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Die Zeitreise
Die Telefonnummern der Stadt Zürich waren noch allesamt sechsstellig,
als Anfang 1973 mehrere Arbeitsbesprechungen «betreffend Aquarium Unterführung»
stattfanden. Die lange Teilnehmerliste widerspiegelt das Unterfangen,
einen Mikrokosmos zu schaffen: das Tiefbauamt der Stadt Zürich, das Gartenbauamt
der Stadt Zürich, die Kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung, die Kantonale
Fischzuchtanlage Stäfa, die Metallwarenfabrik Nipa, das Ingenieur-Büro
Eichenberger und das Architekturbüro Huber und Trachsler waren mit von
der Partie. Der mittlerweile emeritierte ETH-Professor Benedikt Huber
initiierte und realisierte die damals umstrittene Fussgängerpromenade
entlang des Schanzengrabens. Der Architekt hatte übrigens unter jeder
Brückenunterführung ein Projekt realisieren wollen, doch nur die Forellenaquarien
unter der ersten Brücke nach dem See gelangten zur Ausführung.

Fast auf gleicher Höhe: rechts die drei einstigen
Aquarien, links der Wasserspiegel des Schanzengrabens.
Es wurde ein Fluss-, ein See- und ein Weiherschaufenster eingerichtet
und Forelle, Barbe, Alet und Aal, Rötel, Hecht, Egli, Karpfen, Schleie,
Rotfeder Schwalm und Trüsche sollten hier ausgestellt sein. Eine faszinierende
Fülle war geplant, bedenkt man die Begrenztheit des Raumes. Am Vorabend
der Ölkrise vom Herbst 1973 wurde das Grossunterfangen auf kleinstem Raum
gleich neben der Finanzzentrale Zürich, in unmittelbarer Nachbarschaft
zum Spitzenhotel Baur au Lac dann auch wirklich realisiert, ein Bubentraum
und Modellbau-Abenteuer wurde Wirklichkeit. Fische schwammen nur kurzzeitig
in den Aquarien, Aug in Aug mit den freilebenden Artgenossen des Schanzengraben,
bald wurde die Mini-Anlage geschlossen. Seitdem stand sie leer.
30 Jahre später kommt die Fotografin und Videokünstlerin Anna Kanai von
ihrem Kunststudium an der Yale School of Art in Amerika zurück. Aus einer
Auslandschweizerin wird wieder eine Zürcherin, die ihre Stadt mit neuen
Augen sieht. Sie entdeckt die Aquarien, die Idee zu «video tank – to spout
a trout» entsteht. Das Panzerglas hatte einst das Wasser in den Aquarien
zurückgehalten, nun installiert Kanai mit ihrem Team www.publiclab.ch,
das neben ihr aus Jan Schacher (Interaktion) und Tian Lutz (Szenografie)
besteht, dahinter die drei Grossbildschirme. Das Panzerglas ermöglicht
heute einen unbeaufsichtigten 24-Stunden-Betrieb der aufwendigen Elektronik.
Der Betrachter als neuer Mitbewohner
Zuvor war es ein Mini-Lehrgang in Naturkunde, der die Fauna des Schanzengrabens
im Rücken der Betrachterin eigentümlich verdoppelte, heute bekommt die
Betrachterin zuerst einmal sich selbst zu sehen. Denn eine jeweils hinter
dem oberen Rand der drei Aquarienfenster befestigte Videokamera nimmt
länger verweilende Passanten auf und spielt das Bild in Echtzeit auf den
Bildschirm. Diese Einverleibung des Passanten in die Bilderwelt des Projekts
löst eine mehrminütige Bildersequenz aus. Für eine solche «narrative»
Sequenz (Kanai), die den Passanten zum Verweilen bringen soll, steht eine
Datenbank mit eigens dafür gemachten Bildern von Kanai zum Abruf bereit.
Darin spielen Wasser, und nicht zuletzt auch die einstigen Bewohner, nur
jetzt in digitaler Abbildung, eine prominente Rolle. Der Ablauf einer
Sequenz wird davon beeinflusst, wie sich die Passanten verhalten, ob lebhaft
oder zuwartend beispielsweise. Eine Tracking-Kamera nimmt die Passanten
auf, diese Bilddaten werden auf einige abstrakte Parameter (wie zum Beispiel
die Information «lebhaft») heruntergerechnet. Das System «weiss» also,
was sich im Passantenraum tut und gestaltet in Relation zu diesen Informationen
die Bildersequenzen.
Der Brückenschlag
Das Projekt bietet ganz im Sinne der bildorientierten Videokunst Bilder,
ja eine Bilderflut - man sieht sich angesichts der feuchten Umgebung verführt
zu kalauern: im buchstäblichen Sinn des Wortes. Doch zugleich ist die
Arbeit interaktiv im Sinne der experimentellen Medienkunst, in der es
traditionellerweise weniger um den Bildinhalt, sondern um das Phänomen
geht, dass Bilder produziert werden; oder um den Umstand, dass der Zuschauer
selbst zum Objekt einer Bildmaschine werden kann. Nicht bildinterne Relationen,
sondern Relationen zwischen der Bildwelt und der Wirklichkeit des Autors
oder des Zuschauers stehen bei experimenteller Medienkunst oft im Vordergrund.
Kanai erhebt für ihre Arbeit den Anspruch, etwas dazwischen zu leisten:
Einerseits wird dem Zuschauer eine Geschichte in Bildern erzählt, andererseits
erlebt er sich selbst als Teil dieser Bilderwelt und beeinflusst sie.
«video tank» als erste von vielen weiteren Videokunst-Ausstellungen mit
Seeblick
Ob die Arbeit als narrative Videokunst funktioniert, hängt davon ab, ob
die mehrminütigen Bildersequenzen die Passanten tatsächlich zu fesseln
vermögen. Eine schwierige Frage, denn sobald man sie sich stellt, ist
man schon kein «echter» Passant mehr, der unbefangen in den Kunstraum
hineingerät. Man ist in dem Moment schon auf der Schwelle zum Idealtypus
des Museumsbesuchers, eines nicht vorübereilenden, sondern in betrachtende
Kontemplation versenkten Wesens. Doch genau diese Metamorphose von der
Passantin zur Kunstbetrachterin auf Dauer zu etablieren ist das längerfristige
Ziel der Initiantin Kanai: Sie hofft, mit ihrem Projekt den Anstoss zu
geben, dass unter der Dreikönigsbrücke ein permanenter Ausstellungsraum
für Videokunst eingerichtet wird.
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