Nachschlagewerk für
mündige KonsumentInnen
Annina Zimmermann
Codecheck schont Ihre Gesundheit - und macht
den Kauf von Zahnpasta zum politischen Akt.
Wie wählt vor dem Supermarktregal, wer seinen Konsum
nicht durch die Werbebudgets der Konzerne bestimmen lassen will? «...
mit Schadstoffen belastet ... bedenkliche Phthalat-Weichmacher .... hormonell
wirkende Zusatzstoffe ... zinnorganische Verbindungen ... in geschlossenen
Räumen zu Kopfschmerzen und Müdigkeit führen ... bereits
bei minimalen Mengen eine Allergie entwickeln ...» Die Testberichte
von Konsumentenschützern sind wahrhaft keine erquickliche Lektüre
und betreffen selten gerade das Produkt, für das man sich aktuell
interessiert. Das Kleingedruckte auf den Warenverpackungen wiederum enthält
Abkürzungen und Fachbegriffe, über deren Bedeutung sich kaum
einer Bescheid weiss.
Die erneute Ausschreibung des Switch Awards gibt Anlass, einmal mehr die
Webseite des letztjährigen Gewinners zu sichten. Roman Bleichenbacher
betreut bis heute das Projekt Codecheck, das als Diplomarbeit am Basler
Hyperwerk 2000 seinen Anfang nahm. www.codecheck.ch macht für jeden
Internet-User umstandslos zugänglich, was die aktuellen wissenschaftlichen,
technischen oder medizinischen Online-Datenbanken zu einem bestimmten
Produkt zu melden haben. Ob Lebensmittel, Kosmetika, Haushaltware, Raucherzeug
oder Heimelektronik: Das Nachschlagewerk nutzt für Registrierung
und Abfrage pragmatisch die auf der Packung gedruckten Strichcodes. Das
Glossar der Inhaltsangaben ist auch ohne Fachkenntnisse verständlich
- wie überhaupt die komplexe Programmierung sich sehr bedienerfreundlich
darstellt.
Roman Bleichenbacher
Die Redaktion von Codecheck lädt regelmässig aktuelle Mitteilungen
und Testberichte von Laboratorien, Fachpresse, Herstellern. Diese können
in Zukunft ihre Informationen als akkreditierte Partner auch selber publizieren.
Eine umsatzabhängige Jahresgebühr soll das Überleben der
Internetplattform in der Zukunft sichern. Dazu müssen noch mehr Hersteller
entdecken, dass auch mündige Konsumenten mit (Ge-)wissen einen Markt
darstellen. Und sich auch die gerne etwas konservativen AktivistInnen
der Ökoszene an die neuen Medien heranführen lassen. Umso interessierter
zeigen sich – nicht zuletzt dank der Publizität des Switch-Förderpreises
– bereits die Verbraucher selbst, die Produkte in der Datenbank
erfassen oder kommentieren können.
Das Projekt verknüpft die Chancen des Internets mit dem physischen
Alltag – vielleicht bald einmal noch wörtlicher: Roman Bleichenbacher
stellt sich vor, dass wir per Fotohandy gleich im Supermarkt die Ware
erfassen und dazu Informationen abrufen. Codecheck erleichtert es den
Konsumenten nicht nur, ihre Gesundheit zu schonen. Via Kaufverhalten lässt
sich in der Marktwirtschaft ja auch die Produktion beeinflussen. Ohne
grossen Aufwand können so am Warenregal nicht nur Preise verglichen
werden, sondern auch die soziale Bedingungen und Umweltverträglichkeit
der Produktion.
Kleiner Helfer beim Kaufentscheid auf www.codecheck.ch
Der Austausch peer to peer, das Potenzial einer nicht kommerziellen Gegenöffentlichkeit,
das demokratische Nebeneinander auch widersprüchlicher Meinungen:
Codecheck verwirklicht modellhaft viele Forderungen politischer Netzkunst,
indem es ausgerechnet am Banalsten ansetzt: dem alltäglichen Kauf
von Zahnpasta. Zu Recht hat die ars electronica 2004 eine neue Wettbewerbskategorie
geschaffen, die solchen «Digital Communities» auch innerhalb
der Kunstwelt Aufmerksamkeit verschafft. Das grösste Kompliment aber
hat kürzlich Greenpeace Österreich dem Basler Einmann-Betrieb
gemacht: nach dreistem Aushorchen das Konzept kopiert und mit starken
Partnern unter fast identischem Namen neu lanciert. Dass ausgerechnet
die Organisation personifizierter Gewissenhaftigkeit sich mit unlauterem
Ideenklau profiliert, schmeckt dabei besonders bitter.