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02.08.06
Es ist angerichtet.
Verena Kuni

Von vergänglicher Schönheit: Gabriella Gerosas Einladung zu einem «Fest» ohne Gäste

Noch kein Bild, da setzt die Musik ein. Schon die ersten Takte drehen sich sanft, aber unerbittlich ins Ohr. Vivaldis «Frühling» aus den «Vier Jahreszeiten» hat man zu oft gehört, um nicht gleich zu denken: ein Stimmungsklischee, gern gespielt zu gesellschaftlichen Anlässen, die weniger gehoben und allemal weniger erhebend sind als sie sich geben wollen. Gepflegte Langeweile, gedämpfte Stimmen, am besten ist meist noch das Buffet. Und tatsächlich scheint auch das Bild auf der Leinwand dazu zu passen, auf den ersten und eigentlich erst recht auf den zweiten Blick.


Gabriella Gerosa: Still aus «Das Buffet», Teil des Zyklus «Das Fest» (2003)


Ein perfektes Stillleben hat Gabriella Gerosa für uns angerichtet. Über die Tafel ist ein weisses Tuch gebreitet worden; darauf sind nach allen Regeln der Kunst dunkelorange leuchtende Hummer arrangiert und silbrig glitzernde Austern, dunkle Oliven und helle Brötli, saftgrüne Limomen, Weintrauben in Weiss und Rot. Rosafarbene Tulpen neigen sich elegant aus schlanken Vasen, weisse Kerzen spenden stimmungsvolles Licht, zwei Champagnerflaschen rahmen eine Gruppe von Kelchen, in denen es verführerisch perlt.

Ja: Es perlt in den Gläsern und die Kerzen flackern versonnen vor sich hin, denn das Ganze ist eine Projektion – in mehrfacher Hinsicht, wie man nun erkennt, da sich die perfekte Symmetrie der Tafel einer Spiegelung verdankt. Das vergisst man vielleicht wieder nach einer Weile, während man in den Anblick das Glanzes versunken, von Vivaldi wirkungsvoll sediert, darauf wartet, eigentlich schon nicht mehr darauf wartet, dass etwas oder eben auch einfach nichts weiter geschieht.

Eine schier unendlich gedehnte Minute später perlt es noch immer in den Gläsern, Vivalid plätschert im Hintergrund und man denkt nach über die unaufhaltsame Macht der Gegenwart über die übrige Zeit. Und über die fatale Rezeptur dezenter Opulenz, dank der die Dinge so wirkungsvoll der Leidenschaft und Zärtlichkeit des Augenblicks ,der Intensität einer Stimmung entfremdet werden und zu Klischees gerinnen. Nein, das haben sie eigentlich nicht verdient, am allerwenigsten die Musik: Vivaldi, der dem Priesteramt entfloh um mit einem Mädchenorchester Weltruhm zu erlangen – was für eine Karriere! Wie konnte das nur passieren? Warum haben wir uns das nur angetan?


Gabriella Gerosa: Still aus «Das Buffet», Teil des Zyklus «Das Fest» (2003)

Genau in dieser Sekunde, die Musik hat sich gerade zum Crescendo gegen Ende des ersten Satzes aufgeworfen, passiert es: Erst ein metallenes Ächzen wie von einer gigantischen schwergängigen Schraube, das nichts Gutes ahnen lässt, dann ein ohrenbetäubender Krach. Die Gläser stürzen, fallen nach allen Seiten, die Früchte fliegen und die Tulpen knicken weg, nun explodieren auch die Champagnerflaschen, schäumendes Nass schwappt über dem Tisch. Aber das kann das träge Auge nurmehr nachbuchstabieren, während es zaghaft das Ausmass der Zerstörung abtastet.

Auch dafür hat es nun wieder weidlich Zeit, während im Hintergrund trotzig die letzten Takte des Allegro verklingen. Nein, einen zweiten Satz wird es nicht geben: Vom appetitlichen Gedeck ist wenig übrig geblieben. Die Tulpen haben ihre Blüten verloren, die Hummer sind kläglich in sich zusammengesackt, die Kerzen verloschen wie in einem memento mori – bis auf zwei, die das gespenstische Szenario beleuchten. Vivaldi ist verstummt, statt seiner gibt das auspendelnde Glasgehänge des Kristalllüsters den Takt. Bis auch dieses Totenglöcklein verklingt. Unverdrossen, aber stumm perlt der Champagner in den Gläsern, die wohl niemand mehr leeren wird. Jetzt ist im Stillleben wirklich Stille eingekehrt.

Bill Viola hätte dafür eine gigantische Leinwand, extreme Slow Motion und ein ganzes Soundsystem gebraucht – und natürlich niemals, niemals Vivaldi erklingen lassen. Anders Gabriella Gerosa : Ihr liegt wenig an Pathos und Paukenschlag. Den Posten des Obersten Bademeisters an den Tauchbecken der großen Gefühle wird und will sie dem amerikanischen Videokünstler sicher nicht streitig machen. Zwar zitiert auch sie Kunstgeschichte und arbeitet auf der Klaviatur der Emotionen, doch geht die subtile Präzision ihrer Kompositionen auf etwas anderes aus. Ihre artifizielle Ästhetik verrät, dass das Erbe der Kunstgeschichte längst in einer visuellen Kultur aufgegangen ist, die weidlich Gebrauch von ihm gemacht hat.

Ähnliches gilt auch für die Wahl der Musik: Die Prägung durch halbherzige Derivate –Hintergrundgesäusel für Firmenfeierlichkeiten, Werbeclips und sogenannte «Klassik-Sender» – paart den Glanz des Festgedecks von vornherein mit seinen schalen Nachbildern in Lifestyle-Magazinen. In Wirklichkeit kennen wir barocke Festlichkeit zumeist als Fertig-Arrangement, bestellt zur Erfüllung gesellschaftlicher Konventionen. Allerdings lässt uns Gerosa auch hinreichend Zeit, über die falsche Nostalgie nachzudenken, die hinter solchen Vergleichen lauert. War Vivaldi nicht selbst ein geschickter Arrangeur, der für den Geschmack seiner Zeit komponierte? Und wurden nicht die meisten der wunderbaren Stillleben, vor denen wir heute im Museum andächtig «memento mori» murmeln, vor allem anderen deshalb gemalt, weil sich der Künstler Käufer versprach? So gesehen ähneln Gerosas sanft bewegte Bilder eher Cindy Shermans frühen «Film Stills», die zwischen Bildgedächtnis und Leerlauf oszilieren. Auch sie schicken die Gefühle auf die Suche scheinbar erinnerter Vorbilder, die sich letztlich als leeres Klischee entpuppen.
Die Zerstörung der Schönheit findet nicht erst mit dem Sturz des Kronleuchters statt. Vanitas war von Anfang an – um nicht zu sagen: Vanity Fair. Eine schöne Lüge eben. Das Interessante daran ist jedoch: So wie Gabriella Gerosa sie erzählt, erinnert man sich unwillkürlich daran, dass das alles – und sei es an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit – dennoch wirklich, wahr und wunderschön sein kann.

Ausstellung:

Gabriella Gerosa, «Das Fest», Videozyklus aus dem Jahr 2003

Gezeigt im Rahmen der Ausstellung «corpus delicti – gefährdere schönheit»
Evangelische Stadtakademie, Römerberg 9, D-Frankfurt am Main

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag, 14.00 bis 18.00 Uhr, bis 26. August 2006

Links: »Evangelische Stadtakademie