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clickhere: Betrachtest du die Sphinx
als Netzkunst?
Kempker: Das ist für mich keine interessante Frage. Mir ist es komplett
egal, mit welchem Medium ich arbeite. Es ist einfach nicht so wichtig,
welches Medium man wählt. Der Begriff der Autorschaft ist sehr weit.
Ich würde mich lieber mit dem engeren Begriff «Schriftstellerin»
bezeichnen und diesen durch meine Arbeit erweitern.
Die Bezeichnung «Schrift-Stellerin» deutet
ja eigentlich schon an, dass es in einem Text viel mehr Stimmen gibt als
nur diejenige der Autorin. Das fiel mir zum Beispiel an deinem Buch «Ich
will ein Buch von dir» von 1997 schon auf: eine Zweistimmigkeit,
bei der immer wieder neu sich die Frage aufdrängt, von woher nun
die dichterische Rede kommt.
Das ist immer schon komplexer gewesen. Wenn ich etwas schreibe, bin ich
permanent mit anderen Texten beschäftigt, mit toten Dichtern, Texten,
die nicht meine eigenen sind. Ich kann auch überhaupt nicht verstehen,
wie man sagen kann, dass mit dem Medium Internet alles komplexer wird.
Es ist viel einfacher. Indem ich mit dem Netz arbeite, wechsle ich in
ein Medium, das sehr viel eingeschränkter ist, gerade diese Einfachheit
ist ja interessant. Was das Buch «Ich will ein Buch mit dir»
betrifft, ist es sowieso zur Hälfte von jemandem anderen.
Birgit Kempker in der Ausstellung der Sphinx in
Basel, Mai 2005
Etwa in der Art, in welcher der Schweizer Schriftsteller
Tim Krohn in seinem Buch «Irinas Liebe» mit einer andereren
Person zusammengearbeitet hat?
Nein, ganz anders. Eher wie in meinem neusten Buch «Scham/Shame».
Darin arbeite ich mit amerikanischen Texten, also konkret mit einem Autor,
mit Robert Kelly, zusammen.
Du bietest in «Sphinx» dem Publikum eine sehr direkte, aber
anonyme Kommunikation an. Gibt es Missbräuche?
Wenn ich mir überlege, was man damit alles anstellen könnte,
stelle ich fest: Es passiert wenig in dem Spielfeld. Man könnte dermassen
Verwirrung stiften... das tut aber niemand! Einzig der Sohn eines Freundes
hat einmal unter der E-mail-Adresse seiner Mutter eine Frage gestellt.
Und ich selbst habe einmal im Namen von jemandem gefragt, der etwas über
mich geschrieben hat. Die Sphinx ist ein nicht ungefährliches Spielangebot,
bloss checkt das noch niemand.
Der Zürcher Künstler Johannes Gees, der in
seinen Kunstaktionen der Öffentlichkeit immer wieder Gelegenheit
gibt, kurze Nachrichten zu veröffentlichen, versichert, dass die
Leute dabei meistens bis immer sehr anständig bleiben.
Ich kann mich höchstens an erotische Versuche erinnern; dass jemand
die Sphinx mit einem Darkroom verwechselt hat. Sicherheiten sind aufgehoben.
Das ist zwar auch im Buch der Fall, aber nicht so direkt. Es gibt immer
wieder Anfragen, die nicht an die Sphinx, mit dem dafür vorgesehenen
Formular, sondern privat an meine Emailadresse gestellt werden. Eine Person
wollte die Sphinx treffen und schlug öffentlich in ihrer Frage einen
Kino-Besuch vor. Die Sphinx treffen, das ist doch eine idiotische Idee.
(Kleine Pause.) Aber eigentlich ist sie nicht idiotisch, der Betreffende
versuchte ja gerade, die Grenzen des Projektes auszustesten.
«Sphinx» ist ja ein sehr langjähriges
Projekt. Wann hat es begonnen?
Die Anfänge des Projektes gehen auf das «Fest der Künste»
im Engadin im Herbst 2000 zurück. Urs Engeler, der damalige Kurator
für den Bereich Literatur, hat Autoren eingeladen, sich im Rahmen
eines bestimmten Budgets etwas für das Fest auszudenken. Ich habe
die Sphinx und für die Sphinx das Hotel Kronenhof ausgewählt,
sie hat dort zu bestimmten Zeiten sichtbar Fragen beantwortet. Unter den
Fragenden wurden Gewinner für einen Aufenthalt im Hotel Kronenhof
verlost. Die Sphinx hat den Gewinnern jeweils in einem Ritual ihre Anworten
verlesen und zusammen mit einem Gegenstand überreicht.
Wie funktionierte damals die Telekommunikation mit dem Publikum?
Urs Engeler verschickte per Post Einladungen, Fragen zu stellen. Ich hielt
mich in einem Raum, in der Nähe der Rezeption und der Bar auf. Dann
kam die Einladung durch die Basler Kunstkredit-Kommission, einen Vorschlag
für ein Neue-Medien-Projekt einzureichen. Ich habe die Maschine der
Sphinx vorgestellt und bekam Gelder zugesprochen, nur viel zu wenig. Reinhard
Storz, der Erfinder von www.xcult.org und Annette Schindler vom [plug.in]
haben mich ermutigt, das Projekt doch auszuführen. Sie haben auch
das fehlende Geld für die Programmierung organisiert und mir Räume
und Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. «Sphinx»
läuft auf Bastard Chanel von xcult und war mit dem [plug.in] in Korea
unterwegs und später live in Basel.

Die Sphinx im Web, www.xcult.org/sphinx
Die digitale «Sphinx» hat in Südkorea begonnen, im Kontext
eines internationalen Film-Festivals. Da sass ich in einem Hotel, der
Hotelier konnte kein Englisch, wir haben uns zeichnend verständigt,
denn er musste mir die Bedienung des Computers und auch seine Tücken
beibringen. Toll war es dann aber, in der Nacht vor dem Computer zu sitzen
und 300 Fragen von Festival-Teilnehmern zu bekommen. Die freiwilligen
Helfer wussten von mir, sahen mich ja auch zwischen Hotel und Festival
hin und her pendeln, unter ihnen ist so eine Art Liebe-Frage-Kosmos ausgebrochen.
Einmal antwortest du, einmal ist es ein Algorithmus,
der auf die Fragen des Publikums antwortet. Wovon hängt das ab?
Ich benütze die Maschine je nach Laune, in letzter Zeit eher spärlich,
das liegt an den Fragen. Den Möglichkeitsraum von Fragen abzuklopfen,
darin liegt das Potential der Sphinx. Manchmal aber sieht sie sich nur
selbst in den Fragen oder spiegelt die Struktur der Frage.
Worin genau besteht das Kunstprodukt bei «Sphinx»,
ist es die Performance, alle Texte zusammen, einzelne Teile?
Das Kunstwerk besteht im Grunde genommen aus der einzelnen Antwort. Dabei
sind die Bedingungen, verglichen mit einem Buch, exklusiv. Denn eine solche
Antwort ist ja ein Unikat. Der Begriff Unikat meint zwar eigentlich gerade
etwas anderes, denn etwas, das alle sehen können, kann ja kein Unikat
sein. Aber es ist gerichtet an genau diese eine Person und zu einem ganz
bestimmten Zeitpunkt. Es gibt Sphinx-Benutzer, die das verstehen. Manchmal
greife ich aber auch im Nachhinein ein und ändere eine Antwort.
Als würde ein Künstler ins Museum gehen und
an seinem Bild weiterarbeiten.
Das kann ich machen, ich kann Fragen löschen, Antworten verändern.
Und das mach ich auch! Das ist ein Unterschied zu Büchern. Aber nicht
in der Essenz, sondern nur in der konkreten Möglichkeit. Ich kann
ein Buch zwar nicht ständig neu schreiben, aber eigentlich sind auch
Bücher Möglichkeitsräume oder Prozesse, die auch ganz anders
sein könnten.
Gibt es einen Endpunkt für das Projekt?
Es ist kein Ende geplant, höchstens eine Zwischenstation. Im Sphinx-Archiv
steckt ja die Hauptarbeit, bis jetzt sind rund 600 Antworten zusammengekommen.
Die Archiv-Funktion ist noch nicht optimal gelöst. Hätte ich
ein Forscher-Team hinter mir! Ich hätte gerne eine auch akustische
Sphinxsprache gebaut. Als Nicht-Programmiererin bin ich hier gehandicapt.
Ich bin unzufrieden, dass ich das Projekt technisch nicht weiterentwickeln
kann. Hier liegt ein wesentlicher Grund, sich aus den Neuen Medien zurückzuziehen.
Praktische Gründe also, keine inhaltlichen. Denn die Sache ist doch
einzigartig. Nur schon, dass bis jetzt 600 Leute in ihren Fragen präsent
sind: Ich kenne zum ersten Mal meine Leser und kann sie selber lesen.
Sie können den Text fortsetzen, mitschreiben. Sie können wünschen.
Leute können sich Texte wünschen!
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