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05.04.05
Nachschlagewerk für mündige KonsumentInnen
Annina Zimmermann
Codecheck schont Ihre Gesundheit - und macht den Kauf von Zahnpasta zum politischen Akt.

Wie wählt vor dem Supermarktregal, wer seinen Konsum nicht durch die Werbebudgets der Konzerne bestimmen lassen will? «... mit Schadstoffen belastet ... bedenkliche Phthalat-Weichmacher .... hormonell wirkende Zusatzstoffe ... zinnorganische Verbindungen ... in geschlossenen Räumen zu Kopfschmerzen und Müdigkeit führen ... bereits bei minimalen Mengen eine Allergie entwickeln ...» Die Testberichte von Konsumentenschützern sind wahrhaft keine erquickliche Lektüre und betreffen selten gerade das Produkt, für das man sich aktuell interessiert. Das Kleingedruckte auf den Warenverpackungen wiederum enthält Abkürzungen und Fachbegriffe, über deren Bedeutung sich kaum einer Bescheid weiss.

Die erneute Ausschreibung des Switch Awards gibt Anlass, einmal mehr die Webseite des letztjährigen Gewinners zu sichten. Roman Bleichenbacher betreut bis heute das Projekt Codecheck, das als Diplomarbeit am Basler Hyperwerk 2000 seinen Anfang nahm. www.codecheck.ch macht für jeden Internet-User umstandslos zugänglich, was die aktuellen wissenschaftlichen, technischen oder medizinischen Online-Datenbanken zu einem bestimmten Produkt zu melden haben. Ob Lebensmittel, Kosmetika, Haushaltware, Raucherzeug oder Heimelektronik: Das Nachschlagewerk nutzt für Registrierung und Abfrage pragmatisch die auf der Packung gedruckten Strichcodes. Das Glossar der Inhaltsangaben ist auch ohne Fachkenntnisse verständlich - wie überhaupt die komplexe Programmierung sich sehr bedienerfreundlich darstellt.


Roman Bleichenbacher

Die Redaktion von Codecheck lädt regelmässig aktuelle Mitteilungen und Testberichte von Laboratorien, Fachpresse, Herstellern. Diese können in Zukunft ihre Informationen als akkreditierte Partner auch selber publizieren. Eine umsatzabhängige Jahresgebühr soll das Überleben der Internetplattform in der Zukunft sichern. Dazu müssen noch mehr Hersteller entdecken, dass auch mündige Konsumenten mit (Ge-)wissen einen Markt darstellen. Und sich auch die gerne etwas konservativen AktivistInnen der Ökoszene an die neuen Medien heranführen lassen. Umso interessierter zeigen sich – nicht zuletzt dank der Publizität des Switch-Förderpreises – bereits die Verbraucher selbst, die Produkte in der Datenbank erfassen oder kommentieren können.

Das Projekt verknüpft die Chancen des Internets mit dem physischen Alltag – vielleicht bald einmal noch wörtlicher: Roman Bleichenbacher stellt sich vor, dass wir per Fotohandy gleich im Supermarkt die Ware erfassen und dazu Informationen abrufen. Codecheck erleichtert es den Konsumenten nicht nur, ihre Gesundheit zu schonen. Via Kaufverhalten lässt sich in der Marktwirtschaft ja auch die Produktion beeinflussen. Ohne grossen Aufwand können so am Warenregal nicht nur Preise verglichen werden, sondern auch die soziale Bedingungen und Umweltverträglichkeit der Produktion.


Kleiner Helfer beim Kaufentscheid auf www.codecheck.ch

Der Austausch peer to peer, das Potenzial einer nicht kommerziellen Gegenöffentlichkeit, das demokratische Nebeneinander auch widersprüchlicher Meinungen: Codecheck verwirklicht modellhaft viele Forderungen politischer Netzkunst, indem es ausgerechnet am Banalsten ansetzt: dem alltäglichen Kauf von Zahnpasta. Zu Recht hat die ars electronica 2004 eine neue Wettbewerbskategorie geschaffen, die solchen «Digital Communities» auch innerhalb der Kunstwelt Aufmerksamkeit verschafft. Das grösste Kompliment aber hat kürzlich Greenpeace Österreich dem Basler Einmann-Betrieb gemacht: nach dreistem Aushorchen das Konzept kopiert und mit starken Partnern unter fast identischem Namen neu lanciert. Dass ausgerechnet die Organisation personifizierter Gewissenhaftigkeit sich mit unlauterem Ideenklau profiliert, schmeckt dabei besonders bitter.

Links: »Codecheck
»Interview mit dem Preisträger des Switchaward 2004