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Villö Huszai: Woher kommt euer
Computer-Knowhow?
Fabio Gramazio, Matthias Kohler: Wir haben uns beide schon immer mit Computern
beschäftigt. Matthias programmierte als Jugendlicher in den 80er
Jahren Computerspiele, Fabio kam in den 90er Jahren während des Architekturstudiums
dazu, als virtuelle Welten das grosse Thema waren. Anfang der 90er Jahre
wurde CAAD (Computer Aided Architecture and Design) an der Architekturabteilung
der ETH super gefördert, ab Mitte der 90er Jahre der Bereich der
Informationsarchitektur und des Internets. Doch das heisst nicht, dass
der Computer grundsätzlich im Architekturstudium schon eingeführt
war. Gezeichnet wurde damals zum Beispiel meistens noch mit Tusche. Heute
ist die Situation eine andere, der Computer allgegenwärtig.
Fabio, Du gehörst ja zu den Gründungsmitgliedern
der Netzkunstgruppe etoy (»www.etoy.com).
In welchem Verhältnis steht deine Tätigkeit als Architekt dazu?
In den 90er Jahren drehte sich alles um Virtualität. Entsprechend
stand in der Architektur die Vision der virtuellen Welten im Vordergrund.
Diese Fokussierung aufs Virtuelle ist heute überwunden. Sie war auch
für etoy wichtig. Doch bei etoy geht es ja überhaupt nicht um
Bauen, es ist weniger eine virtuelle denn eine konzeptionelle Angelegenheit.
Insofern ist etoy für mich auch nicht abgeschlossen oder überwunden,
als es in eine ganz andere Domäne gehört. In der Architektur
jedoch sind die virtuellen Welten der 90er Jahren das gescheiterte, unbeholfene
Bindeglied zwischen der Sphäre der Information und realer, gebauter
Welt.

Das Architekten-Duo: Matthias Kohler (links) und
Fabio Gramazio
Mit dem Platzen der Internet-Blase kam die allgemeine Enttäuschung
über das Medium Computer. Virtualität und reales, physisches
Bauen schien nun erst recht unvereinbar. Das Medium Computer war damals
auf einen Schlag out – aber die wenigsten haben deswegen die Email-Adresse
gekündigt! Wir aber haben die Faszination des Programmierens weiterlaufen
lassen. Im Jahre 2000 gründeten wir die Firma Gramazio & Kohler,
dies aus der Überzeugung, dass das Handwerk der Programmierung und
das Werkzeug Computer ein neues, faszinierendes und unerwartetes Potential
für die physische, gebaute Architektur erschliessen können.
Seit letztem Jahr teilt Ihr Euch zusammen eine Assistenzprofessur
an der ETH Zürich. Worum geht es da?
Der Lehrstuhl heisst «Architektur und digitale Fabrikation».
Im weitesten Sinn geht es um das Bauen mit digital angesteuerten Maschinen.
Wir bezeichnen uns als programmierende Architekten. In den 90er Jahren
hiess das vor allem: ein Architekt zu sein, der virtuelle Welten baut,
etwas böse gesagt, ein Webdesigner. Wir wollen jedoch durchaus physisch
bauen. In den 90er Jahren fehlte die Maschine, die zwischen dem programmierenden
Architekten und dem realen Bauen vermittelt. Darunter verstehen wir Roboter,
Produktionsmaschinen, die wir Architekten direkt ansteuern können.
Heute haben wir Maschinen, die das Überführen von Daten in reales
Bauen erlauben. Das ist jetzt sehr vereinfacht gesagt, aber darum geht
es im Grunde. Was wir anstreben, ist im Desktop-Publishing schon viel
weiter verwirklicht: Früher gab es Schriftsetzer, die realisierten,
was vorher geschrieben und geplant wurde. Heute kann jeder das Layout
selber machen. Der Autor eines Buches kann dank des Computers sein eigener
Schriftsetzer sein.
Ihr seid für die neue Beleuchtung an der Zürcher
Bahnhofstrasse verantwortlich. Die Installation aus LED-Leuchtstangen
lässt sich als ein gewaltiger Bildschirm begreifen, dessen Inhalt
von eurem Computer aus gesteuert wird. Welche Verbindung seht ihr zwischen
Eurer Lehre an der ETH und der Weihnachts-Beleuchtung?
Auch die Weihnachtsbeleuchtung ist mit Information gebaut. Wir versuchen,
Abläufe, Prozesse zu gestalten. Wir machen das als Architekten, nicht
als Techniker. Wir wollen als Architekten direkt auf unsere Gestaltungsmittel
zugreifen können. Wir haben das Programm für die Beleuchtung
in unserem Büro entwickelt, weil uns die Kontrolle über diesen
Entstehungsprozess sehr wichtig ist. Es geht hier auch um die Frage, ob
der Computer nur ein Werkzeug ist. Oder ob du versuchst, dir einen eigenen
Zugang zu verschaffen, eine eigene Kreativität zu entwickeln. Kannst
Du über den Standard hinausgehen? Und zwar nicht nur in der Theorie,
sondern auch in der Praxis.
Auch die «parametrischen Tische» von
Gramazio & Kohler bergen Gefahren... (»http://www.mshape.com).
Es ist, wie wenn jemand ein Buch über etwas schreiben will. Natürlich
kann man jemanden auftreiben, der das Buch für einen schreibt. Das
ist aber nicht der grösstmögliche Freiheitsgrad. Der ist erst
erreicht, wenn man einen Produktionsprozess selber gestalten kann. Darum
wollen wir auch, dass Architekten via Programmierung direkt Maschinen
bedienen und damit den Bauprozess bis in seine physische Realisierung
hinein gestalten können. Das bedeutet mehr Freiheit. Es gilt, via
Computer etwas wiederzugewinnen vom Typus des Renaissance-Universalisten,
wie es ihn vor der Industrialisierung und ihrer Aufgabenteilung gab.
Ihr habt die Zürcher Bahnhofstrasse der Weihnachtszeit
aus ihrem elektrischen Dornröschenschlaf erweckt und in die digitalisierte
Gegenwart versetzt. Das hat Entrüstung ausgelöst. Eure Installation
gilt zum Beispiel wegen ihrer harten weissen Farbe als wenig weihnächtlich.
Ihr würdet den Kindern Weihnachten rauben, ist ein häufiger
Vorwurf.
Da sind wir uns gar nicht so sicher. Denn schliesslich haben ja gerade
Kinder noch keine so festen Vorstellungen davon, was Weihnachten ist.
Dass dazu eine Sternendecke aus Glühbirnen an der Bahnhofstrasse
gehört, wie das seit 1971 der Fall ist, liegt ja nicht wirklich in
der Natur der Sache. Im Gegenteil haben wir sogar eher den Eindruck, dass
gerade Kinder Spass haben an unserer Installation.

Mut zum Risiko: Von der barmherzigen Elektro-Verschleierung
zum digital
gesteuerten Riss am Firmament (Foto: Roman Keller)
Ihr besteht also auf der Weihnächtlichkeit Eurer Installation?
Die Weihnachtsbeleuchtung hat durchaus mit Weihnachten zu tun und zwar
mit dem, was wir an Weihnachten schon als Kind am intensivsten erlebt
haben: mit dem Verfolgen von Zeit, der Spannung, die sich während
des Advent-Monats aufbaut. Heute, als Erwachsene, fehlt uns regelrecht
die Zeit für ein solches Auskosten von Zeit. Dafür freuen wir
uns umso mehr darauf, dass sie dann einmal stillsteht, auf die Ruheperiode
zwischen Weihnacht und Neujahr; darauf, dass das Telefon beispielsweise
nicht mehr klingelt, auf den Rückblick übers vergangene Jahr,
auf die Möglichkeit, sich besinnen können.
Kommt nach Weihnachten statt Besinnung nicht schon
gleich wieder der Ausverkauf? Gerade an einer Zürcher Bahnhofstrasse?
Es geht bei Weihnachten eben nicht nur um Konsum. Weihnachten hat mit
Zeit zu tun – und gerade dieses Moment an Weihnachten ist doch religions-
und kulturübergreifend.
Das ist ein sehr abstraktes Konzept von Weihnachten.
Einerseits ja. Da haben wir sehr viel gelernt von unseren Vorgängern.
Die Weihnachtsbeleuchtung aus lauter Glühbirnen - die für damalige
Verhältnisse nackte, kalte, profane und billige Glühbirne -
die hat ja damals ebenfalls auf gegenständliche Symbole verzichtet.
Ganz im Gegenteil zu den blinkenden Rehlein, die momentan gerade als sehr
weihnächtlich gelten und die man überall auf den Baumärkten
kaufen kann. Andererseits schaffen wir mit der Installation natürlich
eine neue Symbolik, es ist keine komplett abstrakte Figur. Wir haben ein
neues Bild kodiert, das auf dem Prinzip des Adventskalenders aufbaut.
Wir dehnen das Prinzip zeitlich auf 40 Tage sowie räumlich auf einen
Kilometer aus. Das zeitliche Prinzip des Advent besteht ja darin, dass
sich der Kalender nicht auf einen Schlag, sondern nur allmählich
zeigt; erst am 24. Dezember hat man einen Adventskalender ganz vor sich.
Ebenso funktioniert unsere Weihnachtsbeleuchtung: Nach zwei, drei Wochen
erst beginnt sie sich zu offenbaren, sie verändert sich mit jedem
Tag, bis zum 2. Januar, wenn sie zum letzten Mal zu sehen ist.
Das Geschehen auf eurem grossen Strassen-Bildschirm ist aber nicht klar
strukturiert, eher fliessend. Dies nicht zuletzt dadurch, dass die Installation
darauf reagiert, wie viele Passanten gerade auf die Bahnhofstrasse strömen
oder sie verlassen. Um das zu beobachten zu können, braucht es unverschämt
viel Zeit.
Das ist zugegebenermassen heutzutage etwas Radikales, wo alles unter Zeitstress
steht. Aber man kann doch einmal die Gegenhaltung einnehmen und fragen:
Warum sollst Du Dir keine Zeit nehmen? Die Leute sind heutzutage gewohnt,
in Bildern zu denken. Bilder verändern sich nicht, sie sind da und
gleich verfügbar. 99% wird nach dem Muster designt: zwei Sekunden
anschauen und dann weiterklicken. Das ist das Internet, die totale Überflutung
mit Information. Zugleich haben wir aber mittlerweile erfahren, dass es
durchaus die Bereitschaft gibt, länger hinzusehen, ein zweites Mal,
immer wieder mal hinzusehen.
Das ist dialektisch: Die flüchtige Computerkultur
nötigt dazu, uns jeweils möglichst schnell ein Bild zu machen
und ihr wollt mit eurer digitalen Installation gerade das Gegenteil, eine
zeitliche gedehnte, langsame Wahrnehmung, erreichen?
Es ist dabei aber nicht unser primäres Ziel, dass die Leute das Konzept
in toto «verstehen», das streben wir nicht an. Es wäre
aber schön, wenn die Installation innere Prozesse auslösen könnte,
individuelle Prozesse, da kein Passant dasselbe wahrnimmt. Das hat unseres
Erachtens etwas mit der heutigen Zeit zu tun, in der alles viel fliessender
ist als früher. Auch Rituale wie zum Beispiel das Weihnachtsritual
werden individueller. Wir haben darum auch gänzlich verzichtet auf
jeden zeitlich fixierten Event-Charakter, beispielsweise jeweils ein Anlass
jeden Abend um 19 Uhr – obwohl das vielleicht publikumswirksamer
gewesen wäre. «The World’s Largest Timepiece» soll
aber eine «innere Uhr der Stadt» sein, keine mechanische.
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