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01.10.06
«... war hier.»
Verena Kuni

Ihr Name ist nicht nur Markenzeichen, sondern auch Programm. Denn im Fokus ihrer Videokamera steht immer wieder die eigene Person: Zilla Leutenegger. Diesem Basisprinzip, mit dem sie Ende der 1990er Jahre bekannt wurde, ist auch ihre aktuelle Schau in der Zürcher Galerie Peter Kilchmann treu geblieben. Hier zeigt sie vier neue Video-Arbeiten, «Prada, torch & anderes». Und anderes? Und Zilla natürlich...

Gleich die erste Arbeit, auf die man beim Betreten der Galerieräume stösst, macht unmissverständlich klar: «Zilla was here». Tastend gleitet der Lichtkreis einer Taschenlampe – genauer gesagt: dessen Simulation via Video-Projektion – über die weisse Wand, um Buchstabe um Buchstabe die Botschaft freizugeben («torch»). Obzwar technisch und ästhetisch stimmig ins Werk gesetzt, vermag der virtuelle Graffiti-Tag nicht zu überzeugen – wenigstens nicht auf den ersten Blick. Den Effekt als solchen kennt man aus der Kino-Werbung. Was es zu lesen gibt... ein müder Treppenwitz?


Zilla Leutenegger, «Der unendliche Raum (the infinite room)» 2006. Installationsansicht.

Demgegenüber formuliert die Arbeit vis-à-vis Selbstbezüglichkeit schon wesentlich interessanter. Die Projektion lässt – ebenerdig an die Wand geworfen und verkleinert – eben jenen Raum erkennen, in dem man gerade selber steht. Und tatsächlich, dort steht ebenfalls jemand, guckt ein wenig unschlüssig vor sich hin – nicht anders als in diesem Moment die Galeriebesucherin. Wer sich schlendernd nähert, vielleicht sogar ein wenig bückt, um besser erkennen zu können, könnte für einen Moment sogar meinen, es handele sich tatsächlich um ein Live-Kamera-Bild. Verdankt sich diese Suggestion nun mehr der Alltagserfahrung mit den allenthalben zunehmend präsenter Überwachungstechnik? Oder eher dem Umstand, dass entsprechende Settings zu den Klassikern der Video-Kunst zählen?


Zilla Leutenegger, «Prada», 2006. Installationsansicht.

Dass sich so viel Suggestion einstellt, obwohl es sich bei der Person in der Projektion natürlich um niemand anderen als Zilla Leutenegger handelt, weist das bereits darauf hin, wie wirkungsvoll diese hier das Prinzip des Zirkelschlusses in Szene setzt. Von Nahem zeigt sich nämlich, dass sich auch im Bild eine entsprechende Projektion wieder findet, welche ihrerseits die Künstlerin an selbiger Stelle im Galerieraum stehend zeigt, an dessen Wand wiederum die Projektion eben dieses Bildes... und so fort. Leuteneggers Variation auf das Thema des «Unendlichen Raums» ist gleichwohl nicht einem videotechnischen «Closed Circuit» geschuldet. Während dieses Verfahren – in den 1970er Jahren von PionierInnen der Videokunst wie Nam June Paik, Dan Graham, Bruce Nauman oder Valie Export erkundet – auf einer direkte Rückkopplung von Kamera und Monitor- bzw. Projektionsbild basiert, entstand hier ein entsprechender Effekt auf analogem Wege, nämlich mittels einander gegenüberliegender Spiegel.

Diese kluge und gezielte Kombinatorik verschiedener Medien und Verfahren, von Video, Objekt und Zeichnung, die nicht neben- sondern miteinander funktionieren, macht eine zentrale Qualität von Leuteneggers Arbeiten aus. Dabei mag – wie auch die beiden anderen Installationen der kleinen Werkschau zeigen – das jeweilige Ergebnis unterschiedlich überzeugend ausfallen: Die als Spiegel-Projektion eingerichtete Kleiderprobe im Tokyoter «Prada»-Shop bleibt gerade aufgrund ihrer konsequenten Umsetzung zwischen Eitelkeit und Ennui stecken. Hingegen gelingt es in «Lucellino» im Zusammenspiel von Wand- und Videozeichnung einem ungleich schlichteren Szenario – eine Frau, die eine Hängelampe in Pendelbewegungen versetzt – in pure Bildpoesie zu transformieren.


Zilla Leutenegger, «Lucellino (small light)», 2006. Installationsansicht.
Alle Bilder courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich


In der Summe belegt die Ausstellung nicht nur, wie souverän und variationsreich Zilla Leutenegger die Klaviatur des Mediums Video zu spielen versteht. Sie zeigt auch, dass die Konzentration auf die eigene Person nicht nur mit narzisstischem Drang zur Selbstbespiegelung zu tun haben muss. Und erst recht nicht, wie nach wie vor besonders gern KünstlerInnen unterstellt, mit «Selbstvergewisserungsstrategien». Zweifellos hat sich Leutenegger als und mit Zilla eine künstlerische Persona geschaffen, die auch vor dem Hintergrund solcher Klischees erfolgreich funktioniert – beziehungsweise diese zuweilen ziemlich unverblümt bedient. Derlei mag marktgerecht sein. Spannender sind jedoch in der Regel jene Arbeiten, die sich nicht ins Schema fügen.

A propos: Auch auf den zweiten Blick wird aus «torch» kein Meisterwerk. Man könnte den Schriftzug im Lichtkreis aber immerhin, anstatt als kindlich-naive Signatur, als dezenten Hinweis auf ein Faktum verstehen, das leider allzu oft in Vergessenheit gerät: «Authentizität» ist im Rahmen der Kunst immer Geste. Und Projektion.

   
Ausstellung:

Zilla Leutenegger, «Prada, torch & anderes»
Peter Kilchmann Gallery, Limmatstrasse 270, Zürich (CH)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr
Bis 7. Oktober 2006

Links:

»www.kilchmanngalerie.com
»www.zilla.ch