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22.08.07
Stand der Hoffnung
Villö Huszai

Medienkunst unter den Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich 2007

Auch in diesem Jahr präsentierte die Stadt Zürich ihre aktuellen Werk- und Atelierstipendien in einer Ausstellung im Helmhaus. Esther Kempf (nun bald in einem Atelier in Paris zu Gast) zeigte mit «Souvenirs», einer «Installation mit Ton», eine medienkünstlerische und zugleich medienarchäologische Arbeit: Drehscheibe der verzweigten Installation ist ein ausgeweideter Kassettenrecorder. Schnüre schufen Verbindungen zu einem in Betrieb befindlichen Ventilator, der das Perpetuum Mobile antrieb. Ein kleines Aquarium gehörte zu dem Geflecht, in dem sich statt Fische Steinchen (dank des Ventilators) bewegten. Die Blätter einer Zimmerpflanze, mit Schnüren gegen einen Lautsprecher gezogen, simulierten Wind, dessen Geräusch aus dem Lautsprecher drang. Kurzum – Esther Kempf gelang eine Installation zum Verweilen und sich in die Betrachtung Versenken, wenn auch weniger in eine andächtige denn in eine tüftelnde: Wie hängen die einzelnen Geräte zusammen, technisch in Kempfs Arbeit und symbolisch? Erkennen wir unsere Feriensouvenirs wieder? Hat die Installation etwas damit zu tun, wie wir uns erinnern?


«Souvenirs» von Esther Kempf

Solche Fragen drängten sich auf, sofern einem Roman Kellers Arbeit «Stand der Hoffnung» dazu die nötige Ruhe liess. Auch Kellers Beitrag bestand aus einem Gerät, das man eigentlich als Mini-Staubsauger einordnen möchte, von dem man aber ahnt, dass es eine Spielart des Roboters symbolisieren könnte. Denn das Ding bewegte sich frei auf dem zweiten Stock der Helmhaus-Ausstellung. In seinem flachen Körper steckt ein Stab mit einem weissen Tuch. Ergibt sich dieser unauffällige, aber sehr agile Vertreter der Robotik, kapituliert die einst mit so grossartigen Plänen ausgezogene Disziplin? Wenn ja, dann ist diese Kapitulation aber keine stille, sondern eher eine aufdringliche.


Roman Kellers fahne-schwenkender Roboter

Denn der Kritikerin jedenfalls missgönnte «Stand der Hoffnung» die eingehende Betrachtung von Vittorio Santoros Arbeit – oder wollte der Roboter sich dieser Betrachtung anschliessen? Denn bei einem Roboter weiss man ja nie, wie weit er unsere Empfindungen allenfalls schon teilen kann. Tatsache ist, dass Kellers Gefährt sich ans Bein der Betrachterin schmiegte. Was Sinn machen würde, denn Santoros Arbeit kann schon erschrecken: Ein grosses eisernes Zauntor, gesteuert durch einen Sensor an der Wanddecke, schwang aus und prallte gegen die Museumswand, sobald ein Besucher der Arbeit nahetrat.

Neben diesen interaktiven Arbeiten waren zwei Videos von Elodie Pong («The Last Supper») und Anna Lorenz («Deep inside the house a phone is ringing») zu sehen, die sich etwas zu sehr auf die Geduld des Publikums verliessen. Oder ist Verlangsamung ein Wert an sich, sei es die Verlangsamung von Schauspielerbewegungen, sei es die ins Unerträgliche gedrosselte Schnittabfolge? Was gewinnt die Idee, einer dreiköpfigen Familie Steine als letztes Mahl vorzusetzen, wenn sie unendlich langsam in Szene gesetzt wird? Ebensowenig ist der Mehrwert der Langsamkeit im Falle von Lorenz’ kleinem Krimi in Bildern erkennbar – des Rätsels Auflösung, die es nach postmoderner Manier ja vermutlich sowieso nicht gibt, wird einem nach fünf Minuten allmählich herzlich egal.


Ein leicht agressiver Umgang mit dem Besucher: Vittorio Santoro,
auch er 2007 ein Stipendiat der Stadt Zürich.

Oft leidet die Rezeption von interaktiven Arbeiten daran, dass die Ausstellungsmacher das Publikum zu wenig sorgfältig instruieren. Von Alexander Hahns weitläufigen und fürs Auge opulenten Arbeit «Luminous Point» (2006), einer interaktiven DVD-Video-Projektion mit Ton, prägte sich zuerst einmal die abgenutzte Fernbedienung ein, die man drücken und drücken kann und wenden und wieder drücken – und nichts geschieht. Und wenn dann einmal etwas geschieht, weiss man nicht genau, warum. Die Jury jedenfalls dürfte es besser gewusst haben; sie hat Alexander Hahn ein Stipendium zugesprochen. Auch Johannes Gees erhielt ein Stipendium für die Installation «Minarett» (2007), ein ganz unverkabeltes und für einmal von keinem Gees’schen Laserstrahl illuminiertes Ensemble aus einer Fotografie und einem Baugerüst. Das Readymade ist ein originales Baugespann für das geplante und heiss umstrittene Minarett in Langenthal. Dazu passend hat Gees kürzlich im Grossmünster einen kleinen Coup gelandet und heimlich eines Abends kleine Lautsprecher installiert, die zur rechten Zeit dann das Morgengebet sangen.

So finden sich unter den Stipendiaten der Stadt Zürich im Jahr 2007 mit Keller, Santoro und Kempf bereits drei medienkünstlerische AutorInnen, die lakonische Präzision mit Witz verbinden. Dazu passt übrigens der Beitrag von Fabian Marti sehr schön: Der Büste von «Apollon» (2007), des griechischen Gottes der Schönheit, wurde mit Hilfe von Rechnerleistung eine lange, über mehrere Bilder reichende Nase angedreht – die Medienkunst für einmal nicht monumental oder auf dem letzten Stand der Technik, sondern konsequent verschmitzt.

Ausstellung: Die Ausstellung im Helmhaus Zürich lief bis 19. August 2007.

Aus sommer-technischen Gründen wurde diese Rezension leider in Retrospektive geladen, wir bitten unsere Leserschaft um Verständnis.
Links:

»Werkstipendien und Ateliervergabungen der Stadt Zürich