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16.02.06
«Wenn Künstler Techniken brauchten, dann nahmen sie eben die Techniken.»
Transmediale-Direktor Andreas Broeckmann im Gespräch mit Villö Huszai und Annina Zimmermann
Die Transmediale hat einen neuen Namen: Sie heisst nicht mehr «International Media Art Festival», sondern neu «Festival for Art and Digital Culture Berlin». Das ist ein gewichtiges Statement zur Geschichte, die man nun eben gerade nicht mehr Medienkunst-Geschichte nennen sollte. Festivaldirektor Andreas Broeckmann distanziert sich vom Genre «Medienkunst», wie es sich in den 90er Jahren einen Namen gemacht hatte. Auch inhaltlich hat sich die terminologische Öffnung gegenüber einem allgemeineren Kunstverständnis niedergeschlagen: Mit dem Gegenstand Humor stand nicht ein computerspezifisches, sondern ein universalästhetisches Thema zur Debatte. Überdies ist die von der französischen Filmprofessorin Anne-Marie Duguet kuratierte Ausstellung «Smile Machines» zu eben diesem Thema stark historisch, an der vordigitalen Fluxus-Bewegung, orientiert. Zum ersten Mal bietet die Transmediale eine grosse, auf Exponate fokussierte Ausstellung, die ein allgemeiner interessiertes Kunstpublikum ansprechen soll. Clickhere hat mit Andreas Broeckmann, dem langjährigen Direktor der Transmediale, über diesen letzten Stand der «Medienkunst» gesprochen.

Das 1988 gegründete Festival war ursprünglich der Videokunst gewidmet. 1999 wandelte es sich in ein Festival für Medienkunst. Dieses Jahr lassen Sie die Genre-Bezeichnung Medienkunst wieder fallen. Das Ende der Medienkunst?

Das Wort Medienkunst ist immer noch wichtig. Auch wenn die Leute innerhalb der Szene den Begriff inzwischen nicht mehr so ganz ernst nehmen - da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Vor allem die Amerikaner sagen «I am a Curator of New Media» und meinen damit Kunst. Bei mir geht da eine Klappe runter: Ach nee, wie langweilig. Denn jemand, der sich mit New Media beschäftigt, den interessiert die Kunst dann nur, weil sie mit gerade neuen Technologien gemacht wird. In den 90er Jahren war das der Grund, weshalb dieser Begriff so stark wurde. Künstlerisch ist dabei häufig wenig herausgekommen in dieser Auseinandersetzung mit den neuen digitalen Technologien, die dann angeblich für sich selber schon einen ästhetischen Wert erbracht hätte.


Andreas Broeckmann

Das ist als ästethisches Konzept gescheitert. In vielen grossen Ausstellungen sah man zwar neue Technologien gesehen, aber relativ wenig Kunst. Deshalb die Namensänderung: Digitale Kultur ist der gesellschaftliche Bereich, in dem wir uns bewegen und der massgeblich durch digitale Technologien verändert wird. Wir zeigen künstlerische Positionen, die sich dazu aus einer dezidiert künstlerischen Perspektive heraus verhalten. Das bedeutet nicht, dass die Leute sich unbedingt immer mit den neusten Technologien auseinander setzen; es geht darum, sich mit Kultur und den Veränderungen in der Gesellschaft durch neue Kommunikations- und Distributionsmittel und mit neuen Ausdrucksmitteln auseinander zu setzen.

Beobachten Sie denn, dass die Leute aus dem Kunstbetrieb nun auch tatsächlich kommen? Die Kuratoren, die Galeristen? Und weiter: Bildet sich auch ein entsprechender Markt?

Dadurch dass wir jetzt die grosse Ausstellung zeigen können, erreichen wir viel eher ein allgemeines Kunstpublikum. Sehr viele Leute aus der Berliner und der deutschen Kunstszene kamen zur Eröffnung, weil es eine grosse Kunstausstellung war. Die kommen sonst eher nicht zur Transmediale, die ist denen zu kleinteilig. Inzwischen gibt es aber einige Kunstagenten und Galeristen, die sehen, dass da ein Markt ist. Ich denke dabei z.B. an Raffael Lozano-Hemmer, der vor 10 Jahren für den Markt überhaupt nicht interessant war und der vor zwei Jahren an der Art Unlimited in der Kunstmesse Basel seine Installation gleich doppelt verkauft hat.

Verändert die Anpassung an den Kunstbetrieb auch die Arbeiten?
Es gibt zum Glück immer mehr Künstler, die sich mit Medien auf einem hohen technischen Niveau auseinandersetzen, die ihre Arbeiten sehr bewusst für den Kunstkontext konzipieren. Dagegen gibt es natürlich immer noch Arbeiten, die wir zeigen, die sehr widerständig sind, Netzkunst beispielsweise. Diese sind immer noch nicht vermarktbar und kommen im Galerienkontext nicht vor.

Weshalb es Festivals nachhaltig braucht?
Weshalb es die Festivals immer noch braucht, um auch jungen Leuten, die eben nicht so produkt-orientiert arbeiten, ein Forum zu geben. Wir bieten hier hoffentlich eine gute Balance von unterschiedlichen Produktionsweisen oder –niveaus. Neben der Ausstellung haben wir für Work in Progress den Festivalbereich «Market» eingerichtet.


Galerienkompatibel: Still aus Jan Verbeeks Video aus der Transmediale-Lounge

Diese Projekte sind eigentlich nur darauf ausgerichtet, dass Leute anhand dieser Projekte miteinander arbeiten. Etwas wie die «Burn Station» von Platoniq, das «Boardergames»-Projekt und die Gruppe «Monochrom»: Die könnten vielleicht schon einmal ein Produkt machen, das dann im Kunstkontext appropriiert wird, aber im Prinzip kann man sich das Computerspiel von Monochrom aus dem Netz herunter laden: Es gehört in die Netzkultur. Andere Arbeiten wiederum, etwa das Video von Jan Verbeek oder einige der dokumentarischen Arbeiten, könnte in unserer «Lounge» auch ein Galerist für sich entdecken. Vor einigen Jahren haben wir eine intensive Auseinandersetzung mit Software Kunst betrieben. Ein Künstler wie Casey Reas hat jetzt regelmässig Ausstellungen in Galerien.

An der diesjährigen Transmediale steht, vielleicht auch durch die räumlichen Gegebenheiten der Akademie, der Diskurs stark im Vordergrund. Wie sehen Sie denn das Verhältnis von Theoriebildung und künstlerischer Praxis: Sind die zwei Seiten gegenseitig up to date?

Wir haben nicht versucht, die Konferenz als eine diskursive Explikation der künstlerischen Arbeiten zu präsentieren. Die Konferenz ist ein eigenständiges Format, das das Thema des Festivals theoretisch reflektiert. Wenn es da Diskrepanzen gibt, unterschiedliche Geschwindigkeiten, dann ist das so gegeben - genauso wie auch die Austellung ja eine andere Geschwindigkeit hat mit ihrer historischen Perspektive, wo der Schwerpunkt ganz deutlich nicht auf der aktuellen Kunstproduktion liegt. Da wird versucht, Bögen zu spannen über 40 Jahre, um zu zeigen, wie Künstler sich auf humorvolle Weise, durch die Methode des Humors, mit Fragen der Gesellschaft, der Technologie und der Kunst auseinandergesetzt haben.

Haben nicht gerade die 90er Jahre sehr intensiv humoristisch gearbeitet? Arbeiten wie diejenigen von Heath Bunting oder von etoy wären für das Thema Humor doch recht ergiebig gewesen. Sind durch die Öffnung des Festivals gegenüber dem Kunstbetrieb und das vertiefte Interesse an Historischem die Positionen der 90er Jahre nicht etwas weggesackt? Wir sprechen von Positionen, die sich in starker Verschränkung mit der Informationsgesellschaft entwickelt haben, zum Beispiel auf der Mailingliste Nettime?

Wir konnten natürlich auch nur realisieren, was wir technisch und finanziell zu leisten vermochten. Aber grundsätzlich: Was Sie ansprechen ist ein minimales Segment, das nur dem Nettime-Leser von 1996 und 1997 überhaupt im Bewusstsein ist. Aus meiner Sicht sind das künstlerisch häufig Schnellschüsse gewesen, kleine Positionen, die sehr zeitgebunden sind. Die Arbeiten von etoy haben als Katalysator für die Auseinandersetzung mit Netzökonomie eine wichtige Rolle gespielt. Sie waren aber auch vollkommen gefangen in der Logik dieser Ökonomie, wie sie sie damals vorfanden. Ein solcher künstlerischer Turbo-Netzkapitalismus ist zwar als aktivistische Position ganz stark, doch stellt sich für mich die Frage, inwieweit das künstlerisch über seinen eigenen Moment hinaus trägt.


Unterwegs im Bus: Die spanische Platoniq sammeln Musik und machen das CD-Brennen zum gemeinschaftlichen politischen Akt wider das Urheberrecht.

Das gilt ähnlich auch die von uns nominierte Arbeit «Burn Station» von Platoniq. Die ist jetzt frisch und relevant, weil diese Auseinandersetzung mit dem Regime des Urheberrechts, die Vermittlung der Denkmöglichkeit freier Inhalte jetzt so richtig dramatisch ist. Vor 10 Jahren war das Problem erst am Horizont, doch jetzt merkt man richtig, dass sich da Türen schliessen – und möglicherweise ist das in fünf oder zehn Jahren gegessen. Denn: Wenn wir gewinnen, wenn es so geht, wie ich vermute, dann wird es das Urheberrecht in der jetzigen Form gar nicht mehr geben. Dann ist «Burn Station» einfach ein etwas sperriges Audiomöbel.

Im Rahmen der Konferenz «Refresh» des New Media Institute Banff haben Steve Dietz und Sarah Cook eine Ausstellung kuratiert, die hiess „The Art Formerly Known as New Media“. Da wurden auch Arbeiten von Heath Buntings Server www.irational.org präsentiert, lagen Flyer in Vitrinen und Heath Bunting war da und hat irgendetwas an die Wand geheftet. Aber von dem, worum es eigentlich ging, war fast nichts mehr übrig. Man kann da zwar einen Rechner hinstellen, in dem man die Mappenstruktur des irational.org-Servers nachvollziehen kann. Aber was das als sozialer Organismus war und wie es eingebaut war in netzkulturelle Prozesse, das ist so überhaupt nicht zu vermitteln. Das ist so, als wenn Sie jetzt in einer Ausstellung eine Vitrine mit Objekten der Fluxusbewegung sehen.

Genau das sieht man doch in Museen überall.


Das ist ein Abklatsch, ein Friedhof; das sind Archivalien. Das war für Anne-Marie Duguet eine wichtige Motivation hinsichtlich der Ausstellung „Smile Machines“: herauszufinden, welche der historischen Arbeiten, zum Beispiel der Fluxus-Bewegung, jetzt noch als künstlerische Arbeit funktionieren.

Spricht das gegen die Qualität der 90er-Jahre-Positionen oder geht es primär ein Problem der Vermittlung?

Das ist auf jeden Fall ein Vermittlungsproblem. Die Qualität ist aber auch, wie überall, ungleichmässig verteilt. Die Leute, die ein Karriereinvestment darin liegen haben, dass Netzkunst etwas ganz Tolles sei, auch heute noch - die werden sie natürlich immer verteidigen. In meiner Sicht haben diese Ideen die Logik der technischen oder gesellschaftlichen Systeme der 90er Jahre selten überschritten, uns überrascht mit etwas Neuem, uns vielleicht sogar verstört. Viele dieser Arbeiten war ja nur Jokes und nicht verstörend. Und sie richteten sich in ihrer Vermittlungslogik an ein Publikum, das in dieser Netzkultur unmittelbar drin steckte.

Ist die Neuausrichtung des Festivals etwas, das Sie auch im Gefolge einer internationalen „Baisse“ der «Marke Medienkunst» machen? So wie derzeit in den USA oder Tokyo die Budgets der Medienkunstabteilungen einbrechen?

Nein. Uns ging es schon viel früher zentral um die Kunst, die sich durch Medien ausdrückt und die sich mit Fragen der von Medientechnologien und von neuen wissenschaftlichen Entwicklungen beeinflussten Gesellschaft auseinandersetzt. Aber es ist insofern eine Konjunktur, die ich auch anderswo beobachte: Leute, die dicke Bücher produzieren über Digital Art oder Media Art, wo lauter Dinge drin stehen, die kunsthistorisch häufig wertlos sind. Wieviele der Arbeiten, die Sie in den 90er Jahren gesehen haben, funktionieren denn noch, geschweige denn, sind es wert, erinnert zu werden? Das ist ein bisschen hart, das ist aber faktisch so: Leute, die sich mit irgendwelchen neuen technischen Möglichkeiten beschäftigt haben, in irgendeiner Interface-Entwicklung stecken gelieben sind. Das sind Gestalter ohne künstlerischen Impuls, Leute, die kreative Dinge mit Technologien machen wollen. Es gabe eine Zeit lang die Hoffnung, dass sich das als ein neues Paradigma für Kunst durchsetzen könnte: der Traum, dass alle Ingenieure plötzlich Künstler wären. Die Künstler dagegen wollten immer Kunst machen, und wenn sie Techniken brauchten, dann nahmen sie eben die Techniken.

Sind sie in fünf Jahren noch Direktor eines separat geführten, digital profilierten Festivals? Auch andere Festivals kommen ja in die Jahre. Was wäre denn ein nächster logischer Schritt?

Für mich persönlich? Das geht Sie nichts an.

Die Frage ist ja nicht auf Sie persönlich allein gemünzt. Denken Sie grundsätzlich, dass die Festivals interessant bleiben und ungebrochen weiterlaufen?

Meine persönliche Entwicklung hat keine historische Relevanz. Wenn ich sage, ich habe keinen Bock mehr, dann bedeutet das nicht, dass das Festival am Ende ist. Ich sehe um mich herum sehr viele Leute sehr unterschiedliche Dinge machen und sich um Kunst mit Medien kümmern. Ich selber werde das Festival 2007 noch machen und mir danach etwas anderes suchen, denn ich habe dann sieben Transmediale-Festivals gemacht. Was danach kommt, weiss ich im Moment noch nicht.

Ich gehe davon aus, dass das Festival mit einem neuen Leiter/einer neuen Leiterin weiter geht und ein neues Gesicht bekommt. Ich sehe eine Notwendigkeit für solche Veranstaltungen: Wir hatten gestern 2000 Leute hier im Haus, die für die Transmediale und für die Veranstaltungen hergekommen sind. Das Interesse ist in den letzten Jahren nur gewachsen. Deshalb gibt es einen ganz offiziellen Bedarf danach, diese Auseinandersetzung über diese Art von Kunst zu führen.

Gäbe es echte Kunstfestivals auch ausserhalb des – wenn ich das nochmals sagen darf: - ausserhalb des Medienkunstbereichs gäbe, dann würden sie vielleicht auch wie eine Transmediale funktionieren. Die Kunstmessen entwickeln sich teilweise dazu, auch den Diskurs über Gegenwartskunst in einem sehr breiten Sinne zu entwickeln. An der ARCO in Madrid zum Beispiel wird die Möglichkeit immer wichtiger, dass Künstler und Galeristen und Publikum sich begegnen können. Ich fände es interessant, wenn es auch ausserhalb von diesem doch immer kommerziell orientierten Messekontext solche Möglichkeiten gäbe.


Information:

Transmediale 06
Festival for Art and Digital Culture Berlin
Akademie der Künste Berlin
Festival: 3. bis 7. Februar 2006
Ausstellung «Smile Machines»: bis 19. März

Links:

»www.transmediale.de
»Unsere Berichterstattung über die Transmediale 2006