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| 19.02.05 |
Elektronisch gesteuerte
Ohrgänge
Martin Burr |
| Mit einem Beitrag über den Studiengang «Musik und Medienkunst» der Berner Hochschule der Künste setzen wir unsere lose Serie über Kunstschulen fort. Neben dem «elektronischen Studio» der Basler Musikakademie profiliert sich in der Schweiz Bern mit der experimentellen Verwendung und Erforschung neuer Medien für die Musik. | |
Ein Glas- und ein Betonquader, in die Stallungen des Berner
Kasernenareal gestellt, umhüllen ein Unikat der hiesigen Hochschule
der Künste: einen Studiengang für neue Medien, der sich ganz auf
Musik konzentriert. Im Gang zwischen den Quadern streift mein Blick hinter
einem der Fenster ein Mischpult, einem andern verschiedene Lautsprecher.
Von fern rieseln Cembaloläufe, ein bärtiger junger Mann rollt
Kabel zum Knäuel. Hier entstehen Kompositionen, interaktive Werke für
Konzerte und Performances, Soundscapes, Klanginstallationen, Film- und Videovertonungen.
Einmalig am Berner Studiengang ist der musikalische Fokus, der bei anderen
audiovisuellen Bildungsstätten im Bildschatten steht. Im Jahr 2003
sind Studios und Studium hier eingezogen; derzeit begleiten Musikschaffende
rund zwanzig Studierende.![]() In die Kaserne in Bern wurde für den Studiengang «Musik und Medienkunst» ... Michael Harenberg aus Karlsruhe und der Basler Daniel Weissberg leiten den Studiengang und unterrichten musikalische Gestaltung mit Offenheit für verschiedene Stile, Methoden und Techniken. Ein Spektrum umfasst Improvisation, Komposition, akustische und elektronische Musik im jeweiligen Medienkontext. Die musikalische Allgemeinbildung mit Schwerpunkt Klassik oder Jazz und Klavier- oder Keyboardstunden stehen auch auf dem Programm, Einzelunterricht gibt's instrumental und für Medienfragen. Wie beeinflussen sich Ton, Bild und Raum? Im Glasquader sitzen wir zu siebt, umgeben von Wüstenklängen. Ein lang gezogener Streichton. Es weht ein milder Wind, eine Gruppe von Soldaten schreitet in Turnschuhen vorbei. Stimmen erzählen von Flüchtlingen an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, immer wieder Auftauchen und Verschwinden, ein Insasse der Todeszelle wütet gegen seine mörderischen Kollegen. Wo bleibt der Wind, wenn er nicht bläst? Das Feature «American Dust» von Hermann-Christoph Müller gibt Gelegenheit, eine radiophone Musik und Medienkunstform par excellence kennen zu lernen. Im kommenden Semester setzen die Studierenden ihre eigenen Vorstellungen dazu um. Der Praxisbezug im Studium ist vor allem den Dozierenden zu danken, die ihren Alltag als Musikschaffende einbringen und das Forschen mit dem Produzieren verflechten. ... ein beneidenswertes Tonstudio eingebaut. Edisons Phonograph bezieht sich namentlich auf Telegraphen und Telephon, elektroakustische Instrumente wie Oszillatoren generieren Videobilder und die CD transformiert zur DVD. «Technikkulturelle Reflexionen» heissen im Studienbeschrieb die Entwicklung der Geräte zu zunehmend mobilen Prozessoren. Entsprechend verflüchtigt hat sich die Studioausstattung: An ihrer Stelle stehen jetzt Stühle. Und doch ragt der Berner Betonquader als Hochschulinventar heraus: architektonisch integriert ist in den Betonwänden eine 5.1 Sourround Anlage, was schon so manchen Auftrag der Audioindustrie ergab. Der belebteste Ort liegt aber im Gang zwischen den Quadern. Dort verknüpft Y, das Institut für Transdisziplinarität der Berner Hochschule der Künste einzelne Projekte zwischen den verschiedenen Disziplinen und Fakultäten. Der Studiengang Musik und Medienkunst ist denn auch im ersten sogenannten «Y Pool» zusammen mit «Kunst», «Moderne Materialien» und «Medien» sowie dem «Medialab» zu finden. Wo andere Hochschulen aus administrativen Überlegungen ihr Angebot fusionierten, ist hier ein inhaltliches Interesse an der Zusammenarbeit der Kunstformen bemerkenswert. So besuchen die Studierenden gegenseitig ihre Präsentationen und entwickeln ein gemeinsames Vokabular. Pluridisziplinäre Projekte kreieren Schnittstellen zwischen den Kulturen und mehrschichtige Plattformen finden hier einen Knotenpunkt. Florian Dombois, Leiter von Y, beschreibt denn das Ohr auch als interdisziplinäres Forschungsinstrument: Galileo Galilei beschrieb den Lauf einer Kugel auf einer schiefen Ebene. Er spannte quer zur schiefen Ebene mehrere Darmsaiten derart, dass diese von der Kugel beim Herabrollen gerade noch angeschlagen wurden. Dann positionierte er die Saiten so, dass ihre Abstände nach unten hin zunahmen. Die genaue Position bestimmte er, indem er ein rhythmisches Lied sang und gleichzeitig darauf achtete, dass die Kugel die Saiten im Takt dazu anregte. Auf diese Weise teilte er die Zeit in gleichmässige Teile und entwickelte das Fallgesetz der schiefen Ebene: nach dem Gehör. Damit gelang ihm eine Messung in Zehntelssekunden, wozu zu diesem Zeitpunkt keine Uhr fähig war. Galileo Galilei verschwieg die Akustik seiner Versuchsanordnung, wohl aus Zweifel an deren gesellschaftlicher Akzeptanz. |
| Ausstellung: | HKB - Hochschule der Künste
Bern |
| Links: | »Hochschule
der Künste Bern »Studiengang Musik und Medienkunst |