Impressum

huszai@clickhere.ch
&
10.01.06
Der Computer als magischer Griffel des Architekten
Villö Huszai
Das Architekturbüro Gramazio & Kohler, am Ufer der Zürcher Limmat gelegen, widmet sich einem Geschäft, das nach dem Platzen der Internet-Blase Ende der 90er Jahre fast etwas in Verruf geriet: Fabio Gramazio, der zu den Gründungsmitgliedern der berühmten Netzkunstgruppe etoy gehört, und der einstige Comuptertüftler Matthias Kohler erforschen heute als Architekten und ETH-Assistenzprofessoren die Anwendungsmöglichkeiten des Computers im eigenen Fachbereich, der Architektur. Sie gehören zur Expo.02-Generation, haben damals den Pavillon sWISH entworfen, unterdessen Häuser gebaut und eine «parametrische Tischserie» entworfen, doch berühmt, wenn nicht berüchtigt sind sie durch ihr aktuellstes und grösstes Projekt, die 1,1 Kilometer lange Weihnachtsbeleuchtung an der Zürcher Bahnhofstrasse. Wenn ihre Auftraggeberin, die Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse, standhaft bleibt, werden die computergesteuerten 275 Leuchtstangen an 11 Kilometern Stahlseilen auch nächstes Jahr wieder hängen. Das wird nicht nur Stadt-, sondern auch Computergeschichte schreiben. Ein Interview mit den «programmierenden Architekten» Gramazio und Kohler vor dem Hintergrund von «The World’s Largest Timepiece», so der Name der Zürcher Installation.

Villö Huszai: Woher kommt euer Computer-Knowhow?
Fabio Gramazio, Matthias Kohler: Wir haben uns beide schon immer mit Computern beschäftigt. Matthias programmierte als Jugendlicher in den 80er Jahren Computerspiele, Fabio kam in den 90er Jahren während des Architekturstudiums dazu, als virtuelle Welten das grosse Thema waren. Anfang der 90er Jahre wurde CAAD (Computer Aided Architecture and Design) an der Architekturabteilung der ETH super gefördert, ab Mitte der 90er Jahre der Bereich der Informationsarchitektur und des Internets. Doch das heisst nicht, dass der Computer grundsätzlich im Architekturstudium schon eingeführt war. Gezeichnet wurde damals zum Beispiel meistens noch mit Tusche. Heute ist die Situation eine andere, der Computer allgegenwärtig.

Fabio, Du gehörst ja zu den Gründungsmitgliedern der Netzkunstgruppe etoy (»www.etoy.com). In welchem Verhältnis steht deine Tätigkeit als Architekt dazu?
In den 90er Jahren drehte sich alles um Virtualität. Entsprechend stand in der Architektur die Vision der virtuellen Welten im Vordergrund. Diese Fokussierung aufs Virtuelle ist heute überwunden. Sie war auch für etoy wichtig. Doch bei etoy geht es ja überhaupt nicht um Bauen, es ist weniger eine virtuelle denn eine konzeptionelle Angelegenheit. Insofern ist etoy für mich auch nicht abgeschlossen oder überwunden, als es in eine ganz andere Domäne gehört. In der Architektur jedoch sind die virtuellen Welten der 90er Jahren das gescheiterte, unbeholfene Bindeglied zwischen der Sphäre der Information und realer, gebauter Welt.


Das Architekten-Duo: Matthias Kohler (links) und Fabio Gramazio

Mit dem Platzen der Internet-Blase kam die allgemeine Enttäuschung über das Medium Computer. Virtualität und reales, physisches Bauen schien nun erst recht unvereinbar. Das Medium Computer war damals auf einen Schlag out – aber die wenigsten haben deswegen die Email-Adresse gekündigt! Wir aber haben die Faszination des Programmierens weiterlaufen lassen. Im Jahre 2000 gründeten wir die Firma Gramazio & Kohler, dies aus der Überzeugung, dass das Handwerk der Programmierung und das Werkzeug Computer ein neues, faszinierendes und unerwartetes Potential für die physische, gebaute Architektur erschliessen können.

Seit letztem Jahr teilt Ihr Euch zusammen eine Assistenzprofessur an der ETH Zürich. Worum geht es da?
Der Lehrstuhl heisst «Architektur und digitale Fabrikation». Im weitesten Sinn geht es um das Bauen mit digital angesteuerten Maschinen. Wir bezeichnen uns als programmierende Architekten. In den 90er Jahren hiess das vor allem: ein Architekt zu sein, der virtuelle Welten baut, etwas böse gesagt, ein Webdesigner. Wir wollen jedoch durchaus physisch bauen. In den 90er Jahren fehlte die Maschine, die zwischen dem programmierenden Architekten und dem realen Bauen vermittelt. Darunter verstehen wir Roboter, Produktionsmaschinen, die wir Architekten direkt ansteuern können. Heute haben wir Maschinen, die das Überführen von Daten in reales Bauen erlauben. Das ist jetzt sehr vereinfacht gesagt, aber darum geht es im Grunde. Was wir anstreben, ist im Desktop-Publishing schon viel weiter verwirklicht: Früher gab es Schriftsetzer, die realisierten, was vorher geschrieben und geplant wurde. Heute kann jeder das Layout selber machen. Der Autor eines Buches kann dank des Computers sein eigener Schriftsetzer sein.

Ihr seid für die neue Beleuchtung an der Zürcher Bahnhofstrasse verantwortlich. Die Installation aus LED-Leuchtstangen lässt sich als ein gewaltiger Bildschirm begreifen, dessen Inhalt von eurem Computer aus gesteuert wird. Welche Verbindung seht ihr zwischen Eurer Lehre an der ETH und der Weihnachts-Beleuchtung?
Auch die Weihnachtsbeleuchtung ist mit Information gebaut. Wir versuchen, Abläufe, Prozesse zu gestalten. Wir machen das als Architekten, nicht als Techniker. Wir wollen als Architekten direkt auf unsere Gestaltungsmittel zugreifen können. Wir haben das Programm für die Beleuchtung in unserem Büro entwickelt, weil uns die Kontrolle über diesen Entstehungsprozess sehr wichtig ist. Es geht hier auch um die Frage, ob der Computer nur ein Werkzeug ist. Oder ob du versuchst, dir einen eigenen Zugang zu verschaffen, eine eigene Kreativität zu entwickeln. Kannst Du über den Standard hinausgehen? Und zwar nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.


Auch die «parametrischen Tische» von Gramazio & Kohler bergen Gefahren... (»http://www.mshape.com).

Es ist, wie wenn jemand ein Buch über etwas schreiben will. Natürlich kann man jemanden auftreiben, der das Buch für einen schreibt. Das ist aber nicht der grösstmögliche Freiheitsgrad. Der ist erst erreicht, wenn man einen Produktionsprozess selber gestalten kann. Darum wollen wir auch, dass Architekten via Programmierung direkt Maschinen bedienen und damit den Bauprozess bis in seine physische Realisierung hinein gestalten können. Das bedeutet mehr Freiheit. Es gilt, via Computer etwas wiederzugewinnen vom Typus des Renaissance-Universalisten, wie es ihn vor der Industrialisierung und ihrer Aufgabenteilung gab.

Ihr habt die Zürcher Bahnhofstrasse der Weihnachtszeit aus ihrem elektrischen Dornröschenschlaf erweckt und in die digitalisierte Gegenwart versetzt. Das hat Entrüstung ausgelöst. Eure Installation gilt zum Beispiel wegen ihrer harten weissen Farbe als wenig weihnächtlich. Ihr würdet den Kindern Weihnachten rauben, ist ein häufiger Vorwurf.
Da sind wir uns gar nicht so sicher. Denn schliesslich haben ja gerade Kinder noch keine so festen Vorstellungen davon, was Weihnachten ist. Dass dazu eine Sternendecke aus Glühbirnen an der Bahnhofstrasse gehört, wie das seit 1971 der Fall ist, liegt ja nicht wirklich in der Natur der Sache. Im Gegenteil haben wir sogar eher den Eindruck, dass gerade Kinder Spass haben an unserer Installation.


Mut zum Risiko: Von der barmherzigen Elektro-Verschleierung zum digital
gesteuerten Riss am Firmament (Foto: Roman Keller)

Ihr besteht also auf der Weihnächtlichkeit Eurer Installation?

Die Weihnachtsbeleuchtung hat durchaus mit Weihnachten zu tun und zwar mit dem, was wir an Weihnachten schon als Kind am intensivsten erlebt haben: mit dem Verfolgen von Zeit, der Spannung, die sich während des Advent-Monats aufbaut. Heute, als Erwachsene, fehlt uns regelrecht die Zeit für ein solches Auskosten von Zeit. Dafür freuen wir uns umso mehr darauf, dass sie dann einmal stillsteht, auf die Ruheperiode zwischen Weihnacht und Neujahr; darauf, dass das Telefon beispielsweise nicht mehr klingelt, auf den Rückblick übers vergangene Jahr, auf die Möglichkeit, sich besinnen können.

Kommt nach Weihnachten statt Besinnung nicht schon gleich wieder der Ausverkauf? Gerade an einer Zürcher Bahnhofstrasse?
Es geht bei Weihnachten eben nicht nur um Konsum. Weihnachten hat mit Zeit zu tun – und gerade dieses Moment an Weihnachten ist doch religions- und kulturübergreifend.
Das ist ein sehr abstraktes Konzept von Weihnachten.
Einerseits ja. Da haben wir sehr viel gelernt von unseren Vorgängern. Die Weihnachtsbeleuchtung aus lauter Glühbirnen - die für damalige Verhältnisse nackte, kalte, profane und billige Glühbirne - die hat ja damals ebenfalls auf gegenständliche Symbole verzichtet. Ganz im Gegenteil zu den blinkenden Rehlein, die momentan gerade als sehr weihnächtlich gelten und die man überall auf den Baumärkten kaufen kann. Andererseits schaffen wir mit der Installation natürlich eine neue Symbolik, es ist keine komplett abstrakte Figur. Wir haben ein neues Bild kodiert, das auf dem Prinzip des Adventskalenders aufbaut.

Wir dehnen das Prinzip zeitlich auf 40 Tage sowie räumlich auf einen Kilometer aus. Das zeitliche Prinzip des Advent besteht ja darin, dass sich der Kalender nicht auf einen Schlag, sondern nur allmählich zeigt; erst am 24. Dezember hat man einen Adventskalender ganz vor sich. Ebenso funktioniert unsere Weihnachtsbeleuchtung: Nach zwei, drei Wochen erst beginnt sie sich zu offenbaren, sie verändert sich mit jedem Tag, bis zum 2. Januar, wenn sie zum letzten Mal zu sehen ist.

Das Geschehen auf eurem grossen Strassen-Bildschirm ist aber nicht klar strukturiert, eher fliessend. Dies nicht zuletzt dadurch, dass die Installation darauf reagiert, wie viele Passanten gerade auf die Bahnhofstrasse strömen oder sie verlassen. Um das zu beobachten zu können, braucht es unverschämt viel Zeit.

Das ist zugegebenermassen heutzutage etwas Radikales, wo alles unter Zeitstress steht. Aber man kann doch einmal die Gegenhaltung einnehmen und fragen: Warum sollst Du Dir keine Zeit nehmen? Die Leute sind heutzutage gewohnt, in Bildern zu denken. Bilder verändern sich nicht, sie sind da und gleich verfügbar. 99% wird nach dem Muster designt: zwei Sekunden anschauen und dann weiterklicken. Das ist das Internet, die totale Überflutung mit Information. Zugleich haben wir aber mittlerweile erfahren, dass es durchaus die Bereitschaft gibt, länger hinzusehen, ein zweites Mal, immer wieder mal hinzusehen.

Das ist dialektisch: Die flüchtige Computerkultur nötigt dazu, uns jeweils möglichst schnell ein Bild zu machen und ihr wollt mit eurer digitalen Installation gerade das Gegenteil, eine zeitliche gedehnte, langsame Wahrnehmung, erreichen?
Es ist dabei aber nicht unser primäres Ziel, dass die Leute das Konzept in toto «verstehen», das streben wir nicht an. Es wäre aber schön, wenn die Installation innere Prozesse auslösen könnte, individuelle Prozesse, da kein Passant dasselbe wahrnimmt. Das hat unseres Erachtens etwas mit der heutigen Zeit zu tun, in der alles viel fliessender ist als früher. Auch Rituale wie zum Beispiel das Weihnachtsritual werden individueller. Wir haben darum auch gänzlich verzichtet auf jeden zeitlich fixierten Event-Charakter, beispielsweise jeweils ein Anlass jeden Abend um 19 Uhr – obwohl das vielleicht publikumswirksamer gewesen wäre. «The World’s Largest Timepiece» soll aber eine «innere Uhr der Stadt» sein, keine mechanische.

Links:

»www.gramaziokohler.com
»Artikel über etoys Ausichten auf den Kunstmarkt