Impressum

redaktion@clickhere.ch
&
23.09.07
Navigation durch fremdes Terrain
Irene Müller

Der Sommer ist vorüber, die Tage werden kürzer: Zeit, sich in Ruhe die im Februar 2007 lancierte neue Nummer des DVD Magazins «Treibsand» (nochmals) zu Gemüte zu führen.

2003 startete Susann Wintsch in Kooperation mit Tweaklab Basel unter dem Label «Compiler» das erste Projekt eines DVD-Magazins, das der zeitgenössischen Kunstproduktion in Ex-Jugoslawien gewidmet war. Rund vier Jahre später liegt – unter dem Namen «Treibsand» – Wintschs Nachfolgeprojekt auf dem Tisch, das die (inhaltlichen, konzeptuellen) Leitlinien von «Compiler 01» weiterdenkt: Neben dem Fokus auf eine bestimmte, geografisch eingegrenzte Kunstszene sind es vor allem die ausgedehnten Recherchen vor Ort, die in enger Zusammenarbeit mit KünstlerInnen dieser Region erfolgen, aus denen heraus Susann Wintsch ihren kuratorischen Ansatz entwickelt.


Still aus Samira Eskandarfar, «Monologue Unter White Light» 2005, Video, 10:52 Min.

Die auf der DVD (re-)präsentierten Arbeiten werden von kuratorischen und kulturtheoretischen Statements begleitet, so dass die jeweilige Ausgabe von «Treibsand» einen (durchaus subjektiven) Überblick den Kunstbetrieb und seine Diskurse, aber auch die damit verbundenen kulturpolitischen und kunsttheoretische Fragestellungen bietet. Genauere Betrachtung verdient in diesem Kontext einerseits die (kultur-)geografische Auswahl, andererseits die mediale Vielfalt der auf «Treibsand» versammelten Werke. Susann Wintsch verfolgt mit aufmerksamem Blick die vom Kunstbetrieb (neu) entdeckten Regionen, sie setzt gewissermassen auf die von der international tätigen Szene geöffneten Türen, um dann an diesen Orten ihre eigenen Schwerpunkte zu entwickeln, die häufig eine Art Gegenblick zu den im Westen vermarkteten Positionen bilden.

Die Bandbreite der Werke reicht dabei von explizit zeitbasierten, audiovisuellen Arbeiten wie Videos und Animationen über Abfolgen von Fotografien bis hin zu gefilmten Dokumentationen interaktiver Netzprojekte, performativer Installationen und Malerei. Da «Treibsand» sich grundlegend als Magazin für zeitgenössische Kunst versteht, wird hier der medieninhärente Repräsentationsrahmen ausgeweitet, was die Suche nach geeigneten Formaten der Vermittlung von verschiedenen künstlerischen Praktiken und medialen Formungen nach sich zieht. Und das stellt nicht nur bei den «zweidimensionalen» Techniken der Malerei oder Fotografie, sondern auch für raumbezogene oder interaktive Arbeiten eine Herausforderung dar.


Still aus Hamed Sahihi, «The Room» 2006, Video, 2:58 Min.

Im Fall der aktuellen Nummer des Magazins fiel die (kultur-)geografische Wahl auf den Iran, genauer gesagt auf die Kunstszene in Teheran. Für das Konzept zeichnen Susann Wintsch und Parastou Forouhar verantwortlich; letztere lebt seit Anfang der Neunzigerjahre als Dissidentin und Künstlerin in Deutschland. «Analysis While Waiting (For Time To Pass)», der Titel der DVD, suggeriert einen hybriden Zustand zwischen Erwartung, Stille und Aufbruch, zwischen den Möglichkeiten des Handelns und einer momentan festgefrorenen Situation. Er lenkt den Blick auf die kleinen, unscheinbaren Gesten, deren (widerständiges) Potential sich gerade im Moment eines vermeintlichen Stillstands entfaltet. So agieren die beiden ProtagonistInnen von Samira Eskandafars Video «Monologue Under White Light» in einem rein privaten Raum, scheinbar ohne Bezug zu einer Aussenwelt. Das plötzliche Ende ihrer kurzen Liebesgeschichte durch den ungewollten Tod des Mannes hat fast slapstickhafte Züge; lange Passagen des Wartens sowie reduzierte, teils pathetische und überzeichnete Gesten prägen die Handlung, die sich wie hinter einem transparenten Vorhang abzuspielen scheint. Trotz einiger holpriger und etwas irrwitzig scheinender Kommunikationsversuche führt das Paar letztlich Monologe, es ist verstrickt in Verhaltensmuster und Rollen, aus denen ein Ausbrechen zu unvorhergesehenen (tödlichen) Situationen führt.


Still aus Ghazaleh Hedayat, «Untitled» 2005, Video, 6:37 Min.

Eskandarfar entwirft mit diesem Video eine Art Kammerspiel, dessen unwirkliche, ephemere Atmosphäre die Absurdität, aber auch die Ausweglosigkeit und Endlosigkeit dieser Geschichte(n) evoziert. Das Video «The Room» von Hamed Sahihi wiederum entwickelt aus der Situation der gepflegten und entspannten Lektüre utopisches Potential: Unterbrochen von Sequenzen mit Textstellen in Farsi schwebt eine lesende Frau zuerst mitsamt ihrem Fauteuil, dann losgelöst von ihm langsam in die Höhe, ohne dabei ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Den Ausgang dieser Levitation lässt Sahihi offen, ebenso wird deren Quelle, der Titel des Buches, nicht preisgegeben. Die Stille und Einsamkeit, die die Lesende umgibt, korrespondiert mit ihrer ungebrochenen Konzentration auf das Geschriebene, lässt aus dem Akt des Lesens Möglichkeiten der Vision und Entfernung, der Utopie und Veränderung entstehen.
In anderen Arbeiten wird der als «Arbeitshypothese» verankerte Begriff des Wartens stärker an das Verhalten der BetrachterInnen gekoppelt. Die Erwartung eines Geschehens wird von den KünstlerInnen mit performativen und visuellen Mitteln bewusst ausgereizt, der Aspekt des Ereignishaften durch die langsamen, fast unmerklichen Veränderungen aufgebrochen und Zeit in ihrer Facette als Dauer, als erlebtes Verstreichen von Minuten begriffen.

In dem Video «Untitled» von Ghazaleh Hedayat fixiert eine junge Frau mit unbewegtem Gesicht so lange einen bestimmten Punkt, bis die normale physiologische Reaktion der Tränenbildung einsetzt. Der kühle Blick, aber auch die regungslosen Züge, die nur ein paar Mal von einem kurzen Lippenlecken unterbrochen werden, werfen die BetrachterInnen auf ihre Rolle als passive Beobachtende eines für sie unerreichbaren Geschehens zurück, lassen ihre körperliche «Teilnahme» ohne Auflösung. Bar jedes gefühlvollen Pathos starrt die Frau in die Kamera, ihr nach einigen Sekunden einsetzender Tränenfluss scheint unendlich anzudauern, verwandelt sich in ein Bild von geronnener Zeit.


Still aus Nazgol Ansarinia, «Living Room» 2005, Video, 6:00 Min.

Nazgol Ansarinia entwickelt im Video «Living Room» ein ähnlich gelagertes zeitliches Dispositiv. Allmählich schälen sich Spuren der (früheren) BewohnerInnen aus der Tiefe der Wand, drücken palimpsestartig durch den Putz. Dunkle Umrisse zeichen sich auf der weissen Fläche ab: ein Tisch, zwei Bilder, ein Regalbrett, ein senkrechter Riss. Dann verschwinden sie wieder. Die neutrale Kameraeinstellung scheint einen zeitlichen Ablauf aufzuzeichnen, der sich jedoch aus einer Vielzahl von eigens inszenierten Einzelsituationen zusammensetzt. Die zeitliche Dimension dieser Arbeit entpuppt sich als Konstrukt, als künstliche Kategorie.

In seiner grundlegenden Konzeption schliesst «Treibsand» an dem Format der videozines der 80er und 90er Jahre an, das beispielsweise von Infermental (1980 bis 1991) oder Zapp Magazine (1993 bis heute) durchaus erfolgreich erprobt wurde. Ehemals in Form von Videokassetten produziert, umfass(t)en diese heute auf DVD vorliegenden Magazine kuratierte, redaktionell betreute Zusammenstellungen von Videos, Filmen und Dokumentationen installativer Medienkunst. Als unmittelbare Reaktion auf die Distributionsproblematik von Videokunst, auf die Schwierigkeiten einer medial adäquaten (Re-)Präsentation von zeitbasierten und performativen Arbeiten in einem Vermittlungskontext nutz(t)en diese Zeitschriften die jeweils aktuellen technischen Möglichkeiten, um audiovisuelle Werke einem breiteren Publikum, und vor allem ortsungebunden und mediengerecht zu vermitteln. Dieser Trend hält an, er passt sich dem Entwicklungsstand der Informations- und Kommunikationstechnologie an, und somit findet man im unermesslichen Wust von Video-Plattformen im Internet auch erfreulicherweise das eine oder andere kuratierte Online-Videozine wie zum Beispiel OH!.

Die erste Ausgabe von «Treibsand» bietet mit ihren 31 künstlerischen Arbeiten und Statements einen vielfältigen Überblick über einen bestimmten Teil der zeitgenössischen Kunst aus Teheran. Sie regt den Appetit an, macht neugierig auf andere Arbeiten der hier repräsentierten KünstlerInnen, aber auch auf weitere Nummern des Magazins selbst. Im Moment liegt Afrika im Blickpunkt von Susann Wintsch, und so können wir mit Spannung ihre Analyse und Annäherung an die Kunstszene von Liberia erwarten.

Projekt:

Susann Wintsch und Parastou Forouhar:
«Treibsand». DVD Magazine On Contemporary Art.
Volume 01: Analysis While Waiting (For Time To Pass): Contemporary Art In Teheran, 2007

mit künstlerischen Beiträgen von Iman: Afsarian, Nazgol Ansarinia, Mehraneh Atashi, Mahmoud Bakhshi-Moakhar, Shahrzad Darafsheh, Samira Eskandarfar, Farhad Fozouni, Nina Ghaffari, Amirali Ghasemi, Barbad Golshiri, Arash Hanaei, Ghazaleh Hedayat, Elahe Heidari, Behnam Kamrani, Simin Keramati, Khosro Khosravi/Farid Jafari, Mehran Mohajer, Ahmad Morshedlou, Neda Razavipour/Shahab Fotouhi, Hamed Sahihi, Rozita Sharaf Jahan, Jinoos Taghizadeh, Sadegh Tirafkan

Statements von: Iman Afsarian (Künstler/Herausgeber), Haleh Anvari (Künstlerin/Journalistin), Khosrow Hassanzadeh (Künstler), Sohrab Mahdavi (Herausgeber TeheranAvenue.com), Ruyin Pakbaz (Professor für Kunst und Kunstgeschichte), Alireza Sami Azar (Kurator), Soghra Zare Anaghezi (Künstlerin).

DVD-9 (Video), 143 min., PAL, 4:3, ISSN 1662-0577, Booklet mit Texten von Susann Wintsch
SFr. 60.– / Euro 40.– / USD 40.–, zu bestellen unter »www.treibsand.ch

Auch der andere Partner von Compiler 01 – Tweaklab – hat seither ein zweites DVD-Magazin herausgegeben: «Surin’ the Systems: From Here to the Ocean», kuratiert von Daniel Baumann. Vgl. dazu unsere »Besprechung vom 22. Januar 2007

Links:

»www.treibsand.ch
»www.infermental.de
»www.ohtv.de
»www.parastou-forouhar.de