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16.01.06
Dokumentation oder Kunst?

Villö Huszai
Anmerkungen zur aktuellen Einzelaustellung «Interfacing Landscapes» von Johannes Gees

Im Kunstraum Kreuzlingen hat der Bündner Künstler Johannes Gees, in der Medienszene weltweit bekannt seit seiner interaktiven Laserinstallation «Hellomrpresident» während des World Economic Forum 2001, seine erste Einzelausstellung eingerichtet. Sie reflektiert sein aktuelles Projekt in ausgewählten Aussenräumen. «Interfacing Landscapes» besteht aus einer kleinen Serie von Kunstaktionen, in der Gees Texte in eine Landschaft hinein projiziert (zur ersten Aktion an der Zürcher Sihl siehe unseren Bericht vom 12. Oktober 2005). Die Kreuzlinger Ausstellung gleichen Titels stellt nun Bild- und Videoaufnahmen dieser Kunstaktionen in einem klassischen White Cube aus. Zu sehen sind Aufnahmen der zweiten Projektion auf dem Bergeller Staudamm Albigna sowie der dritten, die kürzlich in Kreuzlingen am Bodensee-Ufer stattfand. Zwar ist die Ausstellung seit letzten Freitag eröffnet, sie wird aber als work in progress erst gegen Ende Februar vollständig sein: Gees wird während ihrer Dauer noch zwei weitere Aktionen durchführen und in Kreuzlingen «dokumentieren».


Aufnahme auf der Seedammstrasse des Albigna-Staudammes vom November 2005 Und zwar nicht vom herkömmlichen Aussenstandpunkt auf das Kunstwerk, sondern von einem Standpunkt innerhalb der Laserprojektion aus.

«Dokumentieren» ist in Anführungszeichen gesetzt, denn der Status der Ausstellung ist eine offene Frage. Der in Karlsruhe lehrende Kunsttheoretiker Boris Groys konstatierte 2001 eine Zunahme der Dokumentation in Museen: «Wenn ich zum Beispiel irgendwo irgendetwas als Kunstaktion organisiere und dann die Dokumentation darüber in ein Museum bringe und dort ausstelle, dann besteht der interessante Aspekt darin, daß diese Dokumentation kein Kunstwerk ist, das Kunstwerk findet woanders statt. Diese Dokumentation ist kein Kunstwerk, [gerade] weil sie im Museum ist.» Es läge nahe, in Gees’ Kunst genau diese von Groys beschriebene Entwicklung bestätigt zu sehen: Die eigentliche Kunst findet im Aussenraum und als Geschehen statt, der White Cube dient nur noch zur Dokumentation dieser Kunst.

Interessanterweise unterläuft Groys in seinem Aufsatz gleich selbst eine scharfe Trennung von Dokumentation und Kunst. Für Groys ist das Kunsthafte an keinen äusseren Faktoren festmachbar. Weder das Auftreten im Kunstraum noch eine Art Anti-White-Cube-Prinzip kann das Kunsthafte garantieren, worunter Groys im Wesentlichen einen «souveränen Akt» versteht. Auch ein klassisches Kunstbild ist demnach für Groys nicht Kunst per se, es verkörpert sie nicht und enthält sie auch nicht. Selbst das klassische Kunstbild kann gemäss Groys den «souveränen Akt» letztlich nur dokumentieren und darauf hinweisen. Groys Überlegungen verhelfen zwar nicht zu einer eindeutigen Antwort auf die Frage, ob Gees Kreuzlinger Ausstellung nun als Kunst oder als eine blosse Dokumentation zu behandeln sei. Vielleicht können sie die Frage vielmehr entschärfen. Zumindest macht Groys erneut deutlich, auf wie tönernen Füssen ein positivistischer Kunstbegriff steht.


Für jede Aktion verwendet Gees spezifische Sätze oder Ausdrücke. In Albigna liess er mehrfach «Words» als Einzelwort oder im Satz» Words dont mean a thing» über die hochalpinen «Leinwände» gleiten. Bilder: Johannes Gees

Juri Steiner, Kunsthistoriker und Schweizer Kenner der zeitgenössischen Kunst, führte zur Eröffnung der Ausstellung in Gees’ Werk ein. Steiner kennt Gees’ Werdegang mindestens seit der Expo 02., an der beide mitgewirkt und auch zusammen gearbeitet haben. Derzeit sind beide in dem von Martin Heller initiierten Projekt www.agent-provocateur.ch tätig. Steiner nannte als drei wesentliche Faktoren von Gees Werk Dokumentation, Partizipation und Kunst. Die Kreuzlinger Ausstellung wertete er klar als eine Kunst-Ausstellung. Für Steiner trägt dazu das fotografische Vermögen bei, das er in Gees’ Exponaten am Werk sieht. Das sind nicht nur lobende Worte eines Freundes. Die Bemerkung ist bedeutungsvoll für die Entwicklung jener aus den 90er Jahren entstandenen Medienkunst, zu der Gees’ Arbeit gehört: Steiners Einordnung von Gees’ Exponaten in den Kunst-Bereich kann als eine weitere Station der Annäherung von Medienkunst und zeitgenössischer Kunst gewertet werden.

Gees selbst bezeichnet die Kreuzlinger Ausstellung als «Epizentrum» des «dezentralen Kunstprojekes» Interfacing Landscapes, auch als «Headquarter» oder als «Depôt» – eher unkonventionelle Bilder. Die sparsame Auswahl der Foto-Exponate, die von einer rigorosen Selektion des Materials zeugt, betont hingegen den Kunstcharakter der Ausstellung. Das gilt auch für die zwei Filmsequenzen, die in einer Black-Box zu sehen sind. Insbesondere die spektakuläre Landschaft des Albigna-Staudammes hätte dazu verleiten können, ein Potpourri zu zeigen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir sehen ein gerade durch seine Ruhe und visuelle Verschwiegenheit faszinierendes Destillat der weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgten Aktion.

Ausstellung:

Johannes Gees: «Interfacing Landscapes»
Kunstraum Kreuzlingen, Bodanstrasse 7a, Kreuzlingen (CH)

Öffnungszeiten: Donnerstag/Freitag, 17.00 bis 20.00 Uhr, Samstag, 13.00 bis 17.00 Uhr
Sonntag, 11.00 bis 17.00 Uhr
Bis 27. Februar 2006

Sonntag, 29. Januar 2006, 11.00 Uhr
Künstlergespräch & Betrachtung: «Ritt über den Bodensee»
mit Patrick Frey, dem Verleger, Schauspieler und Kabarettisten

Links:

Informationen zu den kommenden geplanten Aktionen am 27. und 29. Januar finden Sie auf der »Homepage des Kunstraum Kreuzlingen und der »Webseite von Johannes Gees.
Hier lässt sich der zitierte Textes von Boris Groys herunterladen.