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&
10.12.05

Sie leben.
Verena Kuni

Louis de Cordier ging auf Empfang in der Züricher Galerie von Susanna Kulli.

Es ist gut, erst spät zu kommen. Wenn sich draussen die Dunkelheit über die Dienerstrasse gelegt hat, leuchten die Fenster von Susanna Kullis Galerie umso lockender. Besonders dieser Tage, da sich ein seltsames Objekt in ihnen eingenistet hat: Ein lang gestreckter, filigraner Leib, dessen Form fern an einen Insektenkokon erinnert; mit Drähten zwischen Boden und Decke gespannt, scheint er fast zu schweben. Aus seinem Inneren, wo drei Weißlichtröhren ein Rückgrat bilden, dringt ein kaltes Gleissen, abweisend und doch zugleich verlockend. Tritt man ein, muss man sich seitwärts unter den Drahtdiagonalen ducken, um Platz zu finden und die fremdartige Konstruktion erst einmal zu umkreisen, während sich die Augen langsam an die Helligkeit gewöhnen. Und noch etwas ist hier, stellt man nun fest. Ein nicht auf- aber doch eindringliches, flirrendes Summen oder Sirren – eine Art dichtes akustisches Ektoplasma, das aus dem Metallgeflecht des konischen Körper-Käfigs dringt, ihn einhüllt und den Raum füllt. Unsichtbar, aber von einer spürbaren Präsenz.


Louis de Cordier: Observer, 2003/2005.
Metall, Radio, Lautsprecher, 3 Fluorescentröhren. Länge 6 Meter.


Was Louis de Cordiers «Observer» (2003/2005) einfängt, transformiert und als akustisches Feld wahrnehmbar macht, sind elektromagnetische Wellen. Keine weltbewegende Botschaft, allein die Frequenzen selbst: Als keineswegs amorphes, aber doch einer Entzifferung sich verweigerndes plastisches Material. Zu schwach verstärkt, um gleich den ganzen Kosmos in den Ohren dröhnen zu lassen. Aber doch deutlich genug, um einen Raum im Raum zu erzeugen.

Wenngleich der «Observer» mit seiner skurrilen Erscheinung, sie seltsam zwischen Futurismus – jenem Futurismus, wie ihn Wladimir Tatlins «Letatlin» und Panamarenkos visionäre Flugobjekte miteinander teilen – und Medienarchäologie oszilliert, seinem optischen und akustischen Leuchten die Ausstellung dominiert, ist er nicht allein nach Zürich gekommen. So hockt in seinem Lichtschatten, in eine Raumecke geduckt, noch «Norad» (2005), eine Art Meteorkugel von bleierner Schwere; im Hinterzimmer gibt es weitere, kleinere Objekte sowie Zeichnungen aus de Cordiers Werkstatt zu sehen.


Installation in der Galerie Susanna Kulli, Zürich 2005

Die Zeichnungen, organisch sich dehnende Kokons zeigend – freier geformt als der elegant gestreckte Drahtleib des Observers, aber in ihrer Anlehnung ans Biomorphe durchaus mit ihm verwandt – verweisen auf Werkgruppen der vergangenen Jahre, in denen der 1978 geborene belgische Künstler entsprechend gestaltete Plastiken entwarf und realisierte: Als autonome «Life Units» konzipierte, amöbenartig anmutende Behausungen, die teilweise ebenfalls bereits mit Antennen ausgestattet waren, die sie mit dem All vernetzten. Und deren surreale, gleichwohl funktionsfähige Körperarchitekturen in der Tat nicht nur an Panamarenkos utopische Apparate und Gefährte denken lassen, sondern durchaus auch an jene hermetischen Raumkapseln, mit denen sein Vater, Thierry de Cordier, 1992 auf der Kasseler documenta vertreten gewesen war.

Im Gegensatz zu Letzteren, die stets ihr Gravitationsfeld nach Innen zu entwickeln schienen, zeichnen sich Louis de Cordiers Konstruktionen allerdings – sieht man einmal von «Norad» ab, einem Objekt, das der aktuellen Ausstellung eine Art Erdung verleiht – durch ihr Streben nach Leichtigkeit und Ausdehnung aus. Sie knistern sozusagen, als seien sie im nächsten Moment zur Zellteilung bereit, als könnten sie mit dem ganzen Kosmos kommunizieren oder eben – wären sie nicht, wie der «Observer», durch Drahtseile arretiert – aufsteigen und davonfliegen auf die eine oder andere Art und Weise.

Der «Radio Head» (2005), in dessen Inneren ebenfalls ein kleiner Receiver/Sender in Form eines Kristallradios schlummert, ist leider still gelegt: Die Lautsprechermembran wurde entfernt beziehungsweise gar nicht erst eingesetzt. So bleibt es ein Geheimnis, welche Schwingungen seine Antennen wohl einfangen mögen: Wie die Stimmen im Kopf jener, die Signale Ausserirdischer über ihre Zahnfüllungen zu erhalten glauben, ist die unsichtbare Noise-Musik des Alls hier unhörbar für unser Ohr. Aber vielleicht müssen wir einfach nur unseren eigenen Radar aktivieren?

Ausstellung:

Louis de Cordier – «electromagnetic work»
Galerie Susanna Kulli, Dienerstrasse 21, Zürich (CH)

Öffnungszeiten: Di, Mi, Do, Fr 14:00-18:00 Uhr, Sa 11:00-17:00 Uhr
Bis 13. Dezember 2005

Links:

»www.louisdecordier.com
»www.susannakulli.ch