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15.09.06
Die Dortmunder Ausstellung «The Wonderful World of irational.org» feiert das zehnjährige Jubiläum des sechsköpfigen Kollektivs Irational
Villö Huszai
Was haben das illegale Überschreiten grüner Grenzen trotz gültigem Pass, die angeblich gentechnologische Herstellung eines Unkraut oder das Klettern auf Bäume und über Zäune mit Netzkunst zu tun? Es ist den Kuratoren Inke Arns und Jacob Lillemose prächtig gelungen, Irationals Netzkunst der ersten Stunde und ihre Expansion in den physischen Raum als hochrebellischen, künstlerisch-politischen Kosmos erlebbar zu machen. Die Ausstellung des «Hartware Medien Kunst Vereins» in der Dortmunder «Phönixhalle» ist bis Ende Oktober zu sehen.

1996 gründete der Brite Heath Bunting den Kulturserver www.irational.org und galt als der Netzkünstler schlechthin. Schon ein Jahr später erklärte Bunting eigenhändig seine frühzeitige Pensionierung, doch die Liste der Werke wächst seitdem ungebremst. Die Gruppe Irational setzte in den 90er Jahren Massstäbe für das Genre Netzkunst – und damit auch für das Genre Medienkunst, wie es sich seitdem neu formiert hat. Darum kommt der Dortmunder Ausstellung für die Vermittlung und Geschichtschreibung der Netzkunst eine zentrale Bedeutung zu.


Markenhack-Grafik der mexikanischen Künstlerin Minerva Cuevas im Rahmen ihrer
«Del Montte»_Kampagne.


Was im Netz hinter dürren Linksammlungen schlummert, ist in Dortmund raumfüllend veranschaulicht, so die frühe Aktion «Language (property)» des Spaniers Daniel G. Andújar: Ein mit so alltäglichen Sätzen wie «Capacity for the extraordinary» oder «Where do you want to go today» tapezierter Raum zeigt, was Firmen mittels Markenrecht als ihr Eigentum reklamieren. Der Del-Monte-Fake der Mexikanerin Minerva Cuevas hat ein «t» mehr - und schon spielt das Logo auf den guatemaltekischen Ex-Diktator Rios Montt an. Im Netz nur ein kleines Signet, entfaltet Cuevas Grafik in der Dortmunder Fabrikhalle erst so richtig ihre visuelle Verdrehungskunst.


Ausstellungssituation in der Phönixhalle, links das Logo von Irational,
rechts eine Aktion von Minerva Cuevas (Foto: laborb.).

In drei am Anfang der Ausstellung plazierten Videos mit halb hochfahrenden, halb komisch-selbstironischen Reden erhebt Bunting den Anspruch, der Geschichte der Kunst-Avantgarde mit Irational ein neues Kapitel anzufügen. Selbst deren Kür, die Publikumsbeschimpfung, fehlt nicht. In einem der Videos ist Bunting alleine mit der Videokamera im Wald um Bristol unterwegs, Buntings Geburts- und derzeitigem Wohnort. Dass die Kamera immer wieder abschweift, zum Beispiel auf ein äsendes Reh plötzlich scharfstellt, gehört zum System Irational: Die Kunst und nicht zuletzt die dabei verwendete Technologie und ihr Verhältnis zur Natur, dem Andern von Kultur und Zivilisation, ist in den Aktionen von Irational immer wieder neu zur Diskussion gestellt.


Ausstellungsraum zur Arbeit «Language (property)» von Daniel G. Andújar (Foto: laborb.).

An der Vernissage konnte man Kayle Brandon oder Rachel Baker ausmachen, wie sie Zuschauern ein www.irational.org-Bändchen ins Jacket-Futter nähten – Irationals Lowtech-Variante des Firmen-Branding. Dieses Wochenende findet im Rahmen der Ausstellung ein «Irational Action Weekend» statt, während dem die Mitglieder von Irational noch einmal alle vor Ort sein werden. Zweifellos lebt die Aktions-Kunst von Irational nicht unerheblich vom Lebensstil und der persönlichen Ausstrahlung der Akteure, so dass die zwei Aktionstage für die Ausstellung eine Schlüsselfunktion innehaben.

Daniel G. Andújar stellt am Freitagabend aktuelle Open-Source-Software vor. Am Samstag und Sonntag werden Heath Bunting und Kayle Brandon ihre Kunst, sich den öffentlichen Raum anzueignen, vorzeigen und lehren: Am Samstag mit einer «Tour de Fence», am Sonntag mit einem «International Tree Climbing Day». Auch Buntings Aktion «Superweed» wird erlebbar sein: Am Samstagnachmittag wird das Unkraut, das gentechnologisch veränderte Pflanzen angreifen soll, vor der riesenhaften Kulisse des Hochofens bei der Phönixhalle angesät. Rachel Baker, die mit Firmen-Fakes in den 90er Jahren für Aufregung sorgte, wird ebenfalls zu sehen und vor allem zu hören sein: Sie wird ein «Aerobic-Video» präsentieren mit ihrer Band «Antifamily».

Dass diese erste Gesamtschau von Irational nicht in England, sondern in Deutschland erfolgt, ist bemerkenswert. Mit dieser Ausstellung beweist der Dortmunder «Hartware MedienKunstVerein», seit ein paar Jahren unter der künstlerischen Leitung von Inke Arns, kuratorischen Mut und Innovationskraft. Wie Irational feiert der Verein dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Am Samstag Abend wird so auch gleich die Jubiläumsparty des Vereins stattfinden.

   
Ausstellung:

«The Wonderful World of irational.org»
Hartware MedienKunstVerein
Ausstellung in der Ph�nixhalle in Dortmund
Bis 29. Oktober 2006
Anreise und �ffnungszeiten siehe »Webseite des Hartware Medien Kunst Verein.
Vom Freitag 15. bis Sonntag 17. September 2006 findet im Rahmen der Ausstellung ganzt�gig das �Irational Action Weekend statt.

Links:

»Die Netzplattform Irational.org
»Hartware Medien Kunst Verein