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07.11.07
Access - eine Nachlese der Ausstellung von SHIFT, Festival der elektronischen Künste
Isabel Zürcher

Es ist unbestritten: Das Festival der elektronischen Künste SHIFT (Basel, 25. – 28. Oktober 2007) hat erfolgreich die Erbschaft der VIPER angetreten. Räumliche und inhaltliche Konzentration war das Erfolgsrezept des elfköpfigen Organisationskomitees, das Projekte der bildenden Kunst mit internationalen Akteuren der elektronischen Musik zusammenführte. Und wo das Leitmotiv «Access» als Zugang zu Information, Arbeit, Rechten, materiellen und virtuellen Gütern eine Vielzahl heterogener Positionen im Festivalgelände vereinte, wurde deutlich: Neue Medien sind politische Medien, und wer mit dem World Wide Web umgeht, nimmt es zwingend mit globalen Themen auf.

«For these over the age of 30 Turkey is better.» – «We do not have money that’s why we come to Turkey.» Die 1946 geborene Gülsün Karamustafa lässt in ihrem Single Channel Video illegale Gastarbeiterinnen aus Moldavien zu Wort kommen. Das private Heim ist der Ort, wo die individuellen Biografien sichtbar werden im System sozialer und ökonomischer Abhängigkeiten. Im nahsichtig dokumentarischen Blick lag nur eine von vielen Möglichkeiten, sich im Thema «Access» einzufinden: Geschlecht, Zivilstand, Alter, Herkunft, Sprache und Ausbildung erweisen sich als Schlüsselfaktoren im Zugang zur gesicherten Arbeitsstelle oder aber als Hindernis bei der Überquerung einer Landesgrenze.


Cornelia Sollfrank im «Gespräch» mit Andy Warhol; hinten Marc Lees «News-Jockey»
(Fotos: alle auf der »Flickr-Seite von Shift, hier: ds)


Was im erzählerischen Duktus atmosphärisch nahe rückte, setzte sich in der Ausstellung fort in unterschiedlichen Methoden der Informationserzeugung und -wiedergabe. Die Mehrheit der 14 zwischen 1999 und 2007 entstandenen Arbeiten stützte auf das Internet. Die Gegenwart der Apparaturen diente also auch dem Zugang zu jenen Datenströmen, welche die bildende Kunst mit ironischer Verfremdung, mit diebischer Aneignung oder mit kritischem Appell an die internationale Öffentlichkeit sichtet, deutet und für sich nutzt. Alle im Rahmen von SHIFT präsentierten Installationen und Projektionen basieren auf Sprache. Englisch – in Originalton oder übersetzt als Untertitelung eingeführt – dominierte die Ausstellung. Sprachkenntnis im Sinne des Vokabulars und die Bereitschaft, sich mit entsprechendem Zeitaufwand lesend auf den Weg zu machen, waren jedoch nicht die einzigen Voraussetzungen, sich in den dargebotenen Informationskanälen zurecht zu finden. Es galt vielmehr laufend zu prüfen, wo sich Sound und Image ansiedelten, wo sie der Dokumentation verpflichtet sind und wo sie einer realitätsnahen Fiktion auf die Sprünge helfen. Welches Setting trägt eine genuin künstlerische Handschrift, und wo artikuliert sich die Autorschaft als gezielter Fingerzeig auf virtuelle Wirklichkeiten oder reale Systeme der Macht?

Wortkarg ist der Protagonist der Pop Art, doch mit digitaler Überlistung bringt ihn Cornelia Sollfrank dahin, wo sie ihn haben will: In ihrem fingierten Interview mit Andy Warhol ringt sie ihm die Zusage ab, dass sie ihre von Suchmaschinen zusammengestellten Bilder reproduzieren lassen darf. «Is there something like an original Warhol?» – «Ahm, no.» Die Frage nach Autorschaft und Copyright, die sich einst einem eigenen Ausstellungsprojekt in den Weg gestellt hatte, macht Sollfrank inzwischen zur Basis ihrer breit angelegten künstlerischen Recherche, wobei sie unangefochtene kunsthistorische Referenzen zur Verortung des eigenen Werks beizieht. «Access» bleibt nicht ein Thema, das von Seiten der KunstproduzentInnen aus analytischer Distanz beleuchtet wird, sondern das ihre eigenen Produktionsbedingungen, etwa durch kostspielige Copyrightbestimmungen, empfindlich berührt.


Christoph Wachter (hinten) und Mathias Jud (links), frisch gebackene Förderpreisträger des Migros-Kulturprozent, erklären picidae zur Überwindung der chinesischen Zensur. (Foto: Peter Schnetz)

Da, wo politische und wirtschaftliche Systeme Know-how zu Ungunsten einer breiten Öffentlichkeit allein verwalten oder zensurieren, da erheben denn auch künstlerische Kollektive ihre Stimme. PLATONIQ in Barcelona etwa rief «The Bank of Common Knowledge» ins Leben, eine Plattform, die – ausserhalb jedes institutionellen Kontexts und ganz nach dem Motto, dass das Teilen von Wissen ein politischer Akt sei – neue kulturelle und wissenschaftliche Erkenntnisse einem grossen Publikum zuführt. «picidae» (lat. Specht) des Zürcher Künstlerduos Christoph Wachter und Mathias Jud überlistet die Zensurtechnologie in China, indem sie HTML-Websiten in Bilder umwandeln. „picidae entspricht ganz klassisch der bildenden Kunst, weil das Projekt fragt: Wie sehe ich die Welt, wie mache ich mir ein Bild der Welt? Die Autoren der Arbeit stehen unter www.picidae.net auch Rede und Antwort zu ihrem Selbstverständnis als bildende Künstler (Vgl. dazu unsere »Besprechung vom 12. September 2007).

Seit 1994 sammelt Antonio Muntadas in «The File Room» Belege für Zensuraktionen gegen kulturelle Initiativen: weltweit, aus vorchristlicher Zeit bis heute. Spätestens hier wird spürbar, dass es der Ausstellung nicht nur um die Präsentation neuester digitaler und netzbasierter Kunstwerke geht, sondern um ein Thema mit Kontinuität, dessen politische, wirtschaftliche und kulturelle Brisanz mit der globalen Verfügbarkeit oder eben Nicht-Verfügbarkeit von Daten sich zuspitzt.


Auf-dring!-liche Oper: auch «Opera Calling» der Mediengruppe bitnik war zu Gast in der Ausstellung. (Foto: ds)

Dass die von Annette Schindler und Raffael Dörig ausgewählten Projekte im Keller präsentiert waren, hatte seine Richtigkeit: Der permanente Informationsstrom, der nach Organisation und Kontrolle, vor allem aber auch nach einem kritischen und kreativen Umgang verlangt, bildete sinnbildlich ein Fundament dessen, was im kleinen und grossen Saal oben, in Podien und Vorträgen, zur Diskussion stand. Zudem wird der Blick nach aussen sekundär, wo Monitore die Bildquellen sind und wandhohe Projektionen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Permanent haben uns vier Telefonapparate an der Wand mit ihrem Ringen schier in Rage gebracht: Man hätte flüchten mögen, so sehr sind Signale der Information in der allzu nahen Nachbarschaft auch Störung und Bedrohung. Und doch oder umso mehr: es ist toll, dass unscheinbare Wanzen im Opernhaus Zürich mit zufällig generierten Telefonverbindungen Ausschnitte etwa aus «Le Nozze di Figaro» wahllos an Haushaltungen verschenkte. (Vgl. dazu unsere »Besprechung vom 10. April 2007). An der Technik jedenfalls fehlt’s dem breiten Zugang zur hohen Kultur nicht. Und wenn sich auch die freche Einmischung in die Hierarchie der Publika im Telefonbeantworter des Lungenzentrums der Hirslandenklinik verfängt: Als Versuchsanordnung zwischen Geschenk und Belästigung zwingt sie zur Reflexion über den Umgang mit Medien, und damit mit Informationen.

Projekt:

Shift - Festival der elektronischen Künste
Dreispitz-Areal Basel
25. bis 28. Oktober 2007

Die erste Ausgabe war eine Initiative von vier Organisationen bzw. Institutionen aus den Bereichen Film- und Videokunst, elektronische Musik sowie Medienkunst: [plug.in], die Plattform für elektronische Musik sinus-series, die Videofilmtage Basel sowie um das DVD-Magazin Compiler. Eine Fortsetzung wird bereits für Oktober 2008 ins Auge gefasst.

Links:

»Shift. Festival der elektronischen Künste