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Welche Bedingungen muss Netzkunst berücksichtigen
und hinterfragen, um genuin als künstlerische Antwort auf das neue
Kommunikationsmittel gelten zu können? Die vom Basler Netzkunstpionier
Reinhard Storz, Kurator von www.xcult.org, seit 1995 ausgeheckten Projekte
erforschen Inhalte und testen zugleich das Spezifische des Mediums. In
seinem neusten Projekt in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung Pro Helvetia
tut er das einmal mehr, indem er mehrere der scheinbar fest geschriebenen
Konventionen des Netzes durchbricht. «56k TV-bastard channel»
ist eine Plattform im Internet, die, so Storz «sich selbst als die
Geschichte eines Fernsehsenders erzählt.» Angelegt ist diese
Parodie des Fernsehens als Work in progress und entspricht so dem Wunsch
steter Aktualisierung des Online-Users.
Bei seiner Premiere bietet der «Zwitterkanal» sechs sog. Sendungen
an, bis im Frühling 2005 kommen monatlich neue hinzu, die Storz bei
Künstlerinnen und Künstlern aus Basel, Berlin, Genf, Johannesburg,
New York, Ostrava, Paris, Seoul, Tokyo und Zürich, in Auftrag gab.
   
Die Screenshots zeigen die Eingangsseite von Bastard-TV, die «Eintunen»
mit Exonemo, «Acid Missile» von Jimpunk und die mysteriöse
Sphinx-Mechanik.
Die Simulation von TV im Netz stellt die Gesetzmässigkeiten zweier
unterschiedlichen Medien auf die Probe. So entzieht sich der «Bastard-TV»
der ständigen und weltweiten Verfügbarkeit des WWW, indem es
die Programmstruktur des Fernsehens übernimmt: Die Sendungen sind
nur zu beschränkten und je nach Weltgegend unterschiedlichen Tageszeiten
zugänglich. Mit der künstlichen Verknappung zeigt Storz «der
Zapp- & Surf-Attitude den medialen Finger» und reflektiert so
unsere Ökonomie der Aufmerksamkeit und das Web als Zeit-basiertes
Medium. Konzipiert ist dieses neue Angebot zudem nicht wie üblich
für die neuste Hardware, sondern für die zögerliche Übertragung
durch ein 56k-Modem. Der Medienmischling überkreuzt so das vollmundige
Versprechen eines TV-Senders mit dem bescheidenen technischen Stand vieler
Privathaushalte.
Das Echo von News, Soap und Talkshow
Innerhalb dieser mit einem Augenzwinkern behaupteten Metageschichte des
TV-Senders öffnet sich den einzelnen Beiträgen Spielraum. Am
explizitesten verwandelt Exonemo im Beitrag ZZZZZZZZapp den Computerschirm
in einen TV-Monitor: Digitale Pixel wabern wie beim schwankenden Empfang
von Signalen verzerrt über den Schirm. Dieser «Grenzraum vor
dem Bild-Ziel» lässt sich mit der Maus interaktiv auskundschaften.
Andere Beiträge beziehen sich loser auf die verschiedenen Sendungsformate
des Fernsehens, auf News, Talkshow und erotische Werbung. Die meisten
verzichten in Anlehnung an das mediale Vorbild in programmierten Abläufen
von Bild und Ton bewusst auf partizipative Möglichkeiten.
Nathalie Novarina und Marcel Croubalian lassen den Master einer nordamerikanischen
Talkshow das Studiopublikum aufheizen: «News from the Dead»
heisst die Sendung, die uns so über die Tonspur plausibel gemacht
wird. Vor unsern Augen erscheint im «White Noise», dem bei
Übertragungsunterbrüchen einsetzenden Schneegestöber, schemenhaft
ein kleines Gespenst, das aus dem Online-Äther flüstert. Der
Spuk karikiert den Sensationshunger von Talkshows, die selbst einen solchen
Durchbruch in der Fernmündlichkeit – das Gespräch mit
den Toten – zu banalisieren vermag.
Die Soap dagegen erfährt in Young-Hae Changs Serie «View and
Plan of Seoul. A Transpacific Intrigue» eine poetische Umsetzung.
Die Erzählung einer Geheimagentin entspinnt sich in einem Starbuck-Kaffee
in Seoul, wobei statt Schauspielern Worte auftreten. Die Tagesschau darf
natürlich nicht fehlen. Marc Lee entwickelte für «BastardTV»
einen «Live Stream TV-Bot», der das Netz nach Livebildern
von Webcams und TV-Streams absucht und deren Bilder auf die heimischen
Bildschirme umlenkt, wo sie von aktuellen journalistischen Schlagzeilen
kommentiert werden. Anders als die meisten online kommunizierten Inhalte
sind diese stets brandneu: Breaking News. Lee überbietet so die Angebote
kommerzieller Newsseiten, wobei die gemächliche Ereignisarmut der
Bilder die sprachliche Zuspitzung eigentümlich relativiert.
Inflationäre Bildermassse
Die formale Diskrepanz von Bild und Text wird auch von Shu Lea Cheang
benutzt, hier, um eine Gleichzeitigkeit von Ereignissen aufzuzeigen, die
so unerträglich ist, dass wir sie im Alltag meist ausblenden. Den
Computer überfluten die kaum zensurierten Abbildungen nackter Frauen.
Die inflationäre Bildermasse scheint sich autonom fortzupflanzen,
erinnert an das Suchtpotenzial pornografischen Konsums, aber auch, wie
sehr das Internet – wie die meisten neuen Medien – seine Dynamik
kommerzieller Pornoproduktion verdankt. Die langsame Ladezeit wirkt hier
zugleich lockend und frustrierend und entspricht deren Strategien von
Verführung und Ausbeutung. Als Kostenzähler ist hier aber nicht
allein eine Uhr eingeblendet, sondern die während des Runterladens
wachsende Zahl afrikanischer Aidsopfer. So koppeln sich sexualisierter
Zeitvertreib und politisches Verdrängen in grausamer Doppelmoral,
die nur Zyniker lange aushalten.
Shu Lea Cheangs Beitrag verzichtet auf den Illusionismus des TV-Monitors;
er thematisiert in mit seiner Schichtung von Popup-Fenstern den Ort seiner
Erscheinung: den sog. «Schreibtisch» der Bildschirmoberfläche.
Auch Jim Punk verwendet für seine rasante Choreografie von Bild und
Ton die Versatzstücke der Computerkultur: Dialoge aus Google, Betreffzeilen
von Span, Popups und aus Typografie gebaute Figuren animiert er zu einem
Soundtrack aus Computergeräuschen: Fehlermeldungen, aber auch das
digital simulierte «Klicken» einer Kamerablende, Beats und
Tabla. Mit Stills und Fragmenten von Filmmusik untermalt gewinnt die virtuose
Choreografie von wandernden, aufscheinenden und sich ausblendenden Fenstern
filmischen Charakter. Sie ist vorprogrammiert, sozusagen einstudiert,
ereignet sich durch das nahezu zeitgleiche Herunterladen der Daten auf
dem Bildschirm aber als Live-Performance.
Lockende Sphinx
Das letzte der in der ersten Phase aufgeschalteten Angebote wiederum erinnert
von Ferne an die Hellseherinnen und Psychologen, die per Telefon vom Bildschirm
aus Lebenshilfe anbieten. Birgit Kempker hat, von Programmierern unterstützt,
ihre literarisches Alter ego als Sphinx für das Internet weiterentwickelt.
Die leisen, knapp geloopten Hauch- und Schnalzlaute der Sphinx und das
Bild einer im Schatten silberfarben funkelnden Mechanik entwerfen das
Bild des rätselhaft feminimen Roboters, der mitunter auf unsere Fragen
antwortet, indem er unsere Stichworte aufgreift, spiegelt und zu poetischem
Sinn neu arrangiert. Oder war es doch die Autorin selbst, die schreibt:
«Die Sphinx ist ein komplexes System, zwischen Wirklichkeiten Schneisen
zu schlagen, zu sphinxen. Schneeschneisen, Ameisenstrassen und Schwalbenbahnen.
... Das koennte heissen, um etwas zu verstehen, muss man es zu sich nehmen,
eventuell essen. Die Sphinx von Pontresina und ihre Maschine, die Pontresina
der Sphinx, hoeren die Fragen ab mit ihren jeweiligen Mitteln und lernen
dabei von einander und von den Fragen.» Die Sphinx ist so auch eigentümliche
Metapher für das Internet.
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