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18.09.07
Warm werden mit privaten Daten: Die Struckmaschine
Verena Kuni

«Textilien sind buchstäblich das Software-Unterfutter aller Technologien», wie Sadie Plant mit Blick auf die Vorgeschichte unserer Computer schrieb, deren Lochkartensysten in der Tat den industriell betriebenen Webstühlen des frühen Industriezeitalters abgeschaut waren. Heute wiederum nutzen Strickmaschinen selbst digitalen Code, um Muster auf Schals und Pullover zu bringen. Bei der «Struckmaschine» steckt allerdings noch mehr dahinter, wenn sie kleine ASCII-Geister auf wärmender Wollware spuken lässt.

Kein Wunder, dass das von Fabienne Blanc und Patrick Rüegg an der FHNW Aaarau entwickelte und auf der Ars Electronica im Rahmen der Sonderausstellung Campus 2.0 präsentierte Projekt rasch zum Favoriten der FestivalbesucherInnen avancierte: Im Dauerregen und bei eher kühler Witterung konnte man einen wärmenden Schal bestens gebrauchen – und wenn es sich dann noch um ein derart schickes Design in der aktuell beliebten Atari-Game-Ästhetik handelte... Die Struckmaschine ratterte im Dauereinsatz, und am Ende waren nicht einmal mehr Vorbestellungen möglich. Indes begegnete man rings immer wieder glücklichen KundInnen, um deren Hals das leuchtendgrün-schwarz gemusterte Strickwerk geschlungen war, auf dem sich die Maschengeister tummelten. In stets neuer Anordnung übrigens.


Vor Ort gestrickt mit der «Stuckmaschine» von Fabienne Blanc und Patrick Rüegg

Allerdings hatten die TrägerInnen nicht nur ein kleines Kunstwerk in Sachen aktuellem Modedesign erworben, sondern auch ein persönliches Display für einige Daten, die sie sonst sicher nicht derart offen zur Schau stellen würden. Der eigentliche Clou an der «Struckmaschine» ist nämlich das vorgeschaltete Interface, mit dem der Datensatz eingelesen wird, aus dem die Maschine das begeisternde Muster generiert: Es handelt sich um einen schlichten Kartenleser, durch den man bei der Bestellung die eigene Kreditkarte ziehen musste – in diesem Fall nicht um zu zahlen, sondern um die Datenbasis fürs Design zu liefern. Die Kartendaten werden zunächst in Binärcode umgesetzt, dann ein Ausdruck des Basismusters mit der individuellen Geistergruppierung erstellt und dieser erneut per Scan eingelesen wird. Aber selbst wenn in der aktuellen Fassung der «Struckmaschine» die Mustergeneration in mehreren Schritten erfolgt – das fertige Strickwerk stellt tatsächlich ein Speichermedium dar, von dem aus die Daten im Prinzip auch wieder ausgelesen werden könnten.


Kreditkarte - Kartenleser - Binärcode - Strickmuster (Fotos: Blanc/Rüeg)

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Aktion während der Ars – einschliesslich ihres Erfolges – auch als sprechendes Bild für den aktuellen Umgang mit persönlichen Daten verstehen: Zwar wissen wir im Prinzip um die Notwendigkeit, hier Vorsicht walten zu lassen und nach dem Motto «weniger ist mehr» darauf zu achten, wann und für welche Zwecke wir wem welche Informationen überlassen. Sobald jedoch Vorteile winken und zumal wenn das Risiko eines Missbrauchs kalkulierbar gering erscheint, sind solche Bedenken oft schnell vergessen. Vielleicht hätte man unter den BesucherInnen des Linzer Festivals, dessen Thema «Goodbye Privacy» in zahlreichen Konferenzbeiträgen zum Nachdenken über diese Problematik anregte, etwas mehr Zurückhaltung erwarten können: Zwar ist die Kundschaft bei einem Kunstprojekt etwas anderes, als sich im Kaufhaus naiv über kleine Ersparnisse dank einer Payback-Karte zu freuen, die den beteiligten Konzernen indes etwas viel Wertvolleres, nämlich personalisierte Daten über individuelles Konsumverhalten liefert. Zudem versprachen die beiden "Struckmaschinisten", die eingelesenen Daten nach Fertigstellung des Schals wieder zu löschen. Worauf man sich sicher ebenso verlassen kann wie darauf, dass Blanc und Rüegg nach Abschluss ihrer Ausbildung eher erfolgreiche DesignerInnen oder KünstlerInnen werden als in den kriminellen Datenhandel einzusteigen. Aber wer weiss das schon so genau?

Übrigens: Wer auf der Ars leer ausgegangen ist, soll demnächst seine Bestellungen an die «Struckmaschine» auch in einem online-Shop aufgeben können. Wobei die Kreditkartendaten dann – sozusagen mustergültig – gleich beim Bezahlen hinterlassen würden. Schade eigentlich, dass nicht jeder online-Shop eine «Struckmaschine» hat? Nun: Spätestens wenn der Prototyp in Serie gehen sollte, wäre vielleicht ein kleines Upgrade angesagt. Schliesslich liessen sich die eingelesenen Daten ja auch in einem Zwischenschritt wieder verschlüsseln, so dass dann selbst Datenschutz-Sensible guten Gewissens ihre Begeisterung für das Projekt – und ihre Kreditkartendaten – offen zur Schau tragen dürften.

Projekt:

Fabienne Blanc & Patrick Rüegg:
«Struckmaschine»
Projekt 2007 am Institut Medienkunst
Hochschule für Gestaltung und Kunst, FHNW, Aarau (CH)

Links:

»Fabienne Blanc/Patrick Rüegg: «Struckmaschine»
»Campus 2.0 an der ars electronica
»Zu weiteren Projekten des Institutes Medienkunst der FHNW
»Download des Katalogs aller Aargauer Projekte an der ars electronica

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