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Es ist gut, erst spät zu kommen. Wenn sich draussen
die Dunkelheit über die Dienerstrasse gelegt hat, leuchten die Fenster
von Susanna Kullis Galerie umso lockender. Besonders dieser Tage, da sich
ein seltsames Objekt in ihnen eingenistet hat: Ein lang gestreckter, filigraner
Leib, dessen Form fern an einen Insektenkokon erinnert; mit Drähten
zwischen Boden und Decke gespannt, scheint er fast zu schweben. Aus seinem
Inneren, wo drei Weißlichtröhren ein Rückgrat bilden,
dringt ein kaltes Gleissen, abweisend und doch zugleich verlockend. Tritt
man ein, muss man sich seitwärts unter den Drahtdiagonalen ducken,
um Platz zu finden und die fremdartige Konstruktion erst einmal zu umkreisen,
während sich die Augen langsam an die Helligkeit gewöhnen. Und
noch etwas ist hier, stellt man nun fest. Ein nicht auf- aber doch eindringliches,
flirrendes Summen oder Sirren – eine Art dichtes akustisches Ektoplasma,
das aus dem Metallgeflecht des konischen Körper-Käfigs dringt,
ihn einhüllt und den Raum füllt. Unsichtbar, aber von einer
spürbaren Präsenz.

Louis de Cordier: Observer, 2003/2005.
Metall, Radio, Lautsprecher, 3 Fluorescentröhren. Länge 6 Meter.
Was Louis de Cordiers «Observer» (2003/2005) einfängt,
transformiert und als akustisches Feld wahrnehmbar macht, sind elektromagnetische
Wellen. Keine weltbewegende Botschaft, allein die Frequenzen selbst: Als
keineswegs amorphes, aber doch einer Entzifferung sich verweigerndes plastisches
Material. Zu schwach verstärkt, um gleich den ganzen Kosmos in den
Ohren dröhnen zu lassen. Aber doch deutlich genug, um einen Raum
im Raum zu erzeugen.
Wenngleich der «Observer» mit seiner skurrilen Erscheinung,
sie seltsam zwischen Futurismus – jenem Futurismus, wie ihn Wladimir
Tatlins «Letatlin» und Panamarenkos visionäre Flugobjekte
miteinander teilen – und Medienarchäologie oszilliert, seinem
optischen und akustischen Leuchten die Ausstellung dominiert, ist er nicht
allein nach Zürich gekommen. So hockt in seinem Lichtschatten, in
eine Raumecke geduckt, noch «Norad» (2005), eine Art Meteorkugel
von bleierner Schwere; im Hinterzimmer gibt es weitere, kleinere Objekte
sowie Zeichnungen aus de Cordiers Werkstatt zu sehen.

Installation in der Galerie Susanna Kulli, Zürich
2005
Die Zeichnungen, organisch sich dehnende Kokons zeigend – freier
geformt als der elegant gestreckte Drahtleib des Observers, aber in ihrer
Anlehnung ans Biomorphe durchaus mit ihm verwandt – verweisen auf
Werkgruppen der vergangenen Jahre, in denen der 1978 geborene belgische
Künstler entsprechend gestaltete Plastiken entwarf und realisierte:
Als autonome «Life Units» konzipierte, amöbenartig anmutende
Behausungen, die teilweise ebenfalls bereits mit Antennen ausgestattet
waren, die sie mit dem All vernetzten. Und deren surreale, gleichwohl
funktionsfähige Körperarchitekturen in der Tat nicht nur an
Panamarenkos utopische Apparate und Gefährte denken lassen, sondern
durchaus auch an jene hermetischen Raumkapseln, mit denen sein Vater,
Thierry de Cordier, 1992 auf der Kasseler documenta vertreten gewesen
war.
Im Gegensatz zu Letzteren, die stets ihr Gravitationsfeld nach Innen zu
entwickeln schienen, zeichnen sich Louis de Cordiers Konstruktionen allerdings
– sieht man einmal von «Norad» ab, einem Objekt, das
der aktuellen Ausstellung eine Art Erdung verleiht – durch ihr Streben
nach Leichtigkeit und Ausdehnung aus. Sie knistern sozusagen, als seien
sie im nächsten Moment zur Zellteilung bereit, als könnten sie
mit dem ganzen Kosmos kommunizieren oder eben – wären sie nicht,
wie der «Observer», durch Drahtseile arretiert – aufsteigen
und davonfliegen auf die eine oder andere Art und Weise.
Der «Radio Head» (2005), in dessen Inneren ebenfalls ein kleiner
Receiver/Sender in Form eines Kristallradios schlummert, ist leider still
gelegt: Die Lautsprechermembran wurde entfernt beziehungsweise gar nicht
erst eingesetzt. So bleibt es ein Geheimnis, welche Schwingungen seine
Antennen wohl einfangen mögen: Wie die Stimmen im Kopf jener, die
Signale Ausserirdischer über ihre Zahnfüllungen zu erhalten
glauben, ist die unsichtbare Noise-Musik des Alls hier unhörbar für
unser Ohr. Aber vielleicht müssen wir einfach nur unseren eigenen
Radar aktivieren?
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