Lev Manovich: Kunst
jenseits der Komprimierung
Villö Huszai
Das kürzlich gegründete Forschungsinstitut
der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst hat aufs Jahresende
den russischen, an der University of California lehrenden Medientheoretiker
Lev Manovich zu einem Gespräch in die Schweiz eingeladen. Manovich
ist insbesondere durch sein Buch «The Language of New Media»
aus dem Jahre 2001 berühmt geworden, einer fulminanten gedanklichen
Verschränkung von Computer- und Filmkultur. Sein Basler Gesprächspartner
war Uwe Brückner, der sowohl in Stuttgart wie auch an der Basler HGK
Szenographie lehrt und sich in der Schweiz durch seine Beteiligung an der
Expo einen Namen gemacht hat.
«Real virtuality - how to talk about spatial arts?»
lautete die Fragestellung der Veranstaltung. Gedanklicher Ausgangspunkt
bilden dabei reale Räume, um die es in der Szenographie geht. Weil
diese je länger je mehr auch mit medialen Mitteln gestaltet werden,
schienen Berühungspunkte mit Manovich und dem digitalen Phänomen
des virtuellen Raumes naheliegend. Das von der Basler Medienwissenschaftlerin
Vera Bühlmann moderierte Gespräch wollte aber nicht richtig
in Gang kommen. Neben einigen Nebengründen wie der etwas grossen
Bereitschaft des Gastgebers Brückner, die eigenen Projekte minutiös
bis auf Entwurfsstufe vorzustellen, gab es einen sachlichen Grund für
Manovichs komplementäre Schweigsamkeit.
Lev Manovich
Manovich hatte auf diesen Grund auch gleich zu Beginn des Podiums ebenso
freundlich wie unmissverständlich hingewiesen: Er, so der Medientheoretiker,
würde den Begriff Virtual Space und Virtual Reality gerne beschränken
auf jene Räume, in welchen der Betrachter physisch eben gerade nicht
anwesend sein könne. Von realen Räumen, wie sehr sie auch medial
inszeniert oder durchdrungen sind, ist der Virtual Space darum für
Manovich streng zu unterscheiden. Hinter dem Wortspiel Virtual Reality
– Real Virtuality konnte er also offenbar keine Realität ausmachen.
Brückner konterte zwar damit, dass seine szenographische Behandlung
des Raumes ohne die Diskussionen der 90er Jahre über Virtual Reality
nie möglich gewesen wäre. Wo nun aber jenseits des Wortspielerischen
substantielle gedankliche Verbindungen liegen, müsste Brückner
Manovich wohl erst noch darlegen können.
Komprimierung, medientechnisch und ästhetisch
Wer sich vergewissern wollte, dass Manovich auch gegenwärtig noch
ernsthaft an seinem Theoriegebäude weiterarbeitet, kam einige Tage
zuvor in der Zürcher Galerie Walcheturm besser auf ihre/seine Kosten.
Sein dort gehaltener Vortrag «Art after Compression» spielt
in seinem Kern mit einer doppelten Bedeutung, die Manovich dem Begriff
Komprimierung unterlegt: Die Formel «Kunst nach der Komprimierung»
handelt erstens vom medientechnischen Umstand, dass wir über immer
mehr Speicherkapazität verfügen und darum immer weniger komprimieren
und selektionieren müssen. Zweitens setzt Manovich den Begriff «compression»
mit dem Begriff der Symbolisierung in eins: ästhetische Symbolisierung
oder noch genereller jeder Zeichengebrauch kann, so Manovichs Vorschlag,
als eine Komprimierung betrachtet werden. Jede menschliche Kunstform wäre
demnach eine Form der Komprimierung. Die Gegenwart ist nun dadurch geprägt,
dass diese Komprimierung durch die medientechnischen Verhältnisse
jedoch immer mehr in den Hintergrund rückt. Nicht mehr Symbolisierung/Komprimierung,
sondern das wahllose Erzeugen und möglichst vollständige Sammeln
von Daten – notabene von digitalen Daten – bildet das neue
Paradigma. Daten werden gespeichert «simply because they exist»,
so Manovich.
Die Filme «Blow Up» und «Blade Runner» dienen
Manovich als Beispiel für eine Kunst, in der die Komprimierung noch
dominiert: In beiden Filmen kommt an prominenter Stelle ein einzelnes
Foto vor, das vom Helden jeweils minutiös analysiert wird und in
sich eine Fülle an versteckter, komprimierter Information enthält.
Als ein Gegenbeispiel, für eine «Kunst nach der Komprimierung»,
nannte Manovich das von Microsoft gesponsorte Projekt «MyLifeBits»,
das eine «lifetime store of everything», die vollständige
Speicherung eines ganzen Lebens, repräsentieren will und sich dabei
auf die Memex-Vision von Vannevar Bush bezieht. Gerade diese Gegenüberstellung
führt aber vor Augen, dass Manovich mit «Art after Compression»
weniger eine schon existente als eine zukünftige Kunstform bezeichnet,
denn gegen die zwei filmischen Meisterwerke kann das schwer einschätzbare
Projekt MyLifeBits schwer aufkommen. Dass diesen neuen ästhetischen
Formen tatsächlich eine grosse Zukunft bevorsteht, zeigte sich Manovich
jedoch überzeugt.
Indexierung statt Psychotherapie
Die Kunst einer «Kunst nach der Komprimierung» besteht in
der Indexierung von Daten. Das Paradigma der Gegenwart sind darum die
Suchmaschinen und ihre Verfahren, die Welt als eine riesige Datenbank
zu behandeln, die es unentwegt und ohne jeden Anspruch auf geniale Neuschöpfung
zu durchforsten gilt. Die von Manovich dieses Jahr herausgegebene und
in Basel vorgestellte DVD «Soft Cinema» funktioniert nach
dem Prinzip des Untertitels «Navigating the Database»: Die
Zusammenstellung der Filmsequenzen folgt nicht einem strengen narrativen
Ablauf, wie er in Filmen sonst die Regel ist: Ein manipulierbares Computerprogramm
wählt aus einer Datenbank einzelne Sequenzen aus und stellt sie zusammen,
ohne dass dieser Zusammenhang ein streng logischer oder narrativ stimmiger
wäre. Dass Manovich MacLuhan, dem Pionier der Medientheorie, an Verwegenheit
der gedanklichen Kombinationsgabe dabei ebenbürtig ist, demonstrieren
Sätze wie folgender Kommentar aus dem Booklet von «Soft Cinema»:
«Wenn für Proust und Freud die moderne Subjektivität um
eine Erzählung arrangiert war – um den Versuch nämlich,
individuelle Kindheitserfahrung als Grundlage der späteren Identität
zu verstehen – dann dürfte Subjektivität in der Informationsgesellschaft
mehr wie eine Suchmaschine funkionieren.» Das ist Medientheorie
at his best: schwindelerregend hoch gegriffen und doch anregender Leitfaden
zum Verständnis gegenwärtiger Phänomene.
Die Basler Veranstaltung war der Versuch, die in den 90er Jahren entstandene
Medientheorie mit Fragestellungen zu verknüpfen, denen die HGK in
den nächsten Jahren einen Teil ihrer Forschung widmen will. Dafür
Lev Manovich einzuladen, zeugt von Sachverstand. Dass die computerkulturelle
Vertiefung der Szenographie jedoch noch mehr Programm als gedanklich realisiert
ist, machte die Veranstaltung ebenfalls deutlich. Die HGK kann also selbst
am meisten lernen aus der Lektion, die sie ihrem Publikum in der gutbesuchten
Voltahalle gab.