Tragbare Computer als Promotoren der Kunst
Villö Huszai
«Digital Art Weeks»: Digitale Kunst an der ETH Zürich,
in Theorie (Symposium) und Praxis (Installationen, Performances)
Diesen Mittwoch (also heute nachmittag) um 14 Uhr 30, wird
der Zürcher Park Platzspitz aus dem Weltall mit GPS-Signalen beschossen
- der Effekt wird jedoch gänzlich friedlich, nämlich Musik sein. Die Signale
werden von den Mitgliedern eines Adhoc-Orchesters empfangen, das zu diesem
Zweck in chinesischen Strohhüten befestigte GPS-Empfangsgeräte sowie an
den Handgelenken kleine Computers tragen wird. Dank dieser «wearable Computers»
bleiben die Orchester-Mitglieder auch ohne Dirigent im Takt, einem ganz
eigenen freilich. Die das ganze Platzspitz-Areal einbeziehende Musik-Performance
«China Gates» bildet einen ersten, vielleicht gleich den spektakulärsten,
sicher den «öffentlichsten» Höhepunkt der am «Institut für Computersysteme»
konzipierten Veranstaltungsreihe «Digital Art Weeks». Das Zürcher ETH-Institut
forscht nach neuen Betriebssystemen, massgeschneiderte Lösungen für «Wearable
Computers» bilden dabei einen Schwerpunkt.
Der «Dirigent» der Performance zum Auftakt der «Digital
Art Weeks» steckt im Hut.
Ein dreitägiges Symposium in der ETH und vier abendfüllende Kunstveranstaltungen,
dreimal im Cabaret Voltaire und einmal im Kunstraum Walcheturm, werden
geboten. Auftakt bildet überdies ein von der ETH ausgehender mehrstündiger
Parcours durch die Stadt, der zu verschiedenen Installationen und Performances,
unter anderem in die Hochschule für Gestaltung und Kunst, auf den Escher-Wyss-Platz
und zum Platzspitz, und zuletzt wieder an die ETH zurückführt. Dieses
Pendeln zwischen Akademie und Stadtraum hat System: Ein Ziel der Kunstveranstaltungen
besteht gemäss Art Clay, dem künstlerischen Leiter von «Digital Art Weeks»,
darin, den wissenschaftlichen Forschungsstand im Bereich Computersysteme
und tragbare Computer auch für ein nicht eingeweihtes Publikum erfahrbar
zu machen. Symposium und Kunstveranstaltungen sind denn auch ungewöhnlich
eng aufeinander bezogen, indem viele der am Abend auftretenden Künstler
während des Symposiums zu Wort kommen.
Das Büro von Art Clay befindet sich in einem Untergeschoss des «RZ-Gebäudes»,
eines typisch unübersichtlichen ETH-Baues in der Nähe des Hauptgebäudes.
In Kisten sind die chinesischen Strohhüte gestapelt und obwohl so tief
hinunter in den Lichtschacht doch kein Sonnenstrahl mehr dringen dürfte,
sind die Storen heruntergelassen, während der Performance- und Medienkünstler
von den GPS-Signalen und den sie verarbeitenden Mini-Computern fürs Handgelenk
erzählt. «Wearable Computers ermöglichen eine neue Kunst», würden sie
doch erlauben, sich frei(er) als bisher zu bewegen, nicht mehr an der
Tastatur oder einem handelsüblichen Bildschirm zu kleben und noch flexibler
auf computertechnisch vermittelte Impulse zu reagieren. Zur Frage, ob
er als einstiger professioneller Querflötist sich angesichts so experimenteller
Kunstformen nicht manchmal nach einer schriftlich fixierten Bach-Partitur
zurücksehne: «Wir beschäftigen uns in diesem Jahrhundert mit Mobilität»
und überdies könne beides nebeneinander bestehen, alte und neue Kunstpraktiken.
Trotz der engen Anbindung an die Wissenschaft soll an den Performances
aber «kein Technorama geboten» werden, sondern Kunst. Das Zürcher Publikum
hat diese Woche reichlich Gelegenheit, diesen Anspruch in Theorie und
Praxis zu überprüfen.
Projekt:
«Digital Art Weeks»
Symposium (Vorträge und Demonstrationen) an der ETH vom 13. bis 15. Juli
2006
ETH Zürich, Hauptgebäude, Dome/Visdome (K-Floor).
Performances jeweils abends, an den Veranstaltungsorten Cabaret Voltaire
(Spiegelgasse 1, Zürich) und Kunstraum Walcheturm (Kanonengasse 20, Zürich).
Näheres auf der Webseite.