mit Farben. Je nach dem, wie die inhaltliche Analyse der Nachrichten ausfällt, ändert der Ausstellungsraum farblich seine Beleuchtung; eine im Output ganz charmante, weil unmittelbar sinnlich erfahrbare Arbeit – wenn sie denn auf beiden Ebenen Internet und Raumbeleuchtung läuft, was in Zürich nicht immer glückte.

Insbesondere die dritte im Kunstraum Walcheturm ausgestellte Arbeit verdeutlicht den Vermittlungsbedarf der Medienkunst – der aber auch den besonderen Charme dieses Genres ausmachen kann. Denn die Art und Weise, wie das »Künstlerduo eteam im Rahmen des Symposiums von ihrer Erfindung »International Airport Montello erzählt haben, ist zweifellos ein weiteres schönes und für die Vermittlung der Arbeit zentrales Element in diesem skurilen Werk. Es begann mit Ebay, wo man ganz virtuell und doch ganz real Land kaufen kann, was die deutschen, in New York lebenden Künstler Franziska Lamprecht und Hajoe Moderegger denn auch taten. Sie kauften eine Wüstenland-Parzelle in Nevada und reisten aus diesem Anlass zum ersten Mal in ihrem Leben dorthin. Durch Satellitenbilder wurden sie darauf aufmerksam, dass nicht weit von ihrer Parzelle entfernt ein überwachsener, nicht enden wollender Highway in Wahrheit einmal zwei sich kreuzende Landepisten gewesen sein müssen. Niemand in Montello konnte ihnen nähere Auskunft geben, wann und zu welchem Zweck die Pisten gebaut worden waren. eteam vermutet, dass es sich um eine ehemalige Militärpiste handelt, aber auch von Drogenschmuggel wird gemunkelt. Wie auch immer: eteam gründete daraufhin den internationalen Flughafen Montello. Wie die beiden in dem verlassenen Ort Montello die Imagination der Bevölkerung in Gang setzten und diese zum Mitspiel animieren konnten, das lässt man sich am besten live erzählen.


Der «International Airport Montello» des Künstlerduos eteam

Den »Eröffnungsvortrag hielt Joseph Weizenbaum. Das Festival scheute sich also nicht, die Tolerenzgrenzen der eigenen Institution, der ETH, auszutesten. Weizenbaum ist bekanntlich, obwohl selbst Computerwissenschaftler, seit den 70er Jahren deren schärfster Kritiker, insbesondere der Künstlichen Intelligenz-Forschung. Das Fazit des heute 84jährigen ist die Verkehrung seiner einstigen Formel «Der Einfluss des Computers auf die Gesellschaft»: Nicht die Computer würden die Gesellschaft beeinflussen, sondern im Gegenteil bestimme letztlich doch die Gesellschaft, was für eine Computerwissenschaft sie habe. Und da die Welt spätestens seit Bush ein Irrenhaus und Amerika schon immer eine Kriegergesellschaft sei, könne es nicht verwundern, dass die Computerwissenschaft damals wie heute zuerst einmal dem Militär zudiene.

Weizenbaum ist der Stachel im Fleisch der Computerwissenschaft und eben nach diesem Stachel im Fleisch der Medienkunst hat der künstlerische Direktor des Festivals gesucht – und ihn gefunden in der amerikanischen Band Agitpop, die mit Andy Warhol und damit einer vordigitalen Aera zusammenhängen (- mehr dazu weiss »Verena Kuni alias miss.gunst). Ein Auftritt der Band gehörte zum Schlussabend des Festivals im Unterwerk Selnau, das - auch dies in Entgegensetzung zur klassischen Medienkunst - ein Massenereignis geworden ist: Nach Auskunft der Veranstalter mussten 200 Leute aus Sicherheitsgründen draussen bleiben und die Party dauerte bis 9 Uhr morgens.


Party im Unterwerk Selnau... vor dem Sturm

Schade ist, dass ETH-Studierenden an den unterschiedlich gut besuchten Veranstaltungen des Symposiums kaum zu sehen waren. Dafür kann man wohl nicht nur die angebrochenen Semesterferien verantwortlich machen: Der Medienkunst ist es offenbar noch nicht gelungen, ihren Anspruch der Vermittlung zwischen Technologie- und Kunstbereich auch auf technischer Seite populär zu machen. Die «Digital Art Weeks» müssen wohl noch gezielter den Dialog mit dem eigenen, dem ETH-Publikum suchen und könnten vielleicht doch etwas kleiner sprich überblickbarer werden. Aber ansonsten: Hut ab vor einem Festival, das Medienkunst an ihrer so wichtigen Schnittstelle mit der Welt, der Naturwissenschaft, zu versammeln und in ihrer Vielfalt zu vermitteln versteht.

Projekt: «Digital Art Weeks '07»
The Meeting Point between Art and Technology at ETH Zurich

10. bis 14. Juli 2007
Links:

»Digital Art Weeks 2007
»unser Kommentar zur letztjährigen Ausgabe