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Terrarium, Aquarium, Bestiarium, Herbarium. Ariarium. Walter
Siegfried zeigt seine Lust am genauen Beobachten, Vergleichen, Sammeln
und Ordnen schon mit dem Name seiner Webseite www.ariarium.de. Neben dem
sanften Hinweis auf seine Herkunft als Wissenschaftler spürt man
darin auch den distanzierten Humor von Walter Siegfried: singer, performer,
scientist - dancer. Seine Begriffsschöpfung «Ariarium»
kommt zwar leichtfüssig daher, gibt aber eine ganze Menge zu denken.
Wie kann es einen Raum, eine Ordnung des Luftigen geben, ohne dass das
Flüchtige seine Flüchtigkeit bei dieser Einordnung einbüsst?
Der Ort der Stimme
Seine Performances gleichen Exkursionen an Orte des Flüchtigen. Was
das bedeuten kann, zeigt Siegfried zum Beispiel am Phänomen der Stimme.
Hat die Stimme einen Ort? Tatsächlich kennt Siegfried als Sänger
ein seltsames Vokabular, die Stimme zu orten. In einem Essay erinnert
er sich an zunächst kryptisch klingende Ratschläge aus der Anfangszeit
seiner Gesangsausbildung: «Du bist nicht in der Maske! Ist der Schädel
offen? Du brauchst mehr Grund! Spürst Du den Klangkern in der Mitte
des Kopfes? Sing hinter den Augen! Du musst den Klang mehr saufen! Lass
den Ton durch dich hindurch fallen! Gib mehr Raum in der Kuppel!»
Diese Erfahrungen waren so eindrücklich, dass Siegfried ihr Prinzip
auf alle möglichen Kontexte überträgt: Er erforscht und
kultiviert flüchtige Phänomene – wie die menschliche Stimme
– indem er den Resonanzen, den Schwingungen nachspürt. Metaphorisch
und zugleich buchstäblich, sinnlich. Flüchtiges zu beschreiben
kann nur gelingen, wenn man sich als Beobachtender in den Kontext verflechten
lässt. Denn Flüchtiges ist mit seinem Ort untrennbar verbunden,
lässt sich so wenig transportieren wie eine Wolke.
 
«Situativer Gesang» am Olympiaberg bei
Teutopia
Diese Einsicht ist die Grundlage von Siegfrieds «Situativen Gesängen»,
die er seit 1995 zeigt: Er trägt Gesänge in stimmige Landschaften
hinaus, und lebt dabei selber neugierig darauf hin, wie die konkreten
Umstände – das Licht, unerwartete «objets trouvés»,
der Geschmack der Luft et cetera – auf die wohlbekannten Gesangsklänge
einwirken werden. Wozu werden sie ihn inspirieren, wie sich die Atmosphäre
der Performance über das Verhalten der Zuschauer gestalten?
Denken als Resonieren
Dieses sprachlich-tastende Erkunden des Ortes der Stimme zeigt, wie sehr
jede Wahrnehmung von unserer Haltung geformt ist: welche Position, wir
dem Betrachteten gegenüber einnehmen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit
lenken, mit welchen sprachlichen Assoziationen wir die Wahrnehmung benennen.
Es gibt eine enge Beziehung zwischen Räumlichkeit und dem ordnenden,
erkennenden Denken. Raum ist die Vorbedingung für das Koexistieren
von Dingen und Gedanken.
Im Alltag nehmen wir Raum als eine Art unabhängigen Behälter
wahr, der losgelöst vom darin geordneten Inhalt apriori gegeben ist.
Die verschiedenen Dimensionen stellen wir uns als voneinander unabhängig
gegliedert vor, und wir tun so, als ob es einen absoluten Referenzpunkt
gäbe, ein separiertes Aussen, von dem aus man die Dinge im Raum beobachten
kann. In dieser Vorstellung erfolgt alles Betrachten, Handeln und Darstellen
einer zentralen Perspektive, die Objektivität beim Erkennen der Gegenstände
verspricht.
Walter Siegfried dagegen orientiert sich am Raum des Klanges, in dem das
Denken dem Resonieren gleichkommt, ein Schwingungsdenken, wie er es nennt,
in dem alles mit allem verbunden ist. Jede Klangbewegung hat eine Wirkung
auf das Umfeld und kann unter bestimmten Umständen Resonanzschwingungen
anregen. Im Raum des Klanges ist das gegenseitige Bewegen und Bewegt-Werden
ganz selbstverständlich. Was Vordergrund ist und was zum Hintergrund
wird, bestimmt sich je nach dem, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet.
Soundtracks to reality
Inspiriert von diesem Stimmungsdenken, das Walter Siegfried aus der Musik
kennt, sucht er in seinem Werk nach einem Ordnungssystem, um auch andere
Dinge in ihrer Flüchtigkeit zu erkunden. Siegfried untersucht die
indirekte, geschmeidige und dynamische Position des Tanzes als mögliche
Alternative zum direkten, unbewegten Betrachten. «Is there a possible
counterpart to perspective?» fragt er in einem seiner Essays. Sein
langjähriges Projekt «City Dance» (seit 1987) etwa verlangt
von den Teilnehmern, seinen Mit-Tanzenden, ein geschärftes Bewusstsein
dafür, wie Architekturen und Objekte in unserem Alltag uns Verhaltensweisen
und Abläufe aufprägen. Mit den zufälligen Passanten als
Publikum erproben die City Dancer zum Beispiel das Betreten und Verlassen
einer Rolltreppe: Selten stossen wir uns am Geländer – wie
knapp unser Hüftschwung auch bemessen sein mag. Und ebenso selbstverständlich
setzen wir unseren Schritt auf den festen Boden beim Verlassen der Rolltreppe.
Bis zur Perfektion eingespielt verhalten wir uns gegenüber vielem,
das uns im Alltag so nicht mehr in die Quere kommt. Im Tanz als ästhetischem
Verhalten erkennt Siegfried eine Möglichkeit, die Absolutheit des
Gegebenen zu hintergehen, indem man sich immer wieder selber, laufend
oder tänzelnd, einen flüchtigen Ort gibt.
 
«Cities invite us to very specific movements
enjoy them - realize that you are dancing otherwise you are commanded
to perform!» (Walter Siegfried zum Projekt «Stadttanz»)
Wovon lassen wir uns ständig beeinflussen? Womit interagieren wir?
Siegfrieds Stadttänzer koordinieren und synchronisieren ihre Wahrnehmung.
Sie stellen sich aufeinander ein, richten sich auf die Umgebung aus. Die
Regeln dazu entstehen fortlaufend und bestehen nur dann, wenn andere sie
mittragen und ausloten. Die Stadttänzer veranstalten dabei keine
Darbietung für andere. Es geht ihnen darum, Bewegungsabläufe,
die von aussen – der Stadt – vorgegeben sind, als eröffnend
zu erleben, indem sie sich mit diesem autoritären Aussen assoziieren
und nach einem kommunikativen Austausch suchen: Annäherung, Kontakt,
Transformation.
Darüber entstehen situative, flüchtige Bilder, tänzerische
Konfigurationen, aus denen sich ein kombinatorisches Spiel auf der Suche
nach Neuem entfaltet. Es entsteht eine Kartographie dessen, was die Einzelnen,
jeden einzeln, affiziert. Die ganze Stadt wird zu einer Bühne, die
diesmal nicht eine Darstellung behaust, sondern zur Erkundung veranlasst:
Die Eigentümlichkeiten der Orte und der Mittänzer werden gefeiert,
erörtert, gemischt, kritisiert. Dadurch wird der Ort dicht, sozusagen
gesättigt, vielschichtig, zum Tatort, für den und an dem alles
potenziell wichtig ist. In dem wir uns des Eingespielten und Selbstverständlichen
bewusst werden, intensiviert sich unsere Wahrnehmung. Ein Alltagsort kann
in seiner Flüchtigkeit zum multifokalen Feld werden.
In seinem Ariarium trägt Walter Siegfried Begegnungen mit dem Flüchtigen
zusammen: Quer durch seine Projekte und Texte schachtelt und bettet er
Elemente, die ihm lieb sind – Klangmotive, Geräusche, Bildkompositionen,
Verhaltensabläufe – in fremde Kontexte und exploriert, was
damit geschieht, wenn man sich in immer andere Assoziationsfelder hineinziehen
lässt. Dieses Explorieren in der Art von Walter Siegfried verlangt
nach langjährig wiederholten Performances und Projekten. „Soundtracks
to Reality“ ist zwar der Name eines bestimmten Projektes von Walter
Siegfried, könnte aber auch den Effekt seines Werkes im Allgemeinen
bezeichnen: Er gestaltet atmosphärische Dimensionen, die die Umgebung
des Alltags ihrerseits umgeben.
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