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10.05.05
Ein frucht- und unberechenbarer Zwitter zweier Medien
Annina Zimmermann
red. In Basel hat sich zur Zeit eine «Sphinx» häuslich eingerichtet. Das vertrackt lebenskluge alter ego von Birgit Kempker präsentiert sich nicht nur im exotisch angehauchten Interieur des Basler Medienforums [plug.in], es ist auch online präsent dank Reinhard Storz' neusten Netzkunstprojekt. Am kommenden Donnerstag, 12. Mai, präsentiert die Autorin ihren Beitrag zum sog. «Bastard Channel», einem Online-Fernsehkanal.

Seit der Premiere des Medienzwitters im letzten November sind einige neue künstlerische Beiträge hinzugekommen, die von Kurator Reinhard Storz und Marc Lee und Studer / vd Berg ebenfalls am Donnerstag präsentiert werden. Mehr über das Projekt erfahren Sie im untenstehenden Artikel, der aus Anlass der Premiere letzten November auf www.regioartline.org erschien.

Welche Bedingungen muss Netzkunst berücksichtigen und hinterfragen, um genuin als künstlerische Antwort auf das neue Kommunikationsmittel gelten zu können? Die vom Basler Netzkunstpionier Reinhard Storz, Kurator von www.xcult.org, seit 1995 ausgeheckten Projekte erforschen Inhalte und testen zugleich das Spezifische des Mediums. In seinem neusten Projekt in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung Pro Helvetia tut er das einmal mehr, indem er mehrere der scheinbar fest geschriebenen Konventionen des Netzes durchbricht. «56k TV-bastard channel» ist eine Plattform im Internet, die, so Storz «sich selbst als die Geschichte eines Fernsehsenders erzählt.» Angelegt ist diese Parodie des Fernsehens als Work in progress und entspricht so dem Wunsch steter Aktualisierung des Online-Users.

Bei seiner Premiere bietet der «Zwitterkanal» sechs sog. Sendungen an, bis im Frühling 2005 kommen monatlich neue hinzu, die Storz bei Künstlerinnen und Künstlern aus Basel, Berlin, Genf, Johannesburg, New York, Ostrava, Paris, Seoul, Tokyo und Zürich, in Auftrag gab.


Die Screenshots zeigen die Eingangsseite von Bastard-TV, die «Eintunen» mit Exonemo, «Acid Missile» von Jimpunk und die mysteriöse Sphinx-Mechanik.


Die Simulation von TV im Netz stellt die Gesetzmässigkeiten zweier unterschiedlichen Medien auf die Probe. So entzieht sich der «Bastard-TV» der ständigen und weltweiten Verfügbarkeit des WWW, indem es die Programmstruktur des Fernsehens übernimmt: Die Sendungen sind nur zu beschränkten und je nach Weltgegend unterschiedlichen Tageszeiten zugänglich. Mit der künstlichen Verknappung zeigt Storz «der Zapp- & Surf-Attitude den medialen Finger» und reflektiert so unsere Ökonomie der Aufmerksamkeit und das Web als Zeit-basiertes Medium. Konzipiert ist dieses neue Angebot zudem nicht wie üblich für die neuste Hardware, sondern für die zögerliche Übertragung durch ein 56k-Modem. Der Medienmischling überkreuzt so das vollmundige Versprechen eines TV-Senders mit dem bescheidenen technischen Stand vieler Privathaushalte.

Das Echo von News, Soap und Talkshow
Innerhalb dieser mit einem Augenzwinkern behaupteten Metageschichte des TV-Senders öffnet sich den einzelnen Beiträgen Spielraum. Am explizitesten verwandelt Exonemo im Beitrag ZZZZZZZZapp den Computerschirm in einen TV-Monitor: Digitale Pixel wabern wie beim schwankenden Empfang von Signalen verzerrt über den Schirm. Dieser «Grenzraum vor dem Bild-Ziel» lässt sich mit der Maus interaktiv auskundschaften. Andere Beiträge beziehen sich loser auf die verschiedenen Sendungsformate des Fernsehens, auf News, Talkshow und erotische Werbung. Die meisten verzichten in Anlehnung an das mediale Vorbild in programmierten Abläufen von Bild und Ton bewusst auf partizipative Möglichkeiten.

Nathalie Novarina und Marcel Croubalian lassen den Master einer nordamerikanischen Talkshow das Studiopublikum aufheizen: «News from the Dead» heisst die Sendung, die uns so über die Tonspur plausibel gemacht wird. Vor unsern Augen erscheint im «White Noise», dem bei Übertragungsunterbrüchen einsetzenden Schneegestöber, schemenhaft ein kleines Gespenst, das aus dem Online-Äther flüstert. Der Spuk karikiert den Sensationshunger von Talkshows, die selbst einen solchen Durchbruch in der Fernmündlichkeit – das Gespräch mit den Toten – zu banalisieren vermag.

Die Soap dagegen erfährt in Young-Hae Changs Serie «View and Plan of Seoul. A Transpacific Intrigue» eine poetische Umsetzung. Die Erzählung einer Geheimagentin entspinnt sich in einem Starbuck-Kaffee in Seoul, wobei statt Schauspielern Worte auftreten. Die Tagesschau darf natürlich nicht fehlen. Marc Lee entwickelte für «BastardTV» einen «Live Stream TV-Bot», der das Netz nach Livebildern von Webcams und TV-Streams absucht und deren Bilder auf die heimischen Bildschirme umlenkt, wo sie von aktuellen journalistischen Schlagzeilen kommentiert werden. Anders als die meisten online kommunizierten Inhalte sind diese stets brandneu: Breaking News. Lee überbietet so die Angebote kommerzieller Newsseiten, wobei die gemächliche Ereignisarmut der Bilder die sprachliche Zuspitzung eigentümlich relativiert.

Inflationäre Bildermassse
Die formale Diskrepanz von Bild und Text wird auch von Shu Lea Cheang benutzt, hier, um eine Gleichzeitigkeit von Ereignissen aufzuzeigen, die so unerträglich ist, dass wir sie im Alltag meist ausblenden. Den Computer überfluten die kaum zensurierten Abbildungen nackter Frauen. Die inflationäre Bildermasse scheint sich autonom fortzupflanzen, erinnert an das Suchtpotenzial pornografischen Konsums, aber auch, wie sehr das Internet – wie die meisten neuen Medien – seine Dynamik kommerzieller Pornoproduktion verdankt. Die langsame Ladezeit wirkt hier zugleich lockend und frustrierend und entspricht deren Strategien von Verführung und Ausbeutung. Als Kostenzähler ist hier aber nicht allein eine Uhr eingeblendet, sondern die während des Runterladens wachsende Zahl afrikanischer Aidsopfer. So koppeln sich sexualisierter Zeitvertreib und politisches Verdrängen in grausamer Doppelmoral, die nur Zyniker lange aushalten.

Shu Lea Cheangs Beitrag verzichtet auf den Illusionismus des TV-Monitors; er thematisiert in mit seiner Schichtung von Popup-Fenstern den Ort seiner Erscheinung: den sog. «Schreibtisch» der Bildschirmoberfläche. Auch Jim Punk verwendet für seine rasante Choreografie von Bild und Ton die Versatzstücke der Computerkultur: Dialoge aus Google, Betreffzeilen von Span, Popups und aus Typografie gebaute Figuren animiert er zu einem Soundtrack aus Computergeräuschen: Fehlermeldungen, aber auch das digital simulierte «Klicken» einer Kamerablende, Beats und Tabla. Mit Stills und Fragmenten von Filmmusik untermalt gewinnt die virtuose Choreografie von wandernden, aufscheinenden und sich ausblendenden Fenstern filmischen Charakter. Sie ist vorprogrammiert, sozusagen einstudiert, ereignet sich durch das nahezu zeitgleiche Herunterladen der Daten auf dem Bildschirm aber als Live-Performance.

Lockende Sphinx
Das letzte der in der ersten Phase aufgeschalteten Angebote wiederum erinnert von Ferne an die Hellseherinnen und Psychologen, die per Telefon vom Bildschirm aus Lebenshilfe anbieten. Birgit Kempker hat, von Programmierern unterstützt, ihre literarisches Alter ego als Sphinx für das Internet weiterentwickelt. Die leisen, knapp geloopten Hauch- und Schnalzlaute der Sphinx und das Bild einer im Schatten silberfarben funkelnden Mechanik entwerfen das Bild des rätselhaft feminimen Roboters, der mitunter auf unsere Fragen antwortet, indem er unsere Stichworte aufgreift, spiegelt und zu poetischem Sinn neu arrangiert. Oder war es doch die Autorin selbst, die schreibt: «Die Sphinx ist ein komplexes System, zwischen Wirklichkeiten Schneisen zu schlagen, zu sphinxen. Schneeschneisen, Ameisenstrassen und Schwalbenbahnen. ... Das koennte heissen, um etwas zu verstehen, muss man es zu sich nehmen, eventuell essen. Die Sphinx von Pontresina und ihre Maschine, die Pontresina der Sphinx, hoeren die Fragen ab mit ihren jeweiligen Mitteln und lernen dabei von einander und von den Fragen.» Die Sphinx ist so auch eigentümliche Metapher für das Internet.

   
Information:

«56k TV-bastard channel»
Netzkunst von Xcult (Reinhard Storz) in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia

Ausstellung «56k TV-bastard channel featuring Sphinx»
[plug.in], St. Alban-Rheinweg 64, CH-Basel

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr, bis 5. Juni 2005.

Präsentation zum aktuellen Stand: Donnerstag, 12. Mai, ab 20 Uhr
mit Birgit Kempker, Reinhard Storz, Monica Studer / Christoph van den Berg und Marc Lee.

Links:

»56k TV-bastard channel
»Xcult.org
»Ebenfalls auf 56k TV-bastard channel: Travelogue von Studer/vd Berg