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03.01.07
The empire strikes back: Die Kunsthistorie und das Medium Internet
Villö Huszai

In einer der letzten NZZ-Wochenend-Ausgaben dieses Jahres wird der Basler Kunsthistoriker Axel Christoph Gampp grundsätzlich, indem er fragt: Wie neu ist die «Ästhetik des Mediums Internet»?

Kann alleine die «Neuheit» des Mediums Internet dafür garantieren, «auch ästhetisch zu neuen Erfahrungen zu gelangen»? Gampps Frage ist rhetorisch und die Antwort des Kunsthistorikers voraussehbar. Doch von was spricht unser «Alles-schon-gehabt-Mann« vom Rhein eigentlich?


Studer / van den Berg: «Tanne 2» (2006), Inkjet Print auf Fotopapier auf Aluminium, 219 x 148 cm, Edition: 5. Courtesy Galerie Nicolas Krupp.

Das Fallbeispiel, an dem Gampp seine Frage abhandelt, ist das Werk »Vue des Alpes von Monica Studer und Christoph van den Berg. Diese bilden eine Ausnahme unter den Künstlern, welche in den 90er Jahren mit dem Computer zu arbeiten begonnen haben: Studer/van den Berg bringen Bilder und Bildwelten hervor, die nicht nur, aber durchaus auch als Bilder gewertet werden sollen. Gampp stellt ihre Arbeit in die Bild-Tradition und ignoriert die bilderstürmerischen Aspekte der Netzkunst - und wundert sich, dass er im sensiblen, ganz sachte Altes und Neues verbindenden Werk Studer/van den Bergs nichts Wegweisendes zu erkennen vermag. Gampp legt dar, das eine oder andere Prezios aus seinem kunsthistorischen Schatzkästlein ziehend, dass Studer/van den Bergs ästhetische Techniken schon da gewesen sind, und versteht dabei unter «Ästhetik» schlicht Bildästhetik.

Die meisten Künstler, die in den 90er Jahren mit den digitalen Medien experimentierten, sind Bilderstürmer gewesen. Inspiriert von den noch unerprobten Telekommunikationsmitteln verweigerte man sich dem Kunstmarkt und seiner Gier nach handelbaren Objekten und begab sich, im Falle der sich als Aktiengesellschaft gebärdenden Netzkunstgruppe »etoy beispielsweise auch durchaus augenzwinkernd, auf die Suche nach alternativen Kommunikations- und Kunstformen. Zu diesem Akt der Rebellion kann man sich stellen, wie man will – ignorieren sollte man ihn nicht. Das aber tut Gampp, wenn er sich erheischt am Fallbeispiel «Vue des Alpes» gleich eine ganze Generation respektive den ästhetischen Valeur des «Mediums Internet» zu besprechen.

Die «Neuheit» des Mediums Internet, wenn es denn auf Neuheit unbedingt ankommen soll, ist eine avantgardistische. Sich der so geschäftstauglichen Bilderproduktion auf «neue» Art und Weise verweigert zu haben, ist ein massgebendes Charakteristikum dieser Generation. Das Phänomen der «Vernetzung», wenn denn ein Schlagwort herhalten soll, bildete den Ausgangspunkt für die damalige Suche nach «neuen» Möglichkeiten, der Kommunikation und der Kunst. Von diesem radikalen Avantgardismus sind Studer/van den Berg relativ weit entfernt, gerade weil man bei ihnen von einer Art Primat des Bildes sprechen kann. Und doch eigentlich zum Glück für die Kunsthistorie, könnte sie doch Studer/van den Bergs Werk als subtile Vermittlerin verstehen zu dem, was für sie offenbar wirklich noch Neuland ist.

Nun findet sich auf derselben denkwürdigen Seite der NZZ ein zweiter Beitrag von Reinhard Storz, Betreiber der Netzplattform »www.xcult.org. Von Storz erfährt man viel über das Netzspezfische von Studer/van den Bergs Arbeit, so dass Gampps Position einen valablen Kontrapunkt erfährt. Doch der dezidiert bilderstürmerische und avantgardistisch-nihilistische Aspekt der Netzkunst-Tradition bleibt bei Storz unterbelichtet. Dieser Aspekt ist aber, so unbequem er auch ist, zentral; die Qualität der Netzkunst hängt nicht wenig davon ab, wie sie diesen selbstzerstörerischen Aspekt aushält, umsetzt oder zurückweist.


Still aus Heath Buntings «Memorial Stone» (2006)

Dieser Tage hat der Netzkunst-Pensionär Heath Bunting unter dem Titel »Memorial Stone ein Video ins Netz gestellt, in dem er seinen Anteil an der Netzkunst-Geschichte der 90er Jahre vor einer Videokamera nacherzählt und gedanklich weiterspinnt. Das eigenwillige Video ist zugegebenermassen ein schwieriger Einstieg in eine Materie, die sich um ihre eigene Vermittlung viel zu wenig schert. Es ist aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der von Bunting gegründeten Netzkunstgruppe Irational und der Dortmunder Ausstellung «The wonderful world of Irational.org» entstanden. Doch das Video ist auch witzig und für Kunsthistoriker - mit einem weiten Kunstbegriff - auch sehr informativ. Es kann dem Zuschauer einen Eindruck davon vermitteln, in welchem Kontext sich Netzkunstarbeiten wie die so anders geartete Arbeit von Studer/van den Berg bewegen. Erst wer diesen gewaltigen Spannungsbogen von reiner Bilderkunst und Netzavantgardismus kennt, in dem sich Studer/van den Berg bewegen, kann ihren Versuch zwischen neu und alt zu vermitteln einschätzen.

Information:

Natürlich ist der Text von Axel Christoph Gampps trotz der hier versuchten Kritik äusserst lesenswert, hier der Link: »Wie ein anderer Gott, Ästhetik und Erfindung in den Werken des Künstlerduos Monica Studer und Christoph van den Berg, erschienen in der NZZ-Beilage «Literatur und Kunst» vom 16./17. Dezember 2006.

Noch bis zum 6. Januar zeigen Studer/van den Berg eine Ausstellung in der Galerie Nicolas Krupp in Basel.

Links: »Vue des Alpes von Monica Studer und Christoph van den Berg
»Memorial Stone von Heath Bunting