Die militärische Sperrzone Guantánamo
in der Informationszone Netz
Villö Huszai
Für ihre Plattform www.zone-interdite.net
sammeln Christoph Wachter und Mathias Jud, zwei in Berlin lebende Schweizer,
Daten zu militärischen Sperrzonen. Das Projekt wird vom 29. März
bis 2. April in Basel erstmals als Ausstellung gezeigt. Die Autoren arbeiten
im [plug.in] an ihrer Recherche weiter, richten verschiedene Terminals für
ihre Website ein und projizieren eine
Version der 3D-Rundgänge.
Die Website www.homestead.com/gitmodays dokumentiert auf
wenigen Seiten die Nostalgie eines einstmals auf Guantánamo stationierten
US-Veteranen. Sie berichtet von Sonnenuntergängen, ersten verschämten
Küssen am Strand und vielen Partys. Als Hintergrund der Einstiegsseite
dient ein Luftbild von Windmill Beach, dem Strandbereich des US-Stützpunkts
auf Kuba. Der Veteran erlaubt sich und seinem Publikum mit dieser Fotografie
einen ungewohnt freimütigen Blick auf einen Landstrich dieser Erde,
der in den letzten Jahren zum Inbegriff der militärischen Sperrzone
geworden ist.
Bilder wie dieses, das Wachter und Jud auf der Homepage
des Department of Defense fanden, sollen unter anderem für den Militärdienst
werben.
Aufmerksam wird man auf die Veteranen-Site durch die Plattform www.zone-interdite.net
von Christoph Wachter und Mathias Jud. Schon seit 2000 sammeln die zwei
in Berlin lebenden Schweizer Daten zu militärischen Sperrzonen. Die
Online-Plattform verzeichnet mittlerweile 1200 Einträge. Zu jeder
dieser «Verbotenen Zonen» stellt die Plattform überblicksartige
Informationen und ausgewählte Links zur Verfügung; ein Link
führt eben zur Homepage des Veteranen. Die Plattform ist mit einer
Google- Suchfunktion verknüpft, so dass zu jedem Eintrag die via
Google verfügbaren Informationen mit einem Mausklick abgerufen werden
können - eine so unscheinbare wie verblüffende Funktion, findet
doch auf diesem Weg jeder Besucher der Site ohne Anstrengung eigenhändig
eine Fülle an Informationen und Bildern zu den einzelnen Zonen, über
die man gemäss militärischer Geheimhaltungspflicht möglichst
nichts wissen und schon gar nicht durch Bilder aufgeklärt werden
sollte.
Hauptattraktion und Herzstück des Projekts ist ein 3D-Rundgang durch
das Terrain von Guantánamo Bay. Er lässt sich - viel Geduld
oder ein leistungsstarker PC vorausgesetzt - problemlos herunterladen.
Der Vorwurf des Voyeurismus beeindruckt die zwei Macher nicht: Voyeurismus
sei eine moralisch abwertende Bezeichnung für etwas, das doch auch
sein Gutes habe. Die Lust am Entdecken könne nämlich dazu anstiften,
genau hinzusehen und differenziert zu beobachten, wo sonst nur entweder
weggeschaut oder moralisiert werde. So sei Guantánamo Bay für
die einen der Ort, der der Bekämpfung des Bösen dient, für
andere sei es der Ort, den es möglichst schnell zu schliessen gilt.
Wie das militärische Bilderverbot hemmt auch diese moralische Aufladung
eine «differenzierte», eine «souveräne Wahrnehmung»,
wie sie Wachter und Jud als Ideal vorschwebt.
Hier eine Bearbeitung zur besseren Sichtbarmachung
der verbotenen Bild-Information zu Camp Iguana.
Wie genau Wachter und Jud dafür hinsehen mussten, dokumentiert die
3D-Rekonstruktion des Camp Iguana, eines Aussenpostens von Guantánamo
Bay. Das Camp fand im Jahr 2003 kurzzeitig als Kindergefängnis Verwendung;
es ist entsprechend ein hochsensibler Ort, über den zwar einige Informationen
kursieren, von dem aber noch keine Abbildungen verfügbar sind.
Doch Wachter und Jud, die nun schon seit Beginn des Projekts in die Welt
der militärischen Sites und Foren eingetaucht sind, stiessen auf
die Internet-Adresse des genannten US-Veteranen. Wachter und Jud vermuten,
dass es dem Veteranen nicht ganz klar ist, welch sensibles Bildmaterial
er da veröffentlicht. Für sie zumindest bildete es die entscheidende
Hilfe zur Lokalisierung von Camp Iguana. Denn das Luftbild habe ihnen
die notwendige Orientierung im Terrain verschafft, diejenige Orientierung,
die es ihnen ermöglichte, ein weiteres Bild zu interpretieren, das
sie auf der Website des DOD, des amerikanischen Department of Defense,
fanden. Darauf sind Soldaten zu sehen, die an einem Strand Beachvolleyball
spielen. Im Hintergrund ist oberhalb einer Klippe deutlich ein umzäuntes
Lager erkennbar. Für Wachter und Jud steht fest, dass das US-Verteidigungsministerium
hiermit eigenhändig eine Abbildung des berüchtigten Camp Iguana
veröffentlichte. Die Fotografien sind inzwischen nicht mehr aufgeschaltet.
Wachter und Jud verstehen ihre Website als Kunstprojekt. Dafür spricht
das Konzept «Info-Aesthetics» des in Kalifornien lehrenden
Medientheoretikers Lev Manovich: Weil die Speicherkapazität des Computers
kontinuierlich zunehme, werde auch immer mehr gespeichert, immer weniger
gelöscht, immer weniger selektioniert - eine ständig anwachsende
Datenflut. Die Kunst der Informationsgesellschaft schafft laut Manovich
weniger neue Daten, sprich originäre Kunstwerke, sondern indexiert
bestehende Daten auf kunstvolle Weise und hält sie so verfügbar.
Das Projekt www.zone-interdite.net taugt zum Paradefall einer solchen
Informations-Ästhetik: Die Plattform bildet gleichsam den Rahmen,
in dem die in der (Medien-)Welt vorhandenen Informationen und Bilder aus
ihrem Verwendungszusammenhang gerissen, neu versammelt und damit neu interpretierbar
werden.
Dieser Artikel ist am 3. Februar zunächst in der NZZ erschienen.
Ausstellung:
zone*interdite von Christoph Wachter und Mathias Jud
[plug.in], St. Alban-Rheinweg 64, Basel (CH)
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 14.00 bis 18.00 Uhr
Dauer: 29. März bis 2. April
Präsentation am Donnerstag, 30. März, 20.00 Uhr