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Noch kein Bild, da setzt die Musik ein. Schon die ersten
Takte drehen sich sanft, aber unerbittlich ins Ohr. Vivaldis «Frühling»
aus den «Vier Jahreszeiten» hat man zu oft gehört, um
nicht gleich zu denken: ein Stimmungsklischee, gern gespielt zu gesellschaftlichen
Anlässen, die weniger gehoben und allemal weniger erhebend sind als
sie sich geben wollen. Gepflegte Langeweile, gedämpfte Stimmen, am
besten ist meist noch das Buffet. Und tatsächlich scheint auch das
Bild auf der Leinwand dazu zu passen, auf den ersten und eigentlich erst
recht auf den zweiten Blick.

Gabriella Gerosa: Still aus «Das Buffet», Teil des Zyklus
«Das Fest» (2003)
Ein perfektes Stillleben hat Gabriella Gerosa für uns angerichtet.
Über die Tafel ist ein weisses Tuch gebreitet worden; darauf sind
nach allen Regeln der Kunst dunkelorange leuchtende Hummer arrangiert
und silbrig glitzernde Austern, dunkle Oliven und helle Brötli, saftgrüne
Limomen, Weintrauben in Weiss und Rot. Rosafarbene Tulpen neigen sich
elegant aus schlanken Vasen, weisse Kerzen spenden stimmungsvolles Licht,
zwei Champagnerflaschen rahmen eine Gruppe von Kelchen, in denen es verführerisch
perlt.
Ja: Es perlt in den Gläsern und die Kerzen flackern versonnen vor
sich hin, denn das Ganze ist eine Projektion – in mehrfacher Hinsicht,
wie man nun erkennt, da sich die perfekte Symmetrie der Tafel einer Spiegelung
verdankt. Das vergisst man vielleicht wieder nach einer Weile, während
man in den Anblick das Glanzes versunken, von Vivaldi wirkungsvoll sediert,
darauf wartet, eigentlich schon nicht mehr darauf wartet, dass etwas oder
eben auch einfach nichts weiter geschieht.
Eine schier unendlich gedehnte Minute später perlt es noch immer
in den Gläsern, Vivalid plätschert im Hintergrund und man denkt
nach über die unaufhaltsame Macht der Gegenwart über die übrige
Zeit. Und über die fatale Rezeptur dezenter Opulenz, dank der die
Dinge so wirkungsvoll der Leidenschaft und Zärtlichkeit des Augenblicks
,der Intensität einer Stimmung entfremdet werden und zu Klischees
gerinnen. Nein, das haben sie eigentlich nicht verdient, am allerwenigsten
die Musik: Vivaldi, der dem Priesteramt entfloh um mit einem Mädchenorchester
Weltruhm zu erlangen – was für eine Karriere! Wie konnte das
nur passieren? Warum haben wir uns das nur angetan?

Gabriella Gerosa: Still aus «Das Buffet»,
Teil des Zyklus «Das Fest» (2003)
Genau in dieser Sekunde, die Musik hat sich gerade zum Crescendo gegen
Ende des ersten Satzes aufgeworfen, passiert es: Erst ein metallenes Ächzen
wie von einer gigantischen schwergängigen Schraube, das nichts Gutes
ahnen lässt, dann ein ohrenbetäubender Krach. Die Gläser
stürzen, fallen nach allen Seiten, die Früchte fliegen und die
Tulpen knicken weg, nun explodieren auch die Champagnerflaschen, schäumendes
Nass schwappt über dem Tisch. Aber das kann das träge Auge nurmehr
nachbuchstabieren, während es zaghaft das Ausmass der Zerstörung
abtastet.
Auch dafür hat es nun wieder weidlich Zeit, während im Hintergrund
trotzig die letzten Takte des Allegro verklingen. Nein, einen zweiten
Satz wird es nicht geben: Vom appetitlichen Gedeck ist wenig übrig
geblieben. Die Tulpen haben ihre Blüten verloren, die Hummer sind
kläglich in sich zusammengesackt, die Kerzen verloschen wie in einem
memento mori – bis auf zwei, die das gespenstische Szenario beleuchten.
Vivaldi ist verstummt, statt seiner gibt das auspendelnde Glasgehänge
des Kristalllüsters den Takt. Bis auch dieses Totenglöcklein
verklingt. Unverdrossen, aber stumm perlt der Champagner in den Gläsern,
die wohl niemand mehr leeren wird. Jetzt ist im Stillleben wirklich Stille
eingekehrt.
Bill Viola hätte dafür eine gigantische Leinwand, extreme Slow
Motion und ein ganzes Soundsystem gebraucht – und natürlich
niemals, niemals Vivaldi erklingen lassen. Anders Gabriella Gerosa : Ihr
liegt wenig an Pathos und Paukenschlag. Den Posten des Obersten Bademeisters
an den Tauchbecken der großen Gefühle wird und will sie dem
amerikanischen Videokünstler sicher nicht streitig machen. Zwar zitiert
auch sie Kunstgeschichte und arbeitet auf der Klaviatur der Emotionen,
doch geht die subtile Präzision ihrer Kompositionen auf etwas anderes
aus. Ihre artifizielle Ästhetik verrät, dass das Erbe der Kunstgeschichte
längst in einer visuellen Kultur aufgegangen ist, die weidlich Gebrauch
von ihm gemacht hat.
Ähnliches gilt auch für die Wahl der Musik: Die Prägung
durch halbherzige Derivate –Hintergrundgesäusel für Firmenfeierlichkeiten,
Werbeclips und sogenannte «Klassik-Sender» – paart den
Glanz des Festgedecks von vornherein mit seinen schalen Nachbildern in
Lifestyle-Magazinen. In Wirklichkeit kennen wir barocke Festlichkeit zumeist
als Fertig-Arrangement, bestellt zur Erfüllung gesellschaftlicher
Konventionen. Allerdings lässt uns Gerosa auch hinreichend Zeit,
über die falsche Nostalgie nachzudenken, die hinter solchen Vergleichen
lauert. War Vivaldi nicht selbst ein geschickter Arrangeur, der für
den Geschmack seiner Zeit komponierte? Und wurden nicht die meisten der
wunderbaren Stillleben, vor denen wir heute im Museum andächtig «memento
mori» murmeln, vor allem anderen deshalb gemalt, weil sich der Künstler
Käufer versprach? So gesehen ähneln Gerosas sanft bewegte Bilder
eher Cindy Shermans frühen «Film Stills», die zwischen
Bildgedächtnis und Leerlauf oszilieren. Auch sie schicken die Gefühle
auf die Suche scheinbar erinnerter Vorbilder, die sich letztlich als leeres
Klischee entpuppen.
Die Zerstörung der Schönheit findet nicht erst mit dem Sturz
des Kronleuchters statt. Vanitas war von Anfang an – um nicht zu
sagen: Vanity Fair. Eine schöne Lüge eben. Das Interessante
daran ist jedoch: So wie Gabriella Gerosa sie erzählt, erinnert man
sich unwillkürlich daran, dass das alles – und sei es an einem
anderen Ort und zu einer anderen Zeit – dennoch wirklich, wahr und
wunderschön sein kann.
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