Bilanz einer elektroakustischen Experimentierwoche
in den Tessiner Alpen
(red.) Superterz ist ein junges Zürcher Klangkollektiv,
das elektronische Soundscapes für und über das Grossstadtleben schafft.
Auf Einladung des Toningenieurs Jürg Jecklin experimentierte das Kollektiv
für eine Woche in dessen «Giardino del Suono» im Garten des Palazzo Castelmur.
Wir berichteten im Vorfeld (8. August). Das Ergebnis wurde am Ende der Experimentier-Woche als «Soundperformance» der
Öffentlichkeit präsentiert.
Die prachtvolle Fassade das Palazzo singt jedem Wanderer
das Lob des Längstvergangenen und just hier sollte die Elektroakustik
der Zukunft einen Schritt näher kommen? Wie nimmt sich der Hightech-Klanggarten
von Jecklin, an sich doch schon ein Fremdkörper, inmitten der Bergeller
Bergwelt aus, wenn eine so urbane Musik-Gruppe wie Superterz sie bespielt?
Die Fragen nach dem Verhältnis von digitaler Kunst und Aufführungsort
beschäftigte clickhere.ch auch noch, als letzte Reisevorbereitungen in
Richtung Bergell getroffen wurden. Einsetzender Regen und düstere Wetterprognosen
für das Tal hinter der Wasserschweide hat die Augenzeugenschaft von clickhere
verhindert. Statt einer eigenen Kritik der Schlussveranstaltung veröffentlichen
wir einen Bericht der Medienkünstlerin und HGKZ-Absolventin Nicole Biermaier,
die Mitglied von Superterz ist und selbst an der Performance mitwirkte.
Biermaiers Bericht kreist gerade um die Frage nach dem Verhältnis zwischen
Musik und Aufführungsort, ja dieses Verhältnis erweist sich als Kernmoment
des einwöchigen Experiments. Die Fotografien stammen von Biermaier und
der Produktionsleiterin Susanne Koeberle.
«Teremin»
Während einer Woche wurden mit Oberflächen- und dynamischen Mikrofonen
die Atmos der Umgebung und Stimmen der Bevölkerung aufgenommen und in
einer offenen Klangwerkstatt sorgfältig weiterverarbeitet. Der Kontakt
zur ansässigen Bevölkerung war wichtig, um zu lernen, welche Geräusche
für das Tal charakteristisch waren und teilweise in der heutigen Zeit
immer noch sind, und welche Geschichten das Tal und seine Menschen geprägt
haben.
«Dorf»
Es sind Geschichten und Stimmen, die von Auswanderung und Rückkehr
erzählen, Klänge, die von harter Arbeit zeugen. Diese geräuschhafte Bergeller
Klangwelt ist nicht nur von fast monotonem Wasserrauschen der Bäche, von
gleichmässig nervösem Grillengezirpe und Insektensummen oder Hühnergegacker
geprägt, sondern auch vom rhythmischen Schneiden des Grases mit den Sensen
und vom looporientierten maschinellen Schlagen und Schleifen dieser Sensen.
«Soundcheck»
Der Regen, der in der Mitte der Woche einsetzte, verhinderte, dass der
«Giardino del Suono» wirklich bespielt und klangwerkstattlich genutzt
werden konnte. Deshalb fand die abschliessende Klangperformance in einem
der grossen barocken Räume im angrenzenden Palazzo Castelmur statt. Mit
Computer und Software wurden Samples der eingefangenen Atmos des Tales
geschaffen und mit Instrumenten wie Ondes Martenot, Kalimba, E-Gitarre,
Looper und analoge- sowie digitale Effekthardware interpretiert.
«Dengeln»
Ein sorgfältig das Tal interpretierender, rhythmisierter Klangteppich
entstand. Dies vermochte die angereisten Zuhörer sowie die Bergeller
Besucher auf unterschiedliche Art und Weise zu fesseln. Der mit
prozessualen digitalen Klangerzeugern geschaffene Soundscape schien
einige Bergeller ihr Tal neu hören zu lassen. Auch schien die visuelle
Inszenierung, für einige ungewohnt geprägt durch unzählige Kabel, eine
Reflektion über das immer schon Gehörte und Gesehene auszulösen.
Nicole Biermaier
Projekt:
Musiker-Kollektivs Superterz
«Bergellklang»
Palazzo Castelmur, Graubünden, 16. bis 19. August 2006
Einige Klangbeispiele aus der Soundperformance vom 19. August lassen sich
auf »www.bergellklang.ch demnächst abrufen.