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14.03.06
Roman Kellers Kunst des Abschaltens
Villö Huszai
Eine Plattform im Netz, eine Serie von Kunstvideos, ein neuer Schalter und Mini-Kunst, wenn der Computer fast schon abgeschaltet ist: Roman Kellers Projekt «From Here On Out» entwickelt eine Reihe guter Gründe, den Stromverbrauch im Standby-Modus zu drosseln.

Roman Keller ist Umweltwissenschaftler, Fotograf – und wäre Medienkünstler, ja vielleicht sogar Netzkünstler, wenn er selbst die allgemeine Bezeichnung Künstler nicht vorziehen würde. Sein bisher grösstes Projekt, «From Here On Out» ist laut Selbstbeschreibung auf der Website www.on-out.info ein «Online-Kunstprojekt gegen Standby-Stromverbrauch». Es bewegt sich, trotz Kellers Anspruch auf Kunst schlechthin, im Umkreis einschlägiger Institutionen der Medienkunst: Es wurde erstmals 2003 vom Basler Forum für Kunst und Neue Medien [plug.in] der Öffentlichkeit präsentiert und letzten Herbst an das Zürcher Medien-Festival «Tweakfest» eingeladen. Vielleicht ist es die nobelste oder eigentliche raison d’être des derzeit so ungeliebten Genres, dass es unkonventionellen und ungewohnten Formen der Kunstausübung – wie gerade derjenigen von «From Here On Out» – Entfaltungsmöglichkeiten bietet?

Standby als künstlerischer Stein des Anstossses
Die EU benötigt heute rund 4,5 Kernkraftwerke, um ihre Standby-Verluste zu decken; nach Schätzungen der EU-Kommision werden es im Jahre 2010 neun Kernkraftwerke sein. Das ist eines von vielen beeindruckenden Argumenten, die Keller auf der Site www.on-out.info gegen Standby-Verbrauch auflistet. Keller versucht, das Problembewusstsein zu schärfen und dazu zu motivieren, den Standby-Stromverbrauch zu drosseln.


Roman Keller

Seine Strategie ist eine doppelte: Zum einen bietet die Netzplattform www.on-out.info einen Button zum Herunterladen an. Möglichst viele, so Kellers Hoffnung, sollten ihn auf der eigenen Website installieren. Klickt man ihn an, bekommt man eine Kurzinformation zum Thema Standby sowie einen von fünfzehn, wenige Sekunden dauernden Kunst-Videos zu sehen, die auf dem Server des Projektes aufgerufen und jeweils von einem Zufallsgenerator ausgewählt werden. Die Videos stammen von Künstlern und Künstlerinnen, darunter namhafte wie Yves Netzhammer, etoy oder Grrr.

Mehr als ein Schalter mehr
Der zweite Teil des Projektes besteht in der Entwicklung eines Geräteschalters, an der Keller derzeit im Rahmen eines Forschungsprogrammes der HGKZ arbeitet und für die er noch Partner in der Industrie sucht. Das Argument, Schalter gäbe es ja schon längst in Überzahl, will Keller nicht gelten lassen: Der Schalter habe nicht technische Innovation zum Ziel, sondern die «Lust abzuschalten».


Der Prototyp des Standby-Abschalters (Design: Dominik Sturm)

Rein technisch ist ein solcher Schalter nicht mehr als der Kippschalter, mit dem an einer Steckleiste der Strom von allen angehängten Geräten auf einen Druck gekappt werden kann.Durch ein entsprechendes Design will Keller diesen profanen, für unsere Umwelt jedoch wichtigen Handgriff zu einem kulturell gestalteten machen. Wohl etwa in der Weise, wie Mac schon immer versucht, den Gebrauch des Computers, aktuell des iPod, von einem funktionellen zu einem kulturellen Gebrauch umzudefinieren.

Umweltanliegen und Kunst-Status
Kellers Projekt bildet, darin ein getreutes Abbild seines Schöpfers, eine ungewöhnliche Kombination der Bereiche Umweltwissenschaft und Kunst. Das handfeste umweltschützerische Anliegen ist aus der Perspektive des Kunstsystems ein Grenzgang. Eine Anfrage bei Pro Helvetia um finanzielle Unterstützung der «eingebetteten» Kunst-Videos, hat denn auch zum abschlägigen Bescheid geführt: «Die Künstlerinnen und Künstler, die an <From Here On Out> beteiligt sind, illustrieren durch ihre Arbeiten das Thema <abschalten> und animieren den Betrachter, diese Handlung umzusetzen. Diesen <Zielcharakter> hat dieses Projekt mit der kommerziellen Nutzung von Kunst gemein. Wir können leider, auch wenn der Zweck zweifelsohne gut ist, keinen Beitrag leisten.»


Roman Kellers Remake «come_on_beuys_shine» zum diesjährigen (virtuellen) Geburtstag von Beuys

Dem hält Keller in einer Erklärung auf der Projekt-Site entgegen: «Der Überschneidung von Umweltanliegen, Handlungshinweis und Kunst sind wir uns bewusst und sehen gerade darin einen künstlerischen Anspruch. Zugrunde liegt die Ansicht, dass auch die Kunst ihre Energie aus der Hoffnung schöpft, dass wir zu einer besseren Existenz fähig sind.»

Der Moment des Abschaltens auf dem Seziertisch
Es entspringt einer umweltschützerischen Logik, wenn Keller das ephemere Moment des Abschaltens von Geräten ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken will. Doch unabhängig vom guten Zweck lässt sich festhalten: Kellers Projekt macht diesen faszinierenden, weil so unbeachteten wie folgenreichen Moment unseres Alltags sichtbar.

Genau die Fokussierung dieses Momentes treibt Keller momentan mit der finanziellen Unterstützung von «Sitemapping», der eidgenössischen Initiative zur Förderung von Medienkunst, weiter voran. Die via Internet abrufbaren Kunstvideos sollen in den konkreten Moment des Abschaltens integriert werden. Genauer handelt es sich um den flüchtigen Augenblick, in dem das Betriebssystem eigentlich schon heruntergefahren, der Computer aber noch nicht vom Stromnetz genommen ist. Die Hälfte der von Sitemapping gesprochenen CHF 10’000 will Keller dazu verwenden, weitere Kunstvideos in Auftrag zu geben, die andere Hälfte dienen der technischen Realisierung der neuen Platzierung der Videos. Hier zeigt sich, wie anspruchsvoll künstlerische und technologische Momente aneinander geraten können. Der Zeitpunkt kurz vor dem eigentlichen Abschalten ist zweifellos symbolträchtig und künstlerisch präzis gewählt, stellte sich aber technisch als «schwierigen Hack» heraus, wie Keller es ausdrückt: Wenn der Computer eigentlich schon nicht mehr läuft, soll ein Browser nochmals voll in Aktion treten.

Finlay Dobbie oder die Unwägbarkeit der Medienkunst
Keller fand in seinem Umfeld niemanden, der auf diesen Moment spezialisiert ist, und pröbelte selber zwei Monate lang. Nicht ganz ohne Erfolg: Auf dem eigenen Rechner brachte er das Kunststück zustande, doch die Implementierung des selbstgebastelten Programms wäre für Internet-Anwender zu aufwändig. Auf dem Netz stiess Keller in einer Newsgroup auf einen Programmierer namens Finlay Dobbie, der sich mit verwandten Problemen schon beschäftigt hatte. Dieser schrieb ihm auch auf Anfrage eine erste Version des gewünschten Programms. Dass Dobbie in England und nicht wie angenommen in den Vereinigten Staaten lebt, fand Keller erst bei der Auszahlung des ersten Honorars heraus. Bei ihrer einzigen Begegnung an einer Londoner Kunstvernissage erfuhr Keller zudem, dass Dobbie nicht ein gestandener Berufstechniker, sondern noch Maturand ist. Und nun wartet Keller seit dreiviertel Jahren auf die notwendige Weiterentwicklung des Programms. Ob Finlay Dobbie der wirkliche Name des Saumseligen ist, hat sich Keller noch gar nie gefragt – ob er die Weiterentwicklung noch in nützlicher Frist zu Gesicht bekommt, hingegen schon.

   
Links:

»www.on-out.info
»Zur Webseite von Roman Keller
»Informationen zu Kellers Zusammenarbeit mit der HGKZ
»Die Arbeit �Come_on_shine_beuys� als PDF-Datei