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15.04.05
Medienkunst: Noch nicht im Museum angekommen und schon archiviert?
Villö Huszai
Die vom Karlsruher ZKM mitentwickelte Internet-Plattform www.medienkunstnetz.de versteht sich als umfassendes Kompendium der zeitgenössischen Medienkunst. Nun wurde ein neues Kapitel abgeschlossen: «Cyborg Bodies», erarbeitet am Institut für Cultural Studies der Zürcher Hochschule für Gestaltung. Eine Gelegenheit, die seit Februar 2004 aufgeschaltete Plattform als Teil der Medienkunst- und Netzkunst-Geschichte zu bedenken.

Die rebellischen 90er Jahre reizten zur Wette, wann die institutionskritischen digitalen Wilden im Museum landen würden. Grundsätzlich lässt sich auch heute festhalten: Medienkunst ist (noch) nicht im herkömmlichen Museum der bildenden Kunst angekommen. Wobei es bei dieser Feststellung darauf ankommt, was man eigentlich unter Medienkunst versteht: Bekanntlich sind Videokunstwerke, ob nun als Installation oder als reine Projektion in einer Black Box, seit einigen Jahren auch im hiesigen Kunstbetrieb willkommen.

Die Internet-Adresse www.medienkunstnetz.de bringt das gegenwärtige Bedeutungsspektrum des Genres Medienkunst begriffsstrategisch recht listig auf den Punkt. Zunächst besagt der Zusatz «Netz», dass das Projekt sich auf dem Netz befindet und mit dessen multimedialen Mitteln und Vernetzungsmöglichkeiten arbeitet. Zugleich ist mit dem Zusatz ein historischer Wandel des Genres Medienkunst angezeigt. Ursprünglich wurde der Begriff vor allem auf Videokunst angewendet, deren Spektrum von den rebellischen Fernseh-Experimenten Name June Paiks in den 60er Jahren bis zu den heutigen bildstarken Videos Pipilotti Rists reicht. Die beiden Herausgeber von www.medienkunstnetz.de, der unter anderem an der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGKZ) lehrende Rudolf Frieling und der Leipziger Medienprofessor Dieter Daniels, gehören dieser vom Video geprägten Generation an. Als in den späten 80er Jahren der Personal Computer und dann in den 90er Jahren der vernetzte Computer in Ateliers und Haushalte Einzug hielten, schloss der Begriff immer häufiger auch digitale Medien ein.


Die Illustrationen sind aus dem Projekt «Cyborg Bodies» von www.medienkunstnetz.de geklaut. Sie können das wettmachen, indem Sie das Projekt im Netz besuchen!

Während der Internet-Euphorie konkurrenzierte der Begriff Netzkunst den älteren Ausdruck Medienkunst. Kaum war das neue Genre ausgerufen, richtete die Kasseler Dokumenta X 1997 der Netzkunst, welche doch angeblich auf Institutionsferne und die Autonomie des eigenen Servers setzte, einen eigenen Ausstellungsraum her. Die Sonder-Ausstellung floppte – sowohl bei den beteiligten KünstlerInnen wie beim Publikum – und bald war vom Tod der Netzkunst die Rede. Im Nachhinein stellte sich der abrupte Abgang der Netzkunst von der internationalen Kunstbühne als verlässlicher Vorbote des Scheiterns der New Economy heraus. Der Begriff Medienkunst ist seitdem wieder zu neuen Ehren gekommen– mit verändertem Bedeutungsspektrum: Die Digitalisierung und die globale Vernetzung – und damit auch die widerspenstige Netzkunst – gehören nun zu seinem Kern.

Viele der AutorInnen der Plattform www.medienkunstnetz.de entstammen dieser jüngsten Mediengeneration. Inke Arns zum Bespiel war in den 90er Jahren Mitbegründerin der Ost- und Westeuropa verbindenden Mailing-Liste Syndicate. Yvonne Volkart, Dozentin an der HGKZ und der Fachhochschule Aarau, hat als Kuratorin mehrerer Ausstellungen mit neuen Medien gearbeitet. Ihr Projekt «Cyborg Bodies» auf www.medienkunst.de beschäftigt sich mit dem Phantasma des maschinell aufgerüsteten Körpers, wurde vor drei Jahren lanciert und kürzlich abgeschlossen.

www.medienkunstnetz.de versucht einerseits eine relativ klassische kunsthistorische Einschätzung des Genre Medienkunst, verbindet das aber mit Projekten und Autoren, die diesem tendenziell sterilisierenden Blick nur begrenzt verpflichtet sind. Autorinnen wie Arns, Volkart oder die am Projekt Cyborg Bodies konzeptuell und mit Texten beteiligte Verena Kuni haben sich in den 90er Jahren nicht nur theoretisch-beobachtend, sondern auch aktiv mit den neuen Kunstformen auseinandergesetzt: Als Mitglieder der 1997 gegründeten sogenannt „cyberfeministischen“ Verbindung «Old Boys Network» (www.obn.org) prägten Volkart und Kuni die bewegten Gründerjahre des Internet mit. Der Name «Old Boys Network» ist dabei charakteristisch für den institutionskritischen und hochironischen Geist der 90er Jahre. Da www.medienkunstnetz.de zweifellos der Historisierung und Kanonisierung Vorschub leistet, ist innerhalb der Plattform selber einiger Zündstoff angelegt.

Wie Dieter Daniels kürzlich an einem Symposium der Kunsthalle St. Gallen berichtete, werde die Plattform vom Suchdienst Google erfreulich häufig aufgelistet. Dieser Erfolg verwundert nicht: Die Plattform ist sehr informativ und entwickelt durch eine intensive interne Vernetzung auch eine hohe Lesbarkeit. Dazu liegen die Texte mittlerweile auch in Buchform vor. Man darf sich trotzdem darüber wundern, wie altklug und früh ergraut die zeitgenössische Medienkunst daherkommt: Noch eben hat sie als Netzkunst die historische Avantgarde an Rebellionswut übertrumpfen wollen, und schon soll sie inventarisiert sein - noch bevor sie so richtig mit dem Kunstmuseum auf Tuchfühlung gegangen wäre? Netzkunst hat nicht nur den eigenen Server gefeiert. Sie setzte zudem auf die Kommunikation mittels, aber auch – darin dialektisch durch und durch - jenseits medialer Stellvertretung. Die überzeugende Kommunikation mit dem Publikum des herkömmlichen Kunstbetriebs und damit einer grösseren Öffentlichkeit ist die Medienkunst uns noch schuldig.

   
Links:

»Medienkunstnetz
»Cyborg Bodies
»Old Boys Network
»Artikel zum St. Galler Symposium