|
Eigentlich ein Setting, wie man es aus amerikanischen
Filmen kennt, sobald Polizei ins Spiel gebracht wird. Fast schon ein Klischee:
Ein Streifenwagen, zwei Kollegen. Einer wartet im Auto, der oder die andere
geht Kaffee holen, damit man das Warten und die Nacht wach übersteht.
Während beide dann an den notorischen Pappbechern nippen, entspinnt
sich ein Gespräch. In diesem Fall allerdings handelt es sich eher
um einen Monolog. Während der ältere Polizist, der zuvor im
Wagen sitzen geblieben war, eigentlich nur schaut und – bis auf
ein kurzes «Thank You» für den Kaffee – schweigt,
scheint sein Kompagnon zusammen mit dem Heissgetränk noch etwas anderes
mitgebracht zu haben. Etwas, das die Atmosphäre im Auto verändert
und zum Reden zwingt. Auch wenn es nur wenige Sätze sind, die ohne
Echo in der Stille der Nacht versinken würden, wäre da nicht
der Polizeifunk im Wagen, der sie wieder und wieder mit seinem harschen
Rauschen unterbricht.
Für Momente könnte man sich in einem Episodenfilm von Jim Jarmusch
wähnen: Vier Mal sehen wir «Sam», den älteren Polizisten,
im Wagen warten, vier Mal steigt ein Partner mit dem Kaffee zu. Dieser
allerdings ist jeweils ein anderer, eine andere, und mit den Erzähler/innen
wechseln auch die Erzählungen.
Allein, wir sind nicht im Kino – wenngleich uns «Night Shift»
(«Nachtschicht», 2005), wie
frühere Arbeiten des Künstlerpaares Teresa Hubbard und Alexander
Birchler für Momente in den Raum des Kinematographischen eintauchen
lässt. Die vier kurzen Video-Stücke beschränken sich auf
wenige Einstellungen, auf das Innere des Polizeiautos als Handlungsort
ohne Handlung im eigentlichen Sinne. Schuss – Gegenschuss, ein paar
Sätze, kaum hat man sich in das Bild hineingefunden ist alles schon
wieder vorbei.

Das überrascht vielleicht zunächst bei einem Video von Hubbard
& Birchler, die in den vergangenen Jahren doch eher auf gedehnte Zeit
setzten und Szenen entwarfen zwischen Traum und Alptraum, durch die sich
die Kamera mit demselben somnambulen Staunen tastete wie die jeweiligen
Protagonisten. Stets blieb der Blick dabei in der Schwebe – und
in der Lage, durch Wände zu gehen und hinter die Kulissen zu sehen.
In träumerischer Logik öffneten sich hintereinander Räume,
von denen nie ganz klar zu sein schien, in welche Realität sie zu
verorten wären – einer inneren, einer äusseren oder vielleicht
beiden?
Das kleine Mädchen in «Eight» (2001), das aus dem Fenster
auf die Reste einer abrupt verlassenen Geburtstagstafel im Garten blickt,
hinaustritt in die regnerische Nacht, um sich ein Stück von der Torte
abzuschneiden – träumt es oder wacht es? Die Frau, die in «Single
Wide» (2002) mit ihrem Auto in einen Pick Up gerast ist und sich
im Inneren des Hauses wiederfindet, das dieser geladen hat – hat
sie den fürchterlichen Unfall überhaupt überlebt oder taumelt
sie durch jene Minuten, in denen sich Dies- und Jenseits voneinander scheiden?
Ist die Tochter in «House with Pool» (2004) tatsächlich
zurückgekehrt, um im Garten am Rande des Schwimmbeckens zu schlafen
oder existiert sie nur in der Phantasie ihrer Mutter?
Gegenüber diesen Figuren mögen die Streifenpolizisten und -polizistinnen
aus «Night Shift», der Blick in ihren Wagen, ihre Rede, die
die stillen Bilder durchbricht und ihrerseits vom Polizeifunk durchbrochen
wird, tatsächlich ungleich weltlicher erscheinen – doch nur
für Sekunden. Denn wieder finden wir uns in einer nächtlichen
Szenerie, die sich als Zwischen-Zeit entpuppt. Gesprochen wird über
das Niemandsland zwischen Wachen und Traum.
«Gone», «Perfect», «Loop», «Asleep»
heissen die kurzen Videosequenzen: Vier Mal betreten wir dieses Niemandsland,
vier Zugänge, die je auf ihre Weise die Grenzen verwischen, an denen
wir uns für gewöhnlich orientieren.

Wie wäre es, wenn wir den Moment festhalten könnten zwischen
Wachen und Traum? Was geschieht mit uns, mit unseren inneren Bildern,
unseren Wünschen und Ängsten, wenn wir unserer Träume beraubt
werden, wenn sie uns entgleiten Nacht für Nacht? Woher wollen wir
wissen, dass beide Welten voneinander geschieden sind und bleiben –
wo wir doch selbst als Schlafende, Träumende immer wieder erleben
können, dass die Bilder der einen in die andere Welt eindringen,
und ohnedies beide untrennbar mit uns verbunden sind?
Tatsächlich gelingt Hubbard & Birchler in diesen vier kleinen
Stücken mit leichter Hand, dieselbe dichte Atmosphäre zu erzeugen,
die ihren übrigen Arbeiten eignet. Das gelingt jeder Sequenz für
sich, erst recht jedoch der Folge, die mehr als die Summe ihrer Teile
ist. Auch die charakteristische Zeitschlaufe, die gerade da die Grenzen
aufhebt, wo bewusst Brüche gesetzt werden – die Kamera die
Wände durchdringt, mit einem Mal hinter die Kulissen blickt oder,
wie nun in «Night Shift», der Polizeifunk die Traumerzählungen
akustisch perforiert – begegnet uns erneut als machtvolle Figur.
Im Clip «Loop» holt ebendieser die Polizistin als Dejà-vu
beim Kaffeeholen ein, so dass sie eben jene Szene, die sie jede Nacht
träumt, erlebt – oder ist es vielleicht umgekehrt? Spätestens,
wenn unter dem Titel «Asleep» der eine Kollege dem anderen
schmunzelnd eben dies mitteilt – «I am asleep» –
werden wir selbst in die «Twilight Zone» katapultiert, in
der Zeit und Raum sich zur Unendlichkeitsschleife krümmen.
Unser Privileg ist es allerdings, selbst zu entscheiden, ob wir den Flug
durch die Nacht als Wachende oder als Träumende erleben – und
was wir mitnehmen aus der Zwischenzeit.
Stills: Courtesy Galerie Barbara Thumm
|