Impressum

zimmermann@regioartline.org
&
17.01.05
Von der Verortung des Flüchtigen
Vera Bühlmann

«So öffne ich hier dem Luftigen eine Domain, auch wenn die Luft natürlich nie irgendwo wirklich zu Hause sein kann.» (Walter Siegfried auf www.ariarium.de)

Terrarium, Aquarium, Bestiarium, Herbarium. Ariarium. Walter Siegfried zeigt seine Lust am genauen Beobachten, Vergleichen, Sammeln und Ordnen schon mit dem Name seiner Webseite www.ariarium.de. Neben dem sanften Hinweis auf seine Herkunft als Wissenschaftler spürt man darin auch den distanzierten Humor von Walter Siegfried: singer, performer, scientist - dancer. Seine Begriffsschöpfung «Ariarium» kommt zwar leichtfüssig daher, gibt aber eine ganze Menge zu denken. Wie kann es einen Raum, eine Ordnung des Luftigen geben, ohne dass das Flüchtige seine Flüchtigkeit bei dieser Einordnung einbüsst?

Der Ort der Stimme
Seine Performances gleichen Exkursionen an Orte des Flüchtigen. Was das bedeuten kann, zeigt Siegfried zum Beispiel am Phänomen der Stimme. Hat die Stimme einen Ort? Tatsächlich kennt Siegfried als Sänger ein seltsames Vokabular, die Stimme zu orten. In einem Essay erinnert er sich an zunächst kryptisch klingende Ratschläge aus der Anfangszeit seiner Gesangsausbildung: «Du bist nicht in der Maske! Ist der Schädel offen? Du brauchst mehr Grund! Spürst Du den Klangkern in der Mitte des Kopfes? Sing hinter den Augen! Du musst den Klang mehr saufen! Lass den Ton durch dich hindurch fallen! Gib mehr Raum in der Kuppel!» Diese Erfahrungen waren so eindrücklich, dass Siegfried ihr Prinzip auf alle möglichen Kontexte überträgt: Er erforscht und kultiviert flüchtige Phänomene – wie die menschliche Stimme – indem er den Resonanzen, den Schwingungen nachspürt. Metaphorisch und zugleich buchstäblich, sinnlich. Flüchtiges zu beschreiben kann nur gelingen, wenn man sich als Beobachtender in den Kontext verflechten lässt. Denn Flüchtiges ist mit seinem Ort untrennbar verbunden, lässt sich so wenig transportieren wie eine Wolke.


«Situativer Gesang» am Olympiaberg bei Teutopia

Diese Einsicht ist die Grundlage von Siegfrieds «Situativen Gesängen», die er seit 1995 zeigt: Er trägt Gesänge in stimmige Landschaften hinaus, und lebt dabei selber neugierig darauf hin, wie die konkreten Umstände – das Licht, unerwartete «objets trouvés», der Geschmack der Luft et cetera – auf die wohlbekannten Gesangsklänge einwirken werden. Wozu werden sie ihn inspirieren, wie sich die Atmosphäre der Performance über das Verhalten der Zuschauer gestalten?

Denken als Resonieren
Dieses sprachlich-tastende Erkunden des Ortes der Stimme zeigt, wie sehr jede Wahrnehmung von unserer Haltung geformt ist: welche Position, wir dem Betrachteten gegenüber einnehmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, mit welchen sprachlichen Assoziationen wir die Wahrnehmung benennen. Es gibt eine enge Beziehung zwischen Räumlichkeit und dem ordnenden, erkennenden Denken. Raum ist die Vorbedingung für das Koexistieren von Dingen und Gedanken.

Im Alltag nehmen wir Raum als eine Art unabhängigen Behälter wahr, der losgelöst vom darin geordneten Inhalt apriori gegeben ist. Die verschiedenen Dimensionen stellen wir uns als voneinander unabhängig gegliedert vor, und wir tun so, als ob es einen absoluten Referenzpunkt gäbe, ein separiertes Aussen, von dem aus man die Dinge im Raum beobachten kann. In dieser Vorstellung erfolgt alles Betrachten, Handeln und Darstellen einer zentralen Perspektive, die Objektivität beim Erkennen der Gegenstände verspricht.
Walter Siegfried dagegen orientiert sich am Raum des Klanges, in dem das Denken dem Resonieren gleichkommt, ein Schwingungsdenken, wie er es nennt, in dem alles mit allem verbunden ist. Jede Klangbewegung hat eine Wirkung auf das Umfeld und kann unter bestimmten Umständen Resonanzschwingungen anregen. Im Raum des Klanges ist das gegenseitige Bewegen und Bewegt-Werden ganz selbstverständlich. Was Vordergrund ist und was zum Hintergrund wird, bestimmt sich je nach dem, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet.

Soundtracks to reality
Inspiriert von diesem Stimmungsdenken, das Walter Siegfried aus der Musik kennt, sucht er in seinem Werk nach einem Ordnungssystem, um auch andere Dinge in ihrer Flüchtigkeit zu erkunden. Siegfried untersucht die indirekte, geschmeidige und dynamische Position des Tanzes als mögliche Alternative zum direkten, unbewegten Betrachten. «Is there a possible counterpart to perspective?» fragt er in einem seiner Essays. Sein langjähriges Projekt «City Dance» (seit 1987) etwa verlangt von den Teilnehmern, seinen Mit-Tanzenden, ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie Architekturen und Objekte in unserem Alltag uns Verhaltensweisen und Abläufe aufprägen. Mit den zufälligen Passanten als Publikum erproben die City Dancer zum Beispiel das Betreten und Verlassen einer Rolltreppe: Selten stossen wir uns am Geländer – wie knapp unser Hüftschwung auch bemessen sein mag. Und ebenso selbstverständlich setzen wir unseren Schritt auf den festen Boden beim Verlassen der Rolltreppe. Bis zur Perfektion eingespielt verhalten wir uns gegenüber vielem, das uns im Alltag so nicht mehr in die Quere kommt. Im Tanz als ästhetischem Verhalten erkennt Siegfried eine Möglichkeit, die Absolutheit des Gegebenen zu hintergehen, indem man sich immer wieder selber, laufend oder tänzelnd, einen flüchtigen Ort gibt.


«Cities invite us to very specific movements enjoy them - realize that you are dancing otherwise you are commanded to perform!» (Walter Siegfried zum Projekt «Stadttanz»)

Wovon lassen wir uns ständig beeinflussen? Womit interagieren wir? Siegfrieds Stadttänzer koordinieren und synchronisieren ihre Wahrnehmung. Sie stellen sich aufeinander ein, richten sich auf die Umgebung aus. Die Regeln dazu entstehen fortlaufend und bestehen nur dann, wenn andere sie mittragen und ausloten. Die Stadttänzer veranstalten dabei keine Darbietung für andere. Es geht ihnen darum, Bewegungsabläufe, die von aussen – der Stadt – vorgegeben sind, als eröffnend zu erleben, indem sie sich mit diesem autoritären Aussen assoziieren und nach einem kommunikativen Austausch suchen: Annäherung, Kontakt, Transformation.

Darüber entstehen situative, flüchtige Bilder, tänzerische Konfigurationen, aus denen sich ein kombinatorisches Spiel auf der Suche nach Neuem entfaltet. Es entsteht eine Kartographie dessen, was die Einzelnen, jeden einzeln, affiziert. Die ganze Stadt wird zu einer Bühne, die diesmal nicht eine Darstellung behaust, sondern zur Erkundung veranlasst: Die Eigentümlichkeiten der Orte und der Mittänzer werden gefeiert, erörtert, gemischt, kritisiert. Dadurch wird der Ort dicht, sozusagen gesättigt, vielschichtig, zum Tatort, für den und an dem alles potenziell wichtig ist. In dem wir uns des Eingespielten und Selbstverständlichen bewusst werden, intensiviert sich unsere Wahrnehmung. Ein Alltagsort kann in seiner Flüchtigkeit zum multifokalen Feld werden.

In seinem Ariarium trägt Walter Siegfried Begegnungen mit dem Flüchtigen zusammen: Quer durch seine Projekte und Texte schachtelt und bettet er Elemente, die ihm lieb sind – Klangmotive, Geräusche, Bildkompositionen, Verhaltensabläufe – in fremde Kontexte und exploriert, was damit geschieht, wenn man sich in immer andere Assoziationsfelder hineinziehen lässt. Dieses Explorieren in der Art von Walter Siegfried verlangt nach langjährig wiederholten Performances und Projekten. „Soundtracks to Reality“ ist zwar der Name eines bestimmten Projektes von Walter Siegfried, könnte aber auch den Effekt seines Werkes im Allgemeinen bezeichnen: Er gestaltet atmosphärische Dimensionen, die die Umgebung des Alltags ihrerseits umgeben.

Links: »Ariarium von Walter Siegfried