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17.01.05
Eine Romanverfilmung mit den Mitteln des Internets und eine assoziative Enzyklopädie
von Raffael Dörig
Esther Hunzikers intermediale Collage «Nord», die auf einem Roman von Felix Zbinden basiert, gewann 2004 sowohl den Swiss Award der VIPER, als auch den wichtigsten Preis für Literatur im Netz, «Literatur digital» von dtv und t-online. Nun ist mit «the alphabet ltd.™» seit Anfang Jahr die erste eigentliche Gemeinschaftsarbeit von Esther Hunziker und Felix Zbinen online. Raffael Dörig hat die beiden zum Gespräch getroffen.

clickhere: Wie seid Ihr zum digitalen Medium gekommen und welche Rolle spielt dabei das Internet?

Hunziker: Wichtig ist dabei die Möglichkeit, billig zu produzieren und die Arbeiten direkt zur Verfügung zu stellen. Wir bevorzugen beide billige Materialien und ein billiges Produzieren, keine Materialschlacht. Hier gibt einem das Internet eine gewisse Freiheit, weil man alle Medien zur Verfügung hat, Bild, Text, Video usw.

Zbinden: Im Internet kann man die Arbeiten der ganzen Welt zur Verfügung stellen. Früher haben wir Fanzines gemacht, von denen wir dann nur zehn Stück verkauft haben irgendwo.
Hunziker: Eine Gemeinsamkeit zum Fanzine besteht aber in der Art des Arbeitens. Du machst das, wozu du Lust hast und kümmerst dich nicht darum, ob das Kunst ist oder Grafik oder was auch immer. Du produzierst und kopierst es billig und bringst es unter die Leute. Im Internet sind die Grenzen nicht so stark gesetzt zwischen Kunst, Literatur, Sound, Grafik. In dieser Hinsicht ist das Netz ein Freiraum zum Arbeiten.


Felix Zbinden, Esther Hunziker

Eure neuste Arbeit «the alphabet ltd.™» spielt mit der Idee einer Enzyklopädie als Speicher eines Gesamtwissens. Ist sie auch als ironische Antwort auf die Vorstellung des Internets als Archiv des Weltwissens zu verstehen?

Zbinden: Die Idee einer Enzyklopädie ist ja eigentlich, die Welt zusammenzufassen. Das gesamte Internet enthält vielleicht 50% des Weltwissens. Unsere Arbeit umfasst nicht mal 0,001 Promille. Schon die Idee ist also absurd, einer Enzyklopädie mit dem Anspruch, das gesamte Wissen abzubilden.

Hunziker: Wir wollten ja nicht ernsthaft Begriffsdefinitionen setzen, sondern mit dem spielen, was uns gerade in den Sinn gekommen ist und uns dabei selbst nicht zu ernst nehmen.

Zbinden: Im ursprünglichen Konzept sollte die Arbeit immer weiter wachsen. Wir wollten auch andere Leute einladen, Beiträge zu verfassen. So wäre das Ganze viel offener geworden.

Hunziker: Aber wir haben gemerkt, dass eine offene Plattform auch zum Problem würde. Jetzt hat das Konzept einen eigenen Stil. Wenn man es öffnet, besteht die Gefahr, dass es zu stark verflattert. Nun steht da ein Datum und das heisst sozusagen: Das ist unser Wissen an diesem Datum. Das Abschliessen ist aber schon recht schwierig; man hat ja immer wieder Ideen.

Das Sammeln scheint eine grosse Rolle zu spielen, worum geht es Euch dabei?

Hunziker: Die Fülle des Materials lässt das Subjekt verschwinden. Bei so viel Material bekommt das Einzelne keine solch’ grosse Gewichtung, anders als bei einem einzelnen Gemälde oder Foto. Wichtig ist auch die Möglichkeit des Spielens mit den verschiedenen Medien, Text, Video, die man collageartig wieder zusammenschieben kann. Das kann eine Geschichte erzählen, es gibt aber auch die Möglichkeit, etwas herauszupicken und für sich zu nehmen. Ich bin eh eine Sammlerin, lege einen Fundus an, den ich dann beim Arbeiten gezielt durchstöbere. Mein Fundus wird immer grösser. Ich hab also noch Material für ein paar Arbeiten (lacht).

Zbinden: Das ist natürlich heute eine Tendenz und logisch, eine Antwort auf die Idee, dass Alles schon da gewesen sei. Du kannst nichts Neues machen. Aber es ist so viel Material vorhanden, gerade im Internet. Nun geht es eher darum, das Material neu zu ordnen und aus dem Bestehenden etwas Neues zu machen und Gefundenes mit Eigenem zu kombinieren.

Hunziker: Es hat auch mit Entdecken zu tun. Man kommt auf Dinge, auf die man nicht gekommen wäre, hätte man bei Null begonnen. Beim Sammeln entdeckt man spannendes Zeug, dass man in einen anderen Zusammenhang stellen kann.

Zbinden: Es gibt dann eine Interaktion: Das Fremdmaterial hat Einfluss auf unser eigenes. Das ist anders, als wenn wir unsere Sachen im eher engen, geschlossenen Rahmen machten.

Wie war das Vorgehen bei der früheren Arbeit, «Nord», und worum ging es bei der Umsetzung dieses abgeschlossenen, längeren Textes?


Hunziker: Ich kannte den Text und wollte eine längere Arbeit auf dem Netz machen. Die fünf Minuten ausdehnen, die man sich gewöhnt ist, auf dem Netz etwas anzuschauen..
Es war der Versuch, eine Geschichte zu erzählen in einer Art Verfilmung des Textes für das Internet Der Originaltext selbst ist schon sehr zerstückelt und bot sich dadurch an für die Umsetzung im Internet.

Ihr bekommt Preise aus der Literaturszene wie auch auf Medienfestivals - Szenen, die recht unterschiedlich funktionieren und euch unterschiedlich rezipieren. Wie erlebt ihr das?

Hunziker: Bei «Nord» war es den Leuten aus der Netzliteraturszene zu wenig Text, die hätten lieber mehr gelesen. Für die Leute aus der Bilderwelt war es schon zu viel Text. Die Literaturleute hatten etwa Mühe mit der Stelle in «Nord», wo ein Text durchrattert, so dass man ihn gar nicht mehr lesen kann. Die wollten den anhalten können. Ich wollte den aber einfach als Nonsens durchlaufen lassen. Sonst besteht eher die Tendenz, dass man Texte im Netz gar nicht liest.

Zbinden: Das denke ich auch und beobachte es auch bei mir. Die Aufmerksamkeitsspanne für eine Seite im Netz beträgt vielleicht zwei Sekunden. Ich find das interessant. Ich würde gerne als Nächstes wieder so etwas wie «Nord» machen, etwas Längeres und konzeptuell Strengeres als «the alphabet ltd.™».

Hunziker: Der Text ist aber sehr wichtig. Der Stil der Arbeit ergibt sich aus dem Stil des Textes. Das kriegt man auch mit, wenn man nicht alles liest.

Es gab auch Kritik an «Nord», weil es halt linear ist und nicht interaktiv, auch kein Hypertext. Da sollte man doch mittlerweile drüber hinweg sein, finden: Literatur im Netz kann, muss aber nicht zwingend ein Hypertext sein. Immerhin können die Besucher auf unserer Website eine Message hinterlassen, das ist ja auch interaktiv (lacht).

Information:

Neben den im Gespräch erwähnten Arbeiten «Nord» und «the alphabet ltd.™» sind weitere Arbeiten von Esther Hunziker und Felix Zbinden auf ihrer Website 23 ltd. zu finden.

Auf Xcult publiziert Gilbert Dietrich eine gründliche Analyse der Arbeit «Nord».

Links: »23 ltd.  
»Interpretation «Nord» von Gilbert Dietrich