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12.12.07
Lächelnder Lötkolben-Hacktivismus
Raffael Dörig
Die Schweizerische Gesellschaft für Mechatronische Kunst (SGMK) organisiert in Zürich zum dritten Mal das diy* Festival.

«Hallo! Spielen wir!» ruft das Spielzeugtelefon aus der Brockenstube auf Tastendruck fröhlich-naiv. Diese Aufforderung wurde am Zürcher diy* Festival im Workshop «Speed Bending» befolgt – allerdings nicht ganz im Sinne des Herstellers. Unter Anleitung des niederländischen Künstlers Kaspar König entlockten die Teilnehmer/innen den mitgebrachten Spielzeuginstrumenten, alten Radios und anderem Elektroschrott neue Klänge. Ohne grosse Einführung wurden Geräte aufgeschraubt und ihr Innenleben durch Kurzschlüsse zu manipulieren versucht. Und siehe da – das «Hallo!» aus dem Spielzeugtelefon des Schreibenden verwandelt sich plötzlich in ein kratziges Rauschen oder ein hohes Zwitschern, das sich über den Druck mit dem nassen Finger steuern lässt. Mit meinem Hautwiderstand bin ich selbst Teil des Schaltkreises geworden. Die Punkte, die auf den Fingerdruck reagieren, könnte ich nun mit Potentiometern oder Lichtsensoren verbinden, oder ich löte Drähte daran, als Fingerkontakt-Interfaces aussen am Gehäuse angebracht. Das Spielzeug wird zum experimentellen Instrument mit ungehörten Klängen. Kaspar König propagiert das sogenannte «Circuit Bending», bei dem mit minimalsten Vorkentnissen (wichtigste Regel: nur batteriebetriebene Geräte) musikalisches Elektronikspielzeug und Billigkeyboards umgebaut werden.


Des Autoren Spielzeugtelefon auf dem Operationstisch


«Circuit Bending» ist eine Spielart des «Hardware Hacking» und damit wichtige Methode der internationalen «Do it Yourself»-Bewegung zwischen Punk-Ethos, amerikanisch geprägtem Garagen-Tinkering und traditionellem Hobelbank-Heimwerkertum – gepaart mit der künstlerischen Tradition der Bastelei. Vom Bauen von Synthesizern bis zum Stricken reicht die Bandbreite; Anleitungen und Tipps verbreiten sich im Internet in selbstgemachten Communities. Diese neue Selbermach-Bewegung hat auch eine politische Komponente: Selber zu machen statt zu konsumieren und gekaufte Dinge zu verändern, ist durchaus als Teil eines «Diskurses gegen die Unvermeidbarkeit» (Armand Mattelart) zu verstehen. Das wird beim besagten Hardware Hacking deutlich. Der Umbau von Geräten pocht mit Praxis auf das Recht, mit etwas Gekauftem zu machen, was immer man will. Die Eigenschaften des Produktes sind nicht als unveränderbar hinzunehmen. Dieses Recht aber ist unter Beschuss: Hersteller wollen rechtlich durchsetzen, dass etwa auf Computern nur noch bestimmte Software laufen dürfe oder der Roboterhund Aibo keine vom Hersteller nicht programmierte Bewegungen mache.

Auch die Schweiz hat, gerade im Gebiet der Musikelektronik, eine lebhafte DIY-Szene. Szenebildend war dabei in den letzten Jahren u.a. die Veranstaltungs- und Workshop-Reihe namens Home Made Labor des Migros Kulturprozent. Die wichtigste unabhängige Gruppierung ist die Schweizerische Gesellschaft für Mechatronische Kunst (SGMK), die das Selbermachen seit Jahren mit Workshops befördert und am Wochenende vom 7. und 8. Dezember bereits zum dritten Mal das diy* Festival organisierte. Hier im Zürcher Dynamo fand unter anderen Kaspar Königs Workshop statt und dazu Vorträge, Konzerte und eine Ausstellung. So konnte man etwa auch einen minimalistischen Sampler oder einen Radiosender zusammenlöten oder sich Tipps in Sachen Programmierung von Software-Instrumenten holen. Wissen wird unter den Selbermachern gern ausgetauscht, denen es auch darum geht, sich ausserhalb von ökonomischen Verwertungs- und Patent-Logiken zu bewegen. Aber auch das Präsentieren von Resultaten in der Ausstellung und den Konzerten war wichtig.: Das diy* Festival ist keine Heimwerkermesse, diese Bastelei ist Kulturschaffen.


«Lemmi», aus Schrott belebt von Lysette Wyss und Renato Grob


In der bunten, wie das ganze Festival auf Einreichungen basierenden Ausstellung war der alles übertönende Star der Gitarrenroboter «Lemmi» von Lysette Wyss und Renato Grob alias RozzoBianca, ein faszinierendes Maschinenwesen aus Schrott, das auf einer elektrischen Gitarre (richtig) spielt. Zu sehen gab es im Weiteren unter anderem eine bestechend einfache interaktive Lichtwand namens Natabu von Roland Broennimann, André Huber und Hanspeter Wyss, charmante Zeichenroboter von Studierenden der Medienkunstklasse der FHNW und ein selbstspielendes Keyboardorchester von Niki Neeke.

An den beiden Konzertabenden war klassischer Post-Industrial Noise gut vertreten, etwa mit dem konzisen, ernsten Set von Electroscape. Bei den minimalistischen Oszillatoren-Grooves von Kombox möchte man beinahe tanzen, bei Operateur Fotokopieur tut man es dann wirklich. Letzterer hat sich zum Spielen eine Art Cockpit gebaut, laut Programm ein «diy atomic spaceship» – ein Beispiel für den leicht nerdigen Humor, der dieses Festival zum Vergnügen macht. Der heitere Set von Kaspar König im Duo mit Maja Gehrig brachte Stimmung und Spirit des diy* Festivals auf den Punkt. Mit Spass und Stolz führten sie die umgebauten, seltsamen Geräte vor (eine gewisse Objekt-Erotik kann die Szene nicht verhehlen), da werden dann auch elektrische Zahnbürste und Rasierapparat in einer Slapsticknummer zu Instrumenten. Was musikalisch dabei herauskommt, ist nicht durchgehend überzeugend, jedoch mit Charme doppelt wettgemacht. Es überträgt sich die Lust am Instabilen und am Zufall. Der Fehler wohnt ja jeder Technologie inne; hier wird er mit einem Lächeln zelebriert, wenn Geräte nicht wie vorgesehen reagieren oder auch mal bei bei laufendem Set irgendwo die Batterien rausfallen.


Objekt-Erotik in Concert: Kaspar König und Maja Gehrig


Ja, eben, die Lust am Instabilen: Mein gebendetes Spielzeugtelefon, das mir so schnell ein Erfolgselebnis beschert hatte, hat den Geist aufgegeben, bevor ich es nach dem Workshop jemandem zeigen konnte. Ich freue mich aber schon darauf, es wieder aufzuschrauben und vielleicht etwas ganz anderes daraus zu bauen.

Projekt:

diy* Festival
Kunst- und Technologiefestival im Dynamo Zürich
7./8. Dezember 2007

Links:

»diy* Festival
»www.sgmk-ssam.ch
»Kaspar König
»Rozzo Bianca
»http://natebu.wordpress.com
»www.electroscape.net
»Operateur Fotokopieur
»Homemade Labor
»Circuit Bending-Guru Reed Ghazala
»Und noch eine Empfehlung: Instructables, eine grosse DIY-Anleitungs-Tauschseite