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11.01.06
Lev Manovich: Kunst jenseits der Komprimierung
Villö Huszai
Das kürzlich gegründete Forschungsinstitut der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst hat aufs Jahresende den russischen, an der University of California lehrenden Medientheoretiker Lev Manovich zu einem Gespräch in die Schweiz eingeladen. Manovich ist insbesondere durch sein Buch «The Language of New Media» aus dem Jahre 2001 berühmt geworden, einer fulminanten gedanklichen Verschränkung von Computer- und Filmkultur. Sein Basler Gesprächspartner war Uwe Brückner, der sowohl in Stuttgart wie auch an der Basler HGK Szenographie lehrt und sich in der Schweiz durch seine Beteiligung an der Expo einen Namen gemacht hat.

«Real virtuality - how to talk about spatial arts?» lautete die Fragestellung der Veranstaltung. Gedanklicher Ausgangspunkt bilden dabei reale Räume, um die es in der Szenographie geht. Weil diese je länger je mehr auch mit medialen Mitteln gestaltet werden, schienen Berühungspunkte mit Manovich und dem digitalen Phänomen des virtuellen Raumes naheliegend. Das von der Basler Medienwissenschaftlerin Vera Bühlmann moderierte Gespräch wollte aber nicht richtig in Gang kommen. Neben einigen Nebengründen wie der etwas grossen Bereitschaft des Gastgebers Brückner, die eigenen Projekte minutiös bis auf Entwurfsstufe vorzustellen, gab es einen sachlichen Grund für Manovichs komplementäre Schweigsamkeit.


Lev Manovich

Manovich hatte auf diesen Grund auch gleich zu Beginn des Podiums ebenso freundlich wie unmissverständlich hingewiesen: Er, so der Medientheoretiker, würde den Begriff Virtual Space und Virtual Reality gerne beschränken auf jene Räume, in welchen der Betrachter physisch eben gerade nicht anwesend sein könne. Von realen Räumen, wie sehr sie auch medial inszeniert oder durchdrungen sind, ist der Virtual Space darum für Manovich streng zu unterscheiden. Hinter dem Wortspiel Virtual Reality – Real Virtuality konnte er also offenbar keine Realität ausmachen. Brückner konterte zwar damit, dass seine szenographische Behandlung des Raumes ohne die Diskussionen der 90er Jahre über Virtual Reality nie möglich gewesen wäre. Wo nun aber jenseits des Wortspielerischen substantielle gedankliche Verbindungen liegen, müsste Brückner Manovich wohl erst noch darlegen können.

Komprimierung, medientechnisch und ästhetisch
Wer sich vergewissern wollte, dass Manovich auch gegenwärtig noch ernsthaft an seinem Theoriegebäude weiterarbeitet, kam einige Tage zuvor in der Zürcher Galerie Walcheturm besser auf ihre/seine Kosten. Sein dort gehaltener Vortrag «Art after Compression» spielt in seinem Kern mit einer doppelten Bedeutung, die Manovich dem Begriff Komprimierung unterlegt: Die Formel «Kunst nach der Komprimierung» handelt erstens vom medientechnischen Umstand, dass wir über immer mehr Speicherkapazität verfügen und darum immer weniger komprimieren und selektionieren müssen. Zweitens setzt Manovich den Begriff «compression» mit dem Begriff der Symbolisierung in eins: ästhetische Symbolisierung oder noch genereller jeder Zeichengebrauch kann, so Manovichs Vorschlag, als eine Komprimierung betrachtet werden. Jede menschliche Kunstform wäre demnach eine Form der Komprimierung. Die Gegenwart ist nun dadurch geprägt, dass diese Komprimierung durch die medientechnischen Verhältnisse jedoch immer mehr in den Hintergrund rückt. Nicht mehr Symbolisierung/Komprimierung, sondern das wahllose Erzeugen und möglichst vollständige Sammeln von Daten – notabene von digitalen Daten – bildet das neue Paradigma. Daten werden gespeichert «simply because they exist», so Manovich.

Die Filme «Blow Up» und «Blade Runner» dienen Manovich als Beispiel für eine Kunst, in der die Komprimierung noch dominiert: In beiden Filmen kommt an prominenter Stelle ein einzelnes Foto vor, das vom Helden jeweils minutiös analysiert wird und in sich eine Fülle an versteckter, komprimierter Information enthält. Als ein Gegenbeispiel, für eine «Kunst nach der Komprimierung», nannte Manovich das von Microsoft gesponsorte Projekt «MyLifeBits», das eine «lifetime store of everything», die vollständige Speicherung eines ganzen Lebens, repräsentieren will und sich dabei auf die Memex-Vision von Vannevar Bush bezieht. Gerade diese Gegenüberstellung führt aber vor Augen, dass Manovich mit «Art after Compression» weniger eine schon existente als eine zukünftige Kunstform bezeichnet, denn gegen die zwei filmischen Meisterwerke kann das schwer einschätzbare Projekt MyLifeBits schwer aufkommen. Dass diesen neuen ästhetischen Formen tatsächlich eine grosse Zukunft bevorsteht, zeigte sich Manovich jedoch überzeugt.

Indexierung statt Psychotherapie
Die Kunst einer «Kunst nach der Komprimierung» besteht in der Indexierung von Daten. Das Paradigma der Gegenwart sind darum die Suchmaschinen und ihre Verfahren, die Welt als eine riesige Datenbank zu behandeln, die es unentwegt und ohne jeden Anspruch auf geniale Neuschöpfung zu durchforsten gilt. Die von Manovich dieses Jahr herausgegebene und in Basel vorgestellte DVD «Soft Cinema» funktioniert nach dem Prinzip des Untertitels «Navigating the Database»: Die Zusammenstellung der Filmsequenzen folgt nicht einem strengen narrativen Ablauf, wie er in Filmen sonst die Regel ist: Ein manipulierbares Computerprogramm wählt aus einer Datenbank einzelne Sequenzen aus und stellt sie zusammen, ohne dass dieser Zusammenhang ein streng logischer oder narrativ stimmiger wäre. Dass Manovich MacLuhan, dem Pionier der Medientheorie, an Verwegenheit der gedanklichen Kombinationsgabe dabei ebenbürtig ist, demonstrieren Sätze wie folgender Kommentar aus dem Booklet von «Soft Cinema»: «Wenn für Proust und Freud die moderne Subjektivität um eine Erzählung arrangiert war – um den Versuch nämlich, individuelle Kindheitserfahrung als Grundlage der späteren Identität zu verstehen – dann dürfte Subjektivität in der Informationsgesellschaft mehr wie eine Suchmaschine funkionieren.» Das ist Medientheorie at his best: schwindelerregend hoch gegriffen und doch anregender Leitfaden zum Verständnis gegenwärtiger Phänomene.

Die Basler Veranstaltung war der Versuch, die in den 90er Jahren entstandene Medientheorie mit Fragestellungen zu verknüpfen, denen die HGK in den nächsten Jahren einen Teil ihrer Forschung widmen will. Dafür Lev Manovich einzuladen, zeugt von Sachverstand. Dass die computerkulturelle Vertiefung der Szenographie jedoch noch mehr Programm als gedanklich realisiert ist, machte die Veranstaltung ebenfalls deutlich. Die HGK kann also selbst am meisten lernen aus der Lektion, die sie ihrem Publikum in der gutbesuchten Voltahalle gab.

   
Links:

»Lev Manovichs Webseite
»Forschung an der FHBB

»MyLifeBits