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Es ist unbestritten: Das Festival
der elektronischen Künste SHIFT (Basel, 25. – 28. Oktober 2007) hat erfolgreich
die Erbschaft der VIPER angetreten. Räumliche und inhaltliche Konzentration
war das Erfolgsrezept des elfköpfigen Organisationskomitees, das Projekte
der bildenden Kunst mit internationalen Akteuren der elektronischen Musik
zusammenführte. Und wo das Leitmotiv «Access» als Zugang zu Information,
Arbeit, Rechten, materiellen und virtuellen Gütern eine Vielzahl heterogener
Positionen im Festivalgelände vereinte, wurde deutlich: Neue Medien sind
politische Medien, und wer mit dem World Wide Web umgeht, nimmt es zwingend
mit globalen Themen auf.
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«For these over the age of 30 Turkey is better.» – «We
do not have money that’s why we come to Turkey.» Die 1946 geborene Gülsün
Karamustafa lässt in ihrem Single Channel Video illegale Gastarbeiterinnen
aus Moldavien zu Wort kommen. Das private Heim ist der Ort, wo die individuellen
Biografien sichtbar werden im System sozialer und ökonomischer Abhängigkeiten.
Im nahsichtig dokumentarischen Blick lag nur eine von vielen Möglichkeiten,
sich im Thema «Access» einzufinden: Geschlecht, Zivilstand, Alter, Herkunft,
Sprache und Ausbildung erweisen sich als Schlüsselfaktoren im Zugang zur
gesicherten Arbeitsstelle oder aber als Hindernis bei der Überquerung
einer Landesgrenze.

Cornelia Sollfrank im «Gespräch» mit Andy Warhol;
hinten Marc Lees «News-Jockey»
(Fotos: alle auf der »Flickr-Seite
von Shift, hier: ds)
Was im erzählerischen Duktus atmosphärisch nahe rückte, setzte sich in
der Ausstellung fort in unterschiedlichen Methoden der Informationserzeugung
und -wiedergabe. Die Mehrheit der 14 zwischen 1999 und 2007 entstandenen
Arbeiten stützte auf das Internet. Die Gegenwart der Apparaturen diente
also auch dem Zugang zu jenen Datenströmen, welche die bildende Kunst
mit ironischer Verfremdung, mit diebischer Aneignung oder mit kritischem
Appell an die internationale Öffentlichkeit sichtet, deutet und für sich
nutzt. Alle im Rahmen von SHIFT präsentierten Installationen und Projektionen
basieren auf Sprache. Englisch – in Originalton oder übersetzt als Untertitelung
eingeführt – dominierte die Ausstellung. Sprachkenntnis im Sinne des Vokabulars
und die Bereitschaft, sich mit entsprechendem Zeitaufwand lesend auf den
Weg zu machen, waren jedoch nicht die einzigen Voraussetzungen, sich in
den dargebotenen Informationskanälen zurecht zu finden. Es galt vielmehr
laufend zu prüfen, wo sich Sound und Image ansiedelten, wo sie der Dokumentation
verpflichtet sind und wo sie einer realitätsnahen Fiktion auf die Sprünge
helfen. Welches Setting trägt eine genuin künstlerische Handschrift, und
wo artikuliert sich die Autorschaft als gezielter Fingerzeig auf virtuelle
Wirklichkeiten oder reale Systeme der Macht?
Wortkarg ist der Protagonist der Pop Art, doch mit digitaler Überlistung
bringt ihn Cornelia Sollfrank dahin, wo sie ihn haben will: In ihrem fingierten
Interview mit Andy Warhol ringt sie ihm die Zusage ab, dass sie ihre von
Suchmaschinen zusammengestellten Bilder reproduzieren lassen darf. «Is
there something like an original Warhol?» – «Ahm, no.» Die Frage nach
Autorschaft und Copyright, die sich einst einem eigenen Ausstellungsprojekt
in den Weg gestellt hatte, macht Sollfrank inzwischen zur Basis ihrer
breit angelegten künstlerischen Recherche, wobei sie unangefochtene kunsthistorische
Referenzen zur Verortung des eigenen Werks beizieht. «Access» bleibt nicht
ein Thema, das von Seiten der KunstproduzentInnen aus analytischer Distanz
beleuchtet wird, sondern das ihre eigenen Produktionsbedingungen, etwa
durch kostspielige Copyrightbestimmungen, empfindlich berührt.

Christoph Wachter (hinten) und Mathias Jud (links),
frisch gebackene Förderpreisträger des Migros-Kulturprozent, erklären
picidae zur Überwindung der chinesischen Zensur. (Foto: Peter Schnetz)
Da, wo politische und wirtschaftliche Systeme Know-how zu Ungunsten einer
breiten Öffentlichkeit allein verwalten oder zensurieren, da erheben denn
auch künstlerische Kollektive ihre Stimme. PLATONIQ in Barcelona etwa
rief «The Bank of Common Knowledge» ins Leben, eine Plattform, die – ausserhalb
jedes institutionellen Kontexts und ganz nach dem Motto, dass das Teilen
von Wissen ein politischer Akt sei – neue kulturelle und wissenschaftliche
Erkenntnisse einem grossen Publikum zuführt. «picidae» (lat. Specht) des
Zürcher Künstlerduos Christoph Wachter und Mathias Jud überlistet die
Zensurtechnologie in China, indem sie HTML-Websiten in Bilder umwandeln.
„picidae entspricht ganz klassisch der bildenden Kunst, weil das Projekt
fragt: Wie sehe ich die Welt, wie mache ich mir ein Bild der Welt? Die
Autoren der Arbeit stehen unter www.picidae.net auch Rede und Antwort
zu ihrem Selbstverständnis als bildende Künstler (Vgl. dazu unsere »Besprechung
vom 12. September 2007).
Seit 1994 sammelt Antonio Muntadas in «The File Room» Belege für Zensuraktionen
gegen kulturelle Initiativen: weltweit, aus vorchristlicher Zeit bis heute.
Spätestens hier wird spürbar, dass es der Ausstellung nicht nur um die
Präsentation neuester digitaler und netzbasierter Kunstwerke geht, sondern
um ein Thema mit Kontinuität, dessen politische, wirtschaftliche und kulturelle
Brisanz mit der globalen Verfügbarkeit oder eben Nicht-Verfügbarkeit von
Daten sich zuspitzt.

Auf-dring!-liche Oper: auch «Opera Calling» der
Mediengruppe bitnik war zu Gast in der Ausstellung. (Foto: ds)
Dass die von Annette Schindler und Raffael Dörig ausgewählten Projekte
im Keller präsentiert waren, hatte seine Richtigkeit: Der permanente Informationsstrom,
der nach Organisation und Kontrolle, vor allem aber auch nach einem kritischen
und kreativen Umgang verlangt, bildete sinnbildlich ein Fundament dessen,
was im kleinen und grossen Saal oben, in Podien und Vorträgen, zur Diskussion
stand. Zudem wird der Blick nach aussen sekundär, wo Monitore die Bildquellen
sind und wandhohe Projektionen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Permanent
haben uns vier Telefonapparate an der Wand mit ihrem Ringen schier in
Rage gebracht: Man hätte flüchten mögen, so sehr sind Signale der Information
in der allzu nahen Nachbarschaft auch Störung und Bedrohung. Und doch
oder umso mehr: es ist toll, dass unscheinbare Wanzen im Opernhaus Zürich
mit zufällig generierten Telefonverbindungen Ausschnitte etwa aus «Le
Nozze di Figaro» wahllos an Haushaltungen verschenkte. (Vgl. dazu unsere
»Besprechung vom 10. April
2007). An der Technik jedenfalls fehlt’s dem breiten Zugang zur hohen
Kultur nicht. Und wenn sich auch die freche Einmischung in die Hierarchie
der Publika im Telefonbeantworter des Lungenzentrums der Hirslandenklinik
verfängt: Als Versuchsanordnung zwischen Geschenk und Belästigung zwingt
sie zur Reflexion über den Umgang mit Medien, und damit mit Informationen.
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