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05.09.06

Videospuk in den den stillgelegten Aquarien beim Zürcher Schanzengraben
Villö Huszai

Seit Ende August und bis nach Weihnachten dieses Jahres ist die Unterführung unter der Zürcher Dreikönigsbrücke ein Ausstellungsraum, ein Videokunst-Museum im Klein-Format. Hinter dem Projekt «video tank – to spout a trout» steckt eine Zeitreise, ein Brückenschlag zwischen bildorientierter Video- und interaktiver Medienkunst und der Plan, einen permanenten Ausstellungsraum einzurichten.

Die Zeitreise
Die Telefonnummern der Stadt Zürich waren noch allesamt sechsstellig, als Anfang 1973 mehrere Arbeitsbesprechungen «betreffend Aquarium Unterführung» stattfanden. Die lange Teilnehmerliste widerspiegelt das Unterfangen, einen Mikrokosmos zu schaffen: das Tiefbauamt der Stadt Zürich, das Gartenbauamt der Stadt Zürich, die Kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung, die Kantonale Fischzuchtanlage Stäfa, die Metallwarenfabrik Nipa, das Ingenieur-Büro Eichenberger und das Architekturbüro Huber und Trachsler waren mit von der Partie. Der mittlerweile emeritierte ETH-Professor Benedikt Huber initiierte und realisierte die damals umstrittene Fussgängerpromenade entlang des Schanzengrabens. Der Architekt hatte übrigens unter jeder Brückenunterführung ein Projekt realisieren wollen, doch nur die Forellenaquarien unter der ersten Brücke nach dem See gelangten zur Ausführung.


Fast auf gleicher Höhe: rechts die drei einstigen Aquarien, links der Wasserspiegel
des Schanzengrabens.


Es wurde ein Fluss-, ein See- und ein Weiherschaufenster eingerichtet und Forelle, Barbe, Alet und Aal, Rötel, Hecht, Egli, Karpfen, Schleie, Rotfeder Schwalm und Trüsche sollten hier ausgestellt sein. Eine faszinierende Fülle war geplant, bedenkt man die Begrenztheit des Raumes. Am Vorabend der Ölkrise vom Herbst 1973 wurde das Grossunterfangen auf kleinstem Raum gleich neben der Finanzzentrale Zürich, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Spitzenhotel Baur au Lac dann auch wirklich realisiert, ein Bubentraum und Modellbau-Abenteuer wurde Wirklichkeit. Fische schwammen nur kurzzeitig in den Aquarien, Aug in Aug mit den freilebenden Artgenossen des Schanzengraben, bald wurde die Mini-Anlage geschlossen. Seitdem stand sie leer.

30 Jahre später kommt die Fotografin und Videokünstlerin Anna Kanai von ihrem Kunststudium an der Yale School of Art in Amerika zurück. Aus einer Auslandschweizerin wird wieder eine Zürcherin, die ihre Stadt mit neuen Augen sieht. Sie entdeckt die Aquarien, die Idee zu «video tank – to spout a trout» entsteht. Das Panzerglas hatte einst das Wasser in den Aquarien zurückgehalten, nun installiert Kanai mit ihrem Team www.publiclab.ch, das neben ihr aus Jan Schacher (Interaktion) und Tian Lutz (Szenografie) besteht, dahinter die drei Grossbildschirme. Das Panzerglas ermöglicht heute einen unbeaufsichtigten 24-Stunden-Betrieb der aufwendigen Elektronik.

Der Betrachter als neuer Mitbewohner

Zuvor war es ein Mini-Lehrgang in Naturkunde, der die Fauna des Schanzengrabens im Rücken der Betrachterin eigentümlich verdoppelte, heute bekommt die Betrachterin zuerst einmal sich selbst zu sehen. Denn eine jeweils hinter dem oberen Rand der drei Aquarienfenster befestigte Videokamera nimmt länger verweilende Passanten auf und spielt das Bild in Echtzeit auf den Bildschirm. Diese Einverleibung des Passanten in die Bilderwelt des Projekts löst eine mehrminütige Bildersequenz aus. Für eine solche «narrative» Sequenz (Kanai), die den Passanten zum Verweilen bringen soll, steht eine Datenbank mit eigens dafür gemachten Bildern von Kanai zum Abruf bereit. Darin spielen Wasser, und nicht zuletzt auch die einstigen Bewohner, nur jetzt in digitaler Abbildung, eine prominente Rolle. Der Ablauf einer Sequenz wird davon beeinflusst, wie sich die Passanten verhalten, ob lebhaft oder zuwartend beispielsweise. Eine Tracking-Kamera nimmt die Passanten auf, diese Bilddaten werden auf einige abstrakte Parameter (wie zum Beispiel die Information «lebhaft») heruntergerechnet. Das System «weiss» also, was sich im Passantenraum tut und gestaltet in Relation zu diesen Informationen die Bildersequenzen.

Der Brückenschlag

Das Projekt bietet ganz im Sinne der bildorientierten Videokunst Bilder, ja eine Bilderflut - man sieht sich angesichts der feuchten Umgebung verführt zu kalauern: im buchstäblichen Sinn des Wortes. Doch zugleich ist die Arbeit interaktiv im Sinne der experimentellen Medienkunst, in der es traditionellerweise weniger um den Bildinhalt, sondern um das Phänomen geht, dass Bilder produziert werden; oder um den Umstand, dass der Zuschauer selbst zum Objekt einer Bildmaschine werden kann. Nicht bildinterne Relationen, sondern Relationen zwischen der Bildwelt und der Wirklichkeit des Autors oder des Zuschauers stehen bei experimenteller Medienkunst oft im Vordergrund. Kanai erhebt für ihre Arbeit den Anspruch, etwas dazwischen zu leisten: Einerseits wird dem Zuschauer eine Geschichte in Bildern erzählt, andererseits erlebt er sich selbst als Teil dieser Bilderwelt und beeinflusst sie.

«video tank» als erste von vielen weiteren Videokunst-Ausstellungen mit Seeblick

Ob die Arbeit als narrative Videokunst funktioniert, hängt davon ab, ob die mehrminütigen Bildersequenzen die Passanten tatsächlich zu fesseln vermögen. Eine schwierige Frage, denn sobald man sie sich stellt, ist man schon kein «echter» Passant mehr, der unbefangen in den Kunstraum hineingerät. Man ist in dem Moment schon auf der Schwelle zum Idealtypus des Museumsbesuchers, eines nicht vorübereilenden, sondern in betrachtende Kontemplation versenkten Wesens. Doch genau diese Metamorphose von der Passantin zur Kunstbetrachterin auf Dauer zu etablieren ist das längerfristige Ziel der Initiantin Kanai: Sie hofft, mit ihrem Projekt den Anstoss zu geben, dass unter der Dreikönigsbrücke ein permanenter Ausstellungsraum für Videokunst eingerichtet wird.

 
Projekt:

Team www.publiclab.ch
Anna Kanai, Jan Schacher (Interaktion) und Tian Lutz (Szenografie)
«video tank – to spout a trout»

Die Installation ist vom 26. August bis 26. Dezember 2006 täglich rund um die Uhr in Betrieb. Sie befindet sich am Fussweg des Schanzengrabens Zürich, auf der Höhe Börsenstrasse (VBZ Haltestelle der Linien 2, 8, 9 und 11), unter der Dreikönigsbrücke, das stadteinwärts ans Hotel Baur au Lac angrenzt.

Die Veranstaltung «Soundscape» von Jan Schacher vom 7. September wurde kurzfristig abgesagt.

Links:

»Das dreiköpfige Team «publiclab»