Zittern, zucken, innehalten
– wenn Videomontage und Prozesse des Alterns sich überlagern.
Annina Zimmermann
Zu Besuch in Max Philipp Schmids Basler Atelier
Ohne Klebstreifen und gelbe Post-it kommt auch das Atelier
eines Videofilmers nicht aus. Die Pinwand könnte ruhig noch etliche
Quadratmeter breiter sein, meint Max Schmid, wie ich mich in seinem Büro
innerhalb der Videogenossenschaft VIA an der Basler Uferstrasse umschaue.
Zur Zeit ist die Steckwand hälftig geteilt wie ein Altarbild: in
Himmel und Hölle. Links hängen Werbebilder und Zeitungsfotos
- eine Braut, die jauchzend den Kopf in den Nacken wirft, eine Heilige
im Moment der Erleuchtung, eine junge Frau im Entzücken des Orgasmus.
Max Schmid recherchiert einen präzisen Augenblick: den Kippmoment
ins Selbstvergessen. Oder ist das doch dann, wenn wir erst ganz uns selbst
ankommen? Die einen Fotos beschreiben das sozusagen Paradiesische dieses
Erlebnis'. Die andere Seite der Pinwand hält die Schattenseite dagegen:
Momente, wenn die Kontrolle entgleitet. Bestürzung, Schock, Zusammenbruch.
Es erstaunt nicht, dass diese Bilder schwerer zu finden waren, setzen
sie doch den kühlen Beobachter voraus, der fassungslosen Menschen
inmitten von Börsencrash und Naturkatastrophe geistesgegenwärtig
die Linse vorhält. So sind es vor allem effektvolle Bilder von Sportlern
und Politikern, die unfreiwillig als Scheiternde öffentlich werden.
Stills aus der neuen Produktion «Freier Fall».
Max Schmid erarbeitet seine Projekte gemeinsam mit Stella Händler,
die seine Videos nicht nur pragmatisch produziert, sondern auch intellektuell
begleitet, im einen Fall im Hintergrund, ein anderes Mal als Co-Autorin.
Auch das neueste Projekt mit dem Arbeitstitel „Der freie Fall“
planen die beiden gemeinsam. Wie frühere Arbeiten inszeniert und
untersucht die geplante Videoinstallation Gefühlszustände. Der
Moment psychischen Einbruchs, der urplötzlich den Muskeln die Spannung
entzieht, die Züge einfallen lässt und das Rückgrat knicken
– selten sind die Symptome so offensichtlich. Meist geschieht das
schleichender, subtiler. Dabei interessiert das Autorenpaar nicht das
plakative Extrem, sondern das innere, umso vieles ambivalentere Erleben,
wie es sich in Mimik und Gestik ausdrückt. Schmid und Händler
widerstanden deshalb im Laufe der Recherche den verlockenden Bildern der
Extase und suchen eine Bildsprache, die vom Verdrängten erzählt.
Bei ihnen wird das Scheitern nicht an prominenten Köpfen abgehandelt;
sie untersuchen den Alltag im Alter, wie er uns alle erwartet. Wie traumatisch
und zugleich wie natürlich droht uns allen mit dem Lebensalter der
Machtverlust, die Einbusse körperlicher und wirtschaftlicher Stärke.
Im September soll die Videoinstallation in Basel
gezeigt werden.
So werden die Bilder gemeinsam mit einem Laiendarsteller entwickelt, der
die achtzig längst erreicht hat. Max Schmid fand ihn in der Statisterie
des Stadttheaters. Diesen Monat sind die letzten Drehtage geplant. Schmid
und Händler filmen mit ihm ein tänzerisches Experiment: einstudierte
Gesten, welche die Gebärden von Machtmenschen minutiös wiederholen.
Wie in Zeitlupe wiederholt der alternde Mann die Besitz ergreifenden Armbewegungen,
die rhetorische Gestik der Winnertypen. Selbst Schmid war überrascht,
wie sehr sich die Fragilität des Alters dabei bis in die Fingerspitzen
ausdrückt. Die tänzerische Choreografie (entwickelt vom Schauspieler
Markus Wolff) erzählt von verlorenen Schlachten.
Die für die geplante Videoinstallation entscheidenden Bewegungen
vollführt aber nicht der gefilmte Mensch. Wie immer bei Max Philipp
Schmid entstehen sie im Computer, in der Montage der Bilder am digitalen
Schnittplatz. Hier werden die Abläufe in Einzelbilder zerlegt, mit
Elementen von Bildstörungen verfremdet und neu animiert. Durch den
Eingriff des Künstlers unterliegt der gefilmte Körper einem
weiteren Kontrollverlust. Die geplante Installation – fünf
liegende Monitore – wird zudem den Körper wie auf dem Operationstisch
in seine Glieder zerteilen. So erscheint – wie in der früheren
Arbeit der „instabilen Entertainer“ zum Beispiel – der
Schauspieler in manchen Sequenzen nahezu puppenhaft mechanisch. Dennoch:
die Montagearbeit ist kein nur zerstörerischer Akt, der den geschwächten
Körper in der Substanz angriffe. Schmid bannt jede lineare Narration
und verleiht dem alten Herrn damit eine artifizielle, gespenstische Existenz.
Das Zittern der Bilder wird zum Zucken des Menschen, einer Art innerem,
wahreren Ausdruck seiner selbst. Er wird verkörperte Emotion, auf
neue Art authentisch: in unserer bzw. des Künstlers Projektion auf
das Alter an sich.
Versetzt mit Nahaufnahmen von Chefmobiliar, Haut, klinischer Bettstatt
und unterlegt mit der Musik von Xeroxmaschine und Lichtstoffröhren
gewinnt der alte Mann zudem ein düsteres, aber auch stimmiges Habitat.
Die digitale Bearbeitung von Videomaterial – Innehalten, Verlangsamen,
Zersetzen und Zerlegen – wiederholt dabei Prozesse, denen ein alter
Körper oft ausgesetzt ist und verwendet sie zugleich, um eben davon
zu erzählen.