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Jan Torpus, dessen Projekt LifeClipper gerade im [plug.in]
zu Gast ist, trifft man öfters leicht ausser Atem. Das mag an der
starken Steigung liegen, die vom Forum für Kunst und neue Medien
zur Wettsteinbrücke und über diese in die Forschungsabteilung
der Hochschule für Kunst und Gestaltung von Basel führt. Oder
auch einfach daran, dass Torpus neben dem Unterrichten zur Zeit gleich
drei anspruchsvolle Projekte parallel betreut.
Gerade diskutiert er über eine neue Auflage von des digital unterstützen Spaziergangs LifeClipper in anderen Städten. Barcelona, wo Torpus einen Teil seiner Ausbildung als innenarchitekt und Ausstellungsdesigner genoss und immer noch teilweise wohnt, wäre besonders verlockend. Statt die zwar funktionstüchtige, aber nicht immer ganz störungfreie Ausrüstung von LifeCliper mit viel Aufwand möglichst in Serie zu überführen, vertraut er für die technische Entwicklung portabler «Augmented Reality» lieber auf die kommerzielle Forschung und kümmert sich um deren inhaltliches Potenzial.
Andrerseits plant er gemeinsam mit Roderick Galantay und Maia Engeli dank Forschungsgeldern des Bundesprogramms DORE eine Fortsetzung des Projektes «Living Room». Sein neuestes Projekt lanciert er unter dem Titel «Telcom Gallery». Die fernmündliche Galerie macht Ernst mit dem Versprechen von Kunst als Dienstleistung - inklusive Kostenzähler. Über dieses Projekt erzählt Torpus im folgenden Gespräch.

Jan
Torpus
regioartline: Vor einigen Monaten sprach Sitemapping, die eidgenössische Förderung für Medienkunst, an dein Projekt «Telcom Gallery» einen Unterstützungsbeitrag. Was war die erste Idee zu diesem Projekt?
Torpus: Es ging mir darum, mit Telekommunikation etwas bewegen zu können.
Ganz zuerst wollte ich etwas Robotisches entwickeln. Bei Installationen,
wo man – wie jetzt bei Life Clipper – interaktiv Einfluss
nehmen und sich die eingespielte Footage aussuchen kann, bleibt ja alles
auf einem Screen. Man trägt einen kleinen Monitor vor Augen und nimmt
ihn wenig wahr – aber die Erfahrung haftet am Bildschirm. So hätte
ich gerne etwas Mechanisches gemacht, das sich bewegt. Schliesslich wurde
es dann doch wieder ein Screen, weil das Projekt sonst zu aufwändig
geworden wäre. (Lacht.) Aber die Möglichkeit, dass man mit einem
Bild kommuniziert, blieb als technisches Set-up der Ausgangspunkt.
Inhaltlich ist das Hauptthema die Verkäuflichkeit von Kunst. Man kann Telcom Gallery als einen Vorschlag auffassen. Wir zeigen Bilder an der Wand, wie in einer Galerie. Genauer: Bildschirme. Im Standby-Zustand liest man da die Aufforderung: «Please dial number XXX to Telcom Gallery.» Per Telefon wird einem eine Auswahl von Bilder angeboten. Wir verwenden die vertraute Situation, die typische Sprache eines Serviceanbieters: «Für französisch drücken Sie bitte die Taste eins.» Es geht aber um Kunst. Via Telefon kann man sich so Bilder auf den Bildschirm einspielen lassen.
regioartline: Und welche Bilder können wir uns da vorstellen?
Torpus: Wir wollen nach ausgewählten, wieder erkennbaren Vorbildern
Gemälde im Video nachstellen. So sitzt ein Schauspieler wie bei Caravaggio
an einem Tisch, und übersetzt als Hieronymus die Bibel vom Griechische
ins Lateinische. Wir werden natürlich kleine Veränderungen vornehmen,
versetzen zB. vielleicht eines der Bilder in eine andere Zeit. Wichtig
ist aber bei allen: Als BetrachterIn rufe ich in das Bild hinein an. Ab
dem Moment, wo ich mich eingewählt habe, zählt gnadenlos die
Zeit. Man wird gewarnt: Dieses Bild kostet pro Minute CHF 1.20. Der Ansatz
ist also, den Telekommunikations-Serviceansatz zu übertragen auf
den Verkauf von Kunst. Warum nicht? Im Museum bezahlt man Eintritt, in
der Galerie kauft ein einzelner ein Bild und trägt es nach Hause
– hier dürfen sich alle ein Bild holen. Es gibt ja derzeit
verschiedene Überlegungen, wie sich Medienkunst verkaufen liesse...
Mein Projekt dagegen ist eine Kritik daran, Kunst überhaupt zu verkaufen.
regioartline: Kunst ist also nicht Objekt, sondern Dienstleistung. Und
da Wahrnehmung auf Zeit beruht, verrechnest du die Dauer.
Torpus: Ja, brutal, nicht? Wenn man in einer Warteschlaufe festhängt
bei den Schweizer Bundesbahnen, dann ärgert man sich doch masslos.
Auch das wird hier subtil im Schauspiel angedeutet. Hieronymus schaut
dann vielleicht kurz auf – Ja, schaut denn der da draussen immer
noch zu?! So kommt es zum Austausch mit dem Betrachter. Die Kamera bleibt
derweil fix, wie der Blickpunkt eines Bildes. Ich arbeite mit Fachleuten
für Bühnenbild, Maske, Beleuchtung. Niki Neecke macht den Sound,
mein Bruder übernimmt die Regie.
regioartline: Und wie wählst du die Bilder aus?
Torpus: Wir müssen natürlich Rücksicht aufs Budget nehmen
– nicht zu viele Schauspieler, keinen zu aufwändigen Dekor.
Aber wir wählen auch deshalb keine Actionszenen, weil wir uns klar
vom Kino abheben wollen. Das Bild soll statisch bleiben. Wer weiss - vielleicht,
dass nach fünf Minuten (natürlich nur für diejenigen BetrachterInnen,
die es so lange aushalten) Hieronymus einmal die Geduld verliert?
regioartline: Aber es kommen immer Menschen in den Bildern vor? So dass
man sich vorstellt, man zahlte den Lohn fürs Bildpersonal?
Torpus: Ich stelle mir auch den fiedelnden Tod von Böcklin vor, aber
auch ein Schwimmbad von David Hockney – wir drehen ja erst diesen
Sommer. Wenn die Sonne im Wasser schaukelt und vielleicht mal ein Schwimmer
unter die leichten Wellen taucht ... Das ist noch nicht ganz ausgegoren.
Mir schwebt auch ein Stilleben von Cézanne vor. Die Kamera ist
auf das Stilleben gerichtet und du hörst irgendwo im Raum deinen
Anruf klingeln. Den nimmt vielleicht gerade noch keiner entgegen, du hörst
Schritte im Zimmer, vielleicht, wie einer die Schale mit Äpfeln beiseite
schiebt. Du kriegst womöglich eine Geschichte mit, eine Verschwörung,
die sich da abspielt...
regioartline: Den Ton kannst du frei interpretieren, weil die Bilder geräuschlos
sind.
Torpus: Das wurde mir beim Ausarbeiten deutlich, wie wichtig der Ton ist
- deshalb habe ich, wie schon bei LifeClipper, Niki Neecke angefragt.
Man hört alles mit scherbelnder Tonqualität, den 11000 Herz
eines Telefons. Irgendwann nimmt einer den Hörer ab und hängt
auch gleich wieder ein. Es kommt nicht wirklich ein Dialog zu Stande:
Interaktion mit Spracherkennung wäre dann doch zu aufwändig.
Ich will ja nicht narrative Strukturen entwickeln. Das hat mich in früheren
Arbeiten mehr interessiert, etwa bei Affective Cinema, wo der Betrachter
die Auswahl der Szenen und damit die Erzählung steuert.
Wir überlegen uns aber, mit einem Mikrofon aufzunehmen, was du in den Hörer sprichst. Etwa bei Caspar David Friedrichs «Wanderer über dem Nebelmeer» hallten deine Worte dann als Echo. Das kläre ich noch inhaltlich. Vielleicht lässt Hieronymus, wenn er so vor sich hin murmelt, deine Worte mit einfliessen. Und überhaupt: Vielleicht klingelt dann, wenn du längst aus der Galerie gegangen bist, auch noch einmal dein Telefon. Alllô, allô? –
und das Bild ruft dir hinterher. Das fände ich spannend – es
könnte dich sogar mit Spam eindecken, mit ständig neuen Angeboten.
Ob ich den Kommerz so noch einmal betone, ist noch offen. Wir wollen schon
glaubhaft sein als kommerzielles Angebot: Auch unser Webportal mit seinem
dreidimensionalen Jingel ist eine solche Mischung: gerade knapp nicht
ganz hässlich, etwas museal edel, aber auch nicht so richtig gelungen.
Vielleicht liesse sich unser Projekt auch im öffentlichen Raum machen,
projiziert von innen an eine Schaufensterscheibe. Und da könnte man
sich dann auf den Feieraben hin, wenn’s eindunkelt, ein Bild abholen.
regioartline: Die anonyme Kommunikation würde ja dann am meisten
Sinn machen, wenn ich mich nicht einem Galeristen direkt mitteilen könnte.
Zu Hause oder in der Strasse wäre ein Anruf weniger künstlich.
So ironisierst und kritisierst du den Versuch, Kunst zu verkaufen, indem
du besonders investierst, ja übermässig erfüllst, was dafür
notwendig ist. Aber trotzdem unternimmst du diesen Riesenaufwand, diese
Videos selbst und subtil zu entwicklen. Deine Kritik gilt also dem Vertrieb,
nicht dem Objekt selbst.
Torpus: Das war auch eine Frage, nimmt man nicht einfach irgendein Video.
Mir ist es wichtig, dass man die Situation des Betrachtens doch auch ernst
nimmt. Dass die Erfahrung zwischen kritischer Reflexion und Kunsterlebnis
auf der Kippe steht.
regioartline: Die Leute werden also bezahlen, um sich kritisch für
dieses Bedürfnis nach Kunstbesitz bearbeiten zu lassen. Das zu Sehende
muss ja schon attraktiv sein – das Projekt wirbt um die Lust, die «Gemälde» tatsächlich sehen zu wollen. Sonst setzt es sich gar nicht in Gang.
Torpus: Genau. In Berlin könnte man dafür bestimmt kein Geld
verlangen...
regioartline: Ist den der Versuch grundsätzlich verkehrt, sich als MedienkünstlerIn über den Verkauf von Werken finanzieren zu wollen?
Torpus: Ich habe da schon Probleme damit – überhaupt mit dem
Verkauf von Kunst.
regioartline: Dir ist wohler, wenn das über Stipendien läuft?
Torpus: Oder Projektförderungen, ja. Als angewandte Forschung definiert,
kann ich mir als Künstler sogar einen Lohn für qualifizierte
Arbeit einsetzen.
regioartline: Was genau macht dir Mühe am Verkauf?
Torpus: Der Kunst einen Preis zu geben, sie so zu bewerten.
regioartline: Auch weil du lieber für ein breiteres Publikum arbeitest
als für eine exklusive Käuferschaft?
Torpus: Das wäre der edelste Ansatz (lacht), so genau weiss ich das
gar nicht.
regioartline: Aber es ist ja schon eine Vorstellung, die für dich
allgemeiner gültig ist, über die private Entscheidung hinaus,
dass Jan Torpus keinen Handel mag. Ist die Sorge, dass sich Kunst über
den Druck verändert, kommerzialisierbare Produkte zu erstellen? Ein
anders Zielpublikum, die Elite des Kunstbürgertums, zu erreichen
versucht ist?
Torpus: Ich kann da gar nicht so viel dazu sagen. Das ist aus dem Bauch
heraus gesprochen. Ich habe auch mit der Kunstkritik Mühe, wiederum
eher intuitiv. Auch das ist ein Projekt, das ich noch nicht gemacht habe:
den Kunstkritiker, die Kunstkritikerin durch den Computer zu ersetzen.
Das gärt manchmal so in mir... Dabei waren gerade die JournalistInnen
ja sehr freundlich mit uns in letzter Zeit, wie sie über LifeClipper
berichteten... (lacht).
regioartline: Wir könnten dir also die restlichen Gelder, die wir
für regioartline noch bis Ende Jahr haben, überweisen und du
würdest einen Coputer entwickeln, der meinen Job macht? Sehr verlockend.
Torpus: Na ja, ich muss dann halt schon zugeben, es braucht wohl tatsächlich
noch einen Menschen. (Lacht und bedankt sich für das Gespräch.)
regioartline: Warum überhaupt beziehst du dich auf Malerei?
Torpus: Unsere Bilder sollen sich klar abheben vom Kino und Fernsehen, die ja über Eintritte oder Abonnemente finanziert sind. Wir konstruieren möglichst eine Galerien-Situation. Ich muss aber auch ehrlich sagen: ich mag diese Bilder sehr. Schon als Diplomarbeit in der Videoklasse der damaligen Schule für Gestaltung Basel analysierte ich «Las meninas» von Velazquez, auch da mit kleinen Seitenhieben auf die eher überforderte Kunstwissenschaft. Es geht mir im Umgang mit den Gemälden um Liebe, darum, diese Bilder Ernst, nicht auf die Schippe zu nehmen. Für ihre Medialität eine angemessene Übersetzung zu finden. Eines davon soll ein Magritte werden – «Lempire de la Luminière», mit den Möglichkeiten von heute. Wahrscheinlich würde Magritte doch heute Videos machen, mit Spiegelungen und Maskierungen den hellen Himmel in nächtliche Landschaft montieren.
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