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13.04.05
Verschiebungen
Verena Kuni

Zu Teresa Hubbards & Alexander Birchlers Videoarbeit «Night Shifts» (2005)

Eigentlich ein Setting, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt, sobald Polizei ins Spiel gebracht wird. Fast schon ein Klischee: Ein Streifenwagen, zwei Kollegen. Einer wartet im Auto, der oder die andere geht Kaffee holen, damit man das Warten und die Nacht wach übersteht. Während beide dann an den notorischen Pappbechern nippen, entspinnt sich ein Gespräch. In diesem Fall allerdings handelt es sich eher um einen Monolog. Während der ältere Polizist, der zuvor im Wagen sitzen geblieben war, eigentlich nur schaut und – bis auf ein kurzes «Thank You» für den Kaffee – schweigt, scheint sein Kompagnon zusammen mit dem Heissgetränk noch etwas anderes mitgebracht zu haben. Etwas, das die Atmosphäre im Auto verändert und zum Reden zwingt. Auch wenn es nur wenige Sätze sind, die ohne Echo in der Stille der Nacht versinken würden, wäre da nicht der Polizeifunk im Wagen, der sie wieder und wieder mit seinem harschen Rauschen unterbricht.



Für Momente könnte man sich in einem Episodenfilm von Jim Jarmusch wähnen: Vier Mal sehen wir «Sam», den älteren Polizisten, im Wagen warten, vier Mal steigt ein Partner mit dem Kaffee zu. Dieser allerdings ist jeweils ein anderer, eine andere, und mit den Erzähler/innen wechseln auch die Erzählungen.

Allein, wir sind nicht im Kino – wenngleich uns «Night Shift» («Nachtschicht», 2005), wie
frühere Arbeiten des Künstlerpaares Teresa Hubbard und Alexander Birchler für Momente in den Raum des Kinematographischen eintauchen lässt. Die vier kurzen Video-Stücke beschränken sich auf wenige Einstellungen, auf das Innere des Polizeiautos als Handlungsort ohne Handlung im eigentlichen Sinne. Schuss – Gegenschuss, ein paar Sätze, kaum hat man sich in das Bild hineingefunden ist alles schon wieder vorbei.



Das überrascht vielleicht zunächst bei einem Video von Hubbard & Birchler, die in den vergangenen Jahren doch eher auf gedehnte Zeit setzten und Szenen entwarfen zwischen Traum und Alptraum, durch die sich die Kamera mit demselben somnambulen Staunen tastete wie die jeweiligen Protagonisten. Stets blieb der Blick dabei in der Schwebe – und in der Lage, durch Wände zu gehen und hinter die Kulissen zu sehen. In träumerischer Logik öffneten sich hintereinander Räume, von denen nie ganz klar zu sein schien, in welche Realität sie zu verorten wären – einer inneren, einer äusseren oder vielleicht beiden?
Das kleine Mädchen in «Eight» (2001), das aus dem Fenster auf die Reste einer abrupt verlassenen Geburtstagstafel im Garten blickt, hinaustritt in die regnerische Nacht, um sich ein Stück von der Torte abzuschneiden – träumt es oder wacht es? Die Frau, die in «Single Wide» (2002) mit ihrem Auto in einen Pick Up gerast ist und sich im Inneren des Hauses wiederfindet, das dieser geladen hat – hat sie den fürchterlichen Unfall überhaupt überlebt oder taumelt sie durch jene Minuten, in denen sich Dies- und Jenseits voneinander scheiden? Ist die Tochter in «House with Pool» (2004) tatsächlich zurückgekehrt, um im Garten am Rande des Schwimmbeckens zu schlafen oder existiert sie nur in der Phantasie ihrer Mutter?

Gegenüber diesen Figuren mögen die Streifenpolizisten und -polizistinnen aus «Night Shift», der Blick in ihren Wagen, ihre Rede, die die stillen Bilder durchbricht und ihrerseits vom Polizeifunk durchbrochen wird, tatsächlich ungleich weltlicher erscheinen – doch nur für Sekunden. Denn wieder finden wir uns in einer nächtlichen Szenerie, die sich als Zwischen-Zeit entpuppt. Gesprochen wird über das Niemandsland zwischen Wachen und Traum.
«Gone», «Perfect», «Loop», «Asleep» heissen die kurzen Videosequenzen: Vier Mal betreten wir dieses Niemandsland, vier Zugänge, die je auf ihre Weise die Grenzen verwischen, an denen wir uns für gewöhnlich orientieren.



Wie wäre es, wenn wir den Moment festhalten könnten zwischen Wachen und Traum? Was geschieht mit uns, mit unseren inneren Bildern, unseren Wünschen und Ängsten, wenn wir unserer Träume beraubt werden, wenn sie uns entgleiten Nacht für Nacht? Woher wollen wir wissen, dass beide Welten voneinander geschieden sind und bleiben – wo wir doch selbst als Schlafende, Träumende immer wieder erleben können, dass die Bilder der einen in die andere Welt eindringen, und ohnedies beide untrennbar mit uns verbunden sind?

Tatsächlich gelingt Hubbard & Birchler in diesen vier kleinen Stücken mit leichter Hand, dieselbe dichte Atmosphäre zu erzeugen, die ihren übrigen Arbeiten eignet. Das gelingt jeder Sequenz für sich, erst recht jedoch der Folge, die mehr als die Summe ihrer Teile ist. Auch die charakteristische Zeitschlaufe, die gerade da die Grenzen aufhebt, wo bewusst Brüche gesetzt werden – die Kamera die Wände durchdringt, mit einem Mal hinter die Kulissen blickt oder, wie nun in «Night Shift», der Polizeifunk die Traumerzählungen akustisch perforiert – begegnet uns erneut als machtvolle Figur. Im Clip «Loop» holt ebendieser die Polizistin als Dejà-vu beim Kaffeeholen ein, so dass sie eben jene Szene, die sie jede Nacht träumt, erlebt – oder ist es vielleicht umgekehrt? Spätestens, wenn unter dem Titel «Asleep» der eine Kollege dem anderen schmunzelnd eben dies mitteilt – «I am asleep» – werden wir selbst in die «Twilight Zone» katapultiert, in der Zeit und Raum sich zur Unendlichkeitsschleife krümmen.

Unser Privileg ist es allerdings, selbst zu entscheiden, ob wir den Flug durch die Nacht als Wachende oder als Träumende erleben – und was wir mitnehmen aus der Zwischenzeit.

Stills: Courtesy Galerie Barbara Thumm

Information: Teresa Hubbard & Alexander Birchler: «Night Shift» (2005) war in der Schweiz zuletzt im Rahmen der 25. VIPER Basel zu sehen.

Die Arbeit ist als Auftragswerk für das amerikanische Kunstfernsehen «art:21« (art in the 21st century) des Public Broadcasting Service (PBS), Alexandria/Virginia entstanden.
Links: »Bei art:21 finden sich die vier Clips von «Night Shift», das Skript, zwei Interviews und weitere Informationen