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Roman Keller ist Umweltwissenschaftler, Fotograf –
und wäre Medienkünstler, ja vielleicht sogar Netzkünstler,
wenn er selbst die allgemeine Bezeichnung Künstler nicht vorziehen
würde. Sein bisher grösstes Projekt, «From Here On Out»
ist laut Selbstbeschreibung auf der Website www.on-out.info ein «Online-Kunstprojekt
gegen Standby-Stromverbrauch». Es bewegt sich, trotz Kellers Anspruch
auf Kunst schlechthin, im Umkreis einschlägiger Institutionen der
Medienkunst: Es wurde erstmals 2003 vom Basler Forum für Kunst und
Neue Medien [plug.in] der Öffentlichkeit präsentiert und letzten
Herbst an das Zürcher Medien-Festival «Tweakfest» eingeladen.
Vielleicht ist es die nobelste oder eigentliche raison d’être
des derzeit so ungeliebten Genres, dass es unkonventionellen und ungewohnten
Formen der Kunstausübung – wie gerade derjenigen von «From
Here On Out» – Entfaltungsmöglichkeiten bietet?
Standby als künstlerischer Stein des Anstossses
Die EU benötigt heute rund 4,5
Kernkraftwerke, um ihre Standby-Verluste zu decken; nach Schätzungen
der EU-Kommision werden es im Jahre 2010 neun Kernkraftwerke sein. Das
ist eines von vielen beeindruckenden Argumenten, die Keller auf der Site
www.on-out.info gegen Standby-Verbrauch auflistet. Keller versucht, das Problembewusstsein zu schärfen
und dazu zu motivieren, den Standby-Stromverbrauch zu drosseln.

Roman Keller
Seine Strategie ist eine doppelte: Zum einen bietet die Netzplattform
www.on-out.info einen Button zum Herunterladen an. Möglichst viele,
so Kellers Hoffnung, sollten ihn auf der eigenen Website installieren.
Klickt man ihn an, bekommt man eine Kurzinformation zum Thema Standby
sowie einen von fünfzehn, wenige Sekunden dauernden Kunst-Videos
zu sehen, die auf dem Server des Projektes aufgerufen und jeweils von
einem Zufallsgenerator ausgewählt werden. Die Videos stammen von
Künstlern und Künstlerinnen, darunter namhafte wie Yves Netzhammer,
etoy oder Grrr.
Mehr als ein Schalter mehr
Der zweite Teil des Projektes besteht in der Entwicklung eines Geräteschalters,
an der Keller derzeit im Rahmen eines Forschungsprogrammes der HGKZ arbeitet
und für die er noch Partner in der Industrie sucht. Das Argument,
Schalter gäbe es ja schon längst in Überzahl, will Keller
nicht gelten lassen: Der Schalter habe nicht technische Innovation zum
Ziel, sondern die «Lust abzuschalten».

Der Prototyp des Standby-Abschalters (Design: Dominik Sturm)
Rein technisch ist ein solcher Schalter nicht mehr als der Kippschalter,
mit dem an einer Steckleiste der Strom von allen angehängten Geräten
auf einen Druck gekappt werden kann.Durch ein entsprechendes Design will
Keller diesen profanen, für unsere Umwelt jedoch wichtigen Handgriff
zu einem kulturell gestalteten machen. Wohl etwa in der Weise, wie Mac
schon immer versucht, den Gebrauch des Computers, aktuell des iPod, von
einem funktionellen zu einem kulturellen Gebrauch umzudefinieren.
Umweltanliegen und Kunst-Status
Kellers Projekt bildet, darin ein getreutes Abbild seines Schöpfers,
eine ungewöhnliche Kombination der Bereiche Umweltwissenschaft und
Kunst. Das handfeste umweltschützerische Anliegen ist aus der Perspektive
des Kunstsystems ein Grenzgang. Eine Anfrage bei Pro Helvetia um finanzielle
Unterstützung der «eingebetteten» Kunst-Videos, hat denn
auch zum abschlägigen Bescheid geführt: «Die Künstlerinnen
und Künstler, die an <From Here On Out> beteiligt sind, illustrieren
durch ihre Arbeiten das Thema <abschalten> und animieren den Betrachter,
diese Handlung umzusetzen. Diesen <Zielcharakter> hat dieses Projekt
mit der kommerziellen Nutzung von Kunst gemein. Wir können leider,
auch wenn der Zweck zweifelsohne gut ist, keinen Beitrag leisten.»

Roman Kellers Remake «come_on_beuys_shine»
zum diesjährigen (virtuellen) Geburtstag von Beuys
Dem hält Keller in einer Erklärung auf der Projekt-Site entgegen:
«Der Überschneidung von Umweltanliegen, Handlungshinweis und
Kunst sind wir uns bewusst und sehen gerade darin einen künstlerischen
Anspruch. Zugrunde liegt die Ansicht, dass auch die Kunst ihre Energie
aus der Hoffnung schöpft, dass wir zu einer besseren Existenz fähig
sind.»
Der Moment des Abschaltens auf dem Seziertisch
Es entspringt einer umweltschützerischen Logik, wenn Keller das ephemere
Moment des Abschaltens von Geräten ins Zentrum der Aufmerksamkeit
rücken will. Doch unabhängig vom guten Zweck lässt sich
festhalten: Kellers Projekt macht diesen faszinierenden, weil so unbeachteten
wie folgenreichen Moment unseres Alltags sichtbar.
Genau die Fokussierung dieses Momentes treibt Keller momentan mit der
finanziellen Unterstützung von «Sitemapping», der eidgenössischen
Initiative zur Förderung von Medienkunst, weiter voran. Die via Internet
abrufbaren Kunstvideos sollen in den konkreten Moment des Abschaltens
integriert werden. Genauer handelt es sich um den flüchtigen Augenblick,
in dem das Betriebssystem eigentlich schon heruntergefahren, der Computer
aber noch nicht vom Stromnetz genommen ist. Die Hälfte der von Sitemapping
gesprochenen CHF 10’000 will Keller dazu verwenden, weitere Kunstvideos
in Auftrag zu geben, die andere Hälfte dienen der technischen Realisierung
der neuen Platzierung der Videos. Hier zeigt sich, wie anspruchsvoll künstlerische
und technologische Momente aneinander geraten können. Der Zeitpunkt
kurz vor dem eigentlichen Abschalten ist zweifellos symbolträchtig
und künstlerisch präzis gewählt, stellte sich aber technisch
als «schwierigen Hack» heraus, wie Keller es ausdrückt:
Wenn der Computer eigentlich schon nicht mehr läuft, soll ein Browser
nochmals voll in Aktion treten.
Finlay Dobbie oder die Unwägbarkeit der Medienkunst
Keller fand in seinem Umfeld niemanden, der auf diesen Moment spezialisiert
ist, und pröbelte selber zwei Monate lang. Nicht ganz ohne Erfolg:
Auf dem eigenen Rechner brachte er das Kunststück zustande, doch
die Implementierung des selbstgebastelten Programms wäre für
Internet-Anwender zu aufwändig. Auf dem Netz stiess Keller in einer
Newsgroup auf einen Programmierer namens Finlay Dobbie, der sich mit verwandten
Problemen schon beschäftigt hatte. Dieser schrieb ihm auch auf Anfrage
eine erste Version des gewünschten Programms. Dass Dobbie in England
und nicht wie angenommen in den Vereinigten Staaten lebt, fand Keller
erst bei der Auszahlung des ersten Honorars heraus. Bei ihrer einzigen
Begegnung an einer Londoner Kunstvernissage erfuhr Keller zudem, dass
Dobbie nicht ein gestandener Berufstechniker, sondern noch Maturand ist.
Und nun wartet Keller seit dreiviertel Jahren auf die notwendige Weiterentwicklung
des Programms. Ob Finlay Dobbie der wirkliche Name des Saumseligen ist,
hat sich Keller noch gar nie gefragt – ob er die Weiterentwicklung
noch in nützlicher Frist zu Gesicht bekommt, hingegen schon.
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