Ihr Name ist nicht nur Markenzeichen, sondern
auch Programm. Denn im Fokus ihrer Videokamera steht immer wieder die
eigene Person: Zilla Leutenegger. Diesem Basisprinzip, mit dem sie Ende
der 1990er Jahre bekannt wurde, ist auch ihre aktuelle Schau in der Zürcher
Galerie Peter Kilchmann treu geblieben. Hier zeigt sie vier neue Video-Arbeiten,
«Prada, torch & anderes». Und anderes? Und Zilla natürlich...
Gleich die erste Arbeit, auf die man beim Betreten der
Galerieräume stösst, macht unmissverständlich klar: «Zilla was here».
Tastend gleitet der Lichtkreis einer Taschenlampe – genauer gesagt: dessen
Simulation via Video-Projektion – über die weisse Wand, um Buchstabe um
Buchstabe die Botschaft freizugeben («torch»). Obzwar technisch und ästhetisch
stimmig ins Werk gesetzt, vermag der virtuelle Graffiti-Tag nicht zu überzeugen
– wenigstens nicht auf den ersten Blick. Den Effekt als solchen kennt
man aus der Kino-Werbung. Was es zu lesen gibt... ein müder Treppenwitz?
Zilla Leutenegger, «Der unendliche Raum (the infinite
room)» 2006. Installationsansicht.
Demgegenüber formuliert die Arbeit vis-à-vis Selbstbezüglichkeit schon
wesentlich interessanter. Die Projektion lässt – ebenerdig an die Wand
geworfen und verkleinert – eben jenen Raum erkennen, in dem man gerade
selber steht. Und tatsächlich, dort steht ebenfalls jemand, guckt ein
wenig unschlüssig vor sich hin – nicht anders als in diesem Moment die
Galeriebesucherin. Wer sich schlendernd nähert, vielleicht sogar ein wenig
bückt, um besser erkennen zu können, könnte für einen Moment sogar meinen,
es handele sich tatsächlich um ein Live-Kamera-Bild. Verdankt sich diese
Suggestion nun mehr der Alltagserfahrung mit den allenthalben zunehmend
präsenter Überwachungstechnik? Oder eher dem Umstand, dass entsprechende
Settings zu den Klassikern der Video-Kunst zählen?
Dass sich so viel Suggestion einstellt, obwohl es sich bei der Person
in der Projektion natürlich um niemand anderen als Zilla Leutenegger handelt,
weist das bereits darauf hin, wie wirkungsvoll diese hier das Prinzip
des Zirkelschlusses in Szene setzt. Von Nahem zeigt sich nämlich, dass
sich auch im Bild eine entsprechende Projektion wieder findet, welche
ihrerseits die Künstlerin an selbiger Stelle im Galerieraum stehend zeigt,
an dessen Wand wiederum die Projektion eben dieses Bildes... und so fort.
Leuteneggers Variation auf das Thema des «Unendlichen Raums» ist gleichwohl
nicht einem videotechnischen «Closed Circuit» geschuldet. Während dieses
Verfahren – in den 1970er Jahren von PionierInnen der Videokunst wie Nam
June Paik, Dan Graham, Bruce Nauman oder Valie Export erkundet – auf einer
direkte Rückkopplung von Kamera und Monitor- bzw. Projektionsbild basiert,
entstand hier ein entsprechender Effekt auf analogem Wege, nämlich mittels
einander gegenüberliegender Spiegel.
Diese kluge und gezielte Kombinatorik verschiedener Medien und Verfahren,
von Video, Objekt und Zeichnung, die nicht neben- sondern miteinander
funktionieren, macht eine zentrale Qualität von Leuteneggers Arbeiten
aus. Dabei mag – wie auch die beiden anderen Installationen der kleinen
Werkschau zeigen – das jeweilige Ergebnis unterschiedlich überzeugend
ausfallen: Die als Spiegel-Projektion eingerichtete Kleiderprobe im Tokyoter
«Prada»-Shop bleibt gerade aufgrund ihrer konsequenten Umsetzung zwischen
Eitelkeit und Ennui stecken. Hingegen gelingt es in «Lucellino» im Zusammenspiel
von Wand- und Videozeichnung einem ungleich schlichteren Szenario – eine
Frau, die eine Hängelampe in Pendelbewegungen versetzt – in pure Bildpoesie
zu transformieren.
Zilla Leutenegger, «Lucellino (small light)», 2006.
Installationsansicht.
Alle Bilder courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich
In der Summe belegt die Ausstellung nicht nur, wie souverän und variationsreich
Zilla Leutenegger die Klaviatur des Mediums Video zu spielen versteht.
Sie zeigt auch, dass die Konzentration auf die eigene Person nicht nur
mit narzisstischem Drang zur Selbstbespiegelung zu tun haben muss. Und
erst recht nicht, wie nach wie vor besonders gern KünstlerInnen unterstellt,
mit «Selbstvergewisserungsstrategien». Zweifellos hat sich Leutenegger
als und mit Zilla eine künstlerische Persona geschaffen, die auch vor
dem Hintergrund solcher Klischees erfolgreich funktioniert – beziehungsweise
diese zuweilen ziemlich unverblümt bedient. Derlei mag marktgerecht sein.
Spannender sind jedoch in der Regel jene Arbeiten, die sich nicht ins
Schema fügen.
A propos: Auch auf den zweiten Blick wird aus «torch» kein Meisterwerk.
Man könnte den Schriftzug im Lichtkreis aber immerhin, anstatt als kindlich-naive
Signatur, als dezenten Hinweis auf ein Faktum verstehen, das leider allzu
oft in Vergessenheit gerät: «Authentizität» ist im Rahmen der Kunst immer
Geste. Und Projektion.