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2003 startete Susann Wintsch in Kooperation mit Tweaklab
Basel unter dem Label «Compiler» das erste Projekt eines DVD-Magazins,
das der zeitgenössischen Kunstproduktion in Ex-Jugoslawien gewidmet war.
Rund vier Jahre später liegt – unter dem Namen «Treibsand» – Wintschs
Nachfolgeprojekt auf dem Tisch, das die (inhaltlichen, konzeptuellen)
Leitlinien von «Compiler 01» weiterdenkt: Neben dem Fokus auf eine bestimmte,
geografisch eingegrenzte Kunstszene sind es vor allem die ausgedehnten
Recherchen vor Ort, die in enger Zusammenarbeit mit KünstlerInnen dieser
Region erfolgen, aus denen heraus Susann Wintsch ihren kuratorischen Ansatz
entwickelt.

Still aus Samira Eskandarfar, «Monologue Unter White Light» 2005, Video,
10:52 Min.
Die auf der DVD (re-)präsentierten Arbeiten werden von kuratorischen
und kulturtheoretischen Statements begleitet, so dass die jeweilige Ausgabe
von «Treibsand» einen (durchaus subjektiven) Überblick den Kunstbetrieb
und seine Diskurse, aber auch die damit verbundenen kulturpolitischen
und kunsttheoretische Fragestellungen bietet. Genauere Betrachtung verdient
in diesem Kontext einerseits die (kultur-)geografische Auswahl, andererseits
die mediale Vielfalt der auf «Treibsand» versammelten Werke. Susann Wintsch
verfolgt mit aufmerksamem Blick die vom Kunstbetrieb (neu) entdeckten
Regionen, sie setzt gewissermassen auf die von der international tätigen
Szene geöffneten Türen, um dann an diesen Orten ihre eigenen Schwerpunkte
zu entwickeln, die häufig eine Art Gegenblick zu den im Westen vermarkteten
Positionen bilden.
Die Bandbreite der Werke reicht dabei von explizit zeitbasierten, audiovisuellen
Arbeiten wie Videos und Animationen über Abfolgen von Fotografien bis
hin zu gefilmten Dokumentationen interaktiver Netzprojekte, performativer
Installationen und Malerei. Da «Treibsand» sich grundlegend als Magazin
für zeitgenössische Kunst versteht, wird hier der medieninhärente Repräsentationsrahmen
ausgeweitet, was die Suche nach geeigneten Formaten der Vermittlung von
verschiedenen künstlerischen Praktiken und medialen Formungen nach sich
zieht. Und das stellt nicht nur bei den «zweidimensionalen» Techniken
der Malerei oder Fotografie, sondern auch für raumbezogene oder interaktive
Arbeiten eine Herausforderung dar.

Still aus Hamed Sahihi, «The Room» 2006, Video,
2:58 Min.
Im Fall der aktuellen Nummer des Magazins fiel die (kultur-)geografische
Wahl auf den Iran, genauer gesagt auf die Kunstszene in Teheran. Für das
Konzept zeichnen Susann Wintsch und Parastou Forouhar verantwortlich;
letztere lebt seit Anfang der Neunzigerjahre als Dissidentin und Künstlerin
in Deutschland. «Analysis While Waiting (For Time To Pass)», der Titel
der DVD, suggeriert einen hybriden Zustand zwischen Erwartung, Stille
und Aufbruch, zwischen den Möglichkeiten des Handelns und einer momentan
festgefrorenen Situation. Er lenkt den Blick auf die kleinen, unscheinbaren
Gesten, deren (widerständiges) Potential sich gerade im Moment eines vermeintlichen
Stillstands entfaltet. So agieren die beiden ProtagonistInnen von Samira
Eskandafars Video «Monologue Under White Light» in einem rein privaten
Raum, scheinbar ohne Bezug zu einer Aussenwelt. Das plötzliche Ende ihrer
kurzen Liebesgeschichte durch den ungewollten Tod des Mannes hat fast
slapstickhafte Züge; lange Passagen des Wartens sowie reduzierte, teils
pathetische und überzeichnete Gesten prägen die Handlung, die sich wie
hinter einem transparenten Vorhang abzuspielen scheint. Trotz einiger
holpriger und etwas irrwitzig scheinender Kommunikationsversuche führt
das Paar letztlich Monologe, es ist verstrickt in Verhaltensmuster und
Rollen, aus denen ein Ausbrechen zu unvorhergesehenen (tödlichen) Situationen
führt.

Still aus Ghazaleh Hedayat, «Untitled» 2005, Video,
6:37 Min.
Eskandarfar entwirft mit diesem Video eine Art Kammerspiel, dessen unwirkliche,
ephemere Atmosphäre die Absurdität, aber auch die Ausweglosigkeit und
Endlosigkeit dieser Geschichte(n) evoziert. Das Video «The Room» von Hamed
Sahihi wiederum entwickelt aus der Situation der gepflegten und entspannten
Lektüre utopisches Potential: Unterbrochen von Sequenzen mit Textstellen
in Farsi schwebt eine lesende Frau zuerst mitsamt ihrem Fauteuil, dann
losgelöst von ihm langsam in die Höhe, ohne dabei ihre Tätigkeit zu unterbrechen.
Den Ausgang dieser Levitation lässt Sahihi offen, ebenso wird deren Quelle,
der Titel des Buches, nicht preisgegeben. Die Stille und Einsamkeit, die
die Lesende umgibt, korrespondiert mit ihrer ungebrochenen Konzentration
auf das Geschriebene, lässt aus dem Akt des Lesens Möglichkeiten der Vision
und Entfernung, der Utopie und Veränderung entstehen.
In anderen Arbeiten wird der als «Arbeitshypothese» verankerte Begriff
des Wartens stärker an das Verhalten der BetrachterInnen gekoppelt. Die
Erwartung eines Geschehens wird von den KünstlerInnen mit performativen
und visuellen Mitteln bewusst ausgereizt, der Aspekt des Ereignishaften
durch die langsamen, fast unmerklichen Veränderungen aufgebrochen und
Zeit in ihrer Facette als Dauer, als erlebtes Verstreichen von Minuten
begriffen.
In dem Video «Untitled» von Ghazaleh Hedayat fixiert eine junge Frau mit
unbewegtem Gesicht so lange einen bestimmten Punkt, bis die normale physiologische
Reaktion der Tränenbildung einsetzt. Der kühle Blick, aber auch die regungslosen
Züge, die nur ein paar Mal von einem kurzen Lippenlecken unterbrochen
werden, werfen die BetrachterInnen auf ihre Rolle als passive Beobachtende
eines für sie unerreichbaren Geschehens zurück, lassen ihre körperliche
«Teilnahme» ohne Auflösung. Bar jedes gefühlvollen Pathos starrt die Frau
in die Kamera, ihr nach einigen Sekunden einsetzender Tränenfluss scheint
unendlich anzudauern, verwandelt sich in ein Bild von geronnener Zeit.

Still aus Nazgol Ansarinia, «Living Room» 2005, Video, 6:00 Min.
Nazgol Ansarinia entwickelt im Video «Living Room» ein ähnlich gelagertes
zeitliches Dispositiv. Allmählich schälen sich Spuren der (früheren) BewohnerInnen
aus der Tiefe der Wand, drücken palimpsestartig durch den Putz. Dunkle
Umrisse zeichen sich auf der weissen Fläche ab: ein Tisch, zwei Bilder,
ein Regalbrett, ein senkrechter Riss. Dann verschwinden sie wieder. Die
neutrale Kameraeinstellung scheint einen zeitlichen Ablauf aufzuzeichnen,
der sich jedoch aus einer Vielzahl von eigens inszenierten Einzelsituationen
zusammensetzt. Die zeitliche Dimension dieser Arbeit entpuppt sich als
Konstrukt, als künstliche Kategorie.
In seiner grundlegenden Konzeption schliesst «Treibsand» an dem Format
der videozines der 80er und 90er Jahre an, das beispielsweise von Infermental
(1980 bis 1991) oder Zapp Magazine (1993 bis heute) durchaus erfolgreich
erprobt wurde. Ehemals in Form von Videokassetten produziert, umfass(t)en
diese heute auf DVD vorliegenden Magazine kuratierte, redaktionell betreute
Zusammenstellungen von Videos, Filmen und Dokumentationen installativer
Medienkunst. Als unmittelbare Reaktion auf die Distributionsproblematik
von Videokunst, auf die Schwierigkeiten einer medial adäquaten (Re-)Präsentation
von zeitbasierten und performativen Arbeiten in einem Vermittlungskontext
nutz(t)en diese Zeitschriften die jeweils aktuellen technischen Möglichkeiten,
um audiovisuelle Werke einem breiteren Publikum, und vor allem ortsungebunden
und mediengerecht zu vermitteln. Dieser Trend hält an, er passt sich dem
Entwicklungsstand der Informations- und Kommunikationstechnologie an,
und somit findet man im unermesslichen Wust von Video-Plattformen im Internet
auch erfreulicherweise das eine oder andere kuratierte Online-Videozine
wie zum Beispiel OH!.
Die erste Ausgabe von «Treibsand» bietet mit ihren 31 künstlerischen Arbeiten
und Statements einen vielfältigen Überblick über einen bestimmten Teil
der zeitgenössischen Kunst aus Teheran. Sie regt den Appetit an, macht
neugierig auf andere Arbeiten der hier repräsentierten KünstlerInnen,
aber auch auf weitere Nummern des Magazins selbst. Im Moment liegt Afrika
im Blickpunkt von Susann Wintsch, und so können wir mit Spannung ihre
Analyse und Annäherung an die Kunstszene von Liberia erwarten.
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