Seit unserer letzten Vorschau hat die Viper,
geplant für 16. bis 20. März, ihre Webseite mit einigen allgemeinen
Informationen aufdatiert. Im Zentrum des Festivals steht neu die Sonderschau
zu Schweizer Medienkunst; das Festivalthema «Gaming Society»
und die neue Serie «Critic’s Choice» speziell zur Kunstkritik
in Bereich der Medienkunst sind im Laufe der Vorbereitungen weggefallen.
Im Gespräch, das auf Wunsch der Viper-Direktion via Email geführt
wurde, versuchten wir Konkreteres über ihr kuratorisches Konzept zu
erfahren.
Annina Zimmermann: Annika Blunck, Rebecca
Picht, drei Wochen vor dem ursprünglichen Festivaltermin musstet
ihr letzten Herbst das Festival auf den neuen Termin im März verschieben.
Mangelnde Finanzen habt ihr als Grund für den Entscheid genannt.
Was hat sich getan seit letztem Herbst? Welche neuen finanziellen Quellen
haben sich erschlossen oder wurde das Festival redimensioniert?
Annika Blunck und Rebecca Picht: Wir konnten für VIPER weitere finanzielle
Unterstützung akquirieren, so dass das Festival im März nun
in qualitativ und quantitativ gleichem Rahmen wie bisher stattfinden kann.
Im Mittelpunkt des Festivals steht neu die Sonderschau
«Swiss Media Art». Was kann man sich darunter vorstellen?
Ist das eine Ausstellung, gibt es Screenings? Entsprechen die Teilnehmer
den Namen der publizierten Künstlerliste bzw. wieviele sind dabei?
Die Sonderschau «Swiss Media Art | No Peak No View» ist die
Jubiläumsveranstaltung des VIPER Festivals zu seinem 25-jährigen
Bestehen. Die entscheidenden Entwicklungen zu einer Praxis der Kunst mit
neuen Medien, wie wir sie heute verstehen, wurden zunächst in den
frühen 60er-Jahren durch die Etablierung des TV als Live-Übertragungsmedium
für die Massen geprägt: Parallel eroberten sich Künstler
aus dem Umfeld der Fluxusbewegung und der elektronischen Musik das neue
Bildmedium Video als Medium der Kunst. In den 80er-Jahren dann wurde der
Computer zu einem wichtigen Werkzeug der künstlerischen Bearbeitung
und Komposition audiovisuellen Materials, in den 90er-Jahren erhielten
die Netzwerktechnologien Bedeutung als offene Zone der Kommunikation und
als Plattform neuer Formen kollektiver Autorenschaft. Ende der 90er-Jahre
schliesslich treten die digitalen Technologien mit ihrem Potential der
Synthese multimedialer Elemente und der Koppelung von Produktion und Distribution
ihren Siegeszug an und eröffnen hiermit den künstlerischen Berufsfeldern
zumindest formal neue Dimensionen. VIPER hat diese historische Entwicklung
konsequent mitgetragen und in der Dynamik des Festivals Raum und Offenheit
für die praktische wie theoretische Auseinandersetzung mit den aktuellsten
Phänomenen dieser Entwicklung ermöglicht. Die Veranstaltung
umfasst eine Ausstellung und Screenings sowie begleitende Autorensymposien.
Es werden rund 20 Positionen vertreten sein.
Gibt es neben Videos und Filmen auch andere Arbeiten
und wenn ja, welche?
Das Festival präsentiert mit Installationen und Videoessays, interaktiven
Environments und Performances einen Überblick der innovativen Formen
und aktuellen Tendenzen im Umgang mit dem analogen und digitalen Bild.
So wird beispielsweise die 2-Kanal-Videoinstallation «Paths / Polkuja»
von Marika Orenius, die interaktive Installation «Augenblicke»
von Peter Aerschmann und die Performance «sCrAmBlEd?HaCkZ!»
von Sven König gezeigt, die an der Schnittstelle Audio/Videosampeling
das Prinzip des Copyrighthacking vorführt.
Wie ist der Titel «No Peak No View» gemeint?
Er steht selbstbewusst quer zum Kampfruf der Schweizer Jugendbewegung
der Achtziger Jahre, der Forderung nach «Freier Sicht aufs Mittelmeer»,
den sich später das Kunsthaus Zürich als Ausstellungstitel aneignete.
Ist er ein Kommentar zur Zürcher Ausstellung von 1998?
Der Titel NO PEAK NO VIEW steht symbolisch für die Qualität
der intellektuellen und künstlerischen Positionen. Er ist kein direkter
Kommentar zur Zürcher Ausstellung, spielt selbstbewusst-ironisch
aber – ebenso wie der Ruf «Freie Sicht aufs Mittelmeer»–
mit dem Klischeebild der Schweizerischen Topographie.
Handelt Schweizer Medienkunst von Bergmetaphorik? Zieht
sie sich doch zurück ins Reduit regionaler Auffälligkeiten?
Oder huldigt sie gar dem Elitedenken? Ist „No Peak No View“
gemeint ist im Sinne «Ohne Fleiss kein Prei» und etwa gar
als Bilanz des State of the Art?
Manche schweizerische Medienkunst handelt auch von Bergmetaphorik, wie
die in Solothurn präsentierte Ausstellung des Werks von Monica Studer
und Christoph van der Berg eindrücklich zeigte. Aber weder lässt
sich Regionalisierung noch Elitedenken behaupten – «No Peak
No View» bezieht sich metaphorisch auf die Komplexität der
künstlerischen Auseinandersetzung im Bereich der neuen Medien, vor
allem aber auf die Bedeutung von Autorschaft an sich in einer technisch
und kommerziell zunehmend normierten globalisierten Kulturtopographie.
Die publizierten schweizerischen Namen fanden sich
alle auch schon früher im VIPER-Programm. Ist die «Swiss Media
Art» auch als Rückschau auf die Leistungen vergangener Festivals
konzipiert?
Nein, als Leistungsschau für VIPER ist die Ausstellung nicht konzipiert
– das Festival hat keinen musealisierenden Anspruch, sondern hat
sich immer als Plattform gerade für die Dynamik und aktuellen Tendenzen
dieser Bewegungen verstanden und erhält diese Ambition auch aufrecht.
Wenn wir im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung auch retrospektiv Positionen
präsentieren, dann steht dabei im Vordergrund, zu zeigen und zu verstehen,
wie die Annäherung der Kunst an neue Medien eben auch zeitgeschichtlich
bedingt ist und ein einzelnes Werkkonzept prägen kann.
Das im Herbst angekündigte Festivalmotto «Gaming
Society» ist nun in den Hintergrund gerückt. Könnt Ihr
trotzdem formulieren, welche wichtigen Entwicklungen Ihr in diesem Feld
beobachtet? Was ist der Kommentar und Beitrag von KünstlerInnenseite
zum Thema Game? Das Projekt «Gaming Society» ist in Kooperation mit
mehreren Institutionen geplant und wird zu einem späteren Zeitpunkt
realisiert werden. In Kürze beschreibt «Gaming Society»
das Phänomen einer Gesellschaft im Umbruch, die im Zuge der Globalisierung
und der digitalen Revolution ihre Fähigkeit zum Überleben unter
neuen Bedingungen neu trainieren muss und sich die Bedingungen ihrer Existenz
neu modelliert. Gesellschaftlichkeit als Spiel und Gesellschaft, die auf
dem Spiel steht bilden zwei Pole dieser Dynamik, die in der Kunst mit
neuen Medien und nicht zuletzt im Bereich der Auseinandersetzung mit dem
Computerspiel als Modellpraxis für Situationsanalysen und Rollenspiel
relevant ist.
Könntet ihr das an einem beispielhaften Projekt
aus dem «Forum Next Generation» verdeutlichen und bei dieser
Gelegenheit skizzieren, wie dieses Forum gedacht ist: werden da konkrete
Projekte vorgestellt, passiert das real vor Ort oder in Vorträgen,
in Panels etc. Wo findet das statt?
Einige aktuelle Projekte, die
mit dem Thema in Zusammenhang gesetzt werden können, werden im Rahmen
von Paneldiskussionen im Forum «Next Generation» konkret vorgestellt
und diskutiert. Ein Beispiel ist LOCA (Location Oriented Critical Arts),
ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema mobile Medien
und Überwachung. Während reguläre mobile Tools Tracking-Informationen
an ihren jeweiligen Serviceprovider ohne explizites Wissen des Besitzers
weiterleiten, macht die mit der LOCA-Software ausgestatteten Devices ihre
Besitzer mit folgender SMS auf den Status quo der unsichtbaren Überwachung
aufmerksam: «We are currently experiencing difficulties monitoring
your position: please wave your network device in the air.»
Wie hat sich an der VIPER in den letzten Jahren das
Verhältnis von Screenings zu anderen medialen Auftritten wie Performances,
Installationen etc. verschoben?
Früher lag das Verhältnis zwischen Screenings und anderen Präsentationsformen
bei etwa 80 zu 20, heute liegt es bei 50 zu 50.
Zum Schluss die Frage nach dem «Herz des Festivals»:
Die Kultkinos sind nicht mehr als Veranstaltungsort dabei, deren Bar letztes
Jahr der best besuchte Treffpunkt war. Gibt's einen anderen Ort für
weltliche Nahrung und informelle Begegnungen?
Die Main Location wird die Kunsthalle Basel mit der angrenzenden Campari
Bar, dem Restaurant Kunsthalle und der neuen Hausbar sein. Auch wird in
der Kunsthalle selbst in diesem Jahr eine Lobbysituation eingerichtet
werden können, die als zusätzlich informeller Treffpunkt auch
mit den Autoren zum Gespräch und Verweilen einlädt. Die Parallelführung
von kommerziellem Kinoprogramm und Festivalgeschehen, ist in einer Zeit,
wo die Kinos um Publikum kämpfen müssen und keine einfache Situation
mit dem kommerziellen Verleih haben, nicht unproblematisch. Daher werden
jetzt verstärkt auch Wettbewerbsfilme im Stadtkino Basel gezeigt
werden. Die Bar der Kultkinos steht als Treffpunkt weiterhin offen.
Information:
Viper 25 ist geplant für den 16. bis 20. März.
Programm
Donnerstag, 16. März, 20.00 Uhr: «Grand Opening»
Freitag, 17. März: Eröffnung der Schweizer Werkschau
Samstag, 18. März: Performance-Schwerpunkt im Gare du Nord
Sonntag, 19. März: Preisverleihung unter den 200 nominierten Arbeiten
des Wettbewerbs
Das detaillierte Programm soll per Mitte Februar auf www.viper.ch aufgeschaltet
werden.
Standorte: Kunsthalle Basel, Museum für Gegenwartskunst Basel, Stadtkino
Basel, [plug.in], Gare du Nord u.a.