Nicht alles ist berechenbar.
Das «Journal für Kunst, Sex und Mathematik»
Verena Kuni
Was haben Kunst, Sex und
Mathematik miteinander zu tun? Einiges – jedenfalls behauptet das
ein neues Schweizer Journal, das im Spätherbst 2006 ans Netz gegangen
ist und seither nahezu täglich mit neuen Beiträgen aufwartet.
Und dabei für so manche Überraschung zu sorgen versteht.
Einen Tag vor Weihnachten konnte man eine kleine, schwarze
Gestalt einsam am Rande eines Swimmingpools kauern sehen. So seltsam ist
das Bild zu diesem Datum, dass es fast zwingend logisch erscheint: Das
muss in die «Kategorie Kunst» gehören. Weniger, weil
das einer klassischen Konditionierung der Wahrnehmung von Bildern entspricht,
sondern weil es sich bei diesem Bild um einen Eintrag in einem Weblog
handelt , der (wie bei solchen Online-Journalen üblich) tatsächlich
in der entsprechenden Themen-Rubrik eingeordnet werden kann. Und wer sich
ein wenig in der Szene auskennt, hat auch den Autor der Graphik längst
erkannt: Der Eintrag verdankt sich Yves Netzhammer – also einem
Experten auf dem Gebiet der digitalen Zeichenkunst.
Weitaus seltsamer nimmt sich dagegen die Nachbarschaft aus, in der seine
Arbeiten in diesem Fall auftauchen. Rundherum gibt es nämlich –
neben Werken zweier Kolleginnen, Barbara Ellmerer und Daniela Keiser –
auch allerlei Texte zu lesen. Die aber widmen sich mitnichten allein der
Kunst, sondern auch zunächst etwas obskur anmutenden Themen wie der
im Mittelalter kursierenden Idee eines "weiblichen Samens" analog
zu dem des Mannes (Eintrag vom 3. November 2006) oder der "abessinischen
Bauernmethode" des Multiplizierens (Eintrag vom 17. November 2006).
Genau diese Mischung ist jedoch Programm des Projekts, zu dessen Team
neben Netzhammer, Ellmerer und Keiser noch der Medientheoretiker Nils
Röller und der Schriftsteller Urs Faes gehören. Nicht umsonst
lautet der Titel «Journal für Kunst, Sex und Mathematik»
– und was könnte sich für die flanierende Erkundung des
Terrains, das sich zwischen diesen Begriffen spannt, besser eignen als
ein Weblog, derzeit das Medium der Datendandys männlichen wie weiblichen
Geschlechts schlechthin. Gedanken, Fundstücke, Zitate, ob Texte oder
Bilder: Was immer sich in dieses Koordinatensystem einordnen lässt,
erhält einen Platz.
Die einzige diskrete Verortung stellt das Datum des Eintrags dar –
eine Ordnung jenseits von Wertungen und Hierarchien, vom Ausschlag gebenden
Kriterium der Auswahl einmal abgesehen. Zugleich aber wird jeder Eintrag
sowohl durch die chronologische Lektüre, als auch durch die Zuordnung
zu einer oder auch mehreren Kategorien mit zahlreichen anderen Einträgen
verknüpft. Neben «Kunst» bieten sich eben «Sex»
und «Mathematik» an sowie die Sparte «Uncategorized»,
in der Netzhammer seine Bilder bevorzugt ablegt. Auf diese Weise wird
ein perspektivisch zunehmend dichtes, aber auch an den Rändern verfransendes
Gewebe gesponnen, das doch nie deckungsgleich mit dem ausfallen dürfte,
was andere Menschen zu dieser oder zu einer anderen Zeit als Beziehungsgeflecht
zwischen eben jenen Begriffen imaginieren würden.
Tatsächlich wird sogar jeder Leser, jede Leserin des Journals ein
jeweils anderes Bild von dem bearbeiteten Gelände gewinnen –
je nachdem, wie er oder sie das Blog erforscht: Lieber linear, Tag für
Tag den von den Autorinnen und Autoren abgeschrittenen Weg zurückverfolgend?
Oder doch erst einmal bei der Kunst beginnend? Oder lockt vielleicht vor
allem der Sex? Wenn ja, wie geht es weiter, wenn man hier – womöglich
anders als erwartet – erst einmal auf abstrakt-pastose Nahansichten
von Gemälden stösst: Körperhaft zwar und sehr sinnlich,
aber sicher nicht annähernd das, was sich sonst in einschlägigen
online-Angeboten unter diesem Schlagwort verbirgt.
Das Journal ist nicht nur aufgrund seiner Nutzung aktueller Medientechnologie
auf der Höhe der Zeit. Die Schönheit der Mathematik zählt
zu den klassischen Referenzgrössen unserer Kultur – spätestens
seit die Renaissance in Berufung auf die «artes liberales»
antike Wissenschaft für die Kunst fruchtbar machte. Sex und Kunst
scheinen ebenfalls schon seit je zusammen zu gehören, wie ein Gang
ins nächst beste Museum unschwer belegen kann. Und sogar für
die auf den ersten Blick vielleicht eher ungewöhnliche Ménage
à trois von Kunst, Sex und Mathematik lassen sich prominente Vorläufer
finden – wie etwa bei Alfred Jarry oder im Surrealismus. Man Ray
fotografierte die mathematischen Modelle eines Henri Poincaré als
erotische Skulpturen; Max Ernst verwendete gelegentlich Graphen aus Lehrbüchern
als Inventar für eindeutig zweideutige Szenen in seinen Collagen.
Unverkennbar erfährt dieser Komplex heute eine neuerliche Konjunktur.
Die Kunstwissenschaften interessieren sich für die Visualisierung
wissenschaftlicher Bilder und Modelle, künstlerische Arbeiten gewinnen
selbst der Mathematik einen neuen Eros ab. Vor allem aber dürfte
das Interesse an «Kunst, Sex und Mathematik» den digitalen
Medien zu verdanken sein. Die Rechenkünste stehen nicht nur bei denen
hoch im Kurs, die sich praktisch mit dem Erbe von Charles Babbages «Difference
Engine» herumschlagen müssen – also jener Rechenmaschine,
die als historischer Computer avant la lettre gilt. Gerade im Netz spriessen
allenthalben Projekte, die von einer neuen Obsession für «Information
Esthetics» künden. Dahinter steckt vermutlich mehr als nur
die Liebe zur Schönheit von Mass, Zahl und Code. Weiterführende
Überlegungen seitens von Kulturtheoretikern wie Friedrich Kittler
– der Kalkulatoren selbst für jene sexy zu machen versteht,
die sonst eher Abstand zu Zahlen halten – dürften nicht mehr
allzu lang auf sich warten lassen.
Vorerst jedoch kann hier das «Journal für Kunst, Sex und Mathematik»
mit seiner lose verknüpften und stetig weiter wachsenden Sammlung
in die Bresche springen – und liefert sowohl aufgrund der inspirierenden
Vielfalt seiner Einträge, als auch mit Blick auf sein ästhetische
Niveau ein solides Surplus.
Projekt:
«Journal für Kunst,
Sex und Mathematik»
Zusätzlich zum Online-Journal erscheint zweimal jährlich als
Edition ein gedrucktes Magazin mit den Blog-Einträgen sowie Gastbeiträgen.
#1 ist Mitte November erschienen; Preis auf Anfrage unter journal(at)ellmerer.com.