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«Eine abstrakte Anordnung von Farben, Flächen
und Zeichen in meist rechteckiger Form» Was hier wohl beschrieben
wird? Malerei, könnte man meinen. Dabei beginnt so der Artikel im
online-Nachschlagewerk Wikipedia zum Stichwort «Flagge». Aber
natürlich ist die Assoziation als solche nicht aus der Luft gegriffen
– wo sonst neben Stoffbahnen in Nationalfarben, mit Stadtwappen,
Firmensigneten und schnöder Werbung hin und wieder sogar von Künstlerhand
gestaltete Fahnen flattern. Schliesslich sind Flaggen Bildzeichen, die
über ihre generelle Signalwirkung hinaus weitere kulturelle Botschaften
zu transportieren vermögen, und folglich bestens geeignet für
Kunst im öffentlichen Raum.
 
Anverwandelte Kolonialgeschichte: Kongo vs. Belgien.
(Bilder zvg)
Auf ihre Weise belegen das auch Myriam Thyes’ «Flaggen-Metamorphosen»
– ein Projekt, das sich nicht damit begnügt, in Fahnenform
weithin sichtbare Zeichen für die Kunst zu setzen. Hier bildet tatsächlich
die bunte Vielfalt der über 190 bekannten Landesflaggen den Ausgangspunkt
für eine ästhetische und thematische Auseinandersetzung mit
dem Sujet, bei der es zudem um eine spezifische Art der (An-)Verwandlung
geht. Myriam Thyes fordert nämlich dazu auf, für ihre Plattform
im Web die Nationalfahnen verschiedener Länder mittels Flash-Programmierung
«zum Tanzen zu bringen.»
Der Titel «Flaggen-Metamorphosen» ist Programm: Schon in
den klassischen Metamorphose-Mythen, wie sie prominent Ovids gleichnamige
Dichtung überliefert, ist der Wandel der Gestalten nie auf das Äussere
beschränkt, sondern korrespondiert mit ihren Wesenszügen. Das
zeichnet auch die «Flaggen-Metamorphosen» aus. Zwar werden
die nationalen Symbolträger mit Hilfe digitaler Animation in Bewegung
gebracht, was zunächst den Gedanken nahe legt, man habe es lediglich
mit einem «Morphing», einer Formveränderung zu tun. Dabei
soll der Weg der Wandlung aber auch sinnstiftende Brücken zwischen
den beiden Ländern schlagen, für die sie stehen. Das wiederum
klingt nach naiver Harmonielehre, für die selbst die diplomatischen
Beziehungen im neuen Europa kaum als hinreichendes Unterpfand taugen.
Aber für eine reine Feier von Friede, Freude und Eierkuchen will
die Künstlerin die Fahnen nicht im World Wide Web wehen sehen.
 
Zwei Mal Feld und Dschungel: Bangladesh (links)
und Brasilien im Austausch mit China.
«Alle staatlichen Flaggen tragen in ihren Designs, Zeichen und Figurationen
Bedeutungen. Diese stehen zwar zur realen Geschichte des Landes in Beziehung,
drücken aber oft eher Wünsche und Behauptungen aus – wie
Stärke, Unabhängigkeit, Schönheit, Größe eines
Landes und seiner Leistungen. Dies erschwert den Umgang mit den Symbolen,
hebt die Überlegungen aber auch auf eine abstraktere, philosophische
und kulturhistorische Ebene», heisst es in ihrem Projektkonzept.
Und weiter: «Die in Flaggen 'versteckten' Mythen können in
der Recherche offengelegt und für die Animation fruchtbar gemacht
werden – z. B. als Dekonstruktion und Umwertung. Nebst der Betrachtung
jedes einzelnen Landes und seiner Flagge sind auch die wichtigsten Beziehungen
jedes Landes zu andern Ländern zu recherchieren: Nachbarländer,
Kolonial-Beziehungen, kulturelle Einflüsse usw.»
Dass dabei auch so manche «Beziehungsgeschichte», über
die mittlerweile diplomatischer Zierrasen gepflanzt worden ist, wieder
ausgegraben und in den Metamorphosen zum Vorschein gebracht werden könnte,
liegt also mindestens im Potenzial des Projekts.
Wie derlei im Einzelnen Gestalt zu verleihen wäre, bleibt der Phantasie
derer überlassen, die sich an Thyes’ Projekt beteiligen: Auf
ihrer Internet-Seite hat sie nämlich nicht nur eine Präsentationsfläche
eingerichtet, auf der die bereits entstandenen «Flaggen-Metamorphosen»
flattern, sondern fordert auch andere Netznutzerinnen und Netznutzerinnen
dazu auf, eigene Beiträge einzureichen. Die ersten Ergebnisse ihres
Aufrufs, auf kreative Weise «Flagge zu zeigen», lassen sich
hier bewundern. Unter den internationalen Einreichungen schwelgen zwar
manche Verwandlungsgeschichten in leuchtenden Farben, sind jedoch mit
fröhlichem Fähnchenschwenken schwerlich zu verwechseln. Peter
Chanthanakone etwa verweist mit der Metamorphose der Flagge von Laos in
diejenige von Kanada auf den Migrationshintergrund seiner Familie, die
vor dem kommunistischen Regime auf den Nordamerikanischen Kontinent flüchtete.
 
Griff nach den Sternen: eine (Flagge der) EU in
Animation.
Sicher: Dass die vertonten Flash-Animationen auf der ästhetischen
Ebene besonders subtil ausfallen würden, lässt sich kaum behaupten.
Aber das hat wohl weniger mit den Metamorphosen, als mit dem Ausgangsmaterial
zu tun: Als Bildzeichen mit Signalwirkung wollen Flaggen auf den ersten
Blick erfasst werden – Botschaften zwischen den Zeilen wären
da fehl am Platz. Just in dem Moment jedoch, da die zum Appell angetretenen
Fahnen in Bewegung geraten und die fest gefügten Formen zu flattern
beginnen, dürfen auch die Zeichen für kurze Zeit aus der Reihe
tanzen. Nur für Momente, dann stehen sie wieder in Reih und Glied
– allein während ihrer Verwandlung ist Raum für die Geschichten,
die der Wind erzählt.
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