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04.09.06

Bilanz einer elektroakustischen Experimentierwoche in den Tessiner Alpen

(red.) Superterz ist ein junges Zürcher Klangkollektiv, das elektronische Soundscapes für und über das Grossstadtleben schafft. Auf Einladung des Toningenieurs Jürg Jecklin experimentierte das Kollektiv für eine Woche in dessen «Giardino del Suono» im Garten des Palazzo Castelmur. Wir berichteten im Vorfeld (8. August). Das Ergebnis wurde am Ende der Experimentier-Woche als «Soundperformance» der Öffentlichkeit präsentiert.

Die prachtvolle Fassade das Palazzo singt jedem Wanderer das Lob des Längstvergangenen und just hier sollte die Elektroakustik der Zukunft einen Schritt näher kommen? Wie nimmt sich der Hightech-Klanggarten von Jecklin, an sich doch schon ein Fremdkörper, inmitten der Bergeller Bergwelt aus, wenn eine so urbane Musik-Gruppe wie Superterz sie bespielt? Die Fragen nach dem Verhältnis von digitaler Kunst und Aufführungsort beschäftigte clickhere.ch auch noch, als letzte Reisevorbereitungen in Richtung Bergell getroffen wurden. Einsetzender Regen und düstere Wetterprognosen für das Tal hinter der Wasserschweide hat die Augenzeugenschaft von clickhere verhindert. Statt einer eigenen Kritik der Schlussveranstaltung veröffentlichen wir einen Bericht der Medienkünstlerin und HGKZ-Absolventin Nicole Biermaier, die Mitglied von Superterz ist und selbst an der Performance mitwirkte. Biermaiers Bericht kreist gerade um die Frage nach dem Verhältnis zwischen Musik und Aufführungsort, ja dieses Verhältnis erweist sich als Kernmoment des einwöchigen Experiments. Die Fotografien stammen von Biermaier und der Produktionsleiterin Susanne Koeberle.


«Teremin»

Während einer Woche wurden mit Oberflächen- und dynamischen Mikrofonen die Atmos der Umgebung und Stimmen der Bevölkerung aufgenommen und in einer offenen Klangwerkstatt sorgfältig weiterverarbeitet. Der Kontakt zur ansässigen Bevölkerung war wichtig, um zu lernen, welche Geräusche für das Tal charakteristisch waren und teilweise in der heutigen Zeit immer noch sind, und welche Geschichten das Tal und seine Menschen geprägt haben.



«Dorf»

Es sind Geschichten und Stimmen, die von Auswanderung und Rückkehr erzählen, Klänge, die von harter Arbeit zeugen. Diese geräuschhafte Bergeller Klangwelt ist nicht nur von fast monotonem Wasserrauschen der Bäche, von gleichmässig nervösem Grillengezirpe und Insektensummen oder Hühnergegacker geprägt, sondern auch vom rhythmischen Schneiden des Grases mit den Sensen und vom looporientierten maschinellen Schlagen und Schleifen dieser Sensen.


«Soundcheck»

Der Regen, der in der Mitte der Woche einsetzte, verhinderte, dass der «Giardino del Suono» wirklich bespielt und klangwerkstattlich genutzt werden konnte. Deshalb fand die abschliessende Klangperformance in einem der grossen barocken Räume im angrenzenden Palazzo Castelmur statt. Mit Computer und Software wurden Samples der eingefangenen Atmos des Tales geschaffen und mit Instrumenten wie Ondes Martenot, Kalimba, E-Gitarre, Looper und analoge- sowie digitale Effekthardware interpretiert.



«Dengeln»

Ein sorgfältig das Tal interpretierender, rhythmisierter Klangteppich entstand. Dies vermochte die angereisten Zuhörer sowie die Bergeller Besucher auf unterschiedliche Art und Weise zu fesseln. Der mit prozessualen digitalen Klangerzeugern geschaffene Soundscape schien einige Bergeller ihr Tal neu hören zu lassen. Auch schien die visuelle Inszenierung, für einige ungewohnt geprägt durch unzählige Kabel, eine Reflektion über das immer schon Gehörte und Gesehene auszulösen.

Nicole Biermaier
 
Projekt:

Musiker-Kollektivs Superterz
«Bergellklang»
Palazzo Castelmur, Graubünden, 16. bis 19. August 2006

Einige Klangbeispiele aus der Soundperformance vom 19. August lassen sich auf »www.bergellklang.ch demnächst abrufen.

Links:

»Das Projekt «Bergellklang»