«Google will
eat itself» – Googles Anzeigensystem kurzgeschlossen
Raffael Dörig
Google, einst als sanfter Riese und Freund aller
Internet-User wahrgenommen, wird zunehmend kritisch betrachtet. Mit «Google
will eat itself» setzen ubermorgen, Alessandro Ludovico und Paolo
Cirio zum Take-over an.
Google, einst als sanfter Riese und Freund aller Internet-User
wahrgenommen, wird zunehmend kritisch betrachtet. Google sitzt als Quasi-Monopolist
an der Schaltstelle des Informationsflusses und ist zu einem der grössten
multinationalen Konzerne geworden. Google schenkt uns eine prima funktionierende
Suchmaschine, einen Emaildienst mit zwei Gigabyte Speicherplatz, das faszinierende
Landkartenprogramm Google Earth und einiges mehr. Dabei geht aber gerne
vergessen, dass das Kerngeschäft von Google der Anzeigenverkauf ist.
Es ist unsere Aufmerksamkeit, die verkauft wird.
Mit Adsense Geld verdienen: Das Modell nach Google
Dieses Kerngeschäft von Google ist Gegenstand des Projekts «Google
will eat itself» (GWEI), das zu den Nominierten des diesjährigen
Wettbewerbs des Medienkunstfestivals Transmediale gehörte. GWEI wurde
vom österreichisch-schweizerischen Künstlerduo Ubermorgen.com
und Alessandro Ludovico von neural.it konzipiert und zusammen mit dem
Programmierer Paolo Cirio ausgeführt.
Google blendet einerseits auf seiner eigenen Suchmaschinen-Website Anzeigen
entsprechend dem eingegebenen Suchbegriff ein. Daneben kann jeder, der
eine Website betreibt, mit dem «AdSense»-System Anzeigen Dritter
durch Google auf seiner Seite anzeigen lassen. Diese «Google-Ads»
werden ebenfalls mit einem Suchalgorithmus dem Thema der Seite entsprechend
automatisch zugeordnet. Der Webseitenbetreiber bekommt dafür von
Google einen Teil der Einnahmen, die die Firma von den Werbekunden erhält.
Die Höhe des Betrages ist gekoppelt an die Anzahl Clicks auf die
Werbung selbst. Es wird somit effektiv pro User bezahlt, der den Anzeigen
Aufmerksamkeit schenkt und über den darin enthaltenen Link zur Website
des entsprechenden Produkts gelangt. Ähnliche Werbedienste sind im
Internet verbreitet, derjenige von Google ist aber am meisten erfolgreich
und ausgeklügelt. Die automatisierte Zuordnung aufgrund bestimmter
Begriffe, also Themen, erhöht die Möglichkeit, die Zielgruppe
zu erreichen.
Diagramm von www.gwei.org (Ausschnitt)
«Google will eat itself» besteht nun aus Webseiten mit Google-Anzeigen,
mit denen auf oben genannte Weise Geld generiert wird. Mittels eines Skripts
werden Besucher von Webseiten der beteiligten Künstler (z.B. www.ubermorgen.com
und www.neural.it) auf die Seiten mit den Google Ads umgeleitet. Dies
geschieht allerdings nur unsichtbar im Hintergrund, die Besucher erfahren
nichts davon und sehen die Anzeigen nicht. Es wird also keine Aufmerksamkeit
umgeleitet, sondern nur der technische «Beweis» dafür,
der in der Statistik erscheinen wird. Zusätzlich wird bei einigen
Besuchern ein vermeintlicher Click auf eine der Anzeigen generiert, so
wie wenn er sich tatsächlich von der Anzeige hätte verlocken
lassen. Für diese Clicks erhält GWEI Geld. Dieses wird in einem
automatisierten Prozess über ein Schweizer Bankkonto ausschliesslich
dazu genutzt, Aktien der Firma Google zu kaufen. Erklärtes Ziel ist
es, Google mithilfe ihres eigenen Finanzierungssystems zu übernehmen.
Die Aktien werden der dazu gegründeten Organisation «Google
to the People» (GTTP) überschrieben, welche die Aktien wiederum
zurück an die User verteilen will, sobald Google vollständig
aufgekauft ist. Man kann sich dazu über die Website www.gwei.org,
auf der das Projekt dokumentiert wird, anmelden für das Verteilprogramm.
Damit würde wirklich Allgemeingut, was man jetzt schon für Allgemeingut
hält.
Die Autoren von «Google will eat itself»
während der Präsentation ihres Projekts an der
Transmediale Hans Bernhard (Ubermorgen.com), Alessandro Ludovico, Paolo
Cirio (von links).
Das theoretische Konstrukt GWEI steht in der Tradition konzeptueller Kunst,
bei der eine Handlungsanleitung ausgeführt wird (in diesem Fall übernimmt
die Maschine die Ausführung). In der Tradition konzeptueller Kunst
ist auch zu sehen, dass die Idee bzw. Behauptung wichtiger ist als ihre
Realisierbarkeit. So wurden zwar in den ersten Monaten rund 18’000
US$ eingenommen, mit denen 51 Aktien gekauft wurden. Bei Googles Aktienvolumen
von rund 272 Mio. Aktien würde es allerdings mit dieser Geschwindigkeit
einige Millionen Jahre dauern, bis die Firma dem «Volk» gehören
würde. Ausserdem gelangt nur ein Bruchteil der 272 Mio. Aktien überhaupt
in den Handel. So ganz geht das System also nicht auf. Als Versuchsanordnung
- und als freche Behauptung sowieso - ist GWEI jedoch zweifellos gelungen,
zeigt es doch aktuelle ökonomische Mechanismen im Internet auf einleuchtende
Weise. In diesem Zusammenhang macht auch das explizite Nennen der grotesk
langen Übernahmedauer Sinn, da diese ebenso unvorstellbar ist wie
die gewaltigen Geldmengen, die Google umsetzt.
An ihrer Präsentation an der Transmediale erläuterten die Macher
von GWEI Hintergründe ihres «autokannibalistischen» Projekts.
Besonders erhellend waren dabei die Einblicke in den Kampf mit den Gegenmassnahmen
von Google. Google spricht in diesem Zusammenhang von «fraudulent
clicks», also «betrügerischen Clicks». Alessandro
Ludovico hielt dagegen: «Das sind nur binäre Daten, die da
gezählt werden, nicht dein Finger auf der Maus.» Damit stellt
er eine zentrale Frage: Wer ist verantwortlich für eine Handlung,
die vom Computer ausgeführt wird? Google versucht jedenfalls, diejenigen
binären Daten aufzuspüren die in ihren Augen unrechtmässig
entstanden sind, und sie für ungültig zu erklären. Der
Programmierer Cirio hat denn in der Präsentation auch seine Methoden
zur Überlistung der detektivischen Algorithmen des Gegners wortreich
geheimgehalten. Drei von etwa 40 Adsense-Accounts der Künstler hat
Google dennoch bereits gesperrt (neben vielen anderen von ganz ordinären
Betrügern). Hoffen wir, die restlichen bleiben noch ein paar Millionen
Jährchen unentdeckt. Schön wär’s doch.