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09.06.05
Netzkunst und Kunsthandel - Anfänge einer wunderbaren Freundschaft?
Villö Huszai
etoys Aussichten auf den Kunstmarkt

Die Künstlergruppe etoy gehört zu dem überschaubaren Kreis von Künstlerinnen und Künstlern, die sich in den 90er Jahren unter dem Label Netzkunst einen Namen gemacht haben. Diese Künstler-Generation hat Netzkunst als Reflexions- und Aktionskunst und nur selten als Bildkunst betrieben. Aber selbst als Bild(schirm)kunst hätte sie aus rein medienlogischen Gründen nur schwerlich ein handelbares Werk zu bieten, wie es jedes, so auch das derzeit aktuelle, in Basel lokalisierte Netzkunst-Projekt www.56k-bastard.tv, vor Augen führt. Wer das Netz einsetzt, hat sein Bildmaterial immer schon gratis und an jedermann verteilt. Kann solche Kunst mit dem kommerziellen Betrieb überhaupt jemals ins Geschäft kommen? etoy stellt die Gegenfrage: Ist der Kunstbetrieb bereit, mit einer anderen «kulturellen Ökonomie» umzugehen?

New-Economy-Mimikry und leere Kassen

Einen Namen machte sich die Anfang der 90er Jahre gegründete Künstler-Gruppe 1996 mit ihrem Husarenstück «digital hijack»: Durch die Manipulation einschlägiger Suchdienst-Maschinen «entführte» etoy nach eigenen Angaben insgesamt gegen 1.5 Millionen Suchdienst-Anwender auf ihren bis dahin schlecht besuchten Server www.etoy.com. Zu etoys Kunst gehörte von Anfang Kritik und zugleich Mimikry der New-Economy-Welt, die sie mit der Tradition des Künstler-Kollektivs kreuzte: anstelle der individuellen Persönlichkeit sah sich das Publikum einem anonymen Team von «etoy.agents» gegenüber. Zu deren agressiven Business-Ästhetik stand jedoch in eklatantem Widerspruch, dass etoys Aktionskunst genau so wenig markttauglich, sprich problemlos ausstell- und handelbar, ist wie andere Netzkunst-Positionen.


Wer bei etoy Aktionär wird, erhält ein Zertifikat.

Partizipation statt Kunstobjekt

Ende der 90er Jahre packte etoy das Problem beim Schopf und wandelte sich eigenhändig in eine Aktiengesellschaft um. Seitdem bietet etoy auf der Site (https://secure.etoy.com) Aktienanteile zum Verkauf an. An die Stelle fehlender Werkobjekte tritt die Partizipationsmöglichkeit. Die Gruppe stellt die Gegenfrage also nicht mit leeren Händen, sondern bietet tatsächlich ein alternatives Geschäftsmodell an, ja hat dieses Modell zu einem Teil des «Gesamtkunstwerkes etoy» gemacht. etoy kreuzt darin das Modell Aktiengesellschaft mit dem Modell Internet-Community und definiert sich in Anlehnung an Joseph Beuys als «global corporate sculpture to share culture profits instead of maximizing financial wealth». Partizipation bildete denn auch ein wichtiges Moment des «toywar» von 2001, der spektakulären Auseinandersetzung der frischgebackenen AG mit der an der Börse milliardenschwer dotierten amerikanischen Handelsfirma E-Toys. Diese wollte etoys Internet-Adresse www.etoy.com übernehmen, doch etoy wehrte sich mit Unterstützung vieler Netz-Communities erfolgreich. etoy entlöhnte ihre zahlreichen Netz-Sympathisanten mit Aktien-Anteilen, die heute als toywar-Veteranen in den Listen von etoy fungieren.

Zertifikate: Das Wertpapier als Tafelbild
etoy hat nun sogar eine Art Tafelbild und Originalbild-Surrogat zu bieten: Ab Aktienanteilen im vierstelligen Dollarbereich stellt etoy ihren Aktionären ein auf Metall aufgezogenes Zertifikat aus, das wie jedes Wertpapier ein Unikat darstellt. Ausstelldatum, Prozentanteil am Gesamtvolumen und Name der Aktionärin sind vermerkt. Zugleich nutzt etoy diese Zertifikate dafür, eine Art Bildergeschichte zu erzählen, thematisiert doch jedes Zertifikat eine Station des etoy-Werdeganges.

Wer nun meint, dass etoy damit nun doch noch in den saturierten Hafen des Bildermarktes einläuft, hat nur zur Hälfte recht. Denn zum einen bleibt der Besitz des Zertifikats letztlich Nebeneffekt des eigentlichen Kunstwerkes, das aus dem Unternehmen besteht. Zum andern aber unterscheidet sich ein solches Zertifikat dann doch wesentlich von einem Tafelbild.

Geldwasch-Anlage und Luxus-Almosen
Aus Sicht herkömmlicher Kunstbetrachtung fehlt etwa die dahinterstehende Künstler-Persönlichkeit. Doch aus Sicht des Wildlings etoy ergeben sich noch ganz andere Differenzen, wie Agent zai, der ceo von etoy, auf Anfrage erklärt. Da wäre die für den Kunstmarkt so charakteristische Verschwiegenheit zu nennen, die den etoy-Aktien fehlt: Die Information, wer seit wann wie viele etoy-Anteile besitzt, ist auf shareholders.etoy.com fein säuberlich und für alle einsehbar vermerkt. Damit taugen etoy-Zertifikate von vornherein nicht dazu, Schwarzgeld abzusetzen, was laut zai gerade für das mittlere oder niedrigere Preissegment, in dem sich etoy bewegt, durchaus ins Gewicht falle. Überdies würden solche «kleineren» Kunstkäufe oft im Sinne eines «Luxus-Almosens» getätigt: Statt des Bettlers am Strassenrand unterstütze man eben einen armen Künstler – da passe das selbstbewusste Auftreten als globales Kunstunternehmen nicht ins Bild.


In einer Art Bildergeschichte erzählt jedes der Zertifikate ein Stück von etoys Werdegang.

Galeristen-Herrschaft und Server-Autonomie
Vor allem aber entscheide heute die Zusammenarbeit mit einer Galerie über die Markttauglichkeit. Dieses Nadelöhr zur Aufmerksamkeit des Publikums bedeutet jedoch ein Verlust an Freiheit, wie er bei einer Gruppe wie etoy tatsächlich nur schwer vorstellbar ist. Denn etoy hat mit der Netzkunst-Generation der 90er Jahre zumindest gemeinsam, dass die Autonomie des eigenen Servers für die künstlerische Identität zentral ist. Darum konnte etoy, wollte es ihrer Kunst treu bleiben, auch auf keinen Fall weder den lukrativen Angeboten noch den Drohungen der Spielzeugfirma E-Toys stattgeben. Eine Galerie schliesst zwar den eigenen Server nicht grundsätzlich aus – aber ähnlich einem Plattenlabel, welches das kulturelle Kapital von Musikern verwaltet, verträgt sich die standardmässige Vertretung durch eine Galerie doch schlecht mit der auf Partizipation und direkten Publikumskontakt angelegten Kunst etoys. etoy müsste sich die passende Galeristin wohl erst durch Kreuzung mit sich selbst erfinden.

Will Netzkunst das Medium, auf das sie sich beruft, ernst nehmen, bleibt sie zwangsläufig ein Fremdling im gegenwärtigen Kunstbetrieb. Wie trotzdem oder gerade deswegen eine interessante Kommunikation mit dem Kunstmarkt aufgenommen werden kann, demonstriert etoy – und auf verwandte Weise auch das Künstlerduo www.ubermorgen.com, das vom 10. Juni bis 3. Juli in einer Ausstellung im Basler [plug.in] sowie als «special guest» vom 14. bis 19. Juni an der Liste 05 zu sehen ist. Ubermorgen-Künstler Hans Bernhard ist ein ehemaliges Mitglied von etoy.

Information: Panel-Diskussion zum Verhältnis von Netzkunst und Kunstmarkt

Freitag, 17. Juni, 12.00 Uhr
[plug.in], St. Alban Rheinweg 64, Basel (CH)

«A radical net-art project and its desire for the art market» mit:
Hans Bernhard und lizvix (UBERMORGEN.COM), Inke Arns (künstlerische Leitung Hartware Dortmund), Jacob Lillemose (Kritiker/Kurator Artnode, Copenhagen) und Susanne Ackers ([plug.in]/Hartware)
Links: »www.etoy.com
»https://secure.etoy.com
»http://shareholders.etoy.com